25.05.2020 |

USA deregulieren die Zulassung von Gentechnik-Pflanzen

Justiz Gericht Gesetz Schild am Eingang eines Gerichts in Newcastle (Foto: smlp.co.uk / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)-+-

Das US-Landwirtschaftsministerium USDA hat neue Zulassungsregeln für gentechnisch veränderte Pflanzen veröffentlicht. Umwelt- und Verbraucherorganisationen warnen, dass künftig die Mehrheit der Gentechnik-Pflanzen in den USA ohne jede Zulassung angebaut werden könnte. Besonders kritisch sehen sie, dass die Saatgutkonzerne selbst entscheiden, ob eine amtliche Zulassung notwendig ist.

Das neue Gesetz geht auf einen Erlass von US-Präsident Trump vom Juni letzten Jahres zurück. Es sieht eine weitgehende Deregulierung vor für Organismen, die mit Hilfe neuer gentechnischer Verfahren hergestellt wurden. Doch auch für die alte Gentechnik gibt es Erleichterungen. Für sie gilt künftig, dass eine einmal als sicher eingestufte gentechnische Veränderung nicht mehr neu zugelassen werden muss, wenn sie mit anderen Veränderungen kombiniert oder in anderen Sorten eingesetzt wird.

Bei der Neuen Gentechnik können Pflanzen ohne Zulassung angebaut werden, wenn bei deren Herstellung nur Gene abgeschaltet wurden, nur ein Basenpaar geändert wurde oder die eingebaute Änderung im Genpool der Art vorkommt. Zulassungsfrei sind auch alle gentechnischen Veränderungen, die theoretisch durch konventionelle Züchtung erreicht werden könnten. Ob eine dieser Ausnahmen vorliegt, entscheidet allerdings nicht die für Gentechnik-Zulassungen zuständige Behörde APHIS, sondern das jeweilige Unternehmen selbst. Es kann sich bei APHIS durch eine Nachfrage rückversichern, muss das aber nicht tun.

Von einem „Selbstbedienungsladen“ sprach deshalb die Verbraucherorganisation Center for Food Safety (CFS). Sie kritisierte, dass das Ministerium sämtliche Probleme ausgeblendet habe, die gentechnisch veränderte Pflanzen bereits jetzt verursachen würden wie multiresistente Unkäuter, Schäden durch abdriftende Pestizide sowie GVO-Kontaminationen, die vielen biologisch oder gentechnikfrei wirtschaftenden Landwirten das Überleben schwer machten.

Das Center for Science in the Public Interest (CSPI) geht davon aus, dass die Mehrheit der gentechnisch veränderten Pflanzen künftig jeglicher Kontrolle durch das US-Landwirtschaftsministerium entzogen sein werden. „Die Regulierungsbehörden der Regierung und die Öffentlichkeit werden keine Ahnung haben, welche Produkte auf den Markt kommen und ob diese Produkte tatsächlich die Bedingungen für eine Befreiung von der Zulassung erfüllten“, sagte Gregory Jaffe, Projektleiter für Biotechnologie am CSPI. „Sie werden heimlich in unsere Lebensmittelversorgung zu einer Zeit eindringen, in der die Verbraucher mehr Transparenz wünschen.“ Dies werde zu Akzeptanzproblemen bei den Verbrauchern führen, weshalb sich sogar Lebensmittelhersteller für mehr Transparenz ausgesprochen hätten. Doch deren Kommentare zu dem bereits im letzten Jahr erstmals vorgestellten Entwurf hatte USDA ebenso ignoriert wie die Stellungnahmen von Umwelt- und Verbraucherschützern.

20.05.2020 |

EU-Kommissarin: vorerst keine neuen Regeln zur Agro-Gentechnik

Food Lebensmittel anders anbauen! (Foto: CC0)

Die EU-Kommission hat ihre Strategie ‚Vom Hof auf den Teller’ für eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung vorgestellt. Bis 2030 will sie den Pestizidverbrauch halbieren und den Biolandbau auf 25 Prozent steigern. Doch in der Strategie stehen immer noch die neuen gentechnischen Verfahren, die nach Meinung ihrer Kritiker überhaupt nicht nachhaltig sind.

