18.03.2019 |

Genome Editing: USA lassen Vermarktung ohne Risikoprüfung zu

DNA Genom DNA-Modell der Ausstellung "Genome: The Secret of How Life Works" im Jahr 2012 (Foto: George Bush Presidential Library and Museum / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

Die Zulassung genom-editierter Pflanzen in den USA ist einfach. Es reicht in der Regel ein Schreiben an die Zulassungsbehörde, die binnen weniger Monate eine standardisierte Antwort gibt und den Anbau ohne Auflagen zulässt - bisher für mehr als 20 Pflanzen.

In keinem dieser Fälle habe die US-Landwirtschaftsbehörde APHIS eine eingehende Risikoprüfung verlangt, stellte die Organisation Testbiotech in einem Bericht fest. Dabei würden sich die freigegebenen Pflanzen in ihren Herstellungsverfahren, ihren Eigenschaften und ihren Risiken deutlich von denen aus herkömmlicher Züchtung unterscheiden.

Die Freigaben von APHIS umfassen Salat, Tomaten, Mais, Weizen, Soja, Kartoffel und andere Pflanzen. Zu den Antragstellern zählt auch das Max Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena, das gentechnisch veränderte Tabakpflanzen anbauen will. Bei knapp der Hälfte der von APHIS freigegebenen manipulierten Pflanzen wurden Inhaltsstoffe verändert. Bei anderen soll das geänderte Erbgut Vorteile bei der Verarbeitung bringen oder die Pflanze resistent gegen Krankheiten machen. Sehr viel steht in den öffentlich einsehbaren Anträgen allerdings nicht: „Die genaue Beschreibung der Zielgene ist in den meisten Fällen als vertrauliche Geschäftsinformation eingestuft“, schreibt Testbiotech. Auch sei der Stand der Entwicklung in der Regel nicht ablesbar. „Es lässt sich nur feststellen, dass die Anträge im Allgemeinen zu einem frühen Zeitpunkt gestellt werden“, heißt es in dem Bericht. Bekannt ist, dass das Unternehmen Calyxt 2018 in den USA mit dem Anbau von Sojabohnen mit verändertem Fettsäuremuster begonnen hat. 2019 sollen die Bohnen bereits auf 14.000 Hektar angebaut werden.

Testbiotech beschreibt in seinem Bericht, welche Veränderungen im Erbgut durch die Verfahren der Neuen Gentechnik hervorgerufen werden können. Diese würden sich „deutlich von denen unterscheiden, die mit herkömmlicher Züchtung erzielt werden“. So könnten Gen-Scheren wie CRISPR/Cas ganze Genfamilien auf einmal verändern, was mit bisheriger Züchtung nur schwer oder gar nicht zu erreichen sei. Entsprechend größer seien auch die mit diesen Veränderungen verbundenen Risiken. Doch diese Risiken werden in der Bewertung durch APHIS ausgeblendet. Denn die Behörde überprüft lediglich, ob die gentechnisch veränderten Organismen eine Gefahrenquelle für die Übertragung von Pflanzenkrankheiten darstellen oder als schädliches Unkraut gelten können.

Bei den in den USA zum Anbau freigegebenen Gen-Konstrukten seien Genom-Veränderungen dabei, die deutlich tiefer eingreifen als die klassische Gentechnik, schreibt der Umweltverband BUND und folgert daraus: „Deshalb muss die EU dringend dafür Sorge tragen, dass diese neuen Pflanzen nur nach Durchlaufen einer Risikoprüfung importiert werden können.“ Auch müsse die EU die Kennzeichnung der neuen Gentech-Pflanzen einfordern und sicherstellen. Alles andere wäre laut BUND „ein fahrlässiger Verstoß gegen geltendes EU-Recht und das europäische Vorsorgeprinzip“.
Doch um das Risiko prüfen und eine unerlaubte Vermarktung innerhalb der EU verhindern zu können, brauche es ein internationales Register gentechnisch veränderter Organismen (GVO). Dort müssten auch alle mit Neuer Gentechnik hergestellten Pflanzen und Tiere eingetragen werden, argumentiert Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik: „Ein passender Rahmen dafür wäre das internationale Abkommen über biologische Vielfalt, in dem bereits eine dafür geeignete Datenbank existiert.“ [lf]

11.03.2019 |

Bundesregierung investiert Millionen in Genome Editing

Geld Wohin fließen die Milliarden? (Foto: CC0)

Gerste, Weizen, Raps, Kartoffeln, Tomaten und Äpfel: Das sind nur einige der Pflanzen, deren Erbgut deutsche Wissenschaftler umschreiben wollen – mit tatkräftiger Unterstützung der Bundesregierung. Das zeigt deren Antwort auf eine Anfrage der Grünen im Deutschen Bundestag.

Im Mittelpunkt der von der Bundesregierung geförderten Projekte stehen meist konkrete Anwendungen; Risikoforschung spielt kaum eine Rolle. So fördert das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) Forschungen zur Beeinflussung der „Halmlänge des Weizens durch gezielte, genspezifische Mutagenese“ mit rund einer Million Euro. Laufzeit des Projektes: 2015 bis 2020. 1,6 Millionen Euro fließen in die Züchtung von pilzresistenten Maissorten „durch Kombination genetischer und molekularer Ressourcen mittels Präzisionszüchtung.“ Das Geld teilen sich der Saatgutkonzern KWS und drei Universitäten.
Auch an pilzresistenten Kartoffeln und Raps wird mit öffentlichen Geldern geforscht. Das BMEL fördert auch neue Gentechnik bei Tieren, etwa um Schweine resistent gegen die Schweinepest zu machen, Hühner zu züchten, die nur noch Eier mit weiblichen Küken legen oder Impfstoffe für Geflügel zu gewinnen. Als Alternative zur Kastration von Ferkeln soll eine „funktionelle Ausschaltung des Y- Chromosoms durch Gene Editing“ entwickelt werden. Insgesamt summieren sich die in den Anlagen zur Anfrage aufgelisteten Bewilligungen auf 12 Millionen Euro. Zusätzlich forscht das bundeseigene Julius-Kühn-Institut (JKI) zu Genome Editing, finanziert teilweise aus Institutsmitteln, teilweise durch Zuschüsse des Ministeriums. Einige dieser Projekte beziehen auch Sicherheitsaspekte mit ein.

