29.03.2021 |

Kanada will CRISPR-Pflanzen nur teilweise regulieren

Das Hauptgebäude von Health Canada in Ottawa By User:Demetri1968, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61673227 Das Hauptgebäude von Health Canada in Ottawa By User:Demetri1968, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61673227

Das kanadische Gesundheitsministerium plant, bestimmte genomeditierte Pflanzen, aus denen Lebensmittel produziert werden sollen, künftig nicht mehr zu regulieren. Dazu solle der kanadische Leitfaden für die Sicherheitsbewertung von neuartigen Lebensmitteln geändert werden, berichtete das Portal humboldtjournal.ca. Die Entwürfe können bis 24. Mai angefordert und kommentiert werden. Mit solchen Regelungen werde das Ministerium seiner Verantwortung, für sichere Lebensmittel zu sorgen, nicht mehr gerecht, monierte ein gentechnikkritisches Netzwerk.
Wesentlicher Bestandteil der geplanten Regeln ist laut humboldtjournal.ca eine neue Kategorie für Lebensmittelpflanzen, die mit bestimmten neuen gentechnischen Methoden verändert worden sind. Diese Kategorie soll „genomeditierte gentechnisch veränderte Organismen, die keine fremde DNA enthalten" erfassen. Derartige Organismen müssten nach den Plänen künftig nicht mehr zugelassen und auf ihre gesundheitlichen Risiken geprüft werden.
Dem Online-Portal zufolge unterscheidet das Gesundheitsministerium Health Canada und die kanadische Agentur für Lebensmittelkontrolle CFIA bisher zwei Kategorien von Pflanzen: „novel" (englisch, etwa: neuartig) und „non-novel" (englisch, etwa: nicht neuartig). In die Kategorie „novel“ fallen Pflanzen mit (neuen) Eigenschaften, die natürlicherweise in diesen Pflanzen nicht vorkommen und die bislang von den Behörden noch nicht zugelassen worden sind. Solche Pflanzen müssten geprüft und zugelassen werden. Die Non-novel-Kategorie erfasst dagegen Pflanzen, die lange sicher genutzt wurden. Lucy Sharratt von der Nichtregierungsorganisation Canadian Biotechnology Action Network CBAN stellte in Aussicht, dass die Behörden möglicherweise noch eine Liste von neuen gentechnischen Methoden veröffentlichen werden. Damit solle im Detail geklärt werden, welche gentechnisch veränderten Pflanzen beziehungsweise deren Produkte künftig unter die neue Ausnahme fallen sollen und welche nicht.
Wie Sharrett hervorhob, könnten Unternehmen nach den neuen Regeln in Zukunft viel leichter selbst entscheiden, ob ihre Pflanzen reguliert werden müssen oder nicht. Seien Hersteller der Meinung, dass ihre genomeditierten Pflanzen unter die neue Ausnahme fallen, müssten sie die neuen Pflanzen den Behörden nicht anzeigen. „Wir können nicht private Unternehmen entscheiden lassen, welche Lebensmittel sicher sind“, kritisierte Sharrett. „Für alle gentechnisch veränderten Lebensmittel sollte eine staatliche Risikobewertung verpflichtend sein“, ergänzte ihr Mitstreiter Thibault Rehn vom Quebec network Vigilance OGM (deutsch etwa: Überwachungsnetzwerk für gentechnisch veränderte Organismen).
Die Behörden haben die geplanten Änderungen der „Guidelines for the Safety Assessment of Novel Food‟ (deutsch: Leitfaden für die Sicherheitsbewertung von neuartigen Lebensmitteln) noch nicht vollumfänglich veröffentlicht. In ersten Entwürfen im vergangenen Jahr war zunächst vorgesehen, dass alle Produkte aus genomeditierten Pflanzen vom kanadischen Gesundheitsministerium geprüft werden sollten. Damit hätte sich das Land – zumindest teilweise – vom bisherigen Prinzip der produktspezifischen Regulierung abgewandt. Dieses Prinzip stellt die Eigenschaften der Endprodukte beziehungsweise Pflanzen in den Mittelpunkt und nicht – wie die Europäische Union – die eingesetzte Technik. Erst im Februar kam nach Treffen mit Vertretern von Saatgut-Unternehmen, der Industrie und anderen die Rolle rückwärts.
Aktuell ist in Kanada keine genomeditierte Pflanze auf dem Markt. Im vergangenen Jahr hatte das US-Unternehmen Cibus den kanadischen Behörden mitgeteilt, dass eine ihrer Raps-Sorten – anders als bisher angenommen – doch nicht genomeditiert sei, sondern ein Produkt konventioneller Züchtung. Die bei den Behörden eingereichten Unterlagen seien zuvor falsch interpretiert worden. Cibus hatte in früherer Zeit selbst damit geworben, dass der herbizidtolerante Raps das Ergebnis der Manipulation mit einem neuen Gentechnik- beziehungsweise Genome-Editing-Verfahren sei. [cp/vef]