In ihrer Mitteilung argumentiert die Kommission, der Klimawandel bringe neue Gefahren für die Pflanzengesundheit mit sich. In diesem Zusammenhang schreibt sie: „Neue innovative Techniken, einschließlich der Biotechnologie und der Entwicklung biobasierter Produkte, können bei der Steigerung der Nachhaltigkeit eine Rolle spielen, sofern sie für Verbraucher und Umwelt sicher sind und gleichzeitig Vorteile für die Gesellschaft insgesamt mit sich bringen.“ Mit diesen Techniken lasse sich auch „die Verringerung der Abhängigkeit von Pestiziden beschleunigen“. Mit 'innovative Techniken der Biotechnologie' meint die EU-Kommission neue gentechnische Verfahren wie die Gen-Schere Crispr/Cas.

Bei der Präsentation der Strategie betonte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides mehrfach, dass eine transparente Kennzeichnung zwingend notwendig sei, damit Verbraucher sich bewusst für nachhaltig erzeugte und gesunde Lebensmittel entscheiden könnten. Dabei nannte sie auch das EU-Gentechnikrecht als Beispiel. Kyriakides stellte klar, dass sie die Ergebnisse der Untersuchung zum Status der neuen Gentechniken im Lichte des EuGH-Urteils von 2018 abwarten werde, mit der die Mitgliedsstaaten die Kommission beauftragt hatten. Erst danach werde über mögliche Änderungen im Umgang mit diesen Methoden gesprochen.

„Gentechnik ist nicht nachhaltig, im Gegenteil. Europa braucht keine Gentechnik, weder alte noch neue genomische Techniken“, sagte dazu Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel Ohne Gentechnik (VLOG). „Gentechnik als angebliche Lösung für Klimakrise, mehr Nachhaltigkeit und weniger Pestizide ist ein altes, aber haltloses Heilsversprechen derjenigen, die gentechnisch veränderte Pflanzen verkaufen wollen.“ Innovationen seien wichtig, sollten aber bei echten Pestizid-Alternativen, Vielfalt, Regionalisierung, Fruchtfolgen, guter fachlicher Praxis und kluger Digitalisierung statt bei Gentechnik erfolgen, argumentierte Hissting.

Die Agro-Gentechnik bleibe ein blinder Fleck der EU-Kommission, kommentierte Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik des Umweltverbandes BUND. Sie forderte, dass es bei neuen gentechnischen Verfahren auch in Zukunft keine Aufweichung des geltenden Rechtsrahmens geben dürfe. „Auch neue Gentechnik muss weiter gekennzeichnet, risikogeprüft und rückverfolgt werden. Wahlfreiheit für Bäuerinnen und Bauern, für Lebensmittelunternehmen, den Handel und Verbraucherinnen und Verbraucher muss gesichert bleiben“, sagte von Broock.

Doch die Strategie ermögliche es weiterhin, das EU-Gentechnikrecht abzuschwächen, warnte Mute Schimpf, Kampaignerin bei Friends of the Earth Europe. Auch die Vorgaben für Pestizide und Massentierhaltung seien schwach, kritisierte Schimpf und folgerte daraus: „Die Führungskräfte des Agribusiness werden heute Nacht gut schlafen". Fördern dürfte den guten Schlaf die Mitteilung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zur neuen EU-Strategie. Sie äußerte sich insgesamt wenig begeistert, warnte vor einer zu starken Belastung der Landwirte und betonte, wie wichtig es sei, „Innovationen in der Landwirtschaft zu befördern, damit die Landwirte wirksame Instrumente an die Hand bekommen, Aufgaben zu erfüllen“. [lf]

14.05.2020 |

TTIP 2.0: Das Gentechnikrecht ist nicht verhandelbar

Trade Is TTIP a threat to consumers? (Photo: Rob 124/Flickr.com)

75 Verbände unter der Führung von Friends of the Earth Europe haben EU-Handelskommissar Phil Hogan geschrieben. Sie fürchten, dass die EU in den laufenden Handelsgesprächen mit den USA Zugeständnisse bei den Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Organismen machen wird. Die Kommission verneint das, will aber die Zusammenarbeit mit den USA in „innovativen Bereichen der Biotechnologie“ fördern.

