15.09.2021 |

Bundestagswahl: Das sagen Kandidat*innen und Fraktionen zur Agro-Gentechnik

Foto: Marco Verch https://bit.ly/2Xm5CMe https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de Foto: Marco Verch https://bit.ly/2Xm5CMe https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

Wenn Kandidat*innen für den Bundestag in Fernsehen oder Onlinemedien befragt werden, geht es selten um das Thema Gentechnik in der Landwirtschaft. Gentechnikkritische Verbände und Initiativen haben jedoch im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September bei Kanzlerkandidat*innen und Fraktionen nachgefragt, wie sie zum Einsatz von neuen gentechnischen Verfahren bei der Lebensmittelproduktion stehen. Der Infodienst gibt einen Überblick über die Antworten.
Der Kanzlerkandidat der SPD, Olaf Scholz, will sich „weiterhin auf allen Ebenen für eine strikte Regulierung der neuen Gentechniken einsetzen“, schrieb er einer Gruppe von sieben gentechnikkritischen Verbänden und Stiftungen unter Führung des Vereins Testbiotech. Basis jeder Kontrolle sei es, passende Nachweismethoden für genomeditierte Pflanzen zu entwickeln. Die SPD werde sich ferner in der nächsten Legislaturperiode erneut dafür einsetzen, den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, die in Europa zugelassen sind, in Deutschland zu verbieten, versprach der SPD-Politiker. Hier hatte sich die aktuelle große Koalition nicht auf eine Regelung verständigen können.
Auch der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch, betont, dass mit Crispr/Cas oder anderen neuen gentechnischen Verfahren veränderte (= genomeditierte) Pflanzen ebenso zugelassen und gekennzeichnet werden müssen wie Produkte „alter“ Gentechnik. Bei uns „rennen Sie offene Türen ein“, versicherte Miersch der Initiative Zivilcourage Miersbach, die allen Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag ans Herz gelegt hatte, auch bei genomeditierten Pflanzen deren Risiken für andere Pflanzen, Tiere, Menschen sowie die Biodiversität zu berücksichtigen. Um diese unabhängig zu erforschen, habe seine Fraktion erreicht, dass das Umweltministerium für drei Jahre 350.000 Euro zusätzliche Mittel erhält, so Miersch in seiner Mail.
Die Kanzlerkandidatin von Bündnis90/Die Grünen will ebenfalls die Risikoforschung stärken. „Die neuen Gentechniken sind mächtige Instrumente, die von kleinsten Änderungen bis hin zu großen Umgestaltungen der DNA eines Lebewesens eingesetzt werden können“, schrieb Annalena Baerbock an Testbiotech & Co.. Daher müsse das europarechtlich verankerte Vorsorgeprinzip greifen. „Auch nach der Bundestagswahl wird sich meine Partei dafür einsetzen, dass das geltende EU-Zulassungsverfahren weiterhin für Anwendungen der neuen Gentechnik gilt und nicht aufgeweicht wird“, verspricht Baerbock.
Ganz besonders ausführlich und detailliert hat der Gentechnikexperte der grünen Bundestagsfraktion die Fragen der Zivilcourage zu Genome Editing beantwortet: So hält Harald Ebner es für naiv, Herausforderungen von wachsender Weltbevölkerung und Klimakrise „mit einem reinen Techno-Fix wie der Gentechnik zu begegnen. Es braucht umfassende Gesamtkonzepte für klimaresiliente Agrarökosysteme.“ Außerdem müssten robuste Sorten gezüchtet sowie die Forschung zu alternativen Ansätzen gestärkt werden, die auf traditionelle und ökologische Züchtungsverfahren setzen. Dabei sieht er die Gefahr, dass Universitäten und Forschungseinrichtungen auch auf Drittmittel der Unternehmen angewiesen sind, die gentechnisch veränderte Pflanzen entwickeln und verkaufen wollen. Wegen knapper Budgets müssten Hochschulen oft selbst darauf achten, ihre Forschungsergebnisse gewinnbringend zu verwerten. Hier müsse die Forschungspolitik künftig gegensteuern, fordert der Grünen-Politiker.
Schlösse man von Absender und Umfang einer Antwort darauf, wie wichtig ein Thema für eine Partei ist, dann hätte die neue Gentechnik für die CDU/CSU nur wenig Bedeutung. CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet ließ eine Referentin antworten, die aus dem Aufruf der Verbände „zur strikten Regulierung der neuen Gentechnik“ ein "Schreiben zu neuen genomischen Züchtungstechnologien" macht. Mit dieser Formulierung macht die CDU in ihren Statements regelmäßig deutlich, dass sie mit neuen gentechnischen Verfahren veränderte Pflanzen nicht nach Gentechnikrecht behandeln will. In den drei Absätzen des Briefes geht es vor allem um Chancen und Potentiale der neuen Techniken. Die CDU begrüße, dass die Europäische Kommission Konsultationen begonnen habe, ob der europäische Rechtsrahmen für die neuen Technologien angepasst, sprich gelockert werden sollte. Auf den Brief des Miesbacher Aktionsbündnisses an CDU-Fraktionschef Brinkhaus im Bundestag mit acht detaillierten Fragen zu den neuen Techniken antwortete ein Fraktionsreferent nur mit einer monatealten Pressemitteilung.
Deshalb haben sich die Miesbacher jetzt Verstärkung geholt und gemeinsam mit weiteren Zivilcourage-Gruppen aus sieben bayerischen Landkreisen den CSU-Vorsitzenden Markus Söder um Hilfe gebeten. „Wir sehen in der offiziellen Stellungnahme der Fraktion den Versuch, mit der Unterstützung einer Änderung des europäischen Gentechnikrechts das Urteil des EUGH auszuhebeln, ohne dass für die neuen Verfahren ausreichende Risikoprüfungen vorgesehen sind“, schrieben sie vergangene Woche an ihren Landesherrn. „Wir bitten Sie als bayerischer Ministerpräsident und als Vorsitzender der Regierungspartei CSU diesen verhängnisvollen Prozess zu stoppen.“ In einem Bundesland mit zahlreichen gentechnikfreien Kommunen, denen der frühere Umweltminister Söder noch selbst die Urkunden ausgehändigt hatte, hoffen sie offenbar auf mehr Interesse und Sachverstand als in der Bundespartei.
Bei der FDP lobte der in die Kritik geratene Vize-Fraktionschef Frank Sitta „grüne Biotechnologie und die Innovationen von Gentechnik“. „Innovationen sind der Schlüssel und die Basis für unser wirtschaftliches Wachstum und unseren Wohlstand“, so der Agrarsprecher der FDP, der mit dem Ende der Legislaturperiode aus dem Bundestag ausscheiden wird. In seiner knappen Mail verwies er auf eine Reihe von Forschungseinrichtungen, die dafür sind, die Regeln für neue Gentechnik zu lockern.
„Auch wir beobachten das zunehmende Getrommel für die sogenannten ‚Neuen Züchtungstechniken‘ auf Bundes- und EU-Ebene mit Sorge“, schrieb dagegen die Fraktion Die Linke „mit solidarischen Grüßen“ an die Zivilcourage Miersbach. „Wir lehnen ab, das so wichtige Vorsorgeprinzip mit quasi Verfassungsrang aufzuweichen durch ein Innovationsprinzip. Wichtig ist aus Sicht der Linken, die systemischen Ursachen der Probleme zu bekämpfen statt technischer Symptomlinderung, von der vor allem Konzerne profitieren statt Natur, Klima und die menschliche Gesellschaft.“ Für die Linke sollten neue gentechnische Methoden „mindestens“ so streng geregelt werden, wie die alte Gentechnik. Besser wäre es, wenn „noch Defizite des Zulassungsverfahrens beseitigt werden, z. B. hinsichtlich Transparenz oder Unabhängigkeit und Vollständigkeit der Prüfung, inklusive langfristiger und ungewollter Wirkungen“, heißt es in den Antworten. Die Fraktion warnt, „dass die sogenannte Koexistenz weder mit der konventionellen noch mit der Ökolandwirtschaft auf Dauer funktioniert bzw. der Versuch extrem teuer wird aufgrund der Trennung der gesamten Lieferkette“. Mit den wirtschaftlichen Risiken würden die Anwender allein gelassen, da sie keine Versicherung übernimmt. [vef]

