16.07.2021 |

Welche US-Restaurants servieren Gentech-Lachs?

Lachs Lachs (Foto: Denise Chan/Flickr, Dorky Salmon, bit.ly/2at0MAT, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

Die US-Firma Aquabounty hat in diesem Frühjahr erstmals im großen Stil ihren gentechnisch veränderten Lachs abgefischt. Sie will die Tiere an Restaurants verkaufen, weil diese auf der Speisekarte nichts von Gentechnik schreiben müssen. Viele Gastro-Ketten und Caterer haben dem Aquabounty-Lachs die Rote Karte gezeigt. Doch was ist mit den kleinen Restaurants?

Einige Tonnen Lachs hat Aquabounty in seiner Lachsfarm im US-Staat Indiana aus den Becken gefischt und verarbeitet. Die Tiere wurden gentechnisch so verändert, dass sie doppelt so schnell heranwachsen wie gewöhnlicher Lachs und schon nach 18 Monaten schlachtreif sind. Aquabounty kündigte an, den Lachs bevorzugt über Restaurants und Kantinen vermarkten zu wollen. Denn anders als im Einzelhandel müssen die Lachsgerichte dort nicht als gentechnisch verändert deklariert werden. Zudem halten große US-Supermarktketten wie Walmart, Kroger und Whole Foods an ihrem bereits 2015 verkündeten Boykott von Gentech-Lachs fest. Aufgrund von Verbraucherprotesten haben nun auch große Caterer wie Aramark und Sodexo sowie Restaurant-Ketten Aquabounty eine Absage erteilt. Sie reagierten damit auf den öffentlichen Druck, den zahlreiche Organisationen mit ihrer „Block Corporate Salmon“ – Kampagne erzeugt hatten. Diese verknüpfte ökologische und mögliche gesundheitliche Risiken des Gentechnik-Lachses mit Konzernkritik und dem Kampf indigener, vom Lachs lebender Völker um ihre bedrohte Zukunft.

Wie die Nachrichtenagentur AP meldete, habe bisher mit Samuels and Son Seafood aus Philadelphia nur ein Fischhändler sein Interesse an dem Lachs bekundet. „Wir wissen, dass die Nachfrage weiter steigen wird“, zitierte die Agentur die Aquabounty-Geschäftsführerin Sylvia Wulf. Sie teilte auch mit, dass in Brasilien die dortige Gentechkbehörde CTNBio den Verkauf von Gentech-Lachs erlaubt habe. Nach Kanada und den USA ist dies das dritte Land, das seinen Bürgern „Frankenfish“ serviert, wie US-Kritiker den Lachs gerne titulieren.

Thomas Gremillion von der US-Verbraucherorganisation CFA beschrieb für das Portal Food Safety News, wie er mit seiner Familie das erste Mal seit langer Zeit wieder in ein Restaurant ging und Lachs bestellte. „Das nächste Mal werde ich eine andere Wahl treffen“, schrieb der Verbraucherschützer. Er begründete dies damit, dass sich zwar große Ketten gegen den Aquabounty-Lachs ausgesprochen hätten, nicht aber die vielen kleinen Gastronomen „einschließlich (soweit ich das beurteilen kann) des Restaurants, in dem meine Familie neulich gegessen hat“. Gremillion plädierte deshalb dafür, die Kennzeichnungspflicht auf Restaurants auszudehnen: „Abgesehen von der Lebensmittelsicherheit müssen Verbraucher die Möglichkeit haben, sich mit den ethischen und politischen Fragen zu befassen, die mit gentechnisch veränderten Tieren verbunden sind, bevor sie diese verzehren.“ [lf]

14.07.2021 |

Glyphosat-Zulassung: Toxikologe bewertet Industriestudien als „nicht zuverlässig“

Glyphosat Herbizid Herbizid im Einsatz (Foto: Chafer Machinery / flickr, Chafer Sentry, Applying Defy at 250l/ha on wheat land in Lincolnshire, bit.ly/29E6Sk4, creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Der Herbizidwirkstoff Glyphosat war 2017 auch deshalb zugelassen worden, weil die europäischen Behörden keine Krebsgefahr sahen. 53 der Industriestudien, die das belegen sollten und wieder Teil des aktuellen Verlängerungsantrags sind, hat jetzt ein Experte im Auftrag einer Nichtregierungsorganisation analysiert. Das Ergebnis sei ein „Desaster“, sagte Siegfried Knasmüller kürzlich dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Knasmüller arbeitet am Institut für Krebsforschung der Universität Wien. Das Spezialgebiet des Professors ist die Gentoxizität, also die Schädigung des Erbguts durch chemische Substanzen und Umwelteinflüsse. Knasmüller ist deshalb auch Experte für all die Tests, mit denen analysiert wird, ob eine Chemikalie das Erbgut schädigen und dadurch womöglich Krebs auslösen kann.

Bei ihrer Bewertung von Glyphosat kamen das deutsche Institut für Risikobewertung und die europäische Lebensmittelbehörde EFSA 2015 zu dem Ergebnis, dass Glyphosat nicht gentoxisch wirke und damit auch nicht krebserregend sein könne. Diese Bewertung stützte sich auf Studien der Hersteller, die damals geheim waren. Erst 2019 entschied der Europäische Gerichtshof, dass diese Studien herausgegeben werden müssen. Die konzernkritische Organisation SumOfUs forderte daraufhin 53 Industrie-Studien zur Gentoxizität von Glyphosat aus dem Zulassungsverfahren an und beauftragte Professor Knasmüller damit, diese zu analysieren.

Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA hatte 2015 bereits 45 dieser Studien als vollwertige und sechs weitere als ergänzende Beweise dafür akzeptiert, dass Glyphosat nicht gentoxisch wirke. Knasmüller und sein Kollege Armen Nersesyan kamen zu dem Ergebnis, dass 34 dieser Studien „substantiell“ von den für solche Zulassungsstudien verbindlichen OECD-Testrichtlinien abwichen und werteten sie deshalb als „nicht zuverlässig“. Mal habe die untersuchte Zellenzahl nicht gereicht, mal seien nicht genügend Bakterienstämme verwendet worden, schreibt „Der Spiegel“. Bei weiteren 17 Studien waren die Abweichungen weniger bedeutend, sie wurden als „teilweise zuverlässig“ eingestuft. Nur zwei Studien bewerteten die Experten als „zuverlässig“. Nach Angaben der Umweltorganisation Global 2000 untersuchten diese beiden Studien die Wirkung auf Knochenmarkszellen. Für Glyphosat hätten Tierversuche jedoch gezeigt, dass die Tumore vor allem in Leber und Niere auftauchten.

