25.06.2020 |

Glyphosat-Vergleich: Bayer zahlt knapp zehn Milliarden Euro

Bayer Crop Science Division Office Headquarters, Foto: Tony Webster, https://bit.ly/2YtecDN, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ Bayer Crop Science Division Office Headquarters, Foto: Tony Webster, https://bit.ly/2YtecDN, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Im Rechtsstreit um die krebserregende Wirkung des Herbizids Glyphosat hat sich die Bayer AG in den USA mit den Klägern auf einen Vergleich geeinigt. Er wird den Konzern bis zu 10,9 Milliarden US-Dollar kosten, das entspricht 9,8 Milliarden Euro. Auch die Klagen um die durch das Herbizid Dicamba verursachten Ernteschäden hat der Konzern beigelegt. Kosten: 400 Millionen US-Dollar, das sind 360 Millionen Euro.

Wie Bayer mitteilte, würden durch den Vergleich 75 Prozent der aktuellen Glyphosat-Verfahren zum Abschluss gebracht, mit insgesamt etwa 125.000 eingereichten und geplanten Klagen. Gleichzeitig enthalte der Vergleich Leitlinien, wie mögliche künftige Klagen ohne weitere Gerichtsverfahren beigelegt werden sollen. Für die aktuellen Fälle werde das Unternehmen 8,8 Milliarden bis 9,6 Milliarden US-Dollar zahlen. Weitere 1,25 Milliarden US-Dollar will Bayer bereitstellen, „um eine separate Vereinbarung für potenzielle künftige Klagen zu ermöglichen“, heißt es in der Mitteilung. Sowohl Bayer als auch die Kläger-Anwälte begrüßten die Einigung.

Angeordnet hatte die Vergleichsverhandlungen der US-Richter Vince Chhabria bereits im April 2019. Er ernannte den US-Anwalt Ken Feinberg zum Mediator, einen ausgewiesenen Experten für solche Fälle. Bei Chhabria waren 760 Klagen anhängig und in einem ersten Musterprozess hatte eine Jury Bayer zu 71 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt. Auch vor zwei anderen US-Gerichten kamen die Geschworenen in Musterprozessen zu einem klaren Urteil: Glyphosathaltige Herbizide wie Roundup verursachten Lymphdrüsenkrebs und die Bayer-Tochter Monsanto habe diese Risiken absichtlich verschwiegen. Bayer hatte in allen drei Fällen Berufung eingelegt und diese Verfahren sollen auch zu Ende geführt werden, teilte der Konzern mit. Sie seien nicht Teil des Vergleichs. Der Konzern hofft, dass die Jury-Schuldsprüche in der Berufung abgeschwächt oder aufgehoben werden. Er wies darauf hin, dass kürzlich ein US-Bundesgericht die Forderung des Bundesstaates Kalifornien nach einer Krebswarnung für glyphosatbasierte Herbizide als unrechtmäßig einkassiert hatte. Bayer legt Wert darauf, dass der Vergleich „keinerlei Eingeständnis einer Schuld oder eines Fehlverhaltens“ enthalte. Das ist die in solchen Fällen übliche Klausel, ohne die solche Vereinbarungen nicht zustande kämen.

Einen Vergleich gab es auch bei den über 100 Klagen, in denen US-Landwirte Schadenersatz fordern, weil das Herbizid Dicamba ihre Ernte geschädigt habe. In einem ersten Prozess im Februar 2020 waren Bayer und BASF zu 245 Millionen Euro Schadenersatz und Strafe verurteilt worden. Die Jury kam aufgrund der vorgelegten Beweise und Aussagen zu dem Ergebnis, die beiden Konzerne hätten bewusst das Risiko in Kauf genommen, dass das leichtflüchtige Dicamba durch Verwehungen andere Landwirte schädigen könne. Auch diesen Beispielfall hat Bayer aus dem Vergleich ausgenommen und will in Berufung gehen. Der Konzern erwartet, dass sich die mitangeklagte BASF an den Kosten des Vergleichs beteiligt.

Bei diesem juristischen Großreinemachen hat Bayer noch einen weiteren mit Monsanto eingekauften Komplex an Schadenersatzklagen beigelegt. Dabei geht es um Wasserversorgungen, die durch die von Monsanto bis 1977 hergestellte schwer abbaubare und krebserregende Chemikalie PCB (Polychlorierte Biphenyle) verunreinigt sind. 740 Millionen Euro wird Bayer zahlen, um anhängige und kommende Klagen beizulegen. [lf]

24.06.2020 |

Verunreinigter Zuckermais in sechs Bundesländern ausgesät

Maisfeld (Foto:CCO) Maisfeld (Foto:CCO)