Bereits im Februar machten in Brüssel Berichte über die TTIP 2.0 genannten und kurz vor dem Abschluss stehenden Handelsgespräche die Runde. Die EU-Kommission wolle auf Wunsch der USA neue gentechnisch veränderte Pflanzen schneller zulassen, berichtete das Magazin Politico und nannte zwei Jahre als maximale Verfahrensdauer. Da die Gespräche nach Medienberichten auch während der Pandemie weitergeführt wurden, wandten sich nun 75 europäische Verbände an Handelskommissar Hogan. Sie erinnerten ihn daran, dass das strenge EU-Zulassungsverfahren das Ziel habe, Menschen und Umwelt zu schützen und deshalb nicht zur Verhandlung stehen dürfe. Statt dessen müsse es verbessert werden, denn die Zulassungen beruhten „auf einer oberflächlichen wissenschaftlichen Bewertung, die wichtige potentielle Schäden ignoriert“. Darüber hinaus seien die EU-Zulassungen „das Ergebnis eines zutiefst undemokratischen Entscheidungsprozesses“, in dem die Kommission einseitig entscheide, ohne die Unterstützung einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedsstaaten und gegen die Einwände des Europäischen Parlaments. Die Verbände forderten die Kommission auf, die Sicherheitsbewertung gentechnisch veränderter Organismen (GVO) zu verbessern und das Urteil des Europäischen Gerichtshofs über den Geltungsbereich des Gentechnikrechts umzusetzen. Auch müsse die Kommission alle Versuche zurückweisen, GVO, die aus neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas stammen, von der Gentechnik-Gesetzgebung auszunehmen.

Die Organisation Testbiotech hatte bereits im März an die EU-Kommission geschrieben und ähnliche Befürchtungen geäußert wie nun die Verbände in ihrem Brief. Die Kommission versicherte in ihrer Antwort, dass Handelsabkommen „weder die Standards in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit noch den Inhalt der Risikobewertung oder die Geschwindigkeit der Risikobewertung ändern“. Das EU-Gentechnikrecht bleibe, wie alle anderen Rechtsvorschriften zur Lebensmittelsicherheit, „bei allen Handelsabkommen uneingeschränkt anwendbar“. Die Kommission räumte dabei ein, dass sie mit den USA regelmäßige Dialoge über die Biotechnologiepolitik führe, „um Informationen auszutauschen und die Zusammenarbeit in innovativen Bereichen der Biotechnologie zu fördern“. [lf]

11.05.2020 |

Dicamba erhöht das Krebsrisiko von Landwirten

Pestizid Gift auf dem Acker (Foto: pixabay, CC0, hpgruesen)

Landwirte, die das Herbizid Dicamba eingesetzt hatten, erkrankten häufiger an Leberkrebs als Kollegen, die das Spritzgift nicht anrührten. Das ergab eine Studie der US-Gesundheitsbehörde. Für die Dicamba-Hersteller Bayer und BASF kommt sie zur Unzeit, da die Umweltagentur EPA die Zulassung für deren Spritzmittel erneuern muss.

Die National Institutes of Health (NIH) hatten die Agricultural Health Study (AHS) neu ausgewertet. Für diese Langzeitstudie wurden in den Jahren 1993 bis 2005 die Daten von 57.000 Landwirten aus den US-Bundesstaaten Iowa und North Carolina aufgenommen. Neben dem Gesundheitszustand wurde auch erfasst, welche Pestizide die Landwirte wie häufig nutzten. Bis heute werden diese Landwirte regelmäßig ärztlich untersucht.

Die NIH-Wissenschaftler werteten die Daten von 50.000 Landwirten aus, von denen gut die Hälfte Dicamba eingesetzt hatten. Verglichen mit denen, die das Herbizid nicht verwendet hatten, erkrankten mehr Dicamba-Nutzer an Leberkrebs. Bei dem Viertel mit der intensivsten Nutzung stieg das Risiko auf das 1,8-fache. Die Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass es eine Reihe von Zell- und Tierversuchen gebe, die auf eine krebserregende Wirkung von Dicamba hindeuteten.

Diese Tierversuche hätten ergeben, dass Dicamba die Leberfunktion in einer Weise verändern könne, die bekanntermaßen Lebertumore entstehen lasse und in Kombination mit anderen Karzinogenen Leberkrebs fördere, schrieb ergänzend dazu die US-Umweltorganisation Center for Biological Diversity. Auch sei Dicamba dafür bekannt, DNA-Mutationen zu verursachen und oxidativen Stress hervorzurufen.
Die US-Umweltbehörde EPA hatte vor drei Jahren dicambahaltige Pestizide von Bayer und BASF zugelassen. Sie hielt es damals für unwahrscheinlich, dass das Spritzmittel beim Menschen Krebs verursachen könne. Seither hat sich der Einsatz des Wirkstoffes zusammen mit dicambaresistenten Gentech-Pflanzen von Bayer vervielfacht. Die Behörde habe „den weitverbreiteten Einsatz dieses Giftes in weiten Teilen des Landes genehmigt, ohne seine Sicherheit für Mensch und Umwelt zu gewährleisten“, kritisierte Nathan Donley vom Center for Biological Diversity. Ende des Jahres muss EPA die Zulassung der beiden Dicamba-Pestizide erneuern. Das Center for Biological Diversity hat zusammen mit anderen US-Organisationen gegen die Zulassung geklagt und erwartet in den nächsten Monaten eine Entscheidung. [lf]