07.09.2021 |

Glyphosat: Einsatz weiter eingeschränkt

RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Ab morgen ist es soweit: Landwirte dürfen den Unkrautvernichter Glyphosat nur noch in Grenzen versprühen, Privathaushalte bundesweit gar nicht mehr. Das sieht die geänderte Pflanzenschutzanwendungs-Verordnung vor, die heute im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde. Sie ist Teil eines Gesetzespakets zum Natur- und Insektenschutz, das Bundestag und Bundesrat nach langem Ringen in der großen Koalition Ende Juni verabschiedet hatten.
Komplett und bundesweit verboten ist das Totalherbizid demnach in Haus- und Kleingärten sowie auf Flächen, die für die Allgemeinheit zugänglich sind wie Spielplätze oder Parkanlagen. Das galt schon bisher in einigen Bundesländern. In manchen wie etwa in Niedersachsen gibt es auch bereits freiwillige Vereinbarungen zwischen Landwirten und Naturschützern, um den Pestizideinsatz zu reduzieren, die über die Verordnung hinausgehen. Daher hatte der Bundesrat seine Zustimmung unter die Bedingung gestellt, dass weitergehende Regelungen auch unter der neuen Verordnung fortbestehen oder neu vereinbart werden können.
Kein Glyphosat darf künftig in Wasser- und Heilquellenschutzgebieten sowie Kern- und Pflegezonen von Biosphärenreservaten versprüht werden. Für Naturschutzgebiete, Nationalparks und gesetzlich geschützte Biotope war es bisher schon verboten. In bestimmten Fällen können die Behörden aber Ausnahmegenehmigungen erteilen, etwa für die Deutsche Bahn. Die hat sich inzwischen jedoch selbst vorgenommen, ihre Schienen ab 2023 ohne das Pflanzengift von Bewuchs freizuhalten. Und schon 2020 hatte sie ihren gesamten Herbidizeinsatz nach eigenen Angaben von früher mittleren zweistelligen Werten auf 1,3 Tonnen reduziert.
In der Landwirtschaft darf Glyphosat nur noch gespritzt werden, wenn vorbeugende Maßnahmen, wie die Wahl einer geeigneten Fruchtfolge, eines geeigneten Aussaatzeitpunktes, mechanischer Maßnahmen im Bestand oder das Anlegen einer Pflugfurche, nicht durchgeführt werden können und andere technische Maßnahmen nicht geeignet oder zumutbar sind. Zur Vorsaat- und Stoppelbehandlung ist Glyphosat nur noch erlaubt, um ausdauernde Unkräuter wie Ackerkratzdistel, Ampfer oder Quecke zu bekämpfen. Ein Einsatz kurz vor der Ernte zur Sikkation und Unkrautbekämpfung ist verboten. Auf Grünland darf das Gift partiell gegen Unkräuter eingesetzt werden, die für Weidetiere giftig sind. Zu Gewässern muss ein Abstand von fünf bis zehn Metern eingehalten werden.
Bereits im Juni wies der Bundesrat darauf hin, dass diese Regeln nicht ausreichen werden, um den Pestizidverbrauch - wie von der Europäischen Union beschlossen – bis 2030 zu halbieren. Er bat die Bundesregierung, in enger Abstimmung mit den Ländern weitere Vorschläge zum Schutz und zur Stärkung der Artenvielfalt zu erarbeiten. Glyphosat soll nach der Verordnung ab 1. Januar 2024 komplett verboten sein. Wenn nicht die Europäische Kommission die Zulassung für den Unkrautvernichter Ende kommenden Jahres verlängert. Denn dann, so heißt es in der Begründung, könnte eine Überprüfung der Verordnung erforderlich sein. [vef]