25.03.2021 |

Glyphosat: Bayer akzeptiert Verurteilung wegen Krebserkrankung

RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Der Agrarchemiekonzern Bayer hat dem krebskranken amerikanischen Platzwart Dewayne Johnson 20,5 Millionen US-Dollar Schadenersatz überwiesen. Anders als angekündigt will der Konzern gegen das Berufungsurteil vom Sommer 2020 aus „strategischen Erwägungen" keine Rechtsmittel mehr einlegen, bestätigte ein Sprecher dem Infodienst Gentechnik. Damit wird erstmals ein US-Urteil rechtskräftig, demzufolge der Unkrautvernichter Glyphosat Krebs verursacht hat und die Bayertochter Monsanto nicht ausreichend davor warnte.
Bayer halte das Urteil inhaltlich zwar weiter für falsch, wolle aber eher eine andere Klage - die des krebskranken Rentners Edwin Hardeman - als Musterverfahren vor den Supreme Court bringen, teilte der Konzern auf Anfrage des Informationsdienst Gentechnik mit. Denn im Fall Hardeman, der derzeit vor einem Bundesgericht verhandelt wird, erhofft sich Bayer, dass das Gericht seine „Urteilsbegründung zu wichtigen Fragen des Bundesrechts, die den Verfahrenskomplex zu Roundup insgesamt betreffen, voraussichtlich veröffentlichen wird, etwa zum Vorrang von Bundesrecht und der Zulässigkeit von Sachverständigenbeweisen“. Nur dann könne der anschließende Prozess beim Supreme Court auch Auswirkungen auf andere Glyphosatklagen haben, so der Sprecher. Im Johnson-Urteil fehlten die genannten Ausführungen.
In seinem im Februar dieses Jahres veröffentlichten Geschäftsbericht 2020 hatte Bayer noch angekündigt, die Musterverfahren durch alle Instanzen führen zu wollen. Neben den Klagen von Johnson und Hardeman gehört dazu auch der Prozess des kalifornischen Rentnerehepaars Pilliod. Alle vier sind an Lymphdrüsenkrebs (Non-Hodgkin-Lymphom) erkrankt. Dewayne Johnson hatte als Platzwart viele Jahre mit glyphosathaltigen Spritzmitteln gearbeitet. Hardemann und die Pilliods hatten den Unkrautvernichter seit den 1980ern auf ihren Privatgrundstücken eingesetzt. Wie die Tageszeitung taz berichtete, bezweifelt Johnsons Anwalt Brent Wisner Bayers Argumentation. Der Konzern habe vielmehr deshalb auf weitere Rechtsmittel verzichtet, weil er erkannt habe, "dass der Supreme Court das Urteil nie kippen würde".
Wie Bayer weiter mitteilte, habe man sich inzwischen mit etwa 90.000 Klägern wegen Glyphosat-Schäden außergerichtlich geeinigt oder stehe kurz davor. Manche Streitfälle passten allerdings nicht in die Vergleichsvereinbarung, die der renommierte US-Anwalt Kenneth Feinberg im Auftrag von Bayer ausgearbeitet hat. Da ursprünglich von 125.000 Glyphosat-Klagen die Rede war, müssten aktuell noch rund 35.000 offen sein. Insgesamt hat Bayer zehn Milliarden US-Dollar für außergerichtliche Vergleiche bereitgestellt.
Verhandelt wird auch noch darüber, wie mit künftigen Glyphosat-Klagen umgegangen werden soll. Bayer möchte das gerne im Vergleichspaket mit den klagenden Anwaltskanzleien gleich mitregeln. Einen ersten Vorschlag hatte der zuständige Richter zurückgewiesen. Eine überarbeitete Lösung wird aktuell geprüft. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zunächst berichtet, dass das zuständige Gericht die Beteiligten am 31. März anhören wolle. Das Gericht hatte den Termin anberaumt, nachdem Bayer im Februar für mögliche zukünftige Fälle einen Betrag von zwei Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt und sich auch schon mit einer Gruppe von Geschädigtenanwälten auf eine Regelung verständigt hatte. Inzwischen wurde der Anhörungs-Termin auf den 12. Mai verschoben. Die US-amerikanische Recherchegruppe „U.S. Right to Know‟ erklärte das mit Widerständen aus dem Kreis von Anwälten, Kanzleien und Verbänden. 90 Kanzleien, 160 Anwälte und andere hätten dem Gericht mitgeteilt, dass sie mit den jüngsten Vorschlägen von Bayer nicht einverstanden seien. [cp/vef]

19.03.2021 |

Australien: Gentechnik-Moratorium in New South Wales ausgehöhlt

Australien Farm Raps Farm in Australien (Foto: flickr / judepics [creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0])

Seit 18 Jahren gilt im australischen Bundesstaat New South Wales ein gesetzliches Gentechnik-Moratorium für die Landwirtschaft. Trotzdem wachsen seit 2008 gentechnisch veränderter Raps, Baumwolle und Färberdisteln auf den Äckern. Ab August will die Regierung den Anbau von Gentechnikpflanzen komplett freigeben. Wie passt das zusammen?
Ähnlich wie die Bundesstaaten Southern Australia, Victoria und Western Australia verbot New South Wales (NSW) im Jahr 2003 per Gesetz, gentechnisch veränderte (gv) Pflanzen zu kultivieren. Das Gesetz galt zunächst für drei Jahre, wurde aber mehrfach verlängert, zuletzt 2011 bis zum Juli 2021. Und es sah vor, dass die Behörden den Anbau bestimmter gv-Pflanzen ausnahmsweise genehmigen konnten. In NSW erlauben die Behörden den Landwirten seit 2008, gentechnisch veränderten Raps, Baumwolle und Färberdisteln anzubauen, teilte das dortige Ministerium für Primär-Industrien im März in einer Presseinformation mit. Etwa zeitgleich gestattete der Bundesstaat Victoria nach Angaben des Portals transgen.de, gv-Raps kommerziell zu kultivieren. Beim Raps seien damals in beiden Bundesstaaten, die einen Großteil der australischen Rapsproduktion stemmten, neue herbizidresistente Züchtungen der heutigen Bayer-Tochter Monsanto (RoundupReady) auf den Markt gekommen, schrieb transgen.
Für Bob Phelps von der australischen Initiative „GenEthics“ gibt es damit faktisch schon seit Jahren kein Gentechnik-Moratorium mehr in NSW. Indem die Regierung jetzt auch noch das entsprechende Gesetz auslaufen lasse, verzichte sie zudem auf ihr Recht, gv-Pflanzen künftig auf ihrem Territorium zu verbieten, sagte Phelps dem Portal GMWatch. Sie übertrage Kompetenzen an den Nationalstaat und setze damit das Programm des sogenannten Conran-Berichts um, demzufolge Entscheidungsgewalt in Australien zentralisiert werden soll. Auch in Western Australia ist das Moratorium für Gentechnikpflanzen laut NSW-Presseinfo bereits vor einiger Zeit ausgelaufen. In South Australia gilt es nur noch auf der Kangaroo Insel. Allein Tasmanien hält laut der Zeitung „The Guardian“ vorerst bis 2029 an einem Gentechnikmoratorium fest.
Wie das Blatt weiter berichtet, ist der australische Verband nachhaltiger Landwirtschaft jetzt in größter Sorge, dass der ökologische Landbau künftig durch Verunreinigungen mit gv-Pflanzen vermehrt Schaden nehmen könnte. Und das kann auch den konventionell wirtschaftenden Kollegen nicht gleichgültig sein. Denn sie müssten nach den Verträgen mit den Saatgutfirmen für entsprechende Schadenersatzansprüche aufkommen, betonte Phelps. Unisono rufen die Beteiligten jetzt nach verstärkten Schutzmaßnahmen des Zentralstaats.
NSW-Agrarminister Adam Marshall hingegen hält die Sicherheitsvorkehrungen für ausreichend und malt die Gentechnik-Zukunft in rosa Farben: Die Pflanzen würden resistenter gegen Trockenheit und Schädlinge, brächten höhere Erträge und das Unkraut ließe sich besser bekämpfen, behauptet er. Die Verbraucher*innen könnten einen besseren Geschmack und einen höheren Nährwert der Lebensmittel bei weniger Allergenen genießen. Und die Grundstoffindustrie werde in den nächsten zehn Jahren von finanziellen Vorteilen von bis zu 4,8 Milliarden australischen Dollar (gut drei Milliarden Euro) profitieren.
Phelps bezweifelt das. Eine Tonne gentechnisch veränderter Raps bringe bereits jetzt 40 australische Dollar weniger ein als konventioneller. Dafür sei das Saatgut teurer, aber die Ernte nicht größer. Nach Angaben der industrienahen Organisation ISAAA werden in Australien aktuell gentechnisch veränderte Baumwolle, Raps und Färberdistel auf insgesamt 600.000 Hektar angebaut. Die landwirtschaftliche Gesamtfläche liegt bei mehr als 40 Millionen Hektar. [vef/cp]
Anmerkung: Dieser Artikel wurde am 8.4.2021 überarbeitet und durch zahlreiche Detailinformationen sowie weitere Quellen ergänzt.