07.05.2020 |

Der Umsatz mit Ohne Gentechnik - Lebensmitteln wächst weiter

Umsatzentwicklung von Lebensmittel mit Ohne Gentechnik-Siegel nach Produktbereichen von 2017 bis 2020. © 2020, Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG) Umsatzentwicklung von Lebensmittel mit Ohne Gentechnik-Siegel nach Produktbereichen von 2017 bis 2020. © 2020, Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG)

Die Deutschen haben 2019 rund 11,3 Milliarden Euro für Lebensmittel ausgegeben, die das Ohne Gentechnik – Siegel tragen. Gegenüber 2018 bedeute das eine Steigerung von 15 Prozent, meldete der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), der dieses Siegel vergibt. Für das laufende Jahr rechnet er mit einem weiteren Anstieg von mindestens fünf Prozent.

Die Zahlen beruhen auf Auskünften der Lizenznehmer des Ohne Gentechnik – Siegels. Diese Hersteller und Verarbeiter erzielten mit den ausgelobten Lebensmitteln einen Umsatz von 8,8 Milliarden Euro durch den Verkauf an den Einzelhandel. Durch dessen Marge und die Umsatzsteuer dürften die Endverbraucherpreise im Schnitt etwa 27 Prozent höher sein als die Herstellerumsätze, schätzt der VLOG und kommt so auf 11,3 Milliarden Euro. Damit machten Ohne Gentechnik – Produkte bereits über fünf Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus, schrieb der Verband. Zum Vergleich: Der Umsatz mit Bio-Lebensmittel im deutschen Handel lag 2019 bei 12,0 Milliarden Euro. Überschneidungen zwischen den beiden Segmenten gibt es kaum. Bio-Lebensmittel müssen sowieso gentechnikfrei hergestellt werden, so dass die allermeisten Bio-Hersteller keine zusätzliche Ohne Gentechnik – Auslobung verwenden.

Den größten Anteil an der Ohne Gentechnik – Herstellersumme von 8,8 Milliarden Euro haben mit 6,0 Milliarden Milch und Molkereiprodukte. Weitere 1,6 Milliarden steuerte Geflügelfleisch bei, während 850 Millionen Euro auf Eier entfielen. Den kleinen Rest teilen sich alle anderen Warengruppen wie etwa Schweinefeisch. „Im Vergleich zur Milch muss sich bei Schweinefleisch noch sehr viel bewegen, um auch hier endlich den Verbrauchererwartungen nach Ohne Gentechnik-Ware gerecht zu werden“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting. Denn anders als Verbraucher vermuten, würden immer noch 99 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine in Deutschland mit Gentechnik-Soja gefüttert. Rund drei Viertel aller deutschen Sojaimporte landeten in ihren Futtertrögen.

Der VLOG nutzte die Präsentation der Zahlen dazu, die EU-Kommission zu mahnen. Um den Verbrauchern auch in Zukunft Transparenz und Wahlfreiheit zu ermöglichen, müsse sie endlich aktiv werden und dafür sorgen, dass Nachweisverfahren für Produkte der neuen Gentechnik entwickelt würden, sagte Heike Moldenhauer, die den VLOG in Brüssel vertritt. Wirtschaftsbeteiligte und nationale Behörden müssten sie verlässlich aufspüren können. „Auch wenn es dabei mit Raps und Soja um bisher nur zwei Pflanzen geht, die erst in zwei Ländern angebaut werden: Unsere Mitglieder müssen sicher ausschließen können, dass über Importe aus den USA und Kanada gentechnische Verunreinigungen in ihre Warenströme gelangen“, erläuterte Moldenhauer. [lf]

04.05.2020 |

US-Umweltbehörde genehmigt Freisetzung von Gentech-Moskitos

Dengue Fieber Mücke Aedes aegypti - die Tigermücke gilt als Hauptüberträger des Dengue-Fiebers. Foto by James Gathany (PHIL, CDC) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die US-Umweltbehörde EPA hat dem britischen Unternehmen Oxitec erlaubt, zu Versuchszwecken in Florida und Texas insgesamt 1,2 Milliarden gentechnisch veränderte Mücken freizusetzen. Die beiden Bundesstaaten und die lokalen Behörden müssen noch zustimmen.