Von den 13 Millionen Körnern gentechnisch verunreinigten Zuckermaises, die derzeit in ganz Europa gesucht werden, wurden allein vier Millionen nach Hessen verkauft. Nach aktuellem Stand sei der Mais in sechs Bundesländer geliefert und dort auch gesät worden, teilte das niedersächsische Umweltministerium auf Anfrage mit. Die Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit forderte die Länder auf, bei Risikokulturen künftig sämtliche Saatgutpartien lückenlos auf gentechnisch veränderte Organismen zu prüfen.
Wie berichtet hatte ein niedersächsischer Händler den konventionellen Mais der Sorte „Sweet Wonder“ (süßes Wunder) aus den USA importiert und in Deutschland, Europa und Russland verkauft. Wie Kontrolleure in Ungarn im Mai feststellten, enthielt der Zuckermais etwa 0,1 Prozent der gentechnisch veränderten Maisevents MON88017 und MON89034 der Bayer-Tochter Monsanto. Sie machen den Mais resistent gegen das Pflanzengift Glyphosat. Solcher Gentech-Mais darf in Deutschland nicht angebaut werden. Das ist nun aber nicht nur in Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Bayern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen passiert.
Auf der mit knapp 36 Hektar größten Fläche wurden in Hessen nach Angaben des dortigen Umweltministeriums 2,25 Millionen Körner ausgesät. Die beiden betroffenen Landwirte müssten die Pflanzen bis 10. Juli „mechanisch zerstören“, teilte eine Sprecherin des Ministeriums dem Infodienst auf Anfrage mit. Die Überwachungsbehörde werde kontrollieren, dass sie auf den Flächen frühestens im Frühjahr 2021 wieder Mais anbauen.
In Schleswig-Holstein landeten 24.000 verunreinigte Zuckermaiskörner. Ein Teil davon wurde im Frühjahr in den Kreisen Pinneberg, Ostholstein und Herzogtum Lauenburg auf einer Gesamtfläche von rund 3500 Quadratmetern ausgesät, informierte das dortige Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt. Es ordnete an, die Maispflanzen unverzüglich und vollständig zu vernichten. Auch hier darf auf den Flächen in diesem Jahr kein Mais mehr gesät werden.
In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurden je 5000 Maiskörner verkauft. Entsprechend klein sind mit gut 600 und rund 500 Quadratmetern die bebauten Äcker. Nach Bayern lieferte der Händler 20.000 verunreinigte Maiskörner. Wie viele davon bereits ausgebracht wurden, ist bisher nicht bekannt. Die 2000 Maispflanzen, die in Baden-Württemberg schon auf dem Feld wuchsen, sind wie berichtet bereits vernichtet. Das niedersächsische Unternehmen Agri-Saaten geht derzeit davon aus, „dass europaweit gegebenenfalls etwa 100 bis 120 Hektar von behördlichen Vernichtungsanordnungen betroffen sein könnten.“ Wie berichtet hatte Agri-Saaten den verunreinigten Zuckermais in sieben europäischen Ländern verkauft.
„Der aktuelle Verunreinigungsfall bestätigt einmal mehr: Bei Kulturarten, die ein derart hohes Verunreinigungsrisiko aufweisen, genügt es nicht, dass die Bundesländer in ihrem Saatgutmonitoring wie derzeit nur einen kleinen Teil der Partien stichprobenartig beproben“, monierte Stefanie Hundsdorfer von der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut). Hinzu kommt, dass es unter den einzelnen Bundesländern große Unterschiede gibt, wie viele Stichproben sie jeweils nehmen. Während in Niedersachsen, wie berichtet, in einem halben Jahr 88 Maisproben getestet wurden, waren es in Schleswig-Holstein im ganzen Jahr 2019 nur fünf. In keinem der betroffenen Bundesländer waren die gentechnischen Verunreinigungen im amerikanischen Zuckermais aufgefallen. „Offenbar sind die Behörden mit den Kontrollen überfordert“, konstatierte der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner und sprach von einem „Genmais-Gate“.
Überfordert scheinen aber auch die Labore in den USA. Wie der niedersächsische Saatguthändler inzwischen schrieb, habe er das verunreinigte „Sweet Wonder“-Saatgut vor dem Export aus den USA von unabhängigen Laboren testen lassen, ob es frei von gentechnisch veränderten Samen ist. Das sei ihm bescheinigt worden. Man bemühe sich jetzt darum, den Schaden für alle Beteiligten weitestgehend zu begrenzen. „Wollte man eine hundertprozentige Sicherheit der Gesamtcharge erreichen, müsste jedes Saatkorn einer Lieferung getestet werden“, spitzte es der Händler zu.
Eine realistischere Forderung hat Stefanie Hundsdorfer von der IG Saatgut: „Um unsere Lebensmittelerzeugung gentechnikfrei zu halten, ist es bei Risikokulturen leider notwendig geworden, dass die Länderbehörden lückenlos alle Saatgutpartien, die auf ihrem Gebiet in Verkehr gebracht werden, auf gentechnisch veränderte Organismen überprüfen. Dabei müssen auch importierte Partien mit größtmöglicher Kontrolldichte erfasst werden.“ Denn gerade in Regionen wie Nord- und Südamerika, wo gentechnisch verändertes Saatgut weit verbreitet ist, kommt es leicht zu Verunreinigungen.
Mit der Folge, dass gentechnikfreier Anbau und Lebensmittel in Europa gefährdet sind. „Kommt gentechnisch verunreinigter Mais zur Blüte, birgt er ein großes Verbreitungs-Potential und kann Ernten oder Saatgut verunreinigen“, erklärte Annemarie Volling von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. „Wir fordern die Behörden daher dringend auf, vollständige Transparenz über alle betroffenen Flächen und Saatguteinheiten herzustellen, alle betroffenen Pflanzen vor der Blüte zu vernichten und auch in den kommenden Jahren sicherzustellen, dass kein gentechnisch veränderter Mais auf den entsprechenden Flächen zur Blüte gelangt. Die betroffenen Bäuer*innen und Züchter*innen sind für ihre Kosten und Mehraufwand vollständig vom Verursacher zu entschädigen." [vef]