Das Bundesforschungsministerium (BMBF) fördert Genome Editing bei Gerste, Weizen und anderen Getreidearten, bei Raps, Kartoffeln, Tomaten, Zuckerrüben, Äpfeln und Pappeln. Hinzu kommen Gelder für die Grundlagenforschung. Insgesamt addiert sich die Summe auf 33 Millionen Euro, die seit 2012 in die Agro-Gentechnik investiert wurden. Im Bundeswirtschaftsministerium addieren sich die bewilligten Fördergelder der letzten Jahre auf 1,2 Millionen. Zur Risikoforschung schreibt die Bundesregierung, dass bundeseigene Forschungseinrichtungen wie das Friederich-Löffler-Institut bei ihren Projekten „grundsätzlich auch Risiko- und Sicherheitsaspekte mit betrachten“. Im Geschäftsbereich des BMBF würden solche Projekte nicht gefördert. Mit Grundsatzfragen der Risikobewertung befassen sich mehrere Vorhaben, die das dem Umweltministerium unterstehende Bundesamt für Naturschutz fördert. Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren auch erhebliche Fördermittel in die konventionelle Pfanzenzüchtung gesteckt und einige Euro über das Bundesprogramm Ökolandbau auch in die ökologische Züchtung. Diese Zahlen finden sich ebenfalls in der Anfrage.

Durch Bundesmittel für universitäre Einrichtungen oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt die Bundesregierung Genome Editing mittelbar. So förderte das BMBFB in den letzten sieben Jahren mit insgesamt 30 Millionen Euro einen Cluster of Excellence on Plant Sciences (CEPLAS) mehrerer Universitäten und Forschungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Themen von CEPLAS sind neben anderen die „molekulare Züchtung von Pflanzen“ und die „Entwicklung synthetischer Pflanzen“. Auch die „Entwicklung von ‚Baukästen’ (tool boxes), um Pflanzeneigenschaften anhand molekularer Verfahren zu verbessern, ist auf der Webseite des Clusters unter Anwendungsperspektiven aufgelistet. Bis 2025 rechne CEPLAS mit weiteren 41 Millionen Euro Förderung, schrieb die gentechnikkritische Organisation Testbiotech. Aus diesen Summen zusammen mit der direkten Förderung ergebe sich „ein Fördervolumen von über 100 Millionen für aktuelle Projekte zur gentechnischen Veränderung von Pflanzen und Tieren, die freigesetzt werden und oft auch zur Nahrungsmittelerzeugung dienen sollen“. Über die Risiken werde jedoch kaum geforscht, monierte Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech. Für ihn zeigt die Förderpolitik der Bundesregierung ein grundlegendes Problem auf: Viele dieser Projekte seien gesellschaftlich nicht ausreichend legitimiert. „Angesichts der breiten Ablehnung der Bevölkerung gegenüber dem Einsatz der Gentechnik müssten bei der Vergabe der Forschungsprojekte auch zivilgesellschaftliche Akteure eingebunden werden, die beispielsweise für den Schutz von Mensch, Tier, Umwelt und Natur eintreten“, forderte Then.

„Die Bundesregierung hat ein gigantisches Ungleichgewicht zu Ungunsten der Sicherheits- und Risikoforschung im Bereich Gentechnik geschaffen“, fasste Harald Ebner, Gentechnik-Sprecher der grünenen Bundestagsfraktion, die Ergebnisse der Grünen–Anfrage zusammen. Weil sich mit Sicherheitsforschung nicht das große Geld verdienen lasse, sei es umso wichtiger, dass diese Aspekte mit öffentlichen Mitteln erforscht werden, sagte Ebner. Dringend gefördert werden müsse auch die Entwicklung von Methoden zur Nachweisbarkeit neuer Gentechnik.
Der Bio-Dachverband BÖLW sprach von einer „einseitigen Forschungsförderung“, die „dem klaren Willen von Markt und Gesellschaft zuwiderläuft“. Statt dessen solle die Bundesregierung im Bereich der Züchtungsforschung Schwerpunkte im ökologischen Bereich setzen, forderte der BÖLW.
Daniela Wannemacher, Expertin für Agro-Gentechnik beim Umweltverband BUND, sagte: „Die Gentech-Pflanzen und -Tiere will niemand essen“. Dagegen würden Verbraucher, Landwirte und die Natur von mehr Forschung für eine nachhaltige Landwirtschaft profitieren.
„Die stark wachsende Land- und Lebensmittelwirtschaft ohne Gentechnik zeigt, dass Bauern, Verarbeiter, Händler und Verbraucher gentechnikfreie Lebensmittel wollen“, kommentierte Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). „Doch die Bundesregierung investiert 100 Millionen Euro Steuergelder für eine Technologie, die in der Bevölkerung keine Akzeptanz hat.“ [lf]

07.03.2019 |

EU-Lebensmittelbehörde muss Glyphosatstudien veröffentlichen

Gericht EU Foto: Gerichtshof der Europäischen Union

Das Gericht der Europäischen Union hat entschieden: Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA muss geheimgehaltene Studien der Industrie über den Unkrautvernichter Glyphosat freigeben. Die Informationen über die Wirkungen des Herbizids seien wichtiger als der Schutz von Geschäftsinteressen, stellten die Richter fest.

Vier grüne Europaparlamentarier hatten bei der EFSA Zugang zu zwölf Studien der Glyphosathersteller Monsanto und Cheminova verlangt, die sich mit dem Krebsrisiko des Wirkstoffs befassten. Konkret wollten sie die Teile der Studien sehen, die sich auf „Material, Versuchsbedingungen und Methoden“ sowie „Ergebnisse und Analyse“ bezogen. Begründet hatten sie ihre Forderung mit der Århus-Verordnung der EU. Sie gewährt Unionsbürgern Zugang zu Umweltinformationen, die „Emissionen in die Umwelt“ betreffen. Die Behörde hatte die Herausgabe der Studien verweigert und dies damit begründet, dass eine Veröffentlichung die Geschäfts- und Finanzinteressen der Hersteller gefährden würde. Außerdem liege kein überwiegendes öffentliches Interesse vor und die angefragten Studienteile seien auch keine Emissionen im Sinne der Århus-Verordnung. Gegen diese EFSA-Entscheidung hatten die vier Parlamentarier geklagt – und in vollem Umfang Recht bekommen.