Die beiden Autoren weisen darauf hin, dass ihr Maßstab die jeweils aktuelle Fassung der OECD-Richtlinien im Jahr 2015 war. Denn in diesem Jahr erschien der überarbeitete Renewal Assessment Report (RAR) von BfR und EFSA zu Glyphosat, die wissenschaftliche Grundlage dafür, dass der Wirkstoff 2017 neu zugelassen wurde. Global 2000 verweist darauf, dass laut EU-Pestizidverordnung das Risiko eines Wirkstoffs anhand des aktuellen wissenschaftlichen und technischen Kenntnisstandes bewertet werden müsse. „Daher müssen die regulatorischen Studien, die die Grundlage für diese Bewertung bilden, mit den geltenden Prüfrichtlinien übereinstimmen und den Stand der Wissenschaft widerspiegeln“, schreibt die Umweltorganisation.

Dass die Industriestudien, die teilweise noch aus den 90er Jahren stammen, diesem Anspruch nicht gerecht werden, hat die Analyse von Knasmüller belegt. Deshalb müssten für ein erneutes Zulassungsverfahren die zuständigen Behörden neue Gentoxizitätsstudien nach OECD-Richtlinien insbesondere für Leber und Niere einfordern. Die vier nationalen Behörden, die kürzlich anhand der alten Industriestudien Glyphosat einen erneuten Freifahrtschein ausstellten, hätten dies versäumt. BfR und EFSA antworteten auf die Bitte um Stellungnahme zu Knasmüllers Bericht mit dem Hinweis, dass im laufenden Glyphosat-Zulassungsverfahren im September eine öffentliche Konsultation vorgesehen sei. Dort könne die Analyse von Professor Knasmüller „in das EU-Verfahren eingebracht werden und somit Berücksichtigung im weiteren Bewertungsprozess finden“, schrieb das BfR. [lf]

11.07.2021 |

Patente auf neue Gentechnik: Züchter zahlen an Konzerne

EPO EPA Patentamt Patente Das Europäische Patentamt in München (Foto: EPA)

Neue gentechnische Verfahren seien einfach anzuwenden und deshalb auch für mittelständische Züchtungsunternehmen geeignet, sagen ihre Befürworter. Ein Bericht des gentechnikkritischen Instituts Testbiotech zeigt: Die großen Saatgutkonzerne haben sich in Europa längst wichtige Rechte gesichert und lassen sie sich bezahlen - allen voran der Konzern Corteva.

Die Mehrzahl der beim Europäischen Patentamt (EPA) für neue Gentechnik beantragten Patente bezieht sich laut Bericht auf das Verfahren Crispr/Cas. Die Wissenschaftlerteams, die das Verfahren entwickelten, haben dazu zahlreiche Patente bei der Behörde eingereicht. „Bis Ende 2020 hatte das EPA bereits mehr als 30 Patente auf die Crispr/Cas-Technologie für die Feng-Zhang-Gruppe und etwa 15 Patente der Gruppe um Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier erteilt“, heißt es im Testbiotech-Bericht. Die Wissenschaftlerinnen Doudna und Charpentier hatten 2012 entdeckt, wie sich mit Crispr/Cas DNA schneiden lässt; Feng Zhang hatte es auf RNA übertragen.

Den Zugriff auf diese Patente haben sich die großen Konzerne schon früh durch Lizenzvereinbarungen mit den beiden Forschergruppen gesichert. Besonders erfolgreich sei dabei der Konzern Corteva gewesen, der aus den Agrarsparten von Dow und Dupont hervorging. Demnach „gelang es der Firma, 48 Grundlagenpatente in einen gemeinsamen Patente-Pool zu vereinen“, heißt es in dem Bericht. Die meisten davon hält das Team um Feng Zhang vom Broad Institute des MIT in Harvard. Der Zugang zu diesem Pool sei notwendig, um Crispr/Cas „vollumfänglich in der Pflanzenzucht einsetzen zu können“. Zuchtunternehmen seien „nicht nur gezwungen, Lizenzen zu zahlen, sondern auch Verträge über die Einhaltung von Leitlinien und Vertraulichkeit abzuschließen“, schreibt Testbiotech.

Eines dieser Unternehmen ist der große niederländische Gemüsezüchter Bejo. Er schloss im Mai eine „nicht-exklusive Forschungs- und kommerzielle Lizenzvereinbarung“ mit Corteva Agriscience und dem Broad Institute. „Durch die Vereinbarung erhält Bejo Zugang zum geistigen Eigentum von Crispr/Cas9 für die Genom-Editierung zur landwirtschaftlichen Nutzung. Dies ermöglicht Forschungsarbeiten und -programme sowie potenzielle zukünftige kommerzielle Anwendungen“ etwa bei Kohlgemüse, Zwiebeln oder Karotten, heißt es in einer Mitteilung von Corteva. Deren Chief Technology Officer Sam Eathington erklärte, man freue sich, Bejo „bei der Erforschung neuer Anwendungen dieses leistungsstarken Werkzeugs in Gemüsekulturen zu unterstützen“. Die Investition von Bejo in die Genom-Editierung spiegele „das wachsende Vertrauen wider, dass sich das politische Umfeld in der Europäischen Union (EU) weiter öffnen wird“. Ähnliche Vereinbarungen unterschrieben auch der französische Züchter Vilmorin oder der US-Kartoffelzüchter Simplot. Testbiotech sieht die EU-Kommission gefordert. Sie müsse untersuchen, wie sich die marktbeherrschende Stellung Cortevas und deren Kontrolle des Zugangs zu patentierter Technologie im Bereich der Neuen Gentechnik auf den Wettbewerb auswirke.