12.03.2021 |

Bericht: Konzerne umgehen Verbot von Patenten auf konventionelle Züchtung

Saat Ein kostbares Gut (Foto: CC0)

Saatgutkonzerne umgehen weiterhin das Verbot der Patentierung konventionell gezüchteter Pflanzen und Tiere, indem sie Schlupflöcher im europäischen Patentrecht geschickt ausnutzen. Das zeigt ein neuer Bericht des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“, der am 11. März in Berlin dem Bundesministerium für Justiz übergeben wurde. Und es ist nicht der erste Bericht, der diese Praxis dokumentiert.

Die Mitgliedsorganisationen forderten Bundesjustizministerin Christine Lambrecht auf, endlich Maßnahmen gegen die Patentierung von Pflanzen und Tieren zu ergreifen, wie dies im Koalitionsvertrag angekündigt wurde. „Patente auf Pflanzen und Tiere lehnen wir ab“, heißt es dort unmissverständlich. „In Europa sind Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere verboten. Eine entsprechende Regelung wurde 2020 von der Großen Beschwerdekammer, der höchsten rechtlichen Instanz des EPA, bestätigt“, heißt es in der Pressemitteilung von „Keine Patente auf Saatgut!“. Doch bei der Umsetzung dieser Verbote gebe es erhebliche Probleme: „Nach der gegenwärtigen Praxis werden auch Pflanzen mit zufälligen genetischen Veränderungen als patentierbare Erfindungen angesehen. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie rechtliche Schlupflöcher dazu genutzt wurden, um Patente auf Gerste und Bier, auf Melonen oder auch auf Salat aus konventioneller Züchtung zu erteilen.“

Für den neuen Bericht wurden Patentanträge auf Pflanzen im Bereich der konventionellen Züchtung unter die Lupe genommen, die bei der WIPO (Weltorganisation für geistiges Eigentum) gestellt und 2020 veröffentlicht wurden. Die Patente könnten vom Europäischen Patentamt (EPA) in den nächsten Jahren erteilt werden – unter anderem Patente auf Gurken, Tomaten, Brokkoli, Weizen, Sojabohnen und Melonen. Die Anträge kamen von großen Saatgutkonzernen wie BASF, KWS und Corteva (DowDupont). In den Patentanträgen werden die Grenzen zwischen konventioneller Züchtung und gentechnischen Eingriffen systematisch verwischt, beklagt „Keine Patente auf Saatgut!“. Patente, die auf gentechnisch veränderte Pflanzen (oder Tiere) erteilt werden, können sich so auch auf Pflanzen und Tiere erstrecken, die aus konventioneller Züchtung stammen und vergleichbare züchterische Eigenschaften aufweisen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass in den letzten 10 Jahren rund hundert Patentanträge pro Jahr angemeldet wurden, die die konventionelle Züchtung betreffen. Aus den Zahlen zu Patenterteilungen im Bereich der Biotechnologie könne man ableiten, dass rund 30-50 Prozent der Anträge bewilligt werden, heißt es in der deutschen Zusammenfassung der Recherche. Einige dieser Patente könnten einige Dutzend oder auch über hundert Pflanzensorten betreffen.