22.06.2020 |

Der Widerstand gegen Agro-Gentechnik in Ostafrika wächst

Baumwolle Burkina Burkina Faso: Bäuerinnen trennen Baumwollfasern und Samen (Foto: Ollivier Girard for Center for International Forestry Research [CIFOR], creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0)

Die äthiopische Regierung hat den Anbau von gentechnisch veränderter (gv) Baumwolle und Mais erlaubt. In Kenia sollen Feldversuche mit Gentech-Kassava starten und gv-Baumwolle wurde erstmals ausgesät. In beiden Ländern wehrt sich die Zivilgesellschaft gegen den Gentechnik-Kurs ihrer Regierung.
50 Umwelt-, Bauern- und Menschenrechtsorganisationen in Äthiopien haben ihre Regierung aufgefordert, ein mindestens fünfjähriges Moratorium für alle Feldversuche und den kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu erlassen. Diese Zeit solle die Regierung nutzen, um die Bevölkerung zu befragen, ob Äthiopien überhaupt Gentechnik in der Landwirtschaft zulassen soll. Parallel dazu müsse sie einen geeigneten institutionellen und rechtlichen Rahmen schaffen, um überhaupt mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmitteln umgehen zu können. Die Organisationen ermahnten die Regierung, ihre Verpflichtung gegenüber dem Cartagena-Protokoll einzuhalten und strenge Vorschriften zum Schutz der biologischen Vielfalt und der menschlichen Gesundheit zu erlassen. Beenden solle der Staat, „die Manipulation der vielfältigen Nahrungspflanzen und -tiere Äthiopiens durch Gentechnik-Enthusiasten“.
Vorausgegangen waren diesem Appell zwei Entscheidungen der äthiopischen Regierung. Sie hatte den kommerziellen Anbau von gv-Baumwolle zugelassen und erlaubte Feldversuche mit einem dürretoleranten gv-Mais. Dieser von der Bayer-Tocher Monsanto entwickelte Water Efficient Maize for Africa (WEMA) konnte bereits bei Feldversuchen in Südafrika seine Versprechungen nicht erfüllen. Auf diese Ergebnisse wiesen die 50 Organisationen ebenso hin wie auf die schlechten Erfahrungen, die Burkina Faso mit dem Anbau von gv-Baumwolle gemacht hatte. Inzwischen hat das westafrikanische Land deren Anbau wieder verboten. Ausgelöst worden war die erneute Gentechnik-Debatte in Äthiopien durch den jährlichen Agro-Gentechnikreport des US-Landwirtschaftsministeriums, in dem die äthiopische Regierung für ihre gentechnikfreundliche Haltung und ihre Beschlüsse ausdrücklich gelobt wurde. In der Debatte hoben die Medien sowohl die biologische Vielfalt der Nahrungsmittel in Äthiopien hervor als auch die Führungsrolle des Landes in Afrika.
In Kenia hat die Regierung Ende 2019 den kommerziellen Anbau von gv-Baumwolle erlaubt. Nun will ein kenianisches Forschungsinstitut gv-Kassava (Maniok) anbauen und hat dafür die Zulassung beantragt. Die Zulassungsbehörde hat bereits grünes Licht signalisiert. Die Pflanze soll gegen eine Virus-Erkrankung resistent sein und soll mit Hilfe eines von BayerCrop Sciences und Nestlé finanzierten US-Forschungsinstituts entwickelt worden sein, schrieb die Schweizer Organisation Biorespect. Kassava ist ein wichtiges stärkehaltiges Grundnahrungsmittel im ganzen tropischen Afrika. Den Widerstand gegen die gv-Kassava in Kenia führt das Bündnis BIBA an (The Biodiversity and Biosafety Association of Kenya), dem über 60 Organisationen angehören. Doch die Regierung schiebt die Agro-Gentechnik gegen alle Widerstände an. So hat sie laut Medienberichten in diesem Frühjahr eine Tonne Saatgut von gv-Baumwolle in 24 Landkreisen verteilt – kostenlos. [lf]