30.08.2021 |

Großbritannien: erster Feldversuch mit Crispr-Weizen

weizen 3 freilandversuch genehmigt Freilandversuch mit Gentechnik-Weizen genehmigt (Foto: Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Das britische Agrarministerium hat die europaweit ersten Feldversuche mit einem Weizen genehmigt, dessen Gene mit dem neuen Gentechnikverfahren Crispr/Cas verändert wurden. Das teilte das Forschungsinstitut Rothamsted Research (RRI) vergangene Woche mit, das den asparaginreduzierten Weizen ab September fünf Jahre lang jeden Herbst auf seinen Feldern nördlich von London pflanzen wird. „Dieser hochexperimentelle Weizen ist ein Risiko für die Landwirte und die Nahrungskette“, warnte das Verbändebündnis GM Freeze.
Nach Angaben des RRI haben die Wissenschaftler bei einem Weichweizen (Triticum aestivum) mittels alter und neuer Gentechnik das Gen TaASN2 ausgeschaltet. Dadurch produzierten die Pflanzen im Gewächshaus teils nur noch rund zehn Prozent der üblichen Menge der Aminosäure Asparagin. Asparagin verwandele sich beim Backen oder Rösten in das krebserregende Acrylamid, erläuterte Projektleiter Nigel Halford. Acrylamid „kommt in Brot vor und nimmt erheblich zu, wenn das Brot geröstet wird, ist aber auch in anderen Weizenprodukten und vielen pflanzlichen Lebensmitteln enthalten, die gebraten, gebacken, geröstet oder getoastet werden, einschließlich Chips und anderen Snacks, Bratkartoffeln und Kaffee“. In der europäischen Union gelten Grenzwerte für Acrylamid in Lebensmitteln.
Auf einem 1500 Quadrameter großen Versuchsfeld wollen die Forscher nun feststellen, wieviel Asparagin der genmanipulierte Weichweizen unter freiem Himmel produziert und wie die Genveränderung Ertrag und Proteingehalt der Pflanzen beeinflusst. Mittelfristiges Ziel sei es, solche Pflanzen zu selektieren, die keine Werkzeuge der alten Gentechnik mehr enthalten und damit nach Ansicht von Halford nicht mehr gentechnisch verändert seien. Obwohl es in Kürze losgehen soll, ist von der Feldversuchsreihe nach Angaben des RRI erst das erste Jahr finanziert. Wie berichtet kommt das Geld von einem staatlichen Fonds. Die Mittel für das Stipendium des Doktoranden, der die Weizenpflanzen gentechnisch veränderte, steuerten unter anderem fünf britische Weizenzüchter bei.
„Es ist schwer, das Denken zu verstehen, das Gentechnik-Entwickler zu der Entscheidung führt, dass die Verstümmelung der DNA einer Grundnahrungsmittelpflanze eine effektivere Reaktion auf die umstrittenen Gefahren von verbranntem Toast ist, als den Menschen beizubringen, wie man einen Toaster richtig benutzt“, spottete die Direktorin von GM Freeze, Liz O'Neill. Der Eingriff schädige das Weizengenom weit mehr als nur bei der Asparagin-Produktion. Die genetischen Mutationen seien nicht stabil, wirkten sich aber bereits negativ auf die Keimung aus und veränderten die Samengröße, warnte O‘Neill. Wie berichtet hatten Wissenschaftlerinnen von GM Freeze im Vorfeld bereits in einer ausführlichen Stellungnahme die Gefahren des Versuchs aufgelistet. So warnten sie unter anderem davor, dass die Pflanzen sich bei einem Versuchsanbau auf offenem Feld unkontrolliert ausbreiten könnten.
Die Forscher des RRI halten eine Auskreuzung des Gentech-Weizens für relativ unwahrscheinlich, da Weizen eine selbstbestäubende Kulturpflanze sei. Trotzdem verlangt das britische Agrarministerium, dass eine drei Meter breite Pollenbarriere um das Versuchsfeld herum angepflanzt wird. Andere Weizenfelder müssen einen Mindestabstand von 20 Metern haben. Der Feldversuch wird von staatlichen Inspektoren kontrolliert. Unbefugte müssen vom Gelände ferngehalten werden. [vef]

18.08.2021 |

Reismehlfall: tonnenweise Süß- und Backwaren zurückgerufen

Rce Rice (Photo: CC0)

Der Fall des in Frankreich gefundenen, gentechnisch verunreinigten Reismehls hat eine größere Dimension als bisher bekannt. Wie die Europäische Kommission dem Infodienst Gentechnik mitteilte, wurden insgesamt 500 Tonnen weißer indischer Bruchreis nach Europa importiert, zu Reismehl verarbeitet, weiterverkauft und unter anderem als Zutat von Schokolinsen und Backwaren in zahlreichen europäischen Ländern auf den Markt gebracht.
Aufgefallen waren die nicht zugelassenen, gentechnischen Bestandteile bei firmeninternen Kontrollen eines französischen Herstellers von Spezialmehlen, der die Behörden informierte. Die EU-Kommission meldete die französischen Funde in den hitzebehandelten Reismehlen „Westhove Rice H1 und L3“ bereits am 21. Juni im europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel RASFF. Von welcher gentechnisch veränderten (gv) Reissorte die gefundenen Bestandteile stammten, konnte nach Behördenangaben nicht ermittelt werden. Da gv-Reis in Europa generell nicht zugelassen ist, musste die Sorte auch nicht weiter spezifiziert werden, um einen Rückruf anordnen zu können. Hersteller der Westhove-Reismehlmischungen ist laut eigener Webseite das französische Unternehmen Limagrain-Ingredients. Schriftliche Fragen des Infodiensts Gentechnik zu dem Vorgang ließ Limagrain unbeantwortet.
Wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf Anfrage mitteilte, wurde das verunreinigte Westhove-Reismehl in drei europäische Länder und zwei Drittstaaten verkauft. Nach Deutschland sei es nicht gelangt, habe die Rückverfolgung ergeben. Allerdings habe Belgien einen Betrieb gemeldet, der 200 Tonnen des gleichen indischen Bruchreises, der auch an Limagrain geliefert worden war, an ein deutsches Unternehmen weiterverkauft habe, so das BVL. Das deutsche Unternehmen habe bei Eigenkontrollen jedoch keine gentechnische Verunreinigung der Ware feststellen können. Ferner habe der belgische Betrieb Teile des Bruchreises selbst zu 25 Tonnen Reismehl verarbeitet und an ein weiteres deutsches Unternehmen geliefert. Dieses Reismehl hat der belgische Betrieb nach Erkenntnissen des BVL bereits im Juni vollständig zurückgenommen. Außer den zurückgerufenen Schokolinsen von Mars (der Infodienst berichtete) gebe es keinen Hinweis, dass Lebensmittel in Deutschland gentechnisch verunreinigtes Reismehl enthalten, versicherte die Behörde.
Schlechter lief es da für die Italiener: Dort wurde eine nicht genannte Menge des verunreinigten französischen Westhove-Reismehls in elf verschiedenen Backwaren verarbeitet, die in mehrere EU-Mitgliedsstaaten exportiert wurden, teilte die EU-Kommission dem Infodienst mit. Sie mussten allesamt zurückgerufen werden. Außerdem sei man immer noch dabei zu ermitteln, ob möglicherweise weitere Lebensmittel mit diesem Reismehl hergestellt wurden.
Nicht vollständig aufklären ließ sich auch die Frage, wie der Rückruf der Schokolinsen von Mars mit den beschriebenen Vorgängen zusammenhängt. In einer zweiten RASFF-Meldung ist ersichtlich, dass die französischen Behörden kurz nach den obigen Funden bei firmeninternen Kontrollen selbst aktiv wurden und am 24. Juni bei offiziellen Marktkontrollen Reismehl beprobten. Nicht zu erfahren war, bei welchen Firmen sie diese Kontrollen durchführten. Jedenfalls fanden sie wie bei der ersten RASFF-Meldung in hitzebehandeltem Reismehl mit indischem Ursprung die gleichen gentechnischen Verunreinigungen. Insgesamt 144 Tonnen dieses Reismehls hatte Mars als Zutat in Schokolinsen verarbeitet, teilte die EU-Kommission mit. Dabei handele es sich um die gleiche Ausgangscharge wie bei den Backwaren. Mars selbst wollte zu seinem Lieferanten und weiteren Details keine Auskunft erteilen. Die betroffenen Schokolinsen wurden zurückgerufen. [vef]