„In Europa sind schon jetzt über tausend Sorten von entsprechenden Patenten betroffen. Werden diese Patente nicht gestoppt, kann das schwerwiegende Auswirkungen für Züchtung, Landwirtschaft und VerbraucherInnen haben“, sagt Christoph Then für „Keine Patente auf Saatgut!“. Die Patentinhaber können den Zugang zu den Pflanzen kontrollieren und behindern, der für die weitere Züchtung benötigt wird. Die Politik muss jetzt die Gefahr für die Zukunft unserer Ernährung abwenden.“ Auch Katherine Dolan von Arche Noah warnt: „Die Patentierung verschafft globalen Konzernen Monopolrechte auf die Grundlagen unserer Lebensmittel. Wenn es so weitergeht, werden bald nur wenige Konzerne bestimmen, was wir anbauen, kaufen und letztendlich essen dürfen und zu welchem Preis.“ Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), sieht die Bundesregierung in der Pflicht, nun endlich zu handeln. „Es ist Aufgabe der Politik, für klare Regeln zur Einhaltung der bestehenden Verbote zu sorgen. Die Bundesregierung hat nur noch wenige Monate Zeit, um hier im Sinne des Koalitionsvertrages für mehr rechtliche Klarheit zu sorgen“ und darauf hinzuwirken, die rechtlichen Schlupflöcher zu stopfen. „Konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere dürfen nicht länger patentiert werden!“, fordert Janßen. (ab, www.weltagrarbericht.de)

12.03.2021 |

Ärger um den Ernährungsgipfel der Vereinten Nationen

Baumwolle Afrika Foto: 10b travelling [flickr/ creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0]

Ein für den Sommer geplanter globaler Gipfel über Ernährungssysteme unter dem Dach der Vereinten Nationen zieht massive Kritik auf sich. Zuletzt, Anfang März, sorgte ein Vorbereitungstreffen in Brazzaville (Republik Kongo) für Aufregung: In einem Hintergrundpapier zu dem sogenannten „Regionalen Dialog: Afrikanische Ernährungssysteme‟ werden diese Systeme für zukünftige Investitionen regelrecht angepriesen: die Landwirtschaft sei das „neue Öl‟.

Das Hintergrundpapier zu den afrikanischen Ernährungssystemen liest sich wie ein Werbeprospekt für die industrialisierte Landwirtschaft und den Freihandel. Das Papier wurde von der US-amerikanischen Recherchegruppe „U.S. Right to Know‟ veröffentlicht. Moderne Agrar-Biotechnologien, zum Beispiel, böten die Chance „das afrikanische Ernährungssystem in eine treibende Kraft‟ zu überführen: Diese Kraft „könne ökonomisches Wachstum erzeugen, Wohlstand im ländlichen Raum und darüber hinaus schaffen und die afrikanische Bevölkerung ernähren‟. Der Anbau transgener Baumwolle in Westafrika wird als erfolgreiches Beispiel für die Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Vergangenheit dargestellt. Dass die Baumwolle in Burkina Faso aufgrund von Qualitätsmängeln nicht mehr genutzt wird, bleibt dabei unerwähnt.
Gleichzeitig zeichnen die Autorinnen und Autoren des Hintergrundpapiers ein düsteres Bild des bestehenden Systems. Von Ausnahmen abgesehen sei es in einem „schlimmen Zustand‟. Aber „die Gelegenheit ist da. Bis 2030 wird für die Landwirtschaft ein Billionen-Dollar-Markt erwartet, der reif ist für Innovationen.‟
Für den Gipfel über Ernährungssysteme im September („The 2021 Food Systems Summit‟) sind Dialog-Veranstaltungen „part and parcel‟, wesentliche Bestandteile. Weite Teile der Zivilgesellschaft haben das Vertrauen jedoch bereits verloren. Das „African Center for Biodiversity‟ (ACB) sieht in dem aktuellen Dialog von Brazzaville „einen weiteren legitimierenden Raum für ein elitäres Konsens-Verfahren‟. Dieses werde auf dem Gipfel als die Stimme Afrikas präsentiert. Diese eine Stimme Afrikas, wie sie sich aus dem Hintergrundpapier andeutet, gebe es jedoch nicht. Auch wenn eine Reihe von Problemen korrekt benannt seien, finde sich darin ein vorhersagbares Recycling der gleichen Lösungen, wie sie seit vielen Jahren angeboten werden.
Aber die Zivilgesellschaft hatte schon früher deutliche Kritik an den Vorbereitungen des Gipfels geübt, unter anderem an einer strategischen Partnerschaft mit dem „World Economic Forum‟, bekannt als Treffen der Wirtschaftseliten in Davos oder der Besetzung der Leitung des Gipfels mit Agnes Kalibata, der Präsidentin der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA).
ACB ist Teil des Bündnisses von zivilgesellschaftlichen Gruppen und der Vertretung der indigenen Gemeinschaften CMS. Dieses repräsentiert mehr als 500 Organisationen, darunter Vertretungen von Bäuerinnen und Bauern, Menschenrechtsgruppen, sowie Entwicklungsorganisationen. CMS hat angekündigt, den Food Summit im September zu boykottieren und eine Parallelveranstaltung zu organisieren.
Der Food Summit soll als Teil der Generalversammlung der Vereinten Nationen (VN) stattfinden. Er soll helfen, die zukünftige Richtung globaler Ernährungssysteme zu entwickeln – gerade mit Blick auf die Agenda 2030 und die Nachhaltigkeitsziele der VN. Das als Hintergrundpapier beschriebene Dokument war von verschiedenen Organisationen erstellt worden, darunter die Wirtschaftskommission für Afrika der Vereinten Nationen (UNECA), die Entwicklungsorganisation der Afrikanischen Union (AUDA-NEPAD), die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF).

10.03.2021 |

Neue Gentechnik: Freunde der Erde beklagen unfaire EU-Konsultation

EU-Fahne Fragezeichen Wer mit welchen Positionen in Brüssel regiert, ist manchmal schwer herauszufinden.