19.06.2020 |

13 Millionen verunreinigte Maissamen in Europa verkauft

Mais  Foto: CCO Mais Foto: CCO

UPDATE +++ Der Fall des gentechnisch verunreinigten Mais-Saatguts „Sweet Wonder“ hat eine erheblich größere Dimension als bisher angenommen: Von der betroffenen Charge eines amerikanischen Züchters wurden rund 13 Millionen Samen in insgesamt sieben europäische Länder verkauft. Diesen Stand der Ermittlungen teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf Anfrage mit. Kontrolleure in Ungarn hätten in diesem Zuckermais etwa 0,1 Prozent der gentechnisch veränderten Maisevents MON88017 und MON89034 der Bayer-Tochter Monsanto nachgewiesen.
Wie bereits berichtet, hat ein niedersächsischer Saatguthändler den Zuckermais des US-amerikanischen Saatgutherstellers Illinois Foundation Seeds Inc. importiert und weiterverkauft. Zunächst war neben Ungarn, wo Kontrolleure die Verunreinigung entdeckten, nur über vier Abnehmer in drei deutschen Bundesländern informiert worden, die rund 820.000 Maissamen gekauft hatten. Wie das BVL auf Anfrage des Informationsdienst Gentechnik mitteilte, lieferte die niedersächsische Firma Agri-Saaten Mais aus der verunreinigten Charge nach aktuellem Erkenntnisstand ferner nach Belgien, Frankreich, Litauen, Polen, Portugal und Spanien sowie nach Russland. Die Ermittlungen dort liefen jedoch erst an. Daher könne man noch nicht sagen, ob in diesen Ländern bereits Samen des verunreinigten Zuckermais und damit höchstwahrscheinlich auch Gentech-Mais gepflanzt wurden. Der Anbau der beiden gentechnisch veränderten Maisevents ist in Europa nicht erlaubt. Als Lebens- und Futtermittel dürfen sie aber seit rund zehn Jahren importiert werden.
Auch innerhalb Deutschlands sei die Recherche der Behörden noch nicht abgeschlossen, so das BVL. Bislang wurde in Baden-Württemberg ein Bauer gefunden, der rund 2000 Körner des verunreinigten „Sweet Wonder“-Maises bereits gesät hatte. Er musste die Maispflanzen vernichten und darf auf dem Acker in diesem Jahr keinen Mais mehr anbauen. Auch in Nordrhein-Westfalen sei der verunreinigte Mais bei Detmold auf einer Fläche von 500 Quadratmetern ausgesät worden, teilte das dortige Umweltministerium mit. Diese Jungpflanzen müssen jetzt ebenfalls vernichtet werden.
Es bleibt zu hoffen, dass die blitzschnelle Reaktion der Behörden Schlimmeres verhindert hat: Nach eigenen Angaben hatte das BVL am 20. Mai von den ungarischen Behörden erfahren, dass dort in dem Zuckermaissaatgut aus Niedersachsen gentechnisch veränderte Samen gefunden worden waren. Neben den Events MON88017 und MON89034 wurde auch eine Kreuzung beider Events (MON88017 x MON89034) entdeckt. Noch am selben Tag informierte das BVL das niedersächsische Umweltministerium, das über sein Gewerbeaufsichtsamt sofort den Handel mit dem Saatgut stoppte. Anhand einer Liste der Abnehmer wurden betroffene Bundesländer informiert. Bei den regelmäßigen stichprobenartigen Kontrollen in allen deutschen Bundesländern war der verunreinigte Zuckermais offenbar durchgerutscht. Und der Händler sei, so das BVL, nach dem Gentechnikgesetz nicht verpflichtet, seine Ware zu kontrollieren. [vef]

Update: Verunreinigter Mais auch in NRW angebaut (mit neuer Quelle)

18.06.2020 |

Die Grünen wollen die neue Gentechnik streng regulieren

Grünenprotest bei Agrarministerkonferenz Grüne demonstrierten Anfang Mai 2011 vor der Agrarminister-konferenz in Plön gegen die Amflora. (Bild: Die Grünen/MV)

Die Grünen-Fraktionen im Bundestag und im europäischen Parlament haben sich klar gegen eine Deregulierung neuer Gentechnik-Verfahren ausgesprochen. „Wir stehen für eine verantwortungsvolle Regulierung, die das Vorsorgeprinzip ernst nimmt, die Umwelt schützt und auch kommenden Generationen noch eine Wahl lässt“, heißt es in dem von den Bundestags-Grünen beschlossenen Papier. Vor einer Woche veröffentlichten einzelne Parteimitglieder einen Vorstoß , für Erzeugnisse der neuen Gentechnik den Rechtsrahmen zu ändern.

Die Bundestagsfraktion argumentiert in ihrem Papier nicht nur mit den Risiken neuer gentechnischer Verfahren für Umwelt und Gesundheit, sondern auch mit der Transparenz. Wer für eine Deregulierung eintrete, nehme einen „gravierenden Eingriff“ in die „Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung aller Akteure entlang der Lebensmittelkette in Kauf“. Betroffen davon seien Züchter, Landwirte und Verarbeiter ebenso wie Händler und Verbraucher. Zudem könnten bei unerwarteten Aus- oder Nebenwirkungen der gentechnischen Veränderung die Organismen nicht mehr zurückverfolgt werden.

Die Gen-Schere Crispr/Cas sei „ein potenziell enorm tiefgreifendes Verfahren, das direkt ins Erbgut eingreift“, argumentiert Harald Ebner, Gentechniksprecher der Bundestags-Grünen: „Deshalb gebietet der Respekt vor kommenden Generationen, ihnen nicht durch Deregulierung ihre Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeit aus der Hand zu schlagen.“ Parallel zu den Bundestags-Grünen verabschiedeten auch die Grünen im Europäischen Parlament ein Positionspapier, das in Kürze veröffentlicht werden soll. Martin Häusling, Agrarsprecher der Europa-Grünen, fasst es so zusammen: „Eine Deregulierung der Verfahren und somit ein Wegfall von Risikobewertung, Monitoring, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit kommt für uns nicht in Frage“. Das Papier sei ein „starkes Statement für eine systemische Transformation unserer landwirtschaftlichen Systeme hin zu agrar-ökologischen Systemen“.

Vorausgegangen war den beiden Fraktionsbeschlüssen ein Debattenbeitrag, den 22 Parteimitglieder unterzeichnet hatten. Darunter waren vier bekannte Namen: die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, die Wissenschaftsministerin Baden-Württembergs Theresia Bauer sowie die technologie- und forschungspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion, Anna Christmann und Kai Gehring. In ihrem Beitrag argumentieren sie, dass mit neuen gentechnischen Verfahren schneller an den Klimawandel angepasste Pflanzen gezüchtet werden könnten. „Das gegenwärtige Innovationstempo reicht mittlerweile zur Rettung von Klima und Umwelt nicht mehr aus“, hieß es in dem Beitrag. Für dessen Autoren ist die Risikofrage längst beantwortet. Biotechnologie, insbesondere gentechnisch veränderte Organismen seien per se nicht riskanter sind als konventionelle Pflanzenzüchtung, zitieren sie aus einem zehn Jahre alten Bericht der EU zur alten Gentechnik. Die Ablehnung neuer gentechnischen Verfahren stehe „im Gegensatz zu der großen Mehrheit der Wissenschaftler*innen und zahlreichen Studien zur Technikfolgeabschätzung“.