12.08.2021 |

Gentechnisch verunreinigtes Reismehl in Schokolinsen

Reismehl Foto: 경빈마마 - http://blog.daum.net/kbmana/8878929, CC BY 2.0 kr, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66827696 Reismehl Foto: 경빈마마 - blog.daum.net/kbmana/8878929, CC BY 2.0 kr, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66827696

Weil er gentechnisch verunreinigtes Reismehl darin verarbeitet hat, ruft der Süßwarenhersteller Mars bestimmte Packungen seiner Schokolinsen M&M’s Crispy zurück. Französische Behörden hätten die Verunreinigung entdeckt, als sie Reismehl kontrollierten, das ein Unternehmen mit Sitz in Holland an Mars geliefert habe, teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf Anfrage mit.
Laut europäischem Schnellwarnsystem für Lebensmittel RASFF waren die Proben in Frankreich bereits am 24. Juni genommen worden. Im Labor seien „drei verschiedene genetische Elemente in geringen Mengen und vergleichbaren Konzentrationen nachgewiesen“ worden, so das BVL. „Diese Elemente wurden häufig für die Entwicklung von GVO (= gentechnisch veränderte Organismen) verwendet.“ Es konnte jedoch keine spezifische, gentechnisch veränderte (gv) Reislinie oder eine andere Pflanzenspezies bestimmt werden, von der die Verunreinigung stammt, so die Information der Behörde aus dem Analysebericht. Hersteller Mars geht jedenfalls davon aus, dass es sich um eine Reislinie und keine andere Pflanze handelt. „In jedem Fall ist für Reis nach EU-Recht kein GVO zugelassen, so dass die Produkte zurückgerufen werden müssen“, schrieb eine Unternehmenssprecherin dem Infodienst.
Auf die beiden Reisevents LLRICE 62 und LL601, die bereits im Jahr 2006 konventionelle Reislieferungen in Europa und den USA verunreinigt hatten, testeten die Kontrolleure nach BVL-Angaben vergeblich. Die beiden Reis-Events sind gegen das damals vom Agrarchemiekonzern Bayer produzierte Herbizid Liberty Link (Wirkstoff Glufosinat) resistent. Obwohl der Langkornreis LL 601 in den Jahren 1998 bis 2001 in den USA nur zu Versuchszwecken angebaut worden und nirgends auf der Welt zum Verzehr zugelassen war, war er ab 2003 allerorten in konventionellen Reischargen gefunden worden, berichtete damals unter anderen der Infodienst Gentechnik. Auch auf gv-Soja wurde das Reismehl dem Vernehmen nach aktuell vergeblich getestet.
Mars war nach eigenen Angaben vom Lieferanten des Reismehls informiert worden, dass die französischen Kontrolleure in der gelieferten Charge gentechnische Verunreinigungen gefunden hatten. Außerdem informierte Frankreich die Europäische Union, die den Vorgang am 4. August zeitgleich mit dem Rückruf der Schokolinsen durch Mars im Schnellwarnsystem RASFF veröffentlichte. In 20 Länder weltweit hatte Mars die M&M’s Crispy mit bestimmten Mindesthaltbarkeitsdaten aus seinem Werk im französischen Haguenau vertrieben. Da die Süßigkeiten jedoch nicht in allen Ländern bereits in den Handel gelangt waren, seien nicht überall Rückrufe gestartet worden, so eine Unternehmenssprecherin. In Deutschland betrifft die Lebensmittelwarnung alle Bundesländer. Wie Mars weiter versicherte, sei die gesamte Produktion mit diesem Reismehl gestoppt und alle Produkte, die mit der betroffenen Charge hergestellt wurden, zurückgehalten worden. Das verunreinigte Reismehl sei bei Mars ausschließlich für Schokolinsen verwendet worden, sagte die Sprecherin.

Welche Reissorte zu dem Mehl verarbeitet wurde und wo dieser Reis gewachsen ist, war bislang nicht in Erfahrung zu bringen. Auch zum Hersteller des Reismehls wollte Mars keine Angaben machen. „Wir werden mit dem Zulieferer der Zutat zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass zukünftig noch gründlichere Kontrollen durchgeführt werden, damit das Problem nicht wieder auftritt“, versicherte das Unternehmen. [vef]

06.08.2021 |

Bayer stellt weitere 3,5 Milliarden Euro für Glyphosatklagen zurück

Bayer-Monsanto: eine Hochzeit mit Folgen Bayer-Monsanto: eine Hochzeit mit Folgen

Die Bayer AG hat im zweiten Quartal 2021 weitere 3,5 Milliarden Euro in ihre Rücklagen eingestellt. Damit sollen die Klagen künftiger Krebspatienten gegen das glyphosathaltige Bayer-Herbizid Roundup abgedeckt werden. Durch die Rückstellung weist die Halbjahresbilanz des Konzerns einen Verlust von 246 Millionen aus.

Die erneute Rückstellung war notwendig geworden, nachdem es zu keinem Vergleich über mögliche künftige Fälle kam. Für diesen im Mai 2021 endgültig gescheitertenVergleich hatte der Konzern zwei Milliarden Euro eingeplant. Nun rechnet er mit wesentlich höheren Zahlungen. Allerdings setzt Konzernchef Werner Baumann große Hoffnungen in das höchste Gericht der USA, den Supreme Court. Ihn will Bayer noch im August anrufen, um die Schadensersatzklage von Edwin Hardemann abschließend zu entscheiden. In den zwei Instanzen zuvor war Bayer zu einem Schadensersatz von 25 Millionen US-Dollar verurteilt worden.