Die Europäische Kommission hat in einer Konsultation zur Regulierung neuer gentechnischer Verfahren deutlich mehr Industrievertreter befragt als Verbraucher- oder Umweltverbände. Zu diesem Ergebnis kommt der „EU-Lobby-Report 2021", den die Umweltorganisation "Friends of the Earth" Anfang März veröffentlichte. Auch sei die Aufmerksamkeit in den Fragebögen auf die „vermeintlichen" Vorteile der neuen Gentechnik gerichtet worden, anstatt die verschiedenen Positionen balanciert zu behandeln.
Für ihren „EU-Lobby-Report 2021 – Wie sich die Gentech-Industrie EU-Gesetze zurechtbiegt" hatte die europäische Sektion der Umweltorganisation „Freunde der Erde" (FoE) und deren Gruppe in Österreich, Global 2000, die auf der EU-Webseite veröffentlichten Daten zur Konsultation genauer analysiert. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass die EU-Kommission ihre eigenen Regeln für Konsultationen nicht befolgt hat. Wichtigster Kritikpunkt: Vertreter der Industrie – Agrar, Chemie, Biotech und Pharma – waren deutlich häufiger eingeladen, ihre Statements abzugeben, als gemeinnützige Organisationen. Der global agierende Agrarhandelskonzern Cargill zum Beispiel war laut FoE über seine Mitgliedschaft in verschiedenen Verbänden gleich neunfach an der Konsultation beteiligt. Die EU-Kommission habe „offensichtlich kein Interesse daran, den Konsultationsprozess fair zu gestalten", kritisierte Global 2000 auf seiner Webseite.
Die Kommission wäre nach ihren eigenen Regeln zum Beispiel angehalten, einen privilegierten Zugang bestimmter Stakeholder zu vermeiden, so der Bericht. In diesem Sinne sollte das gesamte Spektrum möglicher interessierter Gruppen bei einem Thema einbezogen werden. Die "Freunde der Erde" zeigten, dass im aktuellen Prozess nur 14 Prozent der konsultierten Stakeholder Nichtregierungsorganisationen waren, aber 74 Prozent der „Agrarindustrie" zugeordnet werden können. Nur zehn Prozent kamen aus Landwirtschaft und Pflanzenzucht. Insgesamt fanden sich gut 100 Verbände und Netzwerke auf der Einladungsliste der EU-Kommission, darunter auch 16 Interessengruppen, die überhaupt nicht zu Ernährung, Landwirtschaft oder Saatgut arbeiten. Dieser Zahl stellten die Freunde der Erde gegenüber, dass die Kommission „nur eine Verbrauchergruppe, eine Tierschutzgruppe und vier Umwelt-NGOs zur Teilnahme eingeladen" hatte.
Die Umweltorganisation kritisierte auch die Fragen der Konsultation. Sieben der 29 Fragen des Fragebogens thematisierten demzufolge den potentiellen Nutzen, nur drei die Sicherheitsaspekte und Risiken der neuen Gentechnik. Dies sei von besonderer Bedeutung, da die Antworten auf die Fragen in ihrer Länge strikt begrenzt waren, „detaillierte und angemessene Informationen zu den verschiedenen Risiken der neuen GVOs zu liefern" sei entsprechend schwierig gewesen.
Der Europäische Rat hatte die EU-Kommission im November 2019 um die Konsultation gebeten. Sie steht im direkten Zusammenhang mit einer Studie der EU-Kommission über den rechtlichen Status neuer gentechnischer Verfahren. Auch diese war vom Europäischen Rat Ende 2019 angeregt worden. Beide Vorschläge – Konsultation und Studie – sind im Lichte des Urteils des Europäischen Gerichtshofs EuGH (Rechtssache C-528/16) vom Juli 2018 zu sehen. Mit diesem hatte der Gerichtshof deutlich gemacht, dass neue gentechnische Verfahren unter dem europäischen Gentechnikrecht zu regulieren seien. Konkret ging es in dem Urteil unter anderem darum, dass bestimmte Techniken – und die mit ihnen hergestellten Pflanzen – aus der EU-Gentechnik-Regulierung ausgenommen werden können. Voraussetzung dafür ist, so der EuGH, dass sie seit langer Zeit genutzt werden und als sicher gelten. Zu den Techniken, auf die dieses Kriterium zutrifft, zählt zum Beispiel die klassische Mutagenese, die schon seit mehr als 50 Jahren bei der Entwicklung neuer Pflanzensorten zum Einsatz kommt. Neue Gentechnik-Verfahren wie Crispr/Cas verfügen nicht über eine langjährige sichere Nutzung – für sie kann laut EuGH eine solche Ausnahme also nicht gelten.
Die Kommission plant, Studie und Konsultationsergebnisse am 30. April zu veröffentlichen. Es wird erwartet, dass beides große Bedeutung für die zukünftige Regulierung von gentechnisch veränderten Organismen in der EU und die weiteren Diskussionen darüber haben wird. [cp]

05.03.2021 |

Crispr & Co.: Welche sind die Gentechnik-Pflanzen der Zukunft?

Die Crispr-Tomate von Sanatech Seed (Foto Sanatech Seed) Die Crispr-Tomate von Sanatech Seed (Foto Sanatech Seed)