Die Richter werteten das Ausbringen zugelassener Pestizide als Emission im Sinne der Århus-Verordnung. Sie stellten darüber hinaus klar, dass mit Emissionen nicht nur Informationen darüber gemeint seien, was in die Umwelt freigesetzt werde. Das Interesse der Öffentlichkeit bestehe gerade darin, „zu verstehen, in welcher Weise die Umwelt durch die fraglichen Emissionen beeinträchtigt werden kann“, schrieben die Richter. Deshalb müsse die Öffentlichkeit Zugang zu Informationen über die mehr oder weniger langfristigen Folgen dieser Emissionen haben. Dieses öffentliche Interesse wiege schwerer als der Schutz der geschäftlichen Interessen einer Firma. Mit einer direkten Veröffentlichung der Studien ist allerdings noch nicht zu rechnen. Gegen das Urteil kann die EFSA innerhalb von zwei Monaten Widerspruch beim Europäischen Gerichtshof einlegen.

„Es ist amtlich: die sagenumwobenen geheimen Studien, die die angebliche Unbedenklichkeit des Pflanzenvernichters Glyphosat nachweisen, hätten nicht geheim bleiben dürfen“, kommentierte der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling. „Das Urteil ermöglicht es unabhängigen Wissenschaftlern, die Giftigkeit von Glyphosat anhand von öffentlich zugänglichen Studien neu zu beurteilen“, sagte seine Kollegin Maria Heubuch. „Wieder einmal stellt ein Europäisches Gericht klar: Gemeinwohlinteressen haben in der europäischen Gesetzgebung Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen“, freute sich Florian Schöne, Geschäftsführer des Umweltdachverbands Deutscher Naturschutzring. Die Bundesregierung sei nun gefordert, den Glyphosat-Ausstieg auf nationaler und europäischer Ebene auf den Weg zu bringen. „Das Gefeilsche um möglichst minimale Anwendungseinschränkungen und Zulassungsverlängerungen Glyphosat-haltiger Herbizide für die Landwirtschaft muss ein Ende haben“, sagte Schöne. [lf]

06.03.2019 |

UNO warnt vor Vererbungsturbo bei Gentech-Tieren

Biokraftstoff Labor Synbio Bakterien sollen Biokraftstoffe herstellen (Foto: Argonne National Laboratory / Flickr, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0)-+-

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hat in einem Bericht fünf unterschätzte Umweltrisiken vorgestellt. Eines von ihnen ist die synthetische Biologie, also das Herstellen neuer Organismen mit Hilfe von Genome Editing Verfahren. Dafür brauche es dringend rechtliche und ethische Vorgaben, mahnt UNEP.

Bisher habe sich synthetische Biologie auf geschlossene Systeme beschränkt, heißt es in dem UNEP-Bericht. Als Beispiele nennt er Bakterien und Hefen, die so verändert wurden, dass sie in abgeschlossenen Systemen Biotreibstoff, chemische Rohstoffe oder Arzneimittel herstellen. Doch nun würden zunehmend Freisetzungen in die Umwelt geplant. Dabei bezieht sich der Bericht nicht auf Nahrungspflanzen, die mittels Gen-Scheren wie CRISPR/Cas verändert wurden. Der Focus liegt vielmehr auf den gentechnisch veränderten Mücken, die das Projekt Target Malaria im westafrikanischen Burkina Faso freisetzen will. Sie sollen durch einen eingebauten Gene Drive ihre Eigenschaften dominant vererben und so die vorhandene, Malaria übertragende Mückenpopulation ausrotten. Ähnliche Überlegungen gibt es laut UNEP, um auf pazifischen Inseln invasive Nagetiere auszurotten und so die dort heimische Vogelpopulationen zu schützen. Der Versuch, die amerikanische Kastanie durch Freisetzung pilzresistenter Exemplare vor der Auslöschung durch den Kastanienrindenkrebs zu bewahren, dient im Bericht als Beispiel von Genome Editing im Dienste der Biodiversität.

ABER, warnt die UNEP: Die Fähigkeit, künstliches Leben zu kreieren und bestehendes Erbgut zu ändern, berge die Gefahr von Kreuzkontaminationen und unbeabsichtigen Nebenwirkungen. Die absichtliche oder versehentliche Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in die Umwelt könnte negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt haben und zu irreversiblen Umweltschäden führen. Deshalb verweist der Bericht auf das Vorsorgeprinzip und verlangt dessen Anwendung bei der Entwicklung und im Umgang mit Produkten der synthetischen Biologie. Explizit erwähnt der Text eine strenge Risikoabschätzung und die Einbeziehung der verschiedenen Betroffenen. In diesem Zusammenhang verweist UNEP darauf, dass Produkte der synthetischen Biologie lebende gentechnische Organismen im Sinne der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) und des rechtlich bindenden Protokolls von Cartagena seien. Das Fazit des Berichts: Den „Code des Lebens zu hacken“ habe derart große Auswirkungen, dass die Regierungen dringendst zusammenarbeiten müssten, um eine sichere Forschung und Entwicklung in diesem Bereich zu gewährleisten. Dazu brauche es rechtliche Rahmenbedingungen, aber auch ethische Richtlinien für die Forschung.

Harald Ebner, Gentechniksprecher der grünen Bundestagsfraktion, hält die Warnungen des Berichts für „mehr als berechtigt“. Er verweist auf die rechtlichen Grundlagen für Regulierung und Kontrolle der Gentechnik in der EU: „Wir sollten sie als Standortvorteil und Chance begreifen, statt sie zu bekämpfen und auszuhöhlen, wie es die Gentechnik-Lobby und ihre politischen Unterstützer tun“, sagt Ebner.