Sollte der Supreme Court das Verfahren annehmen, wolle man bis zur Entscheidung keine Vergleichsverhandlungen in Einzelfällen mehr führen, erklärte Bayer. Der Konzern hofft auf eine vorteilhafte Entscheidung „in Bezug auf übergreifende rechtliche Aspekte wie etwa der Vorrang von Bundesrecht, wodurch die Rechtsstreitigkeiten zu Glyphosat in den USA weitgehend beenden würden“. Sollte der Supreme Court das Verfahren nicht annehmen oder zu einer für Bayer negativen Entscheidung kommen, würde der Konzern „ein eigenes Programm aufsetzen, um mit Klagen und Ansprüchen umzugehen“. Die zurückgestellten 3,5 Milliarden Euro sind für dieses Programm gedacht.

Zu den von Bayer angesprochenen rechtlichen Aspekten zählt etwa die Frage, ob der Konzern überhaupt vor einer Krebsgefahr bei Roundup hätte warnen dürfen, wenn die Umweltbehörde EPA im Zulassungsverfahren ein Krebsrisiko explizit ausschließt. In einem neuen vierten Fall (Donella Stephens vs. Monsanto), der in dieser Woche in Kalifornien nach der Wahl der Jury mit den Eröffnungsstatements begann, war genau diese Frage Thema. Der Richter strich bereits im Vorfeld der Verhandlung diesen Klagepunkt von der Liste. Der Vorwurf, Monsanto hätte auf der Verpackung von Roundup vor der Krebsgefahr warnen müsse, wird im Fall Stephens nicht verhandelt, weil das Bundesrecht eine solche Warnung nicht zugelassen hätte. Stephens Anwälte werden deshalb einen anderen Vorwurf in den Mittelpunkt stellen und zu beweisen versuchen: Monsanto habe ein unsicheres Herbizidprodukt hergestellt und es wissentlich auf den Markt gebracht hat, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt hätten, dass Herbizide auf Glyphosatbasis Krebs verursachen können. Fast 70 Zeugen will die Jury in den nächsten acht Wochen hören. Allein die Liste an Studien, internen Monsanto-Dokumenten und anderen vorzulegenden Beweisen sei 250 Seiten lang, berichtete die US-Bürgerrechtsorganisation U.S. Right to Know in ihrer Prozessvorschau.

Durchaus verständlich, dass Bayer angesichts dieser Beweislage nicht alleine auf den Supreme Court setzt. Der Konzern teilte mit, dass er und seine Partner „von 2023 an die Glyphosat-basierten Produkte im US-Privatkundenmarkt durch Produkte mit neuen Formulierungen ersetzen werden, die alternative Wirkstoffe enthalten“. Dieser Schritt sei „ausschließlich der Minimierung von Rechtsrisiken geschuldet und reflektiert in keinerlei Hinsicht etwaige Sicherheitsbedenken“. Der größte Teil der bisher vorliegenden Klagen kamen von Privatkunden. An Landwirte will Bayer das Herbizid weiterhin verkaufen.

Glyphosat ist die größte, aber nicht die einzige Monsanto-Altlast, die Bayer übernommen hat. Eine Geschworenenjury in Seattle sprach vier Beschäftigten einer Schule Schadensersatz in Höhe von 185 Millionen US-Dollar zu. Sie hatten das von Monsanto hergestellte Umweltgift PCB (polychlorierte Biphenyle) für Hirnschädigungen verantwortlich gemacht. Bayer kündigte bereits an, in Berufung zu gehen. In einem weiteren, noch laufenden Verfahren wollen mehrere US-Städte 650 Millionen US-Dollar als Schadensersatz für PCB-verschmutzte Gewässer. Hier steuern die Parteien auf einen Vergleich zu, schreibt die Zeit. Das Geld dafür hatte der Konzern schon im letzten Jahr in seine Rücklagen eingestellt. Noch keine Risikovorsorge gibt es hingegen für zwei Anfang des Jahres eingereichte Investorenklagen. Ein US-amerikanischer und ein britischer Investor klagen vor dem Landgericht Köln gegen Bayer. Sie argumentieren, Bayer habe Prozessrisiken im Zusammenhang mit der Monsanto-Übernahme verschwiegen und damit kapitalmarktrechtliche Ad-hoc-Pflichten verletzt. Allein der US-Investmentfonds verlangt deshalb 37 Millionen Euro Schadensersatz. Bayer verweist auf vorliegende Gutachten, die dem Vorstand bestätigen, in dieser Hinsicht korrekt gehandelt zu haben.

Nach Mitteilung des Halbjahresergebnisses brach die Bayer-Aktie zeitweise um sechs Prozent ein. Das erstaunt, da die Rückstellung bereits eine Woche vorab mitgeteilt worden war. Vermutlich reagierten die Anleger damit darauf, dass zwar Bayers Umsätze im ersten Halbjahr deutlich stiegen, nicht aber der Ertrag. Über das um acht Prozent gewachsene Agrargeschäft des Konzerns schrieb das Handelsblatt: „Die operative Ertragsentwicklung dagegen ist weiterhin enttäuschend.“ Synergieeffekte aus der Monsanto-Übernahme und weitere Effizienzmaßnahmen seien bisher weitgehend verpufft. Dieses Verpuffen findet sich auch in den Halbjahreszahlen wieder. Der Konzern verbuchte ein Wertminderung seines Agrargeschäfts von 460 Millionen Euro. [lf]

04.08.2021 |

Großbritannien: Feldversuche mit Gentech-Weizen gescheitert

Weizenpflanzen des Pilton-Projekts im Gewächshaus. Foto: Alexander Schlichter Weizenpflanzen des Pilton-Projekts im Gewächshaus. Foto: Alexander Schlichter