Die neuen gentechnischen Verfahren erobern stetig die molekularbiologischen Labore weltweit – allen voran seit 2012 die sogenannte "Genschere" Crispr-Cas. Auch bei der Entwicklung von Nutzpflanzen werden die Verfahren eingesetzt. Welche Firmen und Forschungseinrichtungen sind beteiligt? Und was soll überhaupt entwickelt werden? Antworten gibt ein aktualisierter Bericht des Schweizer Bundesamtes für Umwelt zur "Kommerzialisierungspipeline im Bereich Pflanzenzüchtung" 2020, der kürzlich veröffentlicht wurde.
Der seit 2016 regelmäßig erscheinende Bericht listet Pflanzen auf, "die mit neuen gentechnischen Verfahren entwickelt wurden". In umfangreichen Tabellen beschreibt die Autorin Eva Gelinsky Pflanzen, ihre gentechnischen Veränderungen und die beteiligten Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Zudem versucht sie – soweit möglich – einzuschätzen, ob die Pflanzen für die Kommerzialisierung vorgesehen beziehungsweise geeignet sind. Insgesamt stellt sie fast 150 Pflanzen beziehungsweise Projekte kurz vor.
Trotz teils anders lautender Versprechen der Unternehmen sind bis heute erst zwei Pflanzen, die mit neuen gentechnischen Verfahren entwickelt wurden, auf dem Markt: Eine Soja mit veränderter Zusammensetzung des Öls (Calyxt, USA) und eine Herbizid-resistente Rapssorte (Cibus, USA). Ob eine japanische Tomate mit verbesserter Gesundheitswirkung (Sanatech Seed) 2021 wie angekündigt zu kaufen sein wird, bleibt offen. Wie das Unternehmen bekanntgab, sollen in diesem Jahr zunächst Jungpflanzen an Hobbygärtner abgegeben werden. Auch zwei Wildpflanzen haben Forscher mit Crispr verändert: das Acker-Hellerkraut und die Rutenhirse. Die Hirse soll als Energiepflanze zum Einsatz kommen, das Acker-Hellerkraut wurde im Ölgehalt verändert.
Auffällig sind die teilweise erheblichen Lücken im Wissen über die Pflanzen, die möglicherweise schon bald auf Feldern in den USA oder anderen Ländern stehen werden. Gerade in den USA werden die Interessen der Unternehmen stark geschützt. Veröffentlichungen staatlicher Behörden, wie zum Beispiel des APHIS unter dem Dach des US-Landwirtschaftsministeriums kennzeichnen viele Eigenschaften von Pflanzen als geschützte Geschäftsgeheimnisse („confidential business information" – CBI).
Auch die Unternehmen selbst bringen teilweise kein Licht in das Dunkel. Gelinsky berichtet an anderer Stelle von Pflanzen, die aus der Produktpipeline von Calyxt und Cibus verschwunden waren, darunter Kartoffeln mit Resistenzen gegen Kraut- und Knollenfäule, ein Weizen mit Mehltau-Resistenz und andere. Nicht nur aus diesen Gründen kann Gelinsky natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Dafür ist das Feld zu groß, zu unübersichtlich und zu intransparent. Es ist im übrigen nicht zu erwarten, dass sich die Situation in den USA verbessern wird – eher im Gegenteil: Seit dem vergangenen Jahr ist eine neue Regulierung für biotechnologische Produkte in Kraft. Die wesentlichen Aspekte sind in dem Update zu finden.
Eine weitere Tabelle des Berichts beschäftigt sich mit den Lizenzvereinbarungen zwischen den Züchtungs- und den Biotech-Unternehmen. Hier verschafft uns die Autorin einen zweierlei interessanten Blick: Zum einen werden unzählige der neuen gentechnischen Verfahren genannt, was einen Überblick verschafft, welche Unternehmen welche Verfahren für aussichtsreich halten. Mittlerweile schafft es zum Beispiel ein Crispr/Cas9 in die Printmedien. Es ist die bekannteste Variation des Crispr-Werkzeugs. Bei Gelinsky finden wir Lizenz-Vereinbarungen, die genau solche Bestseller betreffen, neben bisher in weiten Kreisen noch völlig unbekannten Technik-Varianten. Bekannt sind auch viele der beteiligten Unternehmen. Alle Großen der Agrarbranche – ob Bayer (mit Monsanto) oder Corteva, BASF oder Dow AgroSciences – mischen kräftig mit beim Handel mit Lizenzvereinbarungen. [cp]

02.03.2021 |

EFSA: Risikobewertung auch bei Gentech-Pflanzen ohne Fremdgene

EFSA Das Hauptgebäude der EFSA in Parma (Foto: Lucio Rossi / EFSA)

In der Europäischen Union ringen Mitgliedstaaten, Abgeordnete im Europäischen Parlament, Vertreter der Industrie und der Nichtregierungsorganisationen um die Regulierung neuer gentechnischer Methoden. Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA hat zu deren Risikobewertung im Februar einen neuen Bericht veröffentlicht. Kritiker werfen der Behörde vor, Verwirrung zu stiften und geben der EU-Kommission eine Mitschuld.

Die Autorinnen und Autoren des neuen EFSA-Berichtes entwerfen drei Szenarien mit Pflanzen, die möglicherweise innerhalb der nächsten zehn Jahre in der Europäischen Union auf den Markt gebracht werden könnten. Ein gentechnisch veränderter Süßmais produziert das Vitamin B12. In den Mais wurden mehrere Gene eingebaut, die aus Bakterien stammen. Das zweite Szenario betrifft einen Weizen, der kein Allergie-auslösendes Gluten enthält. Die Gluten-Gene, die an verschiedenen Stellen des Genoms gefunden werden, wurden mit Crispr/Cas9 gezielt deaktiviert. Im dritten Szenario wird ein Raps pilzresistent gemacht. Auch hier werden Gene neu in die Pflanzen eingebaut.
Anhand der Szenarien überprüfen die Autorinnen und Autoren, ob die derzeitige GVO-Risikobewertung auch in Zukunft angemessen ist. Grundsätzlich kommen sie zu dem Schluss, dass Risiken von Pflanzen, die in der näheren Zukunft auf den Markt kommen könnten, entdeckt werden können. Werden die Methoden weiterentwickelt, müssten die Regeln gegebenenfalls überarbeitet werden.
In den aktuellen Auseinandersetzungen über die zukünftige Regulierung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) steht die Frage im Mittelpunkt, ob bestimmte neue gentechnische Verfahren von der Regulierung ausgenommen werden sollen. Für die Pflanzen im ersten und dritten Szenario ist eine Regulierung nach EU-Gentechnikrecht – nach aktuellem Stand der Diskussion – auch in Zukunft unumstritten, da neue Gene in die Pflanzen eingebracht werden. Die aktuelle Rechtslage ist klar. GVO, die mit neuen gentechnischen Methoden – zum Beispiel Crispr – verändert wurden, fallen unter das EU-Gentechnikrecht. Das hat der Europäische Gerichtshof in seinem Urteil vom Juli 2018 zweifelsfrei festgestellt.
Das Szenario zwei ist besonders interessant, da es einen Fall beschreibt, der zwar heute reguliert würde, in Zukunft jedoch – sollten sich die Befürworter einer Deregulierung durchsetzen – von der Regulierung ausgenommen sein könnte. Als Bedingung für eine mögliche Deregulierung wird häufig genannt, dass keine neuen Gensequenzen in ein Genom eingefügt werden. Das allein reicht der EFSA offenbar aber nicht. Mehrfach betonen die Autorinnen und Autoren, dass sie auch bei diesem Szenario die derzeitige Risikobewertung angemessen finden, es also nicht von der Regulierung ausnehmen wollen.
Es ist bekannt, dass auch Methoden wie Crispr, die als verhältnismäßig präzise gelten, an nicht vorgesehenen Stellen des Genoms schneiden. Die EFSA kommt zu dem Schluss, dass die zu erwartenden Risiken in etwa denen entsprechen, die schon von den sogenannten Mutationszüchtungen – zum Beispiel mit radioaktiver Strahlung – bekannt seien. Eine spezifische Untersuchung von sogenannten Off-target-Effekten sei von nur beschränktem Wert für die Risikoanalyse. Eine Annahme, die die EFSA nicht detailliert begründet.
Allerdings zeigt gerade das gewählte Beispiel einen wesentlichen Unterschied zwischen Crispr und den Veränderungen des Genoms durch Strahlung. Letztere verteilt Mutationen mehr oder weniger zufällig im Genom. Eine Deaktivierung aller Gene für ein spezifisches Merkmal ist nicht möglich.
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Nichtregierungsorganisation Testbiotech an. Viele Nutzpflanzen hätten ein „großes Genom mit vielen Kopien einzelner Gene oder Gruppen von ähnlichen Genen". Crispr würde alle gleichzeitig verändern. Derart komplexe Veränderungen seien „für den Einsatz von Crispr/Cas typisch".
Aber auch an dem Verfahren der EFSA lässt Testbiotech kein gutes Haar: Die Behörde stifte „erhebliche Verwirrung", indem sie das Beispiel des Crispr-Weizens unter den Begriff der „Synthetischen Biologie" klassifiziere. Daran trage aber die Europäische Kommission eine Mitschuld. Diese habe der EFSA den Auftrag für den nun vorgelegten Bericht erteilt. [cp]