Neben diesem Patente-Pool, mit dem es den Zugang zu Crispr/Cas –Anwendungen kontrollieren kann, hat Corteva laut Bericht auch gut 70 eigene Patentanträge gestellt, von denen das EPA bisher 27 stattgegeben hat. Viele davon beziehen sich auf ältere Verfahren wie Talen oder Zinkfinger-Nukleasen. Auf den Plätzen zwei und drei liegen hier Bayer mit knapp 50 Patentanmeldungen und der deutsche Konzern KWS mit 30. Es folgen das US-Unternehmen Calyxt sowie BASF und Syngenta. Erteilt wurden an die anderen Konzerne bisher nur wenige Patente, weil viele Anträge neueren Datums sind und die patentrechtlichen Abläufe Zeit brauchen. Die Zahlen recherchierte Testbiotech in öffentlich zugänglichen Datenbanken des EPA.

Testbiotech wirft den Konzernen vor, in vielen ihrer Patentanträge „die fundamentalen biologischen und technischen Unterschiede zwischen Gentechnik und konventioneller Züchtung zu verwischen“. Damit solle die Reichweite der Patente auf traditionelle Züchtungsverfahren ausgeweitet werden. Das könnte passieren, wenn etwa ein Patent bestimmte Züchtungsmerkmale wie Trockenstressresistenz abdeckt, unabhängig davon, ob dieses Merkmal durch traditionelle Züchtung oder durch ein gentechnisches Verfahren erzielt wurde. [lf]

06.07.2021 |

Zukunftskommission Landwirtschaft: Neue Gentechnik braucht Zulassung

Feld Die Landwirtschaft birgt Bedrohung und Potenzial für die Artenvielfalt (Foto: CC0)

Neue gentechnische Verfahren wie Crispr/Cas sollen auch künftig auf ihre Risiken geprüft und unter Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips zugelassen werden. Dafür spricht sich die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) in ihrem Abschlussbericht aus, den sie heute der Bundeskanzlerin überreichte. Eine gesetzliche Regulierung müsse Landwirtschaft und Verbrauchern die Wahl lassen, ob sie Produkte mit oder ohne Gentechnik bevorzugen.
Die gentechnikfreie Produktion sei in Deutschland von großer Bedeutung, begründet dies das 187seitige Papier zum Thema „Zukunft Landwirtschaft“. 31 Vertreterinnen aus Landwirtschaft, Wirtschaft, Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutz sowie Wissenschaft hatten im Auftrag der Bundeskanzlerin zehn Monate an Empfehlungen und Vorschlägen gearbeitet, um eine nachhaltige, also ökologisch und ökonomisch tragfähige sowie sozial verträgliche Landwirtschaft in Deutschland auch in Zukunft zu ermöglichen.
Bei der Pflanzenzüchtung müssten Schutzrechtssysteme und Lizenzstrukturen so ausgestaltet sein, dass sie allen Unternehmen den Zugang zu Techniken, Merkmalen und Zuchtmaterial ermöglichten, heißt es im Bericht weiter. Die fünf beteiligten Umwelt- und Naturschutzverbände sowie zwei gentechnikkritische Agrarverbände begrüßten diese Feststellungen. Weniger begeistert waren sie von der Behauptung des Berichts, neue gentechnische Verfahren könnten „zur effektiven Züchtung von Sorten beitragen, die dann ihrerseits zur Erreichung der Klima- und Umweltziele im Agrar- und Ernährungssystem beitragen“. Als „leere Versprechen für Klima und Landwirtschaft", kritisierte das Pia Voelker vom genethischen Netzwerk, das nicht in der Kommission mitgearbeitet hat. "Konventionelle Züchtungsverfahren sind bisher deutlich erfolgreicher, Pflanzen mit derart komplexen Eigenschaften zu erzeugen“, so Voelker.
Doch insgesamt dominiert die Freude darüber, im hochumstrittenen Feld der Agrarpolitik alte Gräben überwunden und sich einstimmig auf politische Kompromisse geeinigt zu haben. Die Gentechnik war dabei dem Vernehmen nach einer der umstrittensten Punkte. „Es ist uns in der Zukunftskommission Landwirtschaft gelungen, nicht die Positionen, sondern die Sache ins Zentrum zu stellen“, so Kai Niebert, Präsident des Umweltdachverbands Deutscher Naturschutzring. „Das war das Geheimrezept für unseren Erfolg: Das gemeinsame Interesse daran, den Klimawandel zu bremsen, den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen und dabei eine vielfältige und zukunftsfähige Landwirtschaft zu ermöglichen.“
Auch der Vorsitzende des Bund für Umwelt- und Naturschutz, Olaf Bandt, begrüßt, „dass die Zukunftskommission sich bei den neuen Gentechnikverfahren klar für das Vorsorgeprinzip und die daran ausgerichtete Regulierung ausspricht. Nur mit gesetzlich festgeschriebener Zulassung, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit lassen sich Wahlfreiheit für Verbraucherinnen und Verbraucher, Landwirtschaft sowie die Lebensmittelbranche sicherstellen, und ökologische Risiken vermeiden.“ „Mit dem Abschlussbericht liegt jetzt ein richtig guter Fahrplan vor, die Landwirtschaft nachhaltig und zukunftsfähig aufzustellen“, ergänzt Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger. Elisabeth Fresen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft bringt die gemeinsame Schlussfolgerung auf den Punkt: „Jetzt müssen wir uns zusammen stark dafür einsetzen, dass sich die zentralen Bestandteile des ZKL-Berichts in den Koalitionsvereinbarungen der neuen Bundesregierung wiederfinden.“ Alle drei Verbandsvertreter waren wie Niebert Mitglieder der Expertenkommission.