Beginnen soll der Versuch bereits in diesem Jahr in Florida. 2021 sollen die Mücken dann in Florida und in Texas ausgesetzt werden, insgesamt auf einer Fläche von 2000 Hektar. Weitere 700 Hektar würden als Kontrollfläche dienen. Freisetzen will Oxitec nur männliche Mücken, die so verändert wurden, dass deren weibliche Nachkommen absterben und nur die männlichen überleben – die diese Eigenschaft erben und beim nächsten Paarungsakt weitergeben. So will Oxitec die natürliche Population der Stechmücke Aedes aegypti drastisch reduzieren. EPA geht davon aus, „dass dies angesichts der wachsenden Resistenz gegen die derzeitigen Insektizide ein wirksames Instrument zur Bekämpfung der Ausbreitung bestimmter durch Mücken übertragener Krankheiten wie des Zika-Virus sein könnte“.

Aus den von der Behörde veröffentlichten Unterlagen gehen nur wenige Auflagen hervor, darunter ein Mindestabstand der Freisetzungsflächen von Zitrus-Plantagen von 500 Meter. Oxitec wird dazu verpflichtet, wöchentlich nach gentechnisch veränderten Mückenlarven zu suchen. Diese sollen zusätzlich ein Gen tragen, das sie floureszieren lässt, so dass sie einfach zu erkennen sind. Zusätzlich muss Oxitec einmal monatlich 150 nicht floureszierende weibliche Mücken analysieren. Sollte das Unternehmen dabei auf Mücken mit der gentechnischen Veränderung stoßen, muss das Unternehmen den Versuch sofort abbrechen und die Versuchsflächen mt Insektizden besprühen.

Die Verbraucherorganisation Center for Food Safety (CFS) hält ein solches Szenario für durchaus möglich. Jaydee Hanson, politischer Geschäftsführer von CFS wies gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg darauf hin, dass bei Laborversuchen drei bis vier Pozent der von männlichen Gentech-Mücken gezeugten weiblichen Nachkommen nicht wie geplant absterben, sondern überleben. Das könnte dazu führen, „dass sich Hybridmückenarten in der Umwelt etablieren, die veränderte Eigenschaften aufweisen könnten, darunter das Potenzial für eine verstärkte Krankheitsübertragung“, sagte Hanson gegenüber Bloomberg. CFS hatte bereits 2016 gewarnt, als Oxitec das erste Mal versuchte, Gentech-Mücken in Florida ferizusetzen, damals auf dem Höhepunkt der Medienberichte über eine Zika-Epidemie in Lateinamerika. Ende 2016 wurde wegen des Widerstands in der Bevölkerung die damals geplanten Freisetzung von Oxitec abgesagt. Im Herbst 2019 beantragte das britische Unternehmen mit einer neuen Generation von Gentech-Mücken den jetzt erlaubten Versuch. Die britische Organisation GeneWatch UK hatte sich letzten Herbst kritisch mit dem Antrag und den Ergebnissen einer ersten Freisetzung dieser neuen Oxitec-Mücken in Brasilien befasst. [lf]

28.04.2020 |

Bayer-Hauptversammlung: Die Probleme einfach ausgeblendet

Protestaktion von Inkota vor der Bayer-Hauptversammlung 2018 Foto: Fritz Schadow / INKOTA-netzwerk Protestaktion von Inkota vor der Bayer-Hauptversammlung 2018 Foto: Fritz Schadow / INKOTA-netzwerk

Als bisher einziger Dax-Konzern hat Bayer seine Hauptversammlung virtuell abgehalten. Auch die Proteste gegen den Konzern fanden überwiegend im Netz statt. Dort thematisierten zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft, wie das Unternehmen mit seinen Produkten Gesundheit und Umwelt gefährdet und die Menschenrechte missachtet.