26.02.2021 |

Experten: Datenbanken für genomeditierte Pflanzen ausbauen

DNA Genom DNA-Modell der Ausstellung "Genome: The Secret of How Life Works" im Jahr 2012 (Foto: George Bush Presidential Library and Museum / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

Damit genomeditierte Pflanzen an den europäischen Grenzen nachgewiesen und abgefangen werden können, braucht es eine umfassende Datenbank über den gesamten Bestand solcher Pflanzen weltweit. Das forderten mehrere Experten diese Woche bei einem Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion. Eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zeigt: Mithilfe solcher Daten können auch rechtssichere Nachweise für genomeditierte Pflanzen entwickelt werden.
Schwierig sei es vor allem, in einer Partie Agrarrohstoffe wie etwa Kartoffeln genomeditierte (ge) Pflanzen zu finden, die in Europa nicht zugelassen sind, erläuterte die Gentechnikexpertin des BfN, Margret Engelhardt. Denn diese müssen nicht ins europäische Gentechnik-Register eingetragen werden. Sie seien aber angesichts der winzigen Genveränderungen nicht mehr mit einem unspezifischen Gentechnik-Screening zu finden, erläuterte die Molekularbiologin. Man könne nur gezielt nach bestimmten ge-Pflanzen suchen. Die nötigen Informationen, wonach genau man suchen muss, müssten Register liefern.
Ein solches Register ist etwa die Euginius-Datenbank des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Kooperation mit der niederländischen Uni Wageningen. Diese Datenbank enthält aktuell 36 genomeditierte Pflanzen aus der ganzen Welt, die in Europa nicht zugelassen sind – vom salztoleranten Reis aus China bis zur bakterienresistenten Crispr-Orange aus den USA. Wie ein Gentechnikexperte des BVL beim Fachgespräch betonte, könne man in diese Datenbank allerdings nur öffentlich zugängliche Informationen aufnehmen. Es wäre eine große Herausforderung, Hersteller in aller Welt zu verpflichten, Informationen für eine solche Datenbank zu liefern, so Lutz Grohmann.
Infos zu Gentech-Pflanzen (GVO) weltweit liefert auch die zentrale Plattform des Biosafety Clearinghouse, auf der die 170 Vertragsstaaten des Cartagena-Protokolls über die biologische Sicherheit Informationen sammeln, wenn solche Pflanzen ihre Ländergrenzen überschritten haben. Margret Engelhardt rief die Politik dazu auf, den Aufbau solcher Register zu stärken. Rechtsanwalt Georg Buchholz plädierte dafür, in die EU-Datenbank auch nicht zugelassene GVO aufzunehmen. Wie der Experte für Gentechnikrecht erläuterte, könnten solche Informationen nach den europarechtlichen Regeln zur Kontrolle von GVO den technischen Nachweis einer Punktmutation bei ge-Pflanzen ergänzen und so rechtssicherer machen.
Aus Sicht des BVL scheint die Frage, wie sich winzige Punktmutationen nachweisen lassen, die mit neuen gentechnischen Verfahren wie Cripsr/Cas in Pflanzen erzeugt wurden, weiter ungelöst. Lutz Grohmann argumentierte erneut, dass das von internationalen Verbänden im September vorgestellte Nachweisverfahren Rapslinien der Firma Cibus mit ähnlichen Punkmutationen bei anderen Rapssorten oder Wildkräutern verwechseln könne. Das Referenzlabor des BVL habe inzwischen Leistungseigenschaften und Kreuzreaktionen des Tests überprüft und werde seinen endgültigen Bericht zur Validierung im März vorlegen.
Der Gentechnikexperte Tobias Jacobi aus dem rheinlandpfälzischen Umweltministerium, der als Ländervertreter für die GVO-Kontrolle von Agrarrohstoffen zuständig ist, forderte daher, weiter an standardisierten Analyseverfahren für Genomänderungen zu arbeiten. Die sollten sinnvollerweise auf EU-Ebene entwickelt werden. Deutschland hofft bis Ende 2022 auf die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie im Auftrag der Agrarministerin, bei der das Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel seit Januar an genomeditierten Gerste- und Rapslinien erforschen, wie sich diese nachweisen lassen. Der Vorteil: Hier haben die Forscher das nötige Referenzmaterial, um einen Test zu entwickeln, selbst hergestellt.
BVL-Experte Grohmann, dessen Labor ebenfalls seit 2019 an Nachweisverfahren für ge-Pflanzen arbeitet, berichtete von den Schwierigkeiten, von den Herstellern Referenzmaterial zu erhalten. Seit mehr als einem Jahr bemühe man sich um Pflanzenmaterial von Sojaversuchslinien der Firma Calyxt. Doch die antworte nicht einmal. Auch beim Rapshersteller Cibus hat das BVL bereits 2019 Referenzmaterial verschiedener Rapslinien erbeten, aber offenbar nur zögerlich Bruchteile der vereinbarten Mengen bekommen. Das geht aus einem Mailwechsel hervor, dessen Veröffentlichung Greenpeace nach dem Umweltinformationsgesetz erstritten hatte, und der dem Infodienst Gentechnik vorliegt. Dem Infodienst selbst hatte das BVL Ende 2020 auf Anfrage mitgeteilt, Cibus habe ihm im Oktober 2020 Referenzmaterial der herbizidtoleranten 40K-Rapslinie geschickt, um das Nachweisverfahren der Verbände zu validieren. Die Rapslinien C1511 und C5507, für die der Nachweis ebenfalls entwickelt wurde, habe Cibus dem BVL nicht schicken können, unter anderem weil C1511 schon seit Jahren nicht mehr vermarktet werde.
Doch auch wenn zweieinhalb Jahre nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, dass auch ge-Pflanzen zugelassen und kontrolliert werden müssen, immer noch keine Nachweisverfahren dafür vorliegen, muss der Rechtsstaat aus Sicht von Tobias Jacobi nicht kapitulieren: Man könne auch die Unternehmer verpflichten, sich zu vergewissern, dass ihre Importware nicht mithilfe von Gentechnik hergestellt wurde. Dazu könnten sie etwa eine schriftliche Erklärung des Herstellers verlangen. Dass es bislang keine gerichtsfesten Nachweisverfahren gebe, ist für Jacobi jedenfalls kein Argument, genomeditierte Pflanzen nicht dem Gentechnikrecht zu unterwerfen. [vef]