Im Papier der Bundestagsfraktion dagegen ist von einer offenen wissenschaftlichen Debatte die Rede. Viele Biotechnologen und Agrarindustrieunternehmen würden angesichts des Klimawandels neue gentechnische Verfahren als zentralen Ausweg und Lösung dargestellen. „Die Argumentation dieser Akteure ist häufig sehr einseitig entlang der eigenen Profitinteressen ausgerichtet, in ihren Schlussfolgerungen daher wenig überraschend und für uns nicht überzeugend“, argumentiert die Bundestagsfraktion. Sie stellt auch klar, dass schon die alte Gentechnik ihre Versprechungen nicht einhalten konnte: „Viele der kritischen Analysen des Kosten-Nutzen-Verhältnisses gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft haben sich bewahrheitet, die allermeisten Versprechungen wie etwa ein geringerer Pestizideinsatz oder höhere Ernten dagegen nicht.“ [lf]

09.06.2020 |

Risiken unterschätzt: US-Gericht verbietet Pflanzengift Dicamba

Sojapflanzen mit Dicamba-Schäden — Soybeans showing the cupped leaves which are a symptom of dicamba injury. (Photo: U of A System Division of Agriculture; http://bit.ly/2isaTx4; https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/) Sojapflanzen mit Dicamba-Schäden — Soybeans showing the cupped leaves which are a symptom of dicamba injury. (Photo: U of A System Division of Agriculture; bit.ly/2isaTx4; https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/)

Nach Klagen von Bauern- und Umweltverbänden verbot ein US-Berufungsgericht vergangene Woche, das Unkrautvernichtungsmittel Dicamba in den USA weiterhin zu verkaufen oder zu versprühen. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Die US-Umweltbehörde EPA habe bei der Zulassung die Risiken des Pflanzengifts erheblich unterschätzt. Die Landwirte dürfen ihre Bestände jetzt noch bis 31. Juli aufbrauchen.
Wie der Informationsdienst Gentechnik bereits berichtete, besteht das Problem beim leicht flüchtigen Dicamba darin, dass es beim Spritzen häufig auf Nachbarfelder verweht wird. Wachsen dort Pflanzen, die nicht gentechnisch gegen Dicamba resistent gemacht wurden, vernichtet das Herbizid Teile der Ernte. 170 betroffene Bauern haben daher nach Informationen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Hersteller von Spritzmitteln mit Dicamba - die Konzerne Bayer, BASF und Corteva - auf Schadenersatz verklagt. In einem ersten Verfahren wurden Bayer und BASF zu 265 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. In diesem Prozess belegten Dokumente, dass die Hersteller Abdriftprobleme von vorneherein einkalkuliert hatten.
Wegen dieser bekannten Probleme hatte die EPA die aktuelle Dicamba-Version im Jahr 2018 auch nur noch unter zahlreichen Auflagen für zwei weitere Jahre zugelassen. Das Berufungsgericht bemängelte nun, es sei selbst „hochqualifizierten Pestizidanwendern“ praktisch unmöglich, diese umfangreichen Auflagen alle zu befolgen. Außerdem verwiesen die Richter auf die sozialen Kosten des Streits, der unter benachbarten Landwirten gesät werde, die verschiedene Spritzmittel-Saatgut-Kombinationen verwenden. Ein Farmer wurde dabei bereits erschossen. Am Ende fühlten sich viele Bauern gezwungen, wie ihre Nachbarn dicambaresistentes Gentech-Saatgut zu kaufen, um größere Ernteschäden durch deren Spritzmittel zu vermeiden. Und dieses passende Gentech-Saatgut haben Bayer, BASF und Corteva natürlich im Angebot.
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) begrüßte das US-Urteil als „bahnbrechend“. Gentechnik-Expertin Annemarie Volling forderte den Bayer-Konzern auf, nicht nur den Verkauf des Spritzmittels, sondern auch den der passenden Dicamba-resistenten Soja- und Baumwoll-Pflanzen in den USA umgehend zu stoppen. Außerdem müsse er betroffene Farmer entschädigen, die bereits solches Saatgut für dieses Jahr erworben haben. Wie die Agentur Reuters berichtet, dürften nach Angaben von Bayer in diesem Jahr rund 60 Prozent der amerikanischen Sojabohnenpflanzen mit dem auf Dicamba abgestimmten Bayer-Saatgut Xtend gepflanzt werden.
Nach Informationen des Handelsblatts wäre die Zulassung der nun verbotenen Dicamba-Variante ohnehin im Dezember ausgelaufen. Reuters zufolge bemüht sich Bayer bereits um eine neue Zulassung für 2021 und rechnet damit im Herbst. Das Berufungsurteil will der Konzern möglicherweise anfechten. [vef]

05.06.2020 |

Gentech-Mais wuchs auf süddeutschem Acker

Maisfeld (Foto:CCO) Maisfeld (Foto:CCO)