Bayer sieht sich selbst auf dem richtigen Weg. Vorstand Werner Baumann sprach von einem strategisch und operativ erfolgreichen Geschäftsjahr 2019 und wertete die Zahlen für das erste Quartal 2020 als „guten Jahresauftakt.“ Die Aktionäre teilten mit großer Mehrheit diese Sicht. Anders als im letzten Jahr entlasteten sie den Vorstand mit 92 Prozent der Stimmen und genehmigten sich trotz Corona eine Dividende von 2,80 Euro je Aktie. Die Kritik daran, dass bei den Glyphosatklagen in den USA immer noch kein Vergleich geschlossen wurde, hielt sich in Grenzen. Man haben bei den Verhandlungen einige Fortschritte erzielt, „bevor der Ausbruch von Covid-19 auch dieses Thema überlagert und den Verhandlungsfortschritt damit erheblich verlangsamt hat", sagte Baumann.

In früheren Jahren wurden die Aktionäre vor der Hauptversammlung mit dem Protest der Zivilgesellschaft konfrontiert und mussten sich die Reden der Kritiker anhören. „Genetisch manipuliertes Saatgut, erdrückende Monopolpreise im Agrar- und im Pharma-Bereich, globale Umweltvergiftung durch Pestizide wie Glyphosat (Round Up) oder Dicamba, massive Steuerflucht“ und vieles mehr hatte die Coordination gegen BAYER Gefahren (CBG) in ihrem diesjährigen Protestaufruf aufgelistet. All diese Vorwürfe ersparte sich der Vorstand in diesem Jahr durch die virtuelle Hauptversammlung, bei der lediglich sechs Vorstände und Aufsichtsräte in gebührendem Abstand im Studio saßen und die vorher eingereichten Fragen nach eigenem Gusto auswählten und beantworteten. Das sei eine „drastische Beschneidung der Rechte von Minderheits-AktionärInnen und KonzernkritikerInnen“, kritisierte die CBG. Sie organisierte einen Live-Protest im Netz mit zahlreichen Beiträgen von Aktivisten, Bayer-Geschädigten, Politikern und Künstlern sowie einer kleinen Live-Demo vor den Bayer-Werkstoren in Leverkusen.

Bereits ab 23. April hatten CBG und andere Organisationen unter dem Hashtag #stopBayerMonsanto zu Online-Protesten aufgerufen. Im Rahmen der Kampagne legten das Inkota Netzwerk und Misereor einen Bericht darüber vor, wie Bayer (und BASF) in Brasilien und Südafrika Pestizide mit Wirkstoffen verkauft, die in der EU längst verboten wurden – weil sie so gefährlich für Mensch und Umwelt sind. „Mit solchen Doppelstandards missachtet Bayer seine unternehmerischen Verpflichtungen zur Einhaltung der Menschenrechte“, kritisierte Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor. „Anstatt den Export zu steigern, muss Bayer verpflichtet werden, die Pestizidproduktion insgesamt zu senken“, forderte Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik des Umweltverbandes BUND.

CBG hatte beantragt, Vorstand und Aufsichtsrat wegen des Geschäftsgebahrens nicht zu entlasten. Außerdem sollte die geplante Dividendenausschüttung auf 10 Cent je Aktie gekürzt werden. Statt dessen sollten die Gelder unter anderem verwendet werden „ für den Erhalt und die Schaffung sicherer und umweltgerechterArbeitsplätze und für die Zahlung sozial gerechter Löhne“ sowie „für einen Fonds zum angemessenen Ausgleich von Schäden, die infolge der Geschäftstätigkeit bei Mensch, Tier und Umwelteingetreten sind“. Diese Anträge wurden mit großer Mehrheit abgelehnt. [lf]

24.04.2020 |

Mehr als 100 Patentanträge für konventionelle Züchtungen

Patente Keine Patente auf herkömmliche Züchtung (Foto: Falk Heller/argum)

In den letzten beiden Jahren haben Saatgut-Konzerne beim Europäischen Patentamt mehr als 100 Anträge eingereicht, um sich konventionelle Züchtungen patentieren zu lassen. Noch sind diese Anträge nicht bewilligt. Doch das Patentamt hat schon bisher die rechtliche Vorgabe, wonach solche Patente unzulässig sind, missachtet.