Einen eigenen Kasten widmet der Report den Risiken, die von Garagenlaboren, Biohackern und Do-it-yourself-Gentechbaukästen ausgehen. 2017 habe es weltweit bereits 168 Biohacker-Gruppen gegeben, heißt es in dem Report. Diesen Bereich zu regulieren, sei eine Herausforderung für die Behörden. Die Sorge wachse, dass diese Technologie von Terroristen missbraucht werden könnte, um Ernten zu zerstören und biologische Waffen zu entwickeln.

Die vier anderen unterschätzten Umweltgefahren, die der Bericht behandelt sind: die Zerschneidung von Lebensräumen, das Auftauen des Permafrostbodens, der weltweite Stickstoffüberschuss sowie Klimaschutzmaßnahmen, die nach hinten losgehen. [lf]

04.03.2019 |

Gentechnik: Bauern müssen 10.000 Hektar Raps umpflügen

Raps Foto: Hammonia / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0

In Frankreich wurde mehr Rapssaatgut mit Spuren der gentechnisch veränderten Sorte GT 73 verunreinigt als zunächst angenommen. Wie das französische Portal InfOGM meldete, hat sich die betroffene Ackerfläche auf 8000 Hektar vervierfacht. In Deutschland geht der Saatgut-Hersteller Bayer von bis zu 2000 Hektar Rapsäckern mit Gentech-Pflanzen aus, die bis spätestens Ende März umgebrochen werden müssen.
Vergangenes Jahr waren – wie berichtet - 598 Säcke einer verunreinigten Partie Winterraps der Monsantomarke Dekalb in insgesamt zehn Bundesländer verkauft worden. Darin waren rund 0,1 Prozent der gentechnisch veränderten Rapslinie GT73 gefunden worden, die gegen den Unkrautvernichter Glyphosat resistent ist. Sie darf in der Europäischen Union nicht angebaut werden. Seit Ende 2018 sind die Behörden und der Mutterkonzern Bayer dabei herauszufinden, wo wieviel von diesem Raps ausgesät wurde. Da die Überwachung der Gentechnik Länderaufgabe ist, scheint es schwierig, sich einen bundesweiten Überblick zu verschaffen. Insgesamt 70 deutsche Landwirte haben den Raps gekauft, teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) heute auf Anfrage mit. Sie verteilen sich auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Bayern, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, wobei die drei letzten laut BVL besonders betroffen sind. So wurden nach Angaben des Agrarministeriums allein 180 Säcke verunreinigte Rapssaat in Sachsen-Anhalt verkauft.
Die Landesbehörden haben die Landwirte aufgefordert, ihre Rapsfelder vor der Blüte umzubrechen, damit die gentechnisch veränderten Pflanzen sich nicht vermehren können. Außerdem wurden laut BVL unterschiedliche Anbauverbote erlassen, die mindestens bis 1. Juli 2019 gelten. Der Bayer-Konzern wies darauf hin, dass nach guter landwirtschaftlicher Praxis nur alle drei Jahre auf dem gleichen Feld Raps angebaut werde. Annemarie Volling von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft warnte jedoch, Rapssaatgut könne 20 Jahre lang keimfähig im Boden überdauern. Solange bestehe auch das Risiko, dass vereinzelt gentechnisch veränderter Raps keime. „Die zuständigen Behörden der Bundesländer müssen sicherstellen, dass auflaufender Durchwuchsraps vernichtet wird“, forderte Volling.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Bayer Frankreich mitteilte, will der Konzern die betroffenen Bauern mit 2000 Euro pro Hektar entschädigen. Bei einer Fläche von 10.000 Hektar müsste der Konzern damit insgesamt rund 20 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Bayers Konzernzentrale in Leverkusen wollte diese Zahlen jedoch nicht bestätigen. In Frankreich haben laut InfOGM rund 700 Landwirte das Saatgut gekauft. Dort war nach Informationen des Portals im Oktober 2018 die erste Partie Rapssaatgut gefunden worden, die mit Spuren von weniger als 0,1 Prozent GT 73 verunreinigt war. Deutsche Politiker kritisierten daraufhin, dass die Verunreinigung erst nach der Aussaat bekannt wurde. In der Bundesrepublik wird das Saatgut bereits vor der Aussaat untersucht, um zu vermeiden, dass die Saat wieder umgebrochen werden muss.
Allerdings hat das in diesem Fall auch nicht funktioniert. Denn die Bundesländer überprüfen nach einem entsprechenden Handlungsleitfaden üblicherweise nur zehn Prozent des Saatguts auf gentechnische Verunreinigung. Eine Partie der betroffenen Charge Rapssaatgut aus Frankreich wurde dabei nach Auskunft des BVL vor dem 30.9.2018 negativ getestet. Die verunreinigte Partie war jedoch nicht kontrolliert worden. Sie wurde erst untersucht, nachdem die Franzosen den Fund in der Charge gemeldet hatten.
Die fragliche Charge Rapssaat war von der Bayer-Tochter Monsanto in Frankreich aus argentinischem und spanischem Saatgut gemischt worden. Nach einem internen EU-Papier, das dem Portal InfOGM zuerst vorlag, bestand die gesamte Charge aus gut 21.000 Säcken Rapssaatgut. Das entspricht etwa 200 Tonnen. Davon wurden 10.000 Säcke nach Deutschland verkauft und rund 9500 in Frankreich. 8500 Säcke wurden demnach in Deutschland insgesamt ausgesät. Wie das BVL mitteilte, wurden nach Bekanntwerden der Verunreinigung in Frankreich alle Partien dieser Charge kontrolliert. Nur in einer Partie – in diesem Fall 598 Säcke - fand man eine gentechnische Verunreinigung, nämlich mit Raps GT73.
Bayer hat die Produktion des Rapssaatguts in Argentinien nach eigenen Angaben vorläufig ausgesetzt. Bislang scheint unklar, wie die Samen des Raps GT73, der in Argentinien nicht angebaut wird, in das Saatgut gelangen konnten. Bayer wies darauf hin, dass in der Anlage kein gentechnisch verändertes Saatgut aufbereitet werde. GT73-Raps darf nur in Kanada, den USA, Australien und Japan ausgesät werden. Da er in der EU nicht zum Anbau zugelassen ist, gilt hier das Prinzip der Nulltoleranz. Der Import als Lebens- und Futtermittel ist in der EU aber erlaubt. [vef]

27.02.2019 |

Bayer: 11.200 Glyphosat-Klagen in den USA

Gericht Justiz Foto: Morgan4uall / pixabay, CC0 Public Domain

In San Francisco hat der nächste Jury-Prozess um das Krebsrisiko von Glyphosat begonnen. Insgesamt sind in den USA inzwischen 11.200 Glyphosat-Klagen gegen Bayer anhängig. Unterdessen wurde eine weitere Studie zur Sicherheit von Glyphosat angezweifelt.