UPDATE +++ Ein niedersächsischer Saatgut-Händler hat mehr als 820.000 Körner konventionellen Zuckermais aus den USA, der mit gentechnisch manipuliertem Mais verunreinigt war, an vier deutsche Abnehmer verkauft. Entdeckt wurde die Kontamination der Charge Zuckermais in Ungarn. Am 20. Mai wurde das niedersächsische Umweltministerium informiert und stoppte nach eigenen Angaben sofort den Handel mit diesem Saatgut. Da wuchs der Gentech-Mais allerdings bereits auf einem süddeutschen Acker.
Der Zuckermais der Sorte „Sweet Wonder“ wurde vom US-amerikanischen Saatguthersteller Illinois Foundation Seeds Inc. gezüchtet und nach Niedersachsen geliefert, teilte das dortige Umweltministerium auf Anfrage mit. Auch die gentechnisch veränderten Körner in der Lieferung stammten von dem Unternehmen, das neben konventionellen vor allem genmanipulierte Maissorten mit unterschiedlichen Eigenschaften anbietet. Die niedersächsische Firma Agri-Saaten verkaufte die importierte, kontaminierte „Sweet Wonder“-Saat an vier Landwirte und Händler in drei deutschen Bundesländern. Nur einer der Käufer pflanzte den Mais bereits an: ein Bauer in Baden-Württemberg. „Durch das schnelle Eingreifen der zuständigen niedersächsischen Vollzugsbehörde konnte die Aussaat in den anderen Bundesländern verhindert werden“, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums in Hannover. Das gelieferte „Sweet Wonder“-Saatgut zog die Behörde ein, die Bestände beim Händler sperrte sie.
Auch die zuständigen Stellen in Baden-Württemberg reagierten prompt: Der betroffene Bauer habe das Feld bereits umgebrochen und die etwa 2000 Maispflanzen vernichtet, sagte eine Sprecherin des Agrarministeriums dem Informationsdienst Gentechnik. „Das übrige Saatgut wurde eingezogen.“ Auf dem fraglichen Acker, auf dem von der zuständigen Landwirtschaftsbehörde weiter regelmäßig Proben genommen werden, darf in diesem Jahr kein Mais mehr angebaut werden, um eine Vermischung von konventionellem und Gentech-Saatgut zu vermeiden. In Deutschland dürfen Landwirte grundsätzlich keinen gentechnisch veränderten Mais kultivieren und Saatgut darf nicht gentechnisch verunreinigt sein. Hier gilt das Prinzip der Nulltoleranz. Dass das im Zeitalter globalen Handels mit gentechnisch verändertem Saatgut – vor allem aus Südamerika und den USA – nicht leicht sicherzustellen ist, ist allen Beteiligten bewusst.
Um mögliche gentechnische Verunreinigungen möglichst frühzeitig zu entdecken, nehmen alle Bundesländer seit vielen Jahren regelmäßig Stichproben von Saatgut, Ernte und Lebensmitteln und erstatten einmal jährlich Bericht über die Ergebnisse. So wurden in Niedersachsen im Zeitraum von 01.10.2019 bis 31.03.2020 insgesamt 88 Maissaatgutpartien (Silo- und Körnermais) beprobt, der größte Teil davon parallel zum Saatgut-Anerkennungsverfahren, teilte das Umweltministerium mit. „Dabei wurde keine positive Probe gefunden.“
Auch in Baden-Württemberg, wo jährlich rund 40 Maisproben untersucht werden, waren die Ergebnisse drei Jahre unauffällig – bis jetzt. Gefunden wurden im März jedoch nicht die wundersamen Gentechnikkörner im „Sweet Wonder“, sondern gentechnisch veränderter MON89034-Mais von Monsanto in einer Lieferung konventionellen Albireo-Maises aus Österreich. Das betroffene Saatgut sei inzwischen vollständig nach Österreich zurückgeschickt worden, hieß es. [vef]

Hinweis: Inzwischen stimmen die Angaben der beteiligten Behörden überein, dass der "Sweet Wonder"-Mais von dem niedersächsischen Händler importiert und ins In- und Ausland weiter verkauft wurde - unter anderem nach Ungarn. Siehe auch die Folgemeldung im Infodienst am 17.6.2020.

25.05.2020 |

USA deregulieren die Zulassung von Gentechnik-Pflanzen

Justiz Gericht Gesetz Schild am Eingang eines Gerichts in Newcastle (Foto: smlp.co.uk / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)-+-

Das US-Landwirtschaftsministerium USDA hat neue Zulassungsregeln für gentechnisch veränderte Pflanzen veröffentlicht. Umwelt- und Verbraucherorganisationen warnen, dass künftig die Mehrheit der Gentechnik-Pflanzen in den USA ohne jede Zulassung angebaut werden könnte. Besonders kritisch sehen sie, dass die Saatgutkonzerne selbst entscheiden, ob eine amtliche Zulassung notwendig ist.

Das neue Gesetz geht auf einen Erlass von US-Präsident Trump vom Juni letzten Jahres zurück. Es sieht eine weitgehende Deregulierung vor für Organismen, die mit Hilfe neuer gentechnischer Verfahren hergestellt wurden. Doch auch für die alte Gentechnik gibt es Erleichterungen. Für sie gilt künftig, dass eine einmal als sicher eingestufte gentechnische Veränderung nicht mehr neu zugelassen werden muss, wenn sie mit anderen Veränderungen kombiniert oder in anderen Sorten eingesetzt wird.