Die Koalition Keine Patente auf Saatgut! hat die von Anfang 2018 bis Ende 2019 beim Europäischen Patentamt (EPA) eingegangenen Patentanträge auf Pflanzen und Pflanzenzüchtungen gesichtet. Über 100 davon betrafen konventionelle Züchtungen, die meisten entfielen auf Melonen, gefolgt von Spinat, Mais und Tomaten. Doch auch für Lauch, Artischocken, Auberginen, Bananen, Basilikum, Rüben, Brokkoli, Maniok, Blumenkohl, Sellerie, Baumwolle, Endivien, Kartoffeln und Reis lagen Anträge vor. Elf davon hat Keine Patente auf Saatgut! in einem Bericht genauer vorgestellt.

Demnach beansprucht die Firma Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS) rund 80 Pflanzenarten, die gegen eine Pilzkrankheit (Northern corn leaf blight), die unter anderem bei Mais auftritt, resistent sein sollen (EP3447135). Dabei hat KWS nach Ansicht von Keine Patente auf Saatgut! nichts erfunden, sondern lediglich eine DNA-Sequenz identifiziert, die bei der Abwehr des Pilzes eine Rolle spielt. Der niederländische Gemüsezüchter Rijk Zwaan beansprucht Endivien-Salatpflanzen, die nach einem Tauchbad in heißem Wasser nicht braun werden (EP3427575). Auch die Konzerne Bayer und BASF tauchen in der Liste mit Beispielen auf. Der Brauereikonzern Carlsberg hat erneut beantragt, eine konventionell gezüchtete Braugerste unter Patentschutz zu stellen. Er könnte dadurch Lizenzgebühren für jeden Liter Bier verlangen, der mit dieser Gerste gebraut wird.

Ein häufiges Muster bei den dargestellten Patentanträgen sieht so aus: Durch den Kontakt der Pflanzen mit Chemikalien oder Krankheitserregern werden zufällige Mutationen ausgelöst, die anschließend auf das gewünschte Resultat hin aussortiert werden. Dabei werde durch eine „Garnierung“ mit technischen Verfahren der Eindruck erweckt, dass es sich um Erfindungen handle, heißt es in dem Bericht.

Zwar hatte der Verwaltungsrat des EPA im Juni 2017 entschieden, dass keine weiteren Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere erteilt werden dürfen. Doch enthält dieser Beschluss immer noch Schlupflöcher, die es möglich machen, dass solche Patente beantragt und vom EPA auch bewilligt werden. Im Laufe des Jahres 2020 soll die Große Beschwerdekammer des EPA das Thema abschließend behandeln.

„Der Bericht von Keine Patente auf Saatgut! zeigt, wie die Konzerne versuchen, noch mehr Kontrolle über die Produktion von Lebensmitteln in Europa zu erhalten“, sagt Christoph Then von Testbiotech, der an der Recherche beteiligt war. Er fürchtet um die Freiheit von Züchtern und Landwirten, wenn die aktuellen rechtlichen Fragen nicht gelöst würden und weiterhin nicht klar zwischen technischen Erfindungen und zufälligen Verfahren wie der Mutagenese unterschieden werde. [lf]

21.04.2020 |

Die Koexistenz muss wieder auf die Tagesordnung

Eine Verunreinigung von 0,1Prozent bedeutet, dass pro Hektar 100 Gentechnik-Pflanzen wachsen. Eine Verunreinigung von 0,1% bedeutet, dass pro Hektar 100 Gentechnik-Pflanzen wachsen.(Photo:Simone Knorr)

Die offizielle Politik der EU geht davon aus, dass verschiedene landwirtschaftliche Produktionsweisen nebeneinander existieren können. Gentechnik, konventionell und bio. Friedlich, ohne dass die eine die andere dominiert oder negativ beeinflusst. Doch was tut die Politik dafür?

„Die unbequeme Wahrheit ist, dass es seit weit über einem Jahrzehnt keine sinnvollen Diskussionen, geschweige denn tragfähige Politiken gegeben hat, die sich damit befassen, wie die Koexistenz von zum Teil radikal unterschiedlichen Ansätzen der Nahrungsmittelproduktion tatsächlich gerecht, transparent und nachhaltig erreicht werden kann.“ So steht es in einem Bericht der britischen Organisation Beyond GM. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gesprächsräume für breit angelegte Debatten über Agro-Gentechnik zu schaffen. ‚A Bigger Conversation’ heißt diese Reihe, in der nun die Auswertung eines Gesprächs über Pflanzenzüchtung vorliegt, zu dem sich Gentechniker, Bio-Züchter und Saatgutunternehmen einen Tag lang in Brüssel getroffen hatten.