Am Montag dieser Woche eröffnete Richter Vince Chhabria die Jury-Verhandlung im Fall Hardemann gegen Monsanto/Bayer. Der krebskranke Rentner Edwin Hardemann macht das von ihm jahrelang intensiv eingesetzte Pestizid Roundup für seinen Lymphdrüsenkrebs verantwortlich. In den nächsten Wochen wird die Jury zahlreiche Experten anhören, jeweils an vier Tagen pro Woche rund sechs Stunden lang. Dabei wird zuerst die Frage auf der Tagesordnung stehen, ob Glyphosat Hardemanns Krebs verursacht hat. Erst danach wird Hardemanns Vorwurf verhandelt, dass die Bayer-Tochter Monsanto die Krebsgefahr wissentlich verschwiegen habe. Agenturmeldungen zufolge geht das Gericht davon aus, dass der Prozess vier bis fünf Wochen dauern wird. Bei diesem Prozess handelt es sich um einen Bellwether Trial genannten Musterfall in einem Sammelklageverfahren, dessen Ausgang richtungsweisend für viele weitere Klagen sein wird.

Davon gibt es immer mehr. Bei der Vorstellung des Geschäftsberichts für 2018 teilte Bayer mit, dass bis zum 28. Januar Klagen von rund 11.200 Klägern zugestellt worden seien. Zudem liege auch eine kanadische Klage vor, in der die Zulassung einer Sammelklage in Kanada beantragt werde. Dazu Bayer-Chef Werner Baumann: „Wir haben die wissenschaftlichen Fakten auf unserer Seite und werden dieses wichtige und sichere Herbizid für eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft weiter entschieden verteidigen.“

Zu den rechtlichen Risiken erklärte der Konzern, man sei in jeweils industrieüblichem Umfang gegen gesetzliche Produkthaftungsansprüche versichert und habe auf Grundlage der derzeit vorliegenden Informationen angemessene bilanzielle Vorsorgemaßnahmen für erwartete Verteidigungskosten getroffen. Der Bilanz für 2018 lässt sich entnehmen, dass Bayer seine Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten um gut eine Milliarde Euro auf 1,41 Milliarden Euro erhöht hat. Offen bleibt allerdings, auf welche Produkte diese Erhöhung zurückgeht. Neben den Glyphosat-Verfahren sind auch mehrere zehntausend Klagen gegen verschiedene Arzneimittel des Konzerns anhängig.

Währenddessen ist eine weitere Studie, bei der Ratten mit glyphosathaltigem Getreide gefüttert wurden, in die Kritik geraten. Im Rahmen des EU-Projektes G-TwYST hatten niederländische Wissenschaftler Ratten über zwei Jahre hinweg mit gentechnisch verändertem Mais der Linie NK603 gefüttert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es gegenüber der Fütterung mit herkömmlichem Mais keine negativen Effekte gegeben habe, und zwar egal, ob die Tiere neben NK603-Mais auch etwas Glyphosat mit dem Futter erhielten oder nicht. Das gentechnikkritische Portal GMWatch wies darauf hin, dass die Studie im Detail andere Ergebnisse geliefert habe, die von den Autoren nicht kommuniziert worden seien. Demnach seien von den männlichen Ratten, die mit NK603 und Glyphosat gefüttert wurden, signifikant mehr Tiere verstorben als in der Gruppe ohne Glyphosat im Futter. Die französische Lebensmittelbehörde ANSES hat den Studienstreit inzwischen satt. Sie kündigte an, eine „unabhängige Studie“ über die tatsächlichen Gesundheitsauswirkungen des Unkrautmittels Glyphosat erstellen zu lassen. [lf]

25.02.2019 |

Diesel-Pkw fahren mit Gentechnik im Tank

Soja USA Traktor Gentechnik ist im Soja-Anbau weit verbreitet. Meist gehen die Pflanzen ins Tierfutter (Foto: Keith Weller / USDA Agricultural Research Service)

Aus US-amerikanischen Gentech-Sojabohnen dürfen ab sofort Biokraftstoffe in der Europäischen Union hergestellt werden, teilte die EU-Kommission kürzlich mit. Der europäische Markt ist allerdings fest in argentinischer Hand. Ein Branchenverband forderte die Politik auf, den Anbau gentechnikfreier Eiweißpflanzen in Europa gegen die Konkurrenz zu sichern.

In der EU wird dem Dieselkraftstoff bis zu sieben Prozent Agrardiesel aus nachwachsenden Rohstoffen beigemischt, auch Biodiesel genannt. Diese Rohstoffe müssen eine Reihe von Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, die in der Richtlinie über erneuerbare Energie festgelegt sind. Die EU-Kommission hat nun anerkannt, dass das bestehende US-amerikanische Zertifizierungssystem für nachhaltigen Sojaanbau (SSAP) diese Richtlinie erfüllt. US-Sojabohnen, die zu mehr als 90 Prozent gentechnisch verändert (gv) sind, dürfen damit zu Agrardiesel verarbeitet und europäischem Diesel beigemischt werden. Gentechnik im Tank also. Doch das gab es bisher schon: Bereits jetzt stammt ein Teil des nach Europa importierten Agrardiesels aus Argentinien, wo er aus gv-Sojabohnen hergestellt wird. Dieter Bockey, Referent bei der Union zur Förderung von Öl-und Proteinpflanzen (UFOP) geht davon aus, dass sich die Anerkennung der US-Sojabohnen durch die Kommission auf dem europäischen Biodieselmarkt kaum auswirken wird.