Die Forscher des britischen Rothamsted Research-Instituts (RRI) griffen schon mehrfach ins Weizengenom ein: Mit warnenden Duftstoffen sollten die Pflanzen Blattläuse vertreiben, aufgrund verbesserter Photosynthese mehr Körner tragen und jetzt wollen die Wissenschaftler ein Eiweiß eliminieren, damit nach dem Backen des Brotes kein Krebs drohe. Da auf dem Feld aber noch nichts dergleichen funktioniert hat, haben fast 30 gentechnikkritische Gruppen die britischen Behörden aufgefordert, das nutzlose Eiweißexperiment nicht auf den Acker zu lassen.
„Die Forschung befindet sich in einem frühen Stadium und sollte in einer geschlossenen Umgebung durchgeführt werden“, schrieben die Mitglieder der Kampagne GM Freeze (dt. Gentechnik stoppen) im Juli an das britische Agrarministerium. Mithilfe alter Gentechnik und Crispr-Cas seien Weizengene so verändert worden, dass im Korn weniger von der Aminosäure Asparagin entstehe, die sich bei großer Hitze in krebserregendes Acrylamid verwandele, erläutert das RRI. Die Wissenschaftler von GM Freeze bezweifeln diese Zusammenhänge.
Außerdem seien die Risiken eines solchen Feldversuchs nicht ausreichend bewertet worden, warnen die Umwelt- und Ökoverbände sowie Initiativen gegen Agro-Gentechnik. Es bestehe die Gefahr, dass der gentechnisch veränderte Weizen in die Natur getragen werde und sich dort mit anderen Pflanzen kreuze, wie der in der Gegend verbreiteten Quecke. Da der Weizen auch glufosinatresistent ist, könnten so robuste Unkräuter entstehen. Außerdem könnten Lieferungen von konventionellem Weizen verunreinigt und damit unverkäuflich werden, kritisiert das Bündnis. Ferner sei nicht geprüft worden, ob die veränderte Zusammensetzung der Pflanzen sicher sei oder möglicherweise Allergien hervorrufe. Im Übrigen werde Weizen, der weniger freies Asparagin enthalte, wahrscheinlich keinen signifikanten öffentlichen Nutzen bringen.
Das Rothamsted Research-Institut (RRI) weist die Kritik in einem umfangreichen Frage-Antwort-Katalog auf seiner Webseite zurück. Sollte der Feldversuch in Kooperation mit der Universität von Bristol auf 1500 Quadratmeter Fläche genehmigt werden, soll er nach Angaben des Instituts bis 2026 dauern. Davon sei das erste Jahr durch den staatlichen Biotechnology and Biological Sciences Research Council’s Super Follow-on Fund (BBSRC) finanziert, der biotechnologische Forschung unterstützt. Weitere Gelder werden gesucht. Die britischen Behörden werden offenbar in den nächsten Wochen über den Freisetzungsantrag entscheiden. Das RRI setzt darauf, dass Gentechnikregeln in Großbritannien infolge des Brexit bald weniger streng sein werden. Doch schon bei früheren Verfahren hatte GM Freeze vergeblich gegen die Feldversuche argumentiert.
So hatte das RRI von 2016 bis 2019 Weizen angepflanzt, bei dem mittels Gentechnik die Photosynthese verbessert worden war – jedenfalls im Gewächshaus. „Aber wie unzählige andere experimentelle gentechnisch veränderte Pflanzen versagten sie auf dem Feld“, berichtet die Organisation GMWatch vom Projekt der Universität von Essex, dessen ernüchternde Evaluation auf einer weniger bekannten staatlichen Webseite versteckt war. Kosten dieses gescheiterten Experiments: fast 700.000 Pfund Sterling an Steuermitteln (rund 820.000 Euro). Auch dieses Geld stammte unter anderem von der BBSRC. GMWatch fordert, solche Forschungsergebnisse transparenter zu machen, damit Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger besser erkennen könnten, „ob es wünschenswert ist, noch mehr öffentliche Gelder in die GEN-Forschung zu leiten“.
Weizen, Crispr-Cas – gabs da nicht auch ein groß propagiertes Projekt in Deutschland? Hier wollte der Bundesverband der Pflanzenzüchter (BdP) eigentlich diesen Sommer darüber informieren, ob Weizenpflanzen mittels neuer Gentechnik so verändert werden können, dass ihnen verschiedene Pilzerkrankungen nicht schaden können. An dem 2020 gestarteten, sogenannten Pilton-Projekt sind 55 Unternehmen beteiligt, darunter Größen wie Bayer CropScience und Syngenta. Die Pflanzen seien stabil mit Crispr-Cas verändert worden, teilte eine BdP-Sprecherin auf Anfrage mit. Die Nachfolgegeneration stehe jetzt im Gewächshaus. Über den Sommer werde mit mehreren Schadpilzen getestet, ob der Weizen dagegen resistent ist. Ergebnisse sollen im Frühherbst veröffentlicht werden. Ob sich die dann auch auf den Acker übertragen lassen, wird vorerst offenbleiben. [vef]

29.07.2021 |

Bayer muss Strafe für Kritiker-Listen zahlen

Bayer Crop Science Division Office Headquarters, Foto: Tony Webster, https://bit.ly/2YtecDN, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ Bayer Crop Science Division Office Headquarters, Foto: Tony Webster, https://bit.ly/2YtecDN, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Die französische Datenschutzbehörde CNIL hat die Bayer-Tochter Monsanto zu 400.000 Euro Bußgeld verurteilt. Sie wertete das geheime Anlegen von Listen mit den Daten von Wissenschaftlern, Journalisten und Aktivisten als Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung. Aus Deutschland sind keine entsprechenden Verfahren bekannt.

Im Mai 2019 berichteten französische Medien darüber, dass die Bayer-Tochter Monsanto in den Jahren 2016 und 2017 von der Agentur FleishmanHillard Listen mit Hunderten Wissenschaftlern und Politikern, Verbraucherschützern und Journalisten hatte erstellen lassen. Die französische Nachrichtenagentur AFP, von der einige Journalisten ebenfalls auf der Liste standen, bezeichnete Monsantos Vorgehen damals als inakzeptabel und beschwerte sich bei der Datenschutzbehörde CNIL.

Diese fasste die insgesamt bei ihr eingegangenen sieben Beschwerden zusammen und beendete das Verfahren jetzt nach zwei Jahren mit einem Bußgeldbescheid über 400.000 Euro. Zwar sei es nicht illegal, Kontaktdateien zu Lobbyingzwecken anzulegen, schrieb die Behörde. „Doch müssen die in die Liste aufgenommenen Personen über die Existenz der Datei informiert werden, damit sie ihre Rechte, insbesondere ihr Widerspruchsrecht, wahrnehmen können“. Dieser Pflicht aus der Datenschutz-Grundverordnung sei Monsanto erst nachgekommen, nachdem Medien über diese Datei berichtet hatten. Zudem hätte Monsanto in seinen Verträgen mit der beauftragten Agentur Vorgaben zur Datensicherheit machen müssen. Dies sei nicht geschehen.