Aus der ZKL ausgestiegen war im März der geschäftsführende Vorstand der Umweltorganisation Greenpeace. Martin Kaiser bemängelte, dass Agrarministerin Julia Klöckner (CDU), die wie alle Ministeriumsvertreter in der Kommission Beobachterstatus hatte, die absehbaren Empfehlungen der ZKL durch ihre Gesetzgebung behinderte. „Die Zukunftskommission hat die notwendigen finanziellen Mittel für den ökologischen Umbau der Landwirtschaft auf 7 bis 11 Milliarden Euro veranschlagt“, hebt Kaiser jetzt hervor. Bei den Verhandlungen zur EU-Agrarreform habe Klöckner dem Gießkannenprinzip den Vorzug gegeben, statt Agrarsubventionen für Zukunftsaufgaben zu sichern. „Jetzt fehlt das Geld, das dringend gebraucht würde, um Landwirtinnen und Landwirte beim Schutz von Tieren, Artenvielfalt und Klima gezielt zu unterstützen“, kritisiert Kaiser.

Auch für die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast ist der ZKL-Bericht „auffällig konträr“ zur Politik der amtierenden Agrarministerin. Für Künast sind die Empfehlungen so kurz vor der Bundestagswahl Arbeitsauftrag für die kommende Legislaturperiode. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sprach ebenfalls von einem "neuen Aufbruch in der Agrarpolitik". Die Agrarministerin selbst bezeichnete den Kommissionsbericht dagegen als „Rückenwind“ für ihre Politik. Ob dieser Wind sie in die nächste Legislaturperiode tragen und ihr die Chance geben wird, an der Umsetzung mitzuarbeiten, bleibt offen. [vef]

29.06.2021 |

Oxitec darf in Brasilien gentechnisch veränderte Mais-Schädlinge freisetzen

Heerwurm Spodoptera frugiperda Heerwurm Spodoptera frugiperda (Foto: Richardus_H / flickr, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0)

Die brasilianische Gentechnik-Behörde CTNBio hat es der britischen Firma Oxitec erlaubt, gentechnisch veränderte Schmetterlinge freizusetzen. Sie sollen ihre unveränderten Artgenossen dezimieren, weil deren Raupen sich von Maispflanzen ernähren. Mitfinanziert wird diese neue Art der Schädlingsbekämpfung von der Bayer AG. Denn deren Gentech-Maispflanzen haben an Wirkung gegen die gefräßigen Raupen verloren.

Spodoptera frugiperda ist eine Schmetterlingsart aus der Familie der nachtaktiven Eulenfalter und in Mittel- und Südamerika heimisch. Ihre Raupen fressen die Blätter und Stängel von Mais und sind deshalb bei Landwirten ein gefürchteter Schädling, der fall armyworm (Herbstheerwurm) genannt wird. 2016 gelangte diese Art nach Afrika und hat sich rasant über den Kontinent sowie Teile Asiens bis nach Australien ausgebreitet.

Um dieses inzwischen weltweite Schädlingsproblem zu lösen, setzt Oxitec auf das gleiche gentechnische Verfahren, mit dem das Unternehmen bereits die ägyptische Tigermücke verändert hat. Freigesetzt werden Männchen, deren weibliche Nachkommen im frühen Larvenstadium absterben. Männliche Nachkommen hingegen überleben und geben das geänderte Gen an die nächste Generation weiter. Oxitec will nun die Produktion männlicher gv-Falter hochfahren und in Brasilien großflächige Pilotprogramme durchführen. Explizit betont das Unternehmen, dass seine gv-Falter andere Bekämpfungsmaßnahmen wie Insektizide und Gentech-Pflanzen ergänzen und deren Effektivität sicherstellen sollen.

Den Herbstheerwurm sollten schon gentechnisch veränderte Maispflanzen besiegen, die Bt-Toxine als Schädlingsgift produzierten. Bereits 2008 zeigte sich, dass die Falter binnen weniger Jahre gegen ein Bt-Toxin (Cry1F1) resistent wurden. Seither liegen, insbesondere aus Brasilien, auch Resistenz-Nachweise für andere Bt-Toxine vor. Als Hersteller davon betroffen ist neben anderen die Bayer-Tochter Monsanto. In einem Text über den Schädling räumt Bayer ein, „dass einige der wirksameren Kontrollstrategien resistenzanfällig geworden sind“. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich der Konzern für Oxitecs Arbeit interessiert. Bayer habe einen zweistelligen Millionenbetrag in das Projekt investiert, meldete der Tagesspiegel im September 2020 und zitierte Bayers Kommunikationschef Matthias Berninger: „Es ist das erste Mal, dass sich Bayer an einem Projekt zur gentechnischen Veränderung von Schädlingen beteiligt.“ In einem eigenen Beitrag auf Linkedin spricht Berninger bezogen auf Oxitec von Zusammenschluss und Zusammenarbeit, die sich derzeit „auf Brasilien konzentriert“. Im Text selbst beschreibt er vor allem die Schäden, die der Heerwurm in den letzten Jahren auf den Feldern afrikanischer Kleinbauern angerichtet hat.

Ob Oxitecs Verfahren den Heerwurm nachhaltig reduzieren kann, ist fraglich. Versuche mit den manipulierten Tigermücken des Unternehmens ergaben, dass die Zielbestände zwar abnahmen, sich nach 18 Monaten aber wieder erholt hatten. Dagegen könnten regelmäßige Freisetzungen von Milliarden von Insekten helfen, was jedoch massive Kosten verursachen würde. Im Tagesspiegel wies ein Insektenforscher auf einen weiteren Punkt hin: Es sei nicht klar, ob sich die Eulenfalterweibchen mehrfach und mit unterschiedlichen Männchen paaren. Das würde die Wirkung der Gentech-Männchen verringern. Auch sind die Falter sehr mobil, so dass benachbarte Populationen schnell eine Region mit geringem Befall neu besiedeln könnten. [lf]

25.06.2021 |

Sie haben die Wahl – auch beim Thema Gentechnik

Sitzung des Deutschen Bundestages (Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Trutschel/photothek.net) Sitzung des Deutschen Bundestages (Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Trutschel/photothek.net)

UPDATE+++ 60,4 Millionen Menschen in Deutschland können am 26. September 2021 die Abgeordneten für den Bundestag wählen. Auch wenn Gentechnik nicht das beherrschende Thema der Wahl sein wird, so haben die Parteien doch in ihre Wahlprogramme einige Sätze mit ihren Absichten geschrieben.