Bei der Neuen Gentechnik können Pflanzen ohne Zulassung angebaut werden, wenn bei deren Herstellung nur Gene abgeschaltet wurden, nur ein Basenpaar geändert wurde oder die eingebaute Änderung im Genpool der Art vorkommt. Zulassungsfrei sind auch alle gentechnischen Veränderungen, die theoretisch durch konventionelle Züchtung erreicht werden könnten. Ob eine dieser Ausnahmen vorliegt, entscheidet allerdings nicht die für Gentechnik-Zulassungen zuständige Behörde APHIS, sondern das jeweilige Unternehmen selbst. Es kann sich bei APHIS durch eine Nachfrage rückversichern, muss das aber nicht tun.

Von einem „Selbstbedienungsladen“ sprach deshalb die Verbraucherorganisation Center for Food Safety (CFS). Sie kritisierte, dass das Ministerium sämtliche Probleme ausgeblendet habe, die gentechnisch veränderte Pflanzen bereits jetzt verursachen würden wie multiresistente Unkäuter, Schäden durch abdriftende Pestizide sowie GVO-Kontaminationen, die vielen biologisch oder gentechnikfrei wirtschaftenden Landwirten das Überleben schwer machten.

Das Center for Science in the Public Interest (CSPI) geht davon aus, dass die Mehrheit der gentechnisch veränderten Pflanzen künftig jeglicher Kontrolle durch das US-Landwirtschaftsministerium entzogen sein werden. „Die Regulierungsbehörden der Regierung und die Öffentlichkeit werden keine Ahnung haben, welche Produkte auf den Markt kommen und ob diese Produkte tatsächlich die Bedingungen für eine Befreiung von der Zulassung erfüllten“, sagte Gregory Jaffe, Projektleiter für Biotechnologie am CSPI. „Sie werden heimlich in unsere Lebensmittelversorgung zu einer Zeit eindringen, in der die Verbraucher mehr Transparenz wünschen.“ Dies werde zu Akzeptanzproblemen bei den Verbrauchern führen, weshalb sich sogar Lebensmittelhersteller für mehr Transparenz ausgesprochen hätten. Doch deren Kommentare zu dem bereits im letzten Jahr erstmals vorgestellten Entwurf hatte USDA ebenso ignoriert wie die Stellungnahmen von Umwelt- und Verbraucherschützern.

20.05.2020 |

EU-Kommissarin: vorerst keine neuen Regeln zur Agro-Gentechnik

Food Lebensmittel anders anbauen! (Foto: CC0)

Die EU-Kommission hat ihre Strategie ‚Vom Hof auf den Teller’ für eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung vorgestellt. Bis 2030 will sie den Pestizidverbrauch halbieren und den Biolandbau auf 25 Prozent steigern. Doch in der Strategie stehen immer noch die neuen gentechnischen Verfahren, die nach Meinung ihrer Kritiker überhaupt nicht nachhaltig sind.

In ihrer Mitteilung argumentiert die Kommission, der Klimawandel bringe neue Gefahren für die Pflanzengesundheit mit sich. In diesem Zusammenhang schreibt sie: „Neue innovative Techniken, einschließlich der Biotechnologie und der Entwicklung biobasierter Produkte, können bei der Steigerung der Nachhaltigkeit eine Rolle spielen, sofern sie für Verbraucher und Umwelt sicher sind und gleichzeitig Vorteile für die Gesellschaft insgesamt mit sich bringen.“ Mit diesen Techniken lasse sich auch „die Verringerung der Abhängigkeit von Pestiziden beschleunigen“. Mit 'innovative Techniken der Biotechnologie' meint die EU-Kommission neue gentechnische Verfahren wie die Gen-Schere Crispr/Cas.

Bei der Präsentation der Strategie betonte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides mehrfach, dass eine transparente Kennzeichnung zwingend notwendig sei, damit Verbraucher sich bewusst für nachhaltig erzeugte und gesunde Lebensmittel entscheiden könnten. Dabei nannte sie auch das EU-Gentechnikrecht als Beispiel. Kyriakides stellte klar, dass sie die Ergebnisse der Untersuchung zum Status der neuen Gentechniken im Lichte des EuGH-Urteils von 2018 abwarten werde, mit der die Mitgliedsstaaten die Kommission beauftragt hatten. Erst danach werde über mögliche Änderungen im Umgang mit diesen Methoden gesprochen.

„Gentechnik ist nicht nachhaltig, im Gegenteil. Europa braucht keine Gentechnik, weder alte noch neue genomische Techniken“, sagte dazu Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel Ohne Gentechnik (VLOG). „Gentechnik als angebliche Lösung für Klimakrise, mehr Nachhaltigkeit und weniger Pestizide ist ein altes, aber haltloses Heilsversprechen derjenigen, die gentechnisch veränderte Pflanzen verkaufen wollen.“ Innovationen seien wichtig, sollten aber bei echten Pestizid-Alternativen, Vielfalt, Regionalisierung, Fruchtfolgen, guter fachlicher Praxis und kluger Digitalisierung statt bei Gentechnik erfolgen, argumentierte Hissting.

Die Agro-Gentechnik bleibe ein blinder Fleck der EU-Kommission, kommentierte Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik des Umweltverbandes BUND. Sie forderte, dass es bei neuen gentechnischen Verfahren auch in Zukunft keine Aufweichung des geltenden Rechtsrahmens geben dürfe. „Auch neue Gentechnik muss weiter gekennzeichnet, risikogeprüft und rückverfolgt werden. Wahlfreiheit für Bäuerinnen und Bauern, für Lebensmittelunternehmen, den Handel und Verbraucherinnen und Verbraucher muss gesichert bleiben“, sagte von Broock.