Die Datenschutzbehörde habe „keinerlei unangemessenen Einfluss auf Gesetzgebungsprozesse, illegale Überwachung von Stakeholdern oder irgendwelche anderen illegalen Lobbyaktivitäten" nachgewiesen“, kommentierte Bayer laut Spiegel das Bußgeld. Es sei lediglich kritisiert worden, dass die aufgelisteten Personen nicht benachrichtigt worden seien. Allerdings findet sich in der Mitteilung der CNIL kein Hinweis darauf, dass die Behörde über das Anlegen der Liste hinaus Lobbyaktivtäten von Bayer überhaupt untersucht hat. Die Datenschützer teilten lediglich mit, dass jede Person in der Liste ein bis fünf Punkte erhalten hatte, um ihren Einfluss, ihre Glaubwürdigkeit und ihre Unterstützung für Monsanto bei verschiedenen Themen wie Pestiziden oder gentechnisch veränderten Organismen zu bewerten.

Kurz nach den Enthüllungen in Frankreich wurde bekannt, dass Monsato auch in Deutschland und anderen Ländern Listen hatte erstellen lassen. Insgesamt 1.475 Personen aus zehn Ländern sowie von EU-Institutionen waren betroffen. Obwohl es Beschwerden auch in anderen Ländern gab, wurden anscheinend bisher keine weiteren Bußgelder verhängt. Im GDPR Enforcement Tracker, der Urteile mit Bezug zur Datenschutz-Grundverordnung sammelt, ist die französische Entscheidung die einzige. Das Umweltinstitut München hatte sich 2019 über die Sammlung von Daten von drei Mitarbeitern durch Monsanto bei der nordrhein-westfälischen Datenschutzbehörde beschwert und die Löschung dieser Daten verlangt. „Die Behörde schrieb uns, dass sie keinen Anlass sieht, tätig zu werden“, berichtet Jurek Vengels, Vorstandsmitglied des Instituts. [lf]

26.07.2021 |

Philippinen: „goldener“ Reis und Gentech-Aubergine zugelassen

Gold Goldener und weißer Reis (Foto: IRRI Photos/flickr.com)

Vom kommenden Jahr an soll Saatgut für gentechnisch veränderten „goldenen“ Reis an ausgewählte philippinische Bauern verteilt werden. Wie das philippinische Agrarministerium vergangene Woche mitteilte, habe es genehmigt, das Saatgut kommerziell zu vermehren. Nach Angaben des internationalen Reisforschungsinstitut IRRI sind die Philippinen das erste Land der Welt, das den Anbau des Beta Carotin-haltigen Reises erlaubt.
Derzeit werden gemeinsam mit lokale Akteuren Gemeinden ausgesucht, wo viele Menschen unter Vitamin A-Mangel leiden. Denn die Wissenschaftler des IRRI gehen davon aus, dass der menschliche Körper das im Gentech-Reis enthaltene Beta-Carotin in Vitamin A umwandeln kann. Etwa jedes fünfte Kind aus den ärmsten Gemeinden der Philippinen leide an Vitamin-A-Mangel, schreibt das IRRI. Weltweit mangele es schätzungsweise 190 Millionen Kindern an dem Vitamin, das für Sehkraft und Immunsystem wichtig ist. Der mit einem Maisgen veränderte gelbe Reis könne den besonders bedürftigen Kleinkindern bis zu 50 Prozent des geschätzten durchschnittlichen Bedarfs an Vitamin A liefern, so das auf den Philippinen angesiedelte Institut.
Das ist jedoch umstritten. So vermisste das Münchner Institut Testbiotech belastbare Daten, wieviel Betacarotin der Körper unter den Bedingungen einer Mangelernährung aus dem gv-Reis überhaupt aufnehmen und umwandeln kann. Weitere Kritikpunkte wie ein geringerer Ertrag beim Einkreuzen in heimische Sorten seien inzwischen behoben, versicherte das IRRI. Es werde ein umfassendes Qualitätssicherungssystem eingerichtet, „das die gesamte Wertschöpfungskette von der Saatgutproduktion über die Verarbeitung nach der Ernte bis hin zur Vermarktung abdeckt", kündigte das Reisforschungsinstitut der philippinischen Regierung an. Die neuen Sorten müssten noch durch den National Seed Industry Council registriert werden.
Schäden für Umwelt oder Gesundheit befürchten die Behörden offenbar nicht: Die zuständigen Ministerien hätten die biologische Sicherheit des gv-Reises geprüft, bevor er genehmigt worden sei, so das philippinische Agrarministerium. Eine philippinische Vereinigung von Bauern-, Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Gruppen bezweifelt das: Nachfragen bei den einzelnen Ministerien hätten keine Hinweise auf eine substanzielle Überprüfung und unabhängige Bewertungen der gesundheitlichen, kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen und Risiken des gv-Reises erbracht, kritisierte die Organisation Masipag. Außerdem machten die Befürworter des Carotinreises ihre wissenschaftlichen Ergebnisse und Berichte nicht ausreichend transparent.
Nach Ansicht von Masipag löst der gv-Reis nicht die eigentlichen Probleme: Menschen seien vor allem deshalb unterernährt, weil sie aufgrund von Armut und veränderten Produktionsbedingungen keinen ausreichenden Zugang zu nahrhaften und sicheren Lebensmitteln hätten. GV-Pflanzen förderten jedoch nur agrarindustrieabhängige Monokulturen. Die Vereinigung ruft deshalb zu Protesten gegen die „übereilte“ Genehmigung auf. Auch die Umweltorganisation Greenpeace verlangt, den Bescheid zurückzunehmen. Angesichts des Klimanotstands fordert Greenpeace das Agrarministerium auf, die Bauern durch widerstandsfähige Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme wie den Ökolandbau zu unterstützen, der den Filipinos mannigfaltiges Getreide, Obst und Gemüse für eine vielfältige Ernährung biete, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten.
Doch die philippinischen Behörden lassen sich in ihrer Gentechnik-Offensive offenbar nicht beirren. Neben dem gelben Reis genehmigte das Agrarministerium vergangene Woche auch eine Aubergine als Lebens- und Futtermittel, die mittels Bacillus thuringiensis gegen den Auberginenbohrer (Leucinodes orbonalis) resistent gemacht wurde. Masipag und die Umweltorganisation Greenpeace hatten eine Petition dagegen eingereicht, weil sie die Bt-Auberginen nicht für sicher halten. Trotzdem kann das Gemüse jetzt beispielsweise aus Bangladesh importiert werden. Denn dort ist bereits sein Anbau erlaubt.
Auch für den gv-Reis rechnet das IRRI in Bangladesch in Kürze mit einer Anbaugenehmigung. Außerdem arbeiten die Wissenschaftler aktuell an einer Reislinie, welche die Mikronährstoffe Eisen und Zink enthält. Ihr Ziel: ein Reisevent mit Dreifachversorgung. Von insgesamt 30 gv-Reissorten in der Entwicklungspipeline sprach Masipag bereits 2020. Mit Pflanzenvielfalt in der Agrarlandschaft haben die Verbände aber wohl etwas Anderes gemeint. [vef]