Im „Programm für Stabilität und Erneuerung“ von CDU/CSU kommt das Wort Gentechnik nicht vor. Im Landwirtschaftsteil steht der Satz: „Digitalisierung und neue molekularbiologische Züchtungstechnologien können die Landwirtschaft umweltfreundlicher und wettbewerbsfähiger machen, Ernten stabil halten bei weniger Pflanzenschutzmitteleinsatz und geringerem Wasserverbrauch im Klimawandel.“ CDU/CSU wollen deshalb „einen verantwortungsvollen, auf klaren Regeln basierenden Einsatz der neuen Züchtungstechnologien ermöglichen“. Sie versprechen, sich „für eine Modernisierung des europäischen Rechtsrahmens“ einzusetzen. Das im Programm von 2017 abgelehnte Klonen von Tieren erwähnen die beiden Parteien diesmal nicht.

„Deutschland. Alles ist drin“ heißt das Wahlprogrammm von Bündnis 90/Die Grünen. Drin ist als Leibild für die Landwirtschaft eine „ sich weiter entwickelnde ökologische Landwirtschaft mit ihren Prinzipien Tiergerechtigkeit, Gentechnikfreiheit und Freiheit von chemisch-synthetischen Pestiziden“. Bezogen auf neue gentechnische Verfahren wollen die Grünen „einerseits die Freiheit der Forschung gewährleisten und andererseits bei der Anwendung Gefahren für Mensch und Umwelt ausschließen“. Deshalb wollen sie „an einem strengen Zulassungsverfahren und am europäisch verankerten Vorsorgeprinzip festhalten. Dazu bleiben Risikoprüfungen auf umfassender wissenschaftlicher Basis und eine Regulierung, die unkontrollierbare Verbreitung ausschließt, sowie eine verbindliche Kennzeichnung, die gentechnikfreie Produktion und dieWahlfreiheit der Verbraucher*innen schützt, nötig“. Auch sollen Risiko- und Nachweisforschung gestärkt werden. Das Patentrecht wollen die Grünen so ausrichten, „dass es keine Patente auf Lebewesen und ihre genetische Anlagen mehr gibt.“ Die Anwendung von Gene Drives soll ausgeschlosen werden.

Im „Zukunftsprogramm der SPD“ kommt die Landwirtschaft nur kurz im Kapitel „Natur respektieren“ vor. Dort findet sich auch der einzige Satz des Programms zum Thema Gentechnik: „Wir bleiben beim Nein zu gentechnisch veränderten Pflanzen“. Mehr ist nicht. Selbst das Wort Biotechnologie kommt nur einmal vor – im Zusammenhang mit Rüstungskontrolle.

Die FDP bekennt sich in ihrem Wahlprogramm klar zur Agro-Gentechnik: „Grüne Gentechnik eröffnet neue Möglichkeiten, um Böden zu schonen, Biodiversität zu fördern und die Effizienz des Betriebsmitteleinsatzes zu erhöhen“, schreiben die Freien Demokraten und fordern „Technologieoffenheit für die nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft“. Für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen müssten daher „aktuelle und wissenschaftlich basierte Zulassungskriterien gelten. Ebenso setzen wir uns für die zügige Zulassung von In-vitro-Fleisch in der EU ein.“ Auch verspricht die FDP, „alle Innovationen in Züchtung, Pflanzenschutz, Digitalisierung und anderen Bereichen“, zu unterstützen, wenn sie dazu beitragen, die Belastung der Umwelt zu minimieren. Generell wollen die Freien Demokraten „ für politische Entscheidungen das Innovationsprinzip ergänzend zum Vorsorgeprinzip“ einführen. Bei der Folgenabschätzung solle nicht nur auf mögliche Risiken einer Maßnahme geschaut werden.

Die Linke schreibt in ihrem Wahlprogramm: „Wir wollen den Anbau und den Handel mit gentechnisch veränderten Pflanzen, auch aus neuen Gentechnikverfahren, verbieten.“ Das Verbot soll auch für Importe gelten. Stärken will die Linke die klassische gentechnikfreie und die ökologische Züchtung mit höheren Fördermitteln. Das Klonen von Tieren soll verboten bleiben. Zudem will die Linke „eine Kennzeichnung von importierten Lebensmitteln, die aus geklonten Tieren und ihren Nachkommen hergestellt werden“. Verboten werden sollen „Patente auf Leben“. Zudem verspricht die Linke, sich für „ein globales Moratorium über die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen“ einzusetzen.

Die AFD schreibt in ihrem Wahlprogramm, sie wolle „eine Aufklärungsinitiative über den heute schon sichtbaren Nutzen der Gentechnik ins Leben rufen und einen pragmatischen Ordnungsrahmen für diese Technik schaffen“. Die wissenschaftliche Nutzen- und Risikobewertung von Wirkstoffen sowie des Umgangs mit Giftpflanzen und Gentechnik müssten „unabhängige Forschungseinrichtungen“ übernehmen.

Längst nicht alle Versprechen schaffen es nach der Wahl auch in die Koalitionsverträge. Deshalb lohnt ein Blick in die Vereinbarung der neuen grün-schwarzen Regierung in Baden-Württemberg. „Agro-Gentechnik wollen wir weder auf unseren Tellern noch auf unseren Äckern, in unseren Wäldern oder im Futter unserer Tiere“, heißt es dort. Deshalb wolle man „konsequent alle landespolitischen Spielräume nutzen, um Baden-Württemberg gentechnikfrei zu halten“. Neue gentechnische Verfahren müssten, wie andere Technologien auch, „mit Blick auf ihre Chancen, Risiken und ökologischen sowie sozioökonomischen Folgen umfassend auf wissenschaftlicher Grundlage bewertet werden. Wir halten bei den neuen gentechnischen Methoden am strengen Zulassungsverfahren und am europäisch verankerten Vorsorgeprinzip fest.“ Auch lehnt die neue Landesregierung die Zulassung und Freisetzung von Gene-Drive-Organismen ab und fordert ein Freisetzungsmoratorium. Im zeitgleich unterschriebenen rot-grün-gelben Koalitionsvertrag von Rheinland-Pfalz hingegen kommt das Thema Gentechnik nicht vor. [lf]

Update: Beim Progamm der Linken wurden die Formulierungen aus dem Programmentwurf durch die endgültige Version ersetzt (02.07.21).