Denn da dem Dieselkraftstoff maximal sieben Prozent Agrardiesel zugemischt werden dürfen, ist der Absatz in der EU begrenzt. Verbrauch und Produktion von Biodiesel sind in Europa seit Jahren stabil; der Kuchen ist verteilt. 2017 haben die 27 EU-Staaten 10,4 Millionen Tonnen Agrardiesel produziert. Die wichtigsten Rohstoffe dafür waren Rapsöl, Palmöl und Altfette. Sojaöl hatte einen Anteil von nur fünf Prozent. Zusätzlich importierte die EU 2017 800.000 Tonnen Biodiesel. Die Importe stiegen Ende 2017 und 2018 drastisch an, weil plötzlich Biodiesel aus Argentinien in die EU strömte. Der Grund: „Auf Druck der Sojafarmer und der Biodieselindustrie belegte die US-Regierung Biodieselimporte aus Argentinien mit Zöllen zwischen 71,5 und 72,3 Prozent des Warenwertes“, schreibt die UFOP in ihrem Jahresbericht. Dies habe „zu einer spürbaren Neuorientierung der Exportströme in Richtung EU“ geführt.
In Europa war man zunächst wenig erfreut: Im Rahmen der Welthandelsorganisation stritt die EU mit Argentinien über den ihrer Meinung nach subventionierten Biodiesel der Südamerikaner. Ende Januar einigten sich beide Parteien darauf, dass argentinische Biodieselhersteller jährlich etwa 1,2 Millionen Tonnen Biodiesel zollfrei in die EU exportieren dürfen. Dabei müssen sie einen Mindesteinfuhrpreis einhalten, der auf Basis monatlicher durchschnittlicher Sojaölpreise berechnet werden soll. Die UFOP fürchtet als Folge einen negativen Effekt auf den Biodieselpreis in der EU und damit auch auf die Erzeugerpreise für die Ölsaaten hierzulande. Das könnte dazu führen, dass die europäischen Landwirte weniger Raps anbauen und damit auch weniger Rapspresskuchen als gentechnikfreies, eiweißreiches Futtermittel zur Verfügung steht.

Die UFOP vermisst ein umweltpolitisches Gesamtkonzept: „Die Politik findet derzeit keine Antwort, mit welchen Maßnahmen der Ölsaatenanbau in der Europäischen Union als wichtigste und zudem gentechnikfreie Eiweißfuttermittelquelle für die Zukunft gesichert werden kann“, schreibt der Verband. „Europa braucht keinen Pflanzensprit, der aus Gentech-Soja hergestellt wird“, sagt der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling. Der Anbau dieser Pflanzen gehe immer einher mit agroindustriellen Prozessen sowie mit hohem Pestizid-Einsatz. [lf]

19.02.2019 |

Neue Studien zeigen: Glyphosat ist überall und krebserregend

RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Wissenschaftler der Universität Washington haben einen „überzeugenden Zusammenhang“ festgestellt zwischen der Nutzung glyphosathaltiger Herbizide und dem Risiko, an Lymphdrüsenkrebs zu erkranken. Eine deutsche Studie wies Glyphosat in Baumrinden weitab von Feldern nach.

Das Team um Professorin Lianne Sheppard von der Universität Washington hatte sechs epidemiologische Studien von 2001 bis 2018 ausgewertet. Das sind Untersuchungen, bei denen bestimmte Bevölkerungsgruppen, ihre Glyphosatnutzung und die Rate an Krebserkrankungen in Beziehung gesetzt wurden. Bei der Auswertung legten die Wissenschaftler ihr Augenmerk auf die Gruppe innerhalb der einzelnen Studien, die am intensivsten mit dem Herbizid in Kontakt gekommen war. Für diese Menschen ergab sich ein bis zu 41 Prozent höheres Risiko, an einem bestimmten Lymphdrüsenkrebs, dem Non-Hodgkin-Lymphom, zu erkranken. Einbezogen hatten sie auch eine 2018 erschienene Langzeit-Studie, die 54.000 US-Farmer umfasste, die US Agricultural Health Study. Diese Arbeit wurde bisher von Bayer als Beleg für die Ungefährlichkeit von Glyphosat verwendet. Doch auch hier zeigte sich ein Effekt bezogen auf die am stärksten exponierten Landwirte. Sheppards Team wies der Langzeitstudie zudem eine Reihe von Schwächen nach, durch die das Krebsrisiko niedriger ausfiel als in den anderen Arbeiten. Im Gegenzug warf Bayer laut dem Kölner Stadtanzeiger den Washingtoner Forschern vor, sie würden Äpfel mit Birnen vergleichen und ihre Analyse weise „schwerwiegende methodische Schwächen auf“. Die Börsianer beeindruckte das nicht. Der Kurs der Bayer-Aktie gab direkt nach der Veröffentlichung um vier Prozent nach. Am 25. Februar beginnt in Kalifornien der nächste Jury-Prozess über die krebserregende Wirkung von Glyphosat. Dann wird sich zeigen, wie die Geschworenen die neue Studie bewerten.