Doch die Strategie ermögliche es weiterhin, das EU-Gentechnikrecht abzuschwächen, warnte Mute Schimpf, Kampaignerin bei Friends of the Earth Europe. Auch die Vorgaben für Pestizide und Massentierhaltung seien schwach, kritisierte Schimpf und folgerte daraus: „Die Führungskräfte des Agribusiness werden heute Nacht gut schlafen". Fördern dürfte den guten Schlaf die Mitteilung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zur neuen EU-Strategie. Sie äußerte sich insgesamt wenig begeistert, warnte vor einer zu starken Belastung der Landwirte und betonte, wie wichtig es sei, „Innovationen in der Landwirtschaft zu befördern, damit die Landwirte wirksame Instrumente an die Hand bekommen, Aufgaben zu erfüllen“. [lf]

14.05.2020 |

TTIP 2.0: Das Gentechnikrecht ist nicht verhandelbar

Trade Is TTIP a threat to consumers? (Photo: Rob 124/Flickr.com)

75 Verbände unter der Führung von Friends of the Earth Europe haben EU-Handelskommissar Phil Hogan geschrieben. Sie fürchten, dass die EU in den laufenden Handelsgesprächen mit den USA Zugeständnisse bei den Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Organismen machen wird. Die Kommission verneint das, will aber die Zusammenarbeit mit den USA in „innovativen Bereichen der Biotechnologie“ fördern.

Bereits im Februar machten in Brüssel Berichte über die TTIP 2.0 genannten und kurz vor dem Abschluss stehenden Handelsgespräche die Runde. Die EU-Kommission wolle auf Wunsch der USA neue gentechnisch veränderte Pflanzen schneller zulassen, berichtete das Magazin Politico und nannte zwei Jahre als maximale Verfahrensdauer. Da die Gespräche nach Medienberichten auch während der Pandemie weitergeführt wurden, wandten sich nun 75 europäische Verbände an Handelskommissar Hogan. Sie erinnerten ihn daran, dass das strenge EU-Zulassungsverfahren das Ziel habe, Menschen und Umwelt zu schützen und deshalb nicht zur Verhandlung stehen dürfe. Statt dessen müsse es verbessert werden, denn die Zulassungen beruhten „auf einer oberflächlichen wissenschaftlichen Bewertung, die wichtige potentielle Schäden ignoriert“. Darüber hinaus seien die EU-Zulassungen „das Ergebnis eines zutiefst undemokratischen Entscheidungsprozesses“, in dem die Kommission einseitig entscheide, ohne die Unterstützung einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedsstaaten und gegen die Einwände des Europäischen Parlaments. Die Verbände forderten die Kommission auf, die Sicherheitsbewertung gentechnisch veränderter Organismen (GVO) zu verbessern und das Urteil des Europäischen Gerichtshofs über den Geltungsbereich des Gentechnikrechts umzusetzen. Auch müsse die Kommission alle Versuche zurückweisen, GVO, die aus neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas stammen, von der Gentechnik-Gesetzgebung auszunehmen.

Die Organisation Testbiotech hatte bereits im März an die EU-Kommission geschrieben und ähnliche Befürchtungen geäußert wie nun die Verbände in ihrem Brief. Die Kommission versicherte in ihrer Antwort, dass Handelsabkommen „weder die Standards in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit noch den Inhalt der Risikobewertung oder die Geschwindigkeit der Risikobewertung ändern“. Das EU-Gentechnikrecht bleibe, wie alle anderen Rechtsvorschriften zur Lebensmittelsicherheit, „bei allen Handelsabkommen uneingeschränkt anwendbar“. Die Kommission räumte dabei ein, dass sie mit den USA regelmäßige Dialoge über die Biotechnologiepolitik führe, „um Informationen auszutauschen und die Zusammenarbeit in innovativen Bereichen der Biotechnologie zu fördern“. [lf]

Gehe zu Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 ...

*** Unterstützen Sie unsere Arbeit ***

Alle Informationen auf dieser Seite sind für Sie kostenlos, kosten aber trotzdem etwas. Unterstützen Sie den Infodienst - damit es auch weiterhin kritische Informationen zum Thema Gentechnik für alle gibt!
 Spenden-Infos hier

Newsletter bestellen

Schule und Gentechnik

Unterrichtsportal zum Thema Agro-Gentechnik: Einführung, Arbeitsblätter, Videos und mehr...

Eine Lehrerin hält ein Schild mit der Aufschrift Lehrer. Hier gibt es Informationen und Material zur Gentechnik für den Unterricht.
Ein Schüler hält ein Schild mit der Aufschrift Schüler. Hier gibt es Informationen, ein Quiz, Videos und mehr zum Thema Gentechnik für Schülerinnen und Schüler.

Infodienst-Material

Postkarten zum Thema Gentechnik. Ein Mädchen nascht von einer Torte und sagt Gutes Essen braucht keine Gentechnik.
Ein Landwirt hält Maiskolben im Arm und sagt Gen-Mais schmeckt mir nicht.

Hier bekommen Sie kostenloses Infomaterial zum Thema: Flyer, Postkarten, Newsletter, Newsticker...
 Bestellung

Nachrichten