22.06.2021 |

Glyphosatzulassung: alte Studien, altes Ergebnis?

Glyphosat Herbizid Herbizid im Einsatz (Foto: Chafer Machinery / flickr, Chafer Sentry, Applying Defy at 250l/ha on wheat land in Lincolnshire, bit.ly/29E6Sk4, creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Auf europäischer Ebene haben die Hersteller des Unkrautvernichters Glyphosat einen Etappensieg errungen: Risikobewerter aus vier EU-Mitgliedsstaaten halten das Totalherbizid weiterhin für unschädlich für Gesundheit und Umwelt; es könne bis zum Jahr 2037 genehmigt werden. Der deutsche Bundesrat will den Glyphosat-Einsatz hierzulande dagegen am Freitag ab 2023 beschränken – eigentlich.
Die zuständigen Behörden Frankreichs, Ungarns, der Niederlande und Schwedens – die von der EU-Kommission beauftragte Bewertungsgruppe für Glyphosat (Assessment Group of Glyphosate, AGG) – kommen auf rekordverdächtigen 11.000 Seiten zu der Einschätzung, dass das Pflanzengift weder krebserregend sei, noch Organe, den Hormonhaushalt oder die Fruchtbarkeit schädige. Der Bericht, den die AGG der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA vergangene Woche vorlegte, basiert nach offiziellen Angaben im Wesentlichen auf einem 180.000seitigen Dossier von acht Glyphosat-Herstellern. Diese Glyphosate Renewal Group (GRG, dt.: Glyphosat-Erneuerungsgruppe) hatte der AGG das Dossier im Juni 2020 als Teil ihres Antrags eingereicht, die Zulassung von Glyphosat in der Europäischen Union über 2022 hinaus zu verlängern.
Dieses Dossier wiederum ähnelt offenbar in weiten Teilen seiner Vorgängerversion aus dem Jahr 2015 (Verlängerungsantrag für 2017): Von den rund 1500 wissenschaftlichen Studien zu Glyphosat, von denen viele die Agrarchemieunternehmen selbst erstellten, seien etwa 100 neu, heißt auf der GRG-Webseite. Neu ist auch, dass man die Studien und andere Inhalte des Dossiers jetzt bei der GRG anfordern kann. „Dass die aktuelle Bewertung nun im Wesentlichen weiter auf alten Studien auf Basis teilweiser überholter Leitlinien oder mit zweifelhaften Kontrolldaten beruhen soll, ist unfassbar“, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete und Pestizidexperte Harald Ebner. Da sei es wenig überraschend, dass man auch zum selben Ergebnis komme wie in der Vergangenheit, ergänzt die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG).
Ebner kritisiert unisono mit der österreichischen Umweltorganisation „Global 2000“, dass trotz anhaltender Kontroversen und Zehntausender Klagen krebskranker Glyphosatnutzer in den USA keine neuen Krebsstudien mit Tierexperimenten durchgeführt wurden. Auch aktuelle Langzeitstudien fehlten. „Das ist unfassbar verantwortungslos und fahrlässig“, schimpft der Umweltchemiker von „GLOBAL 2000“, Helmut Burtscher-Schaden. „Das Gesetz verlangt, dass Pestizidhersteller anhand von Studien auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft darlegen, dass ihr Pestizid die Voraussetzungen für eine Zulassung erfüllt." Die CBG führt neuere Studien an, die „auf deutliche gentoxische, reproduktionstoxische, hormonelle und zellschädigende (Plazenta, Nabelschnur, Embryo) Wirkungen“ hinweisen. Die Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation WHO, die 2015 auf der Basis von Untersuchungen des Herstellers Monsanto zu dem Ergebnis kam, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserregend“, hätten die EU-Behörden auf durchsichtige Weise angezweifelt, so die CBG.
„Die EU-Risikobewertungsbehörden und die Wissenschaft sind nun gefordert, die Schlussfolgerungen der Berichte gründlich zu prüfen und herstellerunabhängige Studien angemessen zu berücksichtigen“, so der Abgeordnete Ebner. Dazu besteht im weiteren Verfahren noch reichlich Gelegenheit: Ab August wird es eine Konsultation zum AGG-Bericht geben, ab September mit Beteiligung der Öffentlichkeit. Auch die europäische Chemikalienagentur ECHA wird sich äußern. Die Schlussfolgerungen der beiden EU-Behörden sollen im Mai beziehungsweise Juni 2022 vorliegen. Spätestens dann müssen die Mitgliedsstaaten sich positionieren, die mit einer qualifizierten Mehrheit verhindern können, dass das Totalherbizid weitere 15 Jahre zugelassen wird. Ein Kenner der Brüsseler Vorgänge, den das Handelsblatt zitiert, hält es für wahrscheinlich, dass Glyphosat gestoppt wird: Die politische Stimmung gegen das Mittel sei sehr aufgeheizt.
Die aktuelle Bundesregierung wird dann nicht mehr im Amt sein. Sie hat aber noch ein Insektenschutzprogramm auf den Weg gebracht, das glyphosathaltige Spritzmittel ab 2024 komplett verbieten will (nach dem Ende der Zulassung 2022 ist noch eine Aufbrauchfrist vorgesehen). Am Freitag soll der Bundesrat über die entsprechende Verordnung entscheiden. In seiner vorletzten Sitzung dieser Legislaturperiode, deren Tagesordnung so lang ist wie noch nie in der 72jährigen Geschichte des Verfassungsorgans, ist das Thema Tagesordnungspunkt 110. Aber selbst wenn es dazu kommen sollte, dass die bereits einmal vertagte Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung verabschiedet wird, hat die Regierungskoalition ein Hintertürchen offengelassen: Sollte die EU-Kommission die Zulassung von Glyphosat über 2022 hinaus verlängern, könne eine Überprüfung der Verordnung erforderlich sein, heißt es in der Begründung. [vef]

14.06.2021 |

Australien: Gene drives gegen Mäuseplage?