23.02.2021 |

Gentechnik stört Ökologie der Baumwolle

Baumwolle Ein Großteil der Baumwolle auf dem Weltmarkt ist gentechnisch verändert. Foto: Simone Knorr

Werden Baumwollpflanzen von Fraßinsekten befallen, holen sie mit Nektar Verstärkung. Damit locken sie räuberische Ameisen an, welche die Insekten vernichten. Wie eine mexikanische Studie jetzt zeigt, wird dieser Überlebensmechanismus bei gentechnisch veränderter Baumwolle gestört. Wilde Baumwolle, in die die Gene einkreuzen, könnte so zur invasiven Art werden, warnen die Wissenschaftler.
Im Jahr 2018 sammelten die Forscher der nationalen, autonomen Universität Mexikos in einem Biosphärenreservat in der Region Yucatan wilde Baumwollpflanzen, um die Folgen des Anbaus gentechnisch veränderter Baumwolle zu untersuchen. Schon in der Vergangenheit wurde berichtet, dass Gene aus gentechnisch veränderten Pflanzen in die wilde Baumwolle einkreuzen und in diesen Pflanzen aktiv sind. Das gilt sowohl für Gene, die Pflanzen giftig für Insekten machen, wie auch für solche, die gentechnisch veränderte Baumwolle in die Lage versetzen, Herbizidduschen zu überleben. Wilde Baumwolle mit solchen Genen gibt es auch in der Region Yucatan. Weil die Untersuchungsregion Teil der Ursprungsregion von Baumwolle ist und damit Teil des Zentrums ihrer biologischen Vielfalt, können die eingekreuzten Gene dort die ursprünglichen wilden Populationen besonders gefährden.
Wie die Wissenschaftler mit ihrer Untersuchung zeigen, wirkt sich die Aktivität der neuen Gene auf die Produktion eines besonderen Nektars aus. Mit diesem Stoff, den die Baumwollpflanze nicht in ihren Blüten sondern auf ihren Blättern bildet, lockt sie verschiedene Ameisenarten an. Manche dieser Ameisen schützen die Baumwolle vor Pflanzenfressern. Hat eine Baumwollpflanze nun ein Gen abbekommen, das sie herbizidtolerant macht, produziert sie nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler weniger Blattnektar. Damit lockt sie auch weniger Ameisen an. In der Folge stellten die Forscher mehr Schäden durch pflanzenfressende Schädlinge an diesen Baumwollpflanzen fest. Ihr Fachartikel ist im Januar in der Zeitschrift Nature – Scientific Reports publiziert worden.
Besser geschützt sind dagegen Nachkommen, die aus der Kreuzung von gentechnisch veränderten, insektengiftigen Bauwollpflanzen und ihren wildwachsenden Artgenossen entstanden sind. Sie können selbst Insekten vergiften. Außerdem fanden die Wissenschaftler auf diesen Pflanzen mehr nützliche Ameisenarten, als bei ihren wilden Verwandten. Dies kann dazu führen, dass diese Baumwollpflanzen einen Vorteil gegenüber den unveränderten Pflanzen erlangen und sich somit erfolgreicher verbreiten als die der natürlichen Baumwolle. Dadurch besteht die Gefahr, dass sie ihre wilden Verwandten verdrängen.
Diese Erkenntnisse sollten nach Ansicht der Wissenschaftler bei der Risikobewertung gentechnisch veränderter Pflanzen berücksichtigt werden. Außerdem müssten Maßnahmen ergriffen werden, um die in der Region vorkommenden wilden Baumwollarten zu schützen. Wildlebende Verwandte von Nutzpflanzen sind ein bedeutendes Reservoir für zukünftige Züchtungen und gelten daher als besonders schützenswert. Veränderungen von Schutzmechanismen der natürlichen Verwandten einer der wichtigsten Nutzpflanzen weltweit zeige die Gefahr, die dem biologischen und kulturellen Erbe zukünftiger Generationen droht, wenn sich Gene aus gentechnisch veränderten Pflanzen in Wildpopulationen einkreuzen. Die Forscher empfehlen daher, „die Zentren der biologischen Vielfalt wirksamer zu schützen‟.[cp]

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