20.07.2021 |

In Belgien wachsen Gentech-Pappeln

Pappel Baum Bäume Foto: sonnentau / flickr, 2007 Pappel, bit.ly/2bn1uSK, creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0

Belgische Forscher dürfen vier Jahre lang Pappeln anbauen, deren Ligningehalt durch das Verfahren Crispr/Cas9 gentechnisch verändert wurde. Dadurch sollen sich die Bäume leichter zu Papier oder Ethanol verarbeiten lassen. Die Idee ist nicht neu, doch bisher waren die Versuche, industrietaugliche Bäume zu entwickeln, wenig erfolgreich.

Das Holz von Bäumen besteht aus einer Mischung von Lignin, Hemizellulose und Zellulose, wobei das Lignin für die Festigkeit des Holzes sorgt. Um aus Zellulose Papier oder Ethanol (Alkohol) herstellen zu können, muss das Lignin zuvor aufwändig entfernt werden. Wissenschaftler des Flämischen Instituts für Biotechnologie (VIB) haben mit Crispr/Cas9 in Pappeln die Bildung eines Enzyms teilweise blockiert, das die Pflanze benötigt, um Lignin zu produzieren. Die gentechnisch veränderten Pappeln bildeten 19 bis 25 Prozent weniger Lignin und dafür 8 bis 13 Prozent mehr Cellulose, heißt es in der Beschreibung des Freisetzungsversuchs. Allerdings wuchsen die Pappeln bisher nur im Gewächshaus des VIB unter kontrollierten Bedingungen. Nun wollen die Forscher herausfinden, ob sich die gentechnisch induzierten Eigenschaften auch in freier Natur ausbilden – und ob die Pappeln dort wachsen wie normal.

Genau das hat bisher nicht funktioniert. Bereits 2009 und 2014 hatten die VIB-Wissenschaftler Gentech-Pappeln ausgesetzt, bei denen sie (noch mit alter Gentechnik) andere Enzyme aus der Biosynthese von Lignin blockiert hatten. Die Pappeln konnten die guten Ergebnisse aus dem Gewächshaus nicht bestätigen. Die gentechnische Veränderung erwies sich als nicht besonders stabil und die Gentech-Bäume wuchsen langsamer als nicht veränderte Pappeln.

Dieses Mal pflanzen die VIB-Wissenschaftler zwei gentechnisch veränderte Linien und eine Kontrolllinie, die jeweils aus 48 Bäumen bestehen, in einer sogenannten Kurzumtriebsplantage – also dicht hintereinander in einer Reihe. Sie sollen 2025 abgeschnitten, gehäckselt, untersucht und verarbeitet werden. Ein besonderes Risiko sehen die Wissenschaftler nicht und argumentieren, eine veränderte Enzymaktivität könne auch durch natürliche Mutationen vorkommen. Allerdings könne „nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass die Modifikation an einer ungünstigen Stelle im Genom der Pappel erfolgt ist und sie infolgedessen noch einen anderen Effekt hat als nur eine Änderung des Lignins“. Auch könne angesichts der langen Generationszeit von Bäumen „nur schwer präzise vorhergesagt werden, welche langfristigen Auswirkungen die modifizierten Eigenschaften in der Natur haben“. Da die Gentech-Pappeln nur vier Jahre lang wachsen, sei eine Blüte und damit eine Weiterverbreitung der Eigenschaften über Samen unwahrscheinlich. Allerdings würden bei einem späteren kommerziellen Anbau diese Gentech-Pappeln nicht schon nach vier Jahren abgeholzt. Sie würden dann nach fünf bis acht Jahren zu blühen beginnen und der Pollen mit den geänderten Eigenschaften könnte sich unkontrolliert verbreiten.

Das belgische VIB ist nicht das einzige Institut, das an Gentech-Pappeln arbeitet. Auch das bundeseigene Thünen-Instititut für Forstgenetik forscht daran, Pappeln mit Crispr/Cas zu verändern. Die Universität von Umea in Schweden arbeitet zusammen mit dem Unternehmen SweTree Technologies an den verwandten Espen (Zitterpappeln). Hier sollen die gentechnischen Veränderungen vor allem das Wachstum beschleunigen. Deren aktueller Freisetzungsversuch wurde 2020 genehmigt. [lf]

Gehe zu Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 ...

*** Unterstützen Sie unsere Arbeit ***

Alle Informationen auf dieser Seite sind für Sie kostenlos, kosten aber trotzdem etwas. Unterstützen Sie den Infodienst - damit es auch weiterhin kritische Informationen zum Thema Gentechnik für alle gibt!
 Spenden-Infos hier

Newsletter bestellen

Schule und Gentechnik

Unterrichtsportal zum Thema Agro-Gentechnik: Einführung, Arbeitsblätter, Videos und mehr...

Eine Lehrerin hält ein Schild mit der Aufschrift Lehrer. Hier gibt es Informationen und Material zur Gentechnik für den Unterricht.
Ein Schüler hält ein Schild mit der Aufschrift Schüler. Hier gibt es Informationen, ein Quiz, Videos und mehr zum Thema Gentechnik für Schülerinnen und Schüler.

Infodienst-Material

Postkarten zum Thema Gentechnik. Ein Mädchen nascht von einer Torte und sagt Gutes Essen braucht keine Gentechnik.
Ein Landwirt hält Maiskolben im Arm und sagt Gen-Mais schmeckt mir nicht.

Hier bekommen Sie kostenloses Infomaterial zum Thema: Flyer, Postkarten, Newsletter, Newsticker...
 Bestellung

Nachrichten