Mäuse, Foto: grebrov/Flickr https://bit.ly/3pQ6anX https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/ Mäuse, Foto: grebrov/Flickr https://bit.ly/3pQ6anX https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Angesichts der größten Mäuseplage seit 40 Jahren erwägt der australische Bundesstaat New South Wales (NSW), diese künftig mit neuer Gentechnik, sogenannten Gene Drives, zu bekämpfen. Wie der Agrarminister Anfang Juni mitteilte, stellt er für ein dreijähriges Forschungsprogramm dazu 1,8 Millionen australische Dollar (etwa 1,15 Millionen Euro) bereit. Unterdessen hat sich das Europäische Parlament gegen den Einsatz von Gene Drives ausgesprochen. EU-Kommission und EU-Mitgliedsstaaten sind aufgefordert, sich bei einer internationalen Konferenz im Oktober für ein weltweites Moratorium für Gene drives einzusetzen.
Nach Medienberichten fielen in NSW und Teilen von Queensland in jüngster Zeit Tausende Mäuse über die Felder her und fraßen - teils innerhalb von Stunden – stellenweise fast die gesamte Ernte. Auch der frisch gesäte Winterraps habe teils stark gelitten, berichtete das Portal agrarheute.com. Die Bauernvereinigung "NSW Farmers' Association" rechne mit Einnahmeausfällen von rund einer Milliarde australischer Dollar. Neben den massiven Schäden für die Landwirtschaft registrierten die Behörden bis Ende April bereits doppelt so viele Kranke mit Leptospirose wie im ganzen Jahr 2020, berichtete der Bayrische Rundfunk. Die Krankheit, die zu Nierenversagen und Hirnhautentzündung führen kann, wird von Mäusen übertragen.
Wie also die Tiere loswerden? Neben der Ansiedlung natürlicher Fressfeinde wie Greifvögel oder Echsen und einer erweiterten Zulassung des gefährlichen Giftes Bromadiolon zur Mäusebekämpfung wird nun auch darüber nachgedacht, die Zahl der Mäuse mittels Gene Drive, einer Art gentechnischem Vererbungsturbo, zu kontrollieren. „Indem sie gezielte Gene drives nutzen, wollen die Wissenschaftler den Fortpflanzungszyklus der Mäuse unterbrechen und die Population auf beherrschbarem Level halten“, erläuterte NSW-Agrarminister Adam Marshall in der Hoffnung auf einen „besseren Weg“ als bisher. Forscher der Universität Adelaide sollen den Vererbungsturbo auf zwei Arten testen: Entweder soll den Mäusemännchen ein sogenannter „X-Schredder“ eingebaut werden, der Sperma mit X-Chromosom vernichtet, so dass mehr männliche Nachkommen geboren werden. Oder die weiblichen Mäuse sollen gentechnisch unfruchtbar gemacht werden. Das Vorgehen könne perspektivisch auch auf andere Tierarten wie Ratten, Kaninchen oder Wildkatzen übertragen werden und die Bekämpfung solcher Plagen für immer verändern, so Marshall.
Bedenken hat der australische Minister offenbar nicht. Das Europäische Parlament sorgt sich hingegen schon: In seiner Entschließung zur EU-Biodiversitätsstrategie verwies es vergangene Woche darauf, dass es Sachverständige bisher für schwierig halten, das Verhalten von Gene-Drive-Organismen (GDO) vorherzusagen, ihre Risiken zu bewerten und sie nach der Freisetzung zu kontrollieren. Die Gefahr: GDO könnten selbst zu invasiven Arten werden. Deshalb müssten sie global reguliert, sowie „wirksame Mechanismen zur Kontrolle und Umkehrung der Auswirkungen von Gene Drive-Organismen vollständig entwickelt werden“, schreibt das EU-Parlament. Gesundheitliche, ökologische, ethische und andere Auswirkungen von GDO seien zu erforschen. Bis dahin dürften sie im Blick auf das europarechtliche Vorsorgeprinzip nicht in die Umwelt entlassen werden.
Und weil GDO an Grenzen nicht haltmachen, sondern wie die Mäuse mit Schiffen selbst über Weltmeere gelangen, hatte das Europäische Parlament die Europäische Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten bereits im Januar 2020 aufgefordert, sich für ein globales Moratorium für Gene Drives einzusetzen. Das sollte eigentlich schon vergangenen Herbst passieren. Die 15. Vertragsstaatenkonferenz zur Konvention über die biologische Vielfalt (COP 15) wurde jedoch pandemiebedingt auf Oktober 2021 verschoben. Die "wichtige Botschaft" sollte daher in die laufenden Vorverhandlungen zur COP 15 sowie in die Diskussionen zur globalen Regulierung der Technologie auf dem nächsten Treffen der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) im September in Marseille eingebracht werden, forderte Mareike Imken von der "Stop gene drive"-Kampagne. Um mögliche australische Gene Drive-Mäuse zu stoppen, wäre das noch zeitig genug. [vef]

08.06.2021 |

Syngenta: virusresistente Tomaten ohne Gentechnik

Tomate Foto: flickr / theentiremikey [creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0]