Dabei war die Koexistenz ein beherrschendes Thema, denn sie beginnt mit der Züchtung. So machten Bio-Züchter deutlich, dass mangelnde Regulierung und Transparenz bei den durch neue Gentechnik entwickelten Kulturpflanzen den Ökolandbau und damit auch ihre ökonomische Existenz beeinträchtigen könnten. Doch auch konventionelle Züchter wiesen auf das Problem hin, dass sie bald nicht mehr wissen könnten, bei welchen Zuchtlinien neue gentechnische Verfahren eingesetzt wurden. Noch größer würde dieses Nichtwissen später bei der Sortenberatung im Anbau.

Ein Beispiel dafür (im Bericht nicht weiter ausgeführt) ist die durch natürliche Mutation entstandene cytoplasmatisch-männliche Sterilität (CMS). CMS wird verstärkt in der Züchtung von Hybridpflanzen eingesetzt, wobei die Sterilität durch molekularbiologische Methoden in die Pflanzenzelle eingebracht wird. Im EU-Gentechnikrecht gelten diese Methoden explizit nicht als Gentechnik, müssen also nicht gekennzeichnet werden. Die Bio-Verbände jedoch lehnen diese Methoden ab. Allerdings lässt es sich in der Praxis kaum mehr zurückverfolgen, bei welchen Hybridsorten die vor allem bei Kohlarten weit verbreitete CMS-Methode eingesetzt wurde.

Bei der Frage, wie Transparenz, Rückverfolgbarkeit und damit eine Koexistenz von Anfang an gesichert werden könnten, gab es in der Diskussion den bekannten Dissens. Über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren sei es bei diesem ansonsten sachlichen und ruhigen Treffen „zu einer offenen Auseinandersetzung“ gekommen, heißt es im Bericht von Beyond GM. Die Organisation will sich in einem nächsten Schritt damit befassen, wie eine gleichberechtigte Koexistenz aussehen könnte und wie sie praktisch und politisch umgesetzt werden sollte. [lf]

17.04.2020 |

Auch neue Gen-Schere schneidet ungenau

DNA Sequenz Labor Foto: Scott Covington/USFWS, creativecommons.org/licenses/by/2.0

Von der als Crispr/Cas12a oder Cpf1 bekannten Gen-Schere hieß es, sie arbeite präziser als das übliche Crispr/Cas9 System. Wissenschaftler der Universität von Iowa haben nachgewiesen, dass auch die neue Schere zu zahlreichen Nebeneffekten führt.

Um die neue Gen-Schere zu testen, hatten die Wissenschaftler im Reagenzglas eine Art Übungsparcour aufgebaut mit vielen synthetisch hergestellten DNA-Molekülen. Diese enthielten Variationen der Gensequenz, die Crispr/Cas12a eigentlich editieren sollte. Dabei zeigte sich, dass die Schere auch an Stellen andockte und den DNA-Doppelstrang durchschnitt, die sich in bis zu vier DNA-Basenpaaren von der eigentlichen Ziel-Sequenz unterschieden. Das bedeutet, dass Crispr/Cas12a s eine große Anzahl von deutlich vom Zielort abweichende und eindeutig nicht übereinstimmenden Stellen beschädigte.
Gleichzeitig zeigte sich, dass die Schere auch an vielen Stellen andockte und nur einen der beiden Stränge durchschnitt, also eine Art Kerbe in die DNA schlug anstatt sie zu schneiden. Da auch diese Kerben vom Reparaturmechanismus der Zelle wieder geschlossen werden, kann es dadurch zu vielen nicht geplanten Mutationen kommen.

Die Wissenschaftler zogen aus ihren Ergebnissen den Schluss, dass Computerprogramme, die im Allgemeinen zur Vorhersage von Off-Target-Effekten von Crispr-Systemen verwendet werden, diese Art von unbeabsichtigten DNA-Einschnitten nicht erkennen können. Sie seien nur durch spezielle Nachweismethoden oder die Sequenzierung des gesamten Genoms des editierten Organismus nachweisbar. Gleichzeitig lieferten sie auch eine mögliche Begründung für diese unerwarteten Nebeneffekte. Schließlich sei es die natürliche Aufgabe von Cas12a, Bakterien gegen eindringende Viren zu verteidigen. Diese würden ihr Genom relativ schnell ändern, so dass es aus Sicht des bakteriellen Immunsystems sinnvoll sei, wenn die Gen-Schere neben der Zielsequenz auch ähnliche Gensequenzen attackiere. [lf]

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