Nicht die Gefährlichkeit von Glyphosat, sondern die Verbreitung des Herbizids jenseits landwirtschaftlich genutzter Flächen war das Thema einer Studie von TIEM Bremen. Die Experten für Umweltmonitoring hatten an 47 Standorten bundesweit Rindenproben entnommen und auf Pestizide untersucht. Die Baumrinde wirkt dabei als Passivsammler, der Schadstoffe aus der Luft filtert. Die Standorte umfassten intensiv landwirtschaftlich genutzte Regionen ebenso wie Schutzgebiete und einige Großstädte. Insgesamt wies das Labor 106 verschiedene Pestizide nach. Am häufigsten fanden sich die beiden als leicht flüchtig bekannten Pestizide Pendimethalin und Prosulfocarb. 55 Prozent der Proben wiesen auch Glyphosatspuren auf. Die Einträge seien bis mitten in großräumige Schutzgebiete hinein feststellbar gewesen, „die km-weit von nächsten Anbauflächen entfernt waren“, heißt es in der Studie. Als wahrscheinlichsten Verbreitungspfad nennt TIEM die Verfrachtung glyphosathaltiger Stäube von erosionsgefährdeten Ackerflächen. In Auftrag gegeben hatte die Studie das aus Bio-Unternehmen bestehende Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Es forderte eine Neubewertung der Zulassung von Glyphosat, da die offensichtlich stattfindende Luftverfrachtung im EU-Zulassungsverfahren nicht berücksichtigt worden sei. Angesichts der Ergebnisse sieht das Bündnis langfristig die Koexistenz von ökologischer und konventioneller Landwirtschaft gefährdet. (lf)

12.02.2019 |

Der Schweizer Bundesrat will lockere Regeln für Genome Editing

Schweiz Gentechnikfrei Foto: Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG)

Die Schweizer Regierung will das dortige Gentechnikrecht ändern und bis Ende des Jahres einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen. Dessen Ziel soll sein, die Zulassung von Produkten aus Genome Editing zu erleichtern. Bestrebungen in diese Richtung gibt es auch in den Niederlanden und Norwegen.

Der Schweizer Bundesrat hat beschlossen, das geltende Gentechnikrecht solle „risikobasiert den neuen Entwicklungen angepasst werden“. Um das Vorsorgeprinzip zu wahren, müssten „Gefährdungen und Beeinträchtigungen durch die aus neuen gentechnischen Verfahren hergestellten Organismen frühzeitig – bereits vor der Anwendung – identifiziert und Massnahmen zur Risikoverminderung getroffen werden“. Auf dieser Basis sollen die Produkte dann in verschiedene Risikokategorien eingestuft werden, für die unterschiedliche Anforderungen gelten würden. Die Details sollen Wirtschafts- und Umweltministerium klären. Anschließend will der Bundesrat nach dem Sommer 2019 „Eckpunkte zur Anpassung der rechtlichen Grundlagen“ verabschieden und bis Ende des Jahres einen ersten Gesetzentwurf in die öffentliche Diskussion geben.

Man sei offen für eine Differenzierung der Risiken, zitierte die Neue Züricher Zeitung (NZZ) Paul Scherer, den Geschäftsführer der Schweizer Allianz Gentechfrei. Allerdings müssten geneditierte Produkte zwingend gekennzeichnet werden. Ob dann ‚GVO’ oder ‚geneditiertes Produkt’ auf der Verpackung stehe, spiele eine untergeordnete Rolle.
Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ist in der Schweiz noch bis Ende 2021 verboten. Rechtzeitig vorher muss das Schweizer Parlament entscheiden, ob es dieses Moratorium verlängert. Dann wird zur Debatte stehen, ob das Moratorium auch für gen-editierte Pflanzen gelten soll, oder ob deren Anbau zulässig sein wird. Allerdings sei ein Schweizer Alleingang aufgrund des Warenaustauschs mit der EU in der Praxis nicht möglich, zitiert die NZZ Sarah Stalder, die Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz. Die Schweizer Regulierung müsse sich aus praktischen Gründen an jene der EU anlehnen, sekundierte ein Schweizer Rechtsprofessor in der NZZ.

Doch welchen Weg werden die EU und ihre Mitgliedsstaaten gehen? In den Niederlanden hat sich das Rathenau Institut für eine dem Schweizer Vorstoß vergleichbare Lösung ausgesprochen. Das Institut ist eine Denkfabrik der Königlichen Akademie der Wissenschaften und hat sich mit einem Bericht direkt an die Abgeordneten des niederländischen Parlaments gewandt. Darin steht auch, dass sich die niederländische Regierung dafür einsetze, genom-editierte Pflanzen, bei denen keine fremde DNA im Endprodukt vorhanden ist, von der EU- Gentechnik-Richtlinie auszunehmen. Als positives Beispiel erwähnt der Rathenaubericht Norwegen, das wie die Schweiz nicht zur EU gehört.

Dort hat der Biotechnologierat, der die Regierung berät, im Dezember 2018 einen Vorschlag zur Änderung des Gentechnikrechts vorgelegt. Er empfiehlt, für genom-editerte Produkte vier Risikoklassen einzuführen. Ein Thema, das in der Debatte immer wieder auftaucht, ist norwegischer Lachs, eines der wichtigsten Exportprodukte des Landes. Der könnte mit Hilfe von Genome Editing resistenter gegen Lachsläuse werden, schwärmt etwa die Zeitschrift Fiskeribladet. [lf]

08.02.2019 |

Umstritten: Wie (un)sichtbar schneidet die Gen-Schere?

Labor Genomsquenzierung Genomsequenzierung (Foto: Lawrence Berkeley Nat"l Lab - Roy Kaltschmidt, DNA sample picotiter plate preparation, bit.ly/24QkbyR, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0, flickr)

Mit Gen-Scheren wie CRISPR/Cas verändertes Erbgut lässt sich nachweisen, ist der französische Wissenschaftler Yves Bertheau überzeugt. Die Methoden dafür seien aber noch nicht ausgereift, kritisieren staatliche Laborexperten. Im Entwurf eines Berichts an die EU warnen sie, dass mit neuer Gentechnik hergestellte Produkte unerkannt auf den europäischen Markt kommen können.

Gentechnikkonzerne, Pflanzenzüchter und EU-Kommission behaupten bis heute, die Veränderungen durch neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas ließen sich in vielen Fällen nicht von natürlichen Mutationen und herkömmlicher Züchtung unterscheiden. Ohne einen solchen Nachweis könnten diese Verfahren nicht wie herkömmliche Gentechnik reguliert und kontrolliert werden.