Der Agrarchemiekonzern Syngenta hat auf konventionellem Weg zwei Tomatensorten gezüchtet, die gegen das Brown Rugose Fruit-Virus (ToBRFV) immun sind. Mithilfe von Genmarkern gelang es nach Unternehmensangaben, die nötigen Resistenzmerkmale in der hauseigenen Keimplasmabibliothek zu identifizieren und so die Züchtung zu beschleunigen. Für das gentechnikkritische Portal GMWatch belegt das, dass die konventionelle Züchtung der Gentechnik weiterhin überlegen ist.
Die Syngenta-Forscher sind allerdings noch nicht ganz zufrieden. Denn die beiden neuen Sorten sogenannter Beefsteak-Tomaten mit den Namen Lansor und Barosor sind nur intermediär resistent. Das heißt, dass leichte Symptome des Brown Rugose Fruit-Virus wie Mosaikmuster auf den Tomatenblättern, eingerollte Blätter, gelbe Flecken auf den Früchten und Nekrosen am Stamm und anderen Pflanzenteilen zwar auftauchen. Der Ernteertrag sei dadurch jedoch nicht gefährdet. Längerfristiges Züchtungsziel sei nun, mit Hilfe von zwei Resistenzgenen hochresistente Pflanzen zu schaffen, erläutert der Chef der globalen Tomatensparte von Syngenta, Ruud Kaagman, auf der Firmenwebseite.
Der Vorteil: Indem sie in den Syngenta-Saatgutlinien drei Genabschnitte identifizierten, die für die Resistenzbildung zuständig sind, konnten die Forscher den Züchtungsprozess von bislang zehn auf weniger als drei Jahre verkürzen. Diese Form des schnellen Eingreifens "hat es bisher noch nie gegeben", sagt Kaagman. Seine Experten wollen diese Gene nun nutzen, um neue Tomatenhybride zu entwickeln und die widerständigen Eigenschaften mittels sogenannter Introgression in bestehende kommerzielle Sorten einbringen. Dabei handele es sich um kein biotechnologisches Verfahren, sondern lediglich um eine datenwissenschaftlich gestützte Beschleunigung herkömmlicher Kreuzungstechniken, erläutert das Unternehmen.
Syngenta sei mit mehr als 350 Sorten in 35 Segmenten, darunter zahlreiche Beefsteak-, Pflaumen- und Kirschtomaten sowie etliche Spezial-Sorten, weltweit zweitgrösster Anbieter für Tomatensaatgut. Marketing, Vertrieb und Verkauf zusammengerechnet, betrage der Wert der globalen Tomatensparte beinahe 200 Milliarden US-Dollar. Da auch das Brown Rugose Fruit-Virus weltweit unterwegs ist und sich nur schwer eindämmen lässt, besteht nachvollziehbarer Handlungsbedarf. Die Sorte Lansor, die seit Dezember 2020 auf dem Markt ist, werde im Mittelmeerraum und im Nahen Ostens, bereits erfolgreich angebaut.
GMWatch begrüßt es, dass Syngenta offenbar eingesehen habe, dass man komplexe Eigenschaften wie Krankheitsresistenz, hoher Ertrag und Anpassung an extreme Boden- und Klimabedingungen bei Pflanzen besser konventionell züchten könne als mithilfe von Gentechnik. Das liege daran, dass bei der konventionellen Züchtung ganze Genfamilien in Netzwerken zusammenarbeiten, während mittels Gentechnik nur ein oder wenige Gene manipuliert werden könnten. Das Problem sei allerdings, dass Unternehmen immer häufiger auch konventionelle Züchtungserfolge patentieren ließen und damit kleineren Züchtern den Zugriff verwehrten. Initiativen wie „Keine Patente auf Saatgut“ laufen dagegen seit Jahren Sturm. Gerade heute hat das Europäische Patentamt jedoch wieder eine entsprechende Beschwerde abgewiesen. [vef]

02.06.2021 |

Erster Freispruch im Südtiroler Prozess gegen Pestizidkritiker

FotoProzessUmweltinstitut Angeklagt wegen Pestizidkritik: Karl Bär, Umweltinstitut München, und Autor Alexander Schiebel (rechts, Foto: Jörg Farys, Umweltinstitut München)

Das Buch "Das Wunder von Mals" von Alexander Schiebel enthält keine üble Nachrede. So hat es das Landesgericht in Bozen in Südtirol entschieden und den Filmemacher und Buchautor von diesem Vorwurf freigesprochen. Das Verfahren wegen übler Nachrede gegen Karl Bär vom Umweltinstitut München will das Gericht jedoch fortführen.

Schiebel und Bär hatten 2017 den massiven Pestizideinsatz beim Obstanbau in Südtirol deutlich kritisiert: Schiebel in seinem beim oekom Verlag erschienen Buch "Das Wunder von Mals", Bär mit einer Kampagne für „Pestizidtirol“, bei der er die Südtiroler Tourismuswerbung aufs Korn nahm. Das brachte beiden Anzeigen des Südtiroler Landesrates für Landwirtschaft, Arnold Schuler, sowie von 1376 Landwirten ein. Verhandelt werden die beiden Fälle jedoch einzeln, von unterschiedlichen Richtern.

Bärs Prozess begann im September 2020, sorgte für große Aufmerksamkeit und brachte Südtirol schlechte Presse. Nicht nur Umweltschützer werteten das Verfahren als SLAPP-Klage, also als einen Versuch, unliebsame Kritiker mit juristischen Mitteln mundtot zu machen. Parallel zu Bärs drittem Verhandlungstag eröffnete ein zweiter Richter das Verfahren gegen Schiebel und beendete es nach wenigen Minuten mit einem Freispruch: Eine üble Nachrede liege nicht vor. „Aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Sieg für die Meinungsfreiheit. Und natürlich eine große Erleichterung für mich und meine Familie“, kommentierte Alexander Schiebel seinen Freispruch. Karl Bär gab sich optimistisch, dass auch sein Verfahren bald beendet werde.

Das wäre auch den meisten Südtiroler Obstbauern inzwischen recht. Landesrat Schuler und zwei Obleute der Obstgenossenschaft hatten vor dem Prozesstermin ihre Nebenklagen zurückgezogen. Auch hätten fast alle Obstbauern unterschrieben, dass sie ihre Strafanzeigen zurücknehmen wollen, berichtete die Neue Südtiroler Tageszeitung. Nur zwei Brüder blieben hartnäckig und deshalb müsse das Verfahren aus formalen Gründen fortgesetzt werden.

Termin dafür ist der 22. Oktober 2021. An diesem Tag will das Gericht die zwei Brüder als Zeugen der Anklage hören. Nach deren Auftritt sollen im weiteren Prozess insgesamt 88 Zeugen das Umweltinstitut verteidigen und die negativen Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen des hohen Pestizideinsatzes in den Südtiroler Apfelplantagen darlegen. Wie hoch der Pestizideinsatz ist, belegen Aufzeichnungen der Landwirte, die vom Gericht angefordert wurden und die das Umweltinstitut derzeit auswertet. Auch diese Zahlen will es in das Verfahren einbringen. Ob es soweit kommt liegt nun an den beiden Südtiroler Obstbauern. Deren Haltung bezeichnete ihr einstiger Verbündeter, Landesrat Schuler, als „sehr bedauerlich“. [lf]

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