Yves Bertheau, pensionierter Forschungsdirektor des staatlichen französischen Agrarforschungsinstituts INRA, ist da anderer Meinung. Er hat für ein neues Fachbuch den Stand der Technik zusammengefasst: „Neue gentechnische Verfahren: Nachweis und Identifizierung der Techniken und der damit hergestellten Produkte“ lautet übersetzt der Titel seines Kapitels. Darin stellt er als erstes klar, dass natürliche Mutationen nur sehr selten vorkämen. Das Erbgut von Pflanzen sei stabil und durch Reparaturmechanismen der Zellen gut geschützt. Schon deshalb seien gentechnisch hervorgerufene Mutationen meist unterscheidbar.
Ausführlich beschreibt Bertheau, dass Eingriffe mit Gen-Scheren unbeabsichtigte Effekte im Erbgut hervorrufen, die er als „Narben“ bezeichnet. Diese Narben würden auch an die folgenden Pflanzengenerationen weitergegeben und könnten nachgewiesen werden, so seine Hypothese. Zudem würden Eingriffe mit Genome Editing eine klare Signatur im Erbgut hinterlassen, die im Prinzip ebenfalls festgestellt werden könne. Der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass für die meisten neuen gentechnischen Verfahren der quantitative Nachweis möglich sei, den das EU-Gentechnikrecht voraussetzt. Auch gebe es den notwendigen gesetzlichen und technischen Rahmen, um die Hersteller zu verpflichten, das für den Nachweis notwendige Referenzmaterial zur Verfügung zu stellen. Ist das Referenzmaterial vorhanden und der Ort im Erbgut bekannt, wo die Veränderungen eingebracht wurden, seien diese auch bei Produkten der neuen Gentechnik nachweisbar, versichert Bertheau. Jetzt brauche es nur noch den politischen Willen, das auch umzusetzen.

Denn für eine wirkungsvolle Kontrolle in der Praxis sind noch zahlreiche Hürden zu überwinden. Diese listet ein Bericht auf, den das Europäische Netzwerk der staatlichen Gentechnik-Labore (ENGL) verfasst hat und der dem Informationsdienst Gentechnik vorliegt. Dem Vernehmen nach soll der Bericht am 20. Februar verabschiedet werden. Er kommt zu dem Schluss, ein Nachweis sei nur möglich, wenn die vorgenommene Erbgutänderung bekannt und eine validierte Nachweismethode vorhanden sei. Zudem brauche es zertifiziertes Referenzmaterial. Die Messmethode müsse den Nachweis in einer Qualität liefern, die auch rechtlichen Auseinandersetzungen standhalte.

Die ENGL-Autoren bezweifeln, dass dies bei gentechnischen Veränderungen, die nur eines oder wenige Basenpaare der DNA betreffen, derzeit möglich sei. Denn auch natürliche oder chemisch ausgelöste Mutationen könnten einzelne Basenpaare verändern. Eine Messmethode müsse dies sicher unterscheiden können. Da die bekannten Methoden das aber nicht könnten, müsse ein entsprechendes Verfahren erst entwickelt werden. Ohne spezifische Nachweismethoden oder für Lebensmittel, bei denen die Genveränderung unbekannt ist, sei eine Marktkontrolle nicht möglich. Deshalb könnten zahlreiche, durch Genome Editing hergestellte Produkte unerkannt auf den Markt kommen.

ENGL hatte der EU-Kommission bereits im April 2017 vorgeschlagen, sich mit Nachweis und Identifikation neuer gentechnischer Verfahren zu beschäftigen. Die Kommission habe diesen Vorschlag damals zurückgewiesen, berichtete das französische Portal infOGM. Erst im Oktober 2018 habe die Kommission dem Netzwerk einen entsprechenden Auftrag erteilt, aus dem der zitierte Bericht resultiert. Im November 2018 erschien ein Papier des EU-Forschungszentrums JRC, das in Absprache mit ENGL erstellt wurde. Auch darin hieß es, Eingriffe mit neuen gentechnischen Verfahren seien höchstens extrem aufwändig nachweisbar.

Angesichts dieser Berichte müsste die EU-Kommission mit Hochdruck dafür sorgen, bestehende Messmethoden zu verbessern und neue zu entwickeln. Doch anscheinend fehlt dazu der politische Wille. InfOGM berichtete von einer gemeinsamen Sitzung von Umwelt- und Agrarausschuss des EU-Parlaments Anfang Januar. Dort habe sich die EU-Kommission einmal mehr auf die Position zurückgezogen, dass nicht unterscheidbar sei, durch welches Verfahren eine Mutation im Erbgut hervorgerufen wurde. Sie werde in dieser Amtsperiode keine neuen Vorschläge zum Gentechnikrecht vorlegen, teilte die Kommission mit. Mittelfristig brauche es jedoch ein Regelungssystem, „das mit den wissenschaftlichen Entwicklungen auf der einen Seite und den Normen für Innovation, Wettbewerb und Sicherheit auf der anderen Seite Schritt halten kann“. Dazu wolle sie eine offene Debatte mit allen Beteiligten führen. [lf/vef]

Gehe zu Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 ...

*** Unterstützen Sie unsere Arbeit ***

Alle Informationen auf dieser Seite sind für Sie kostenlos, kosten aber trotzdem etwas. Unterstützen Sie den Infodienst - damit es auch weiterhin kritische Informationen zum Thema Gentechnik für alle gibt!
 Spenden-Infos hier

Newsletter bestellen

Schule und Gentechnik

Unterrichtsportal zum Thema Agro-Gentechnik: Einführung, Arbeitsblätter, Videos und mehr...

Eine Lehrerin hält ein Schild mit der Aufschrift Lehrer. Hier gibt es Informationen und Material zur Gentechnik für den Unterricht.
Ein Schüler hält ein Schild mit der Aufschrift Schüler. Hier gibt es Informationen, ein Quiz, Videos und mehr zum Thema Gentechnik für Schülerinnen und Schüler.

Infodienst-Material

Postkarten zum Thema Gentechnik. Ein Mädchen nascht von einer Torte und sagt Gutes Essen braucht keine Gentechnik.
Ein Landwirt hält Maiskolben im Arm und sagt Gen-Mais schmeckt mir nicht.

Hier bekommen Sie kostenloses Infomaterial zum Thema: Flyer, Postkarten, Newsletter, Newsticker...
 Bestellung

Nachrichten