15.10.2020 |

EU-Labore: Gentech-Importe trotz Cibus-Nachweis unkontrollierbar

Hat den Nachweis entwickelt: Dr. John Fagan. Foto: Health Research Institute Hat den Nachweis entwickelt: Dr. John Fagan. Foto: Health Research Institute

Bereits vor eineinhalb Jahren haben Europas staatliche Gentech-Labore (ENGL) eingestanden, dass sie Agrarimporte nicht auf illegale Pflanzen überprüfen können, die mit neuen gentechnischen Verfahren verändert wurden. Auch der neue Nachweis einer internationalen Verbändeinitiative für US-amerikanischen Cibus-Raps tauge dafür nicht, schrieben sie jetzt nach einem Treffen. Wie sie selbst ihr Problem der Importkontrolle lösen wollen, dazu steht im Protokoll keine Silbe.
Umso intensiver befasste man sich mit dem neuen Nachweisverfahren, das ein US-Labor im Auftrag von sieben Verbänden aus dem Lebensmittel- und Umweltbereich aus Europa, den USA und Neuseeland entwickelt und Anfang September vorgestellt hatte (der Infodienst berichtete). Mit seiner Hilfe kann eine nach Europa importierte Rapslieferung darauf untersucht werden, ob sie den in der EU nicht zugelassenen Cibus-Raps enthält. Cibus setzte bei der Entwicklung des Rapses mit dem Markennamen Falco das gentechnische Verfahren der Oligonukleotidgesteuerten Mutagenese (ODM) ein. Ob der Raps dadurch herbizidresistent wurde, oder ob das durch die Zellkultur ausgelöst wurde (somaklonale Variation), wurde in der Vergangenheit unterschiedlich dargestellt.
Die neue Nachweismethode der Verbändeinitiative stimme weitgehend mit den Richtlinien der ENGL-Labore für Nachweisverfahren überein, bescheinigten die ENGL-Mitglieder in einer Stellungnahme, die bereits zwei Tage nach dem virtuellen Treffen verabschiedet wurde. Der Test müsse aber noch validiert werden, wofür laut Zulassungsverordnung das Europäische Referenzlabor für Gentechnik zuständig ist. So müsse beispielsweise noch untersucht werden, wie spezifisch die Testergebnisse sind, heißt es in dem ENGL-Papier. Die Frage ist: Kann der Test den Cibus-Raps zuverlässig von anderen Pflanzen unterscheiden? Denn es gebe etwa 160 herbizidresistente Wildkräuter, deren Gene an ähnlicher Stelle verändert sind wie der Cibus-Raps. Und auch solche Wildkräuter können sich natürlich in eine Rapslieferung aus den USA verirren.

Mit dem neuen Test lasse sich nicht feststellen, wie das Gen, das den Raps herbizidresistent macht, in der Pflanze verändert wurde, heben die ENGL-Labore hervor. Neben Verfahren wie ODM oder der Zellkultur käme auch eine Zufallsmutation in Betracht. Nach Ansicht der staatlichen Stellen muss ein gerichtsfester Nachweis das aber unterscheiden können. Als Beleg führt das ENGL-Papier eine EU-Verordnung an, die die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen regelt. Die bestimmt für das geforderte Nachweisverfahren: „Die Methode ist speziell auf das Transformationsereignis ausgerichtet … und nur auf den betroffenen genetisch veränderten Organismus oder das betroffene GV-basierte Produkt anwendbar und nicht auf andere, bereits zugelassene Transformationsereignisse.“

Nun kann man die Frage stellen, warum eine Regelung von Nachweisverfahren für zugelassene Gentech-Pflanzen für einen nicht zugelassenen Raps gelten soll. Doch selbst die Entwickler des Tests berufen sich auf diese Passage, allerdings mit einem anderen Ergebnis. Die Formulierung in der EU-Verordnung zeige, dass es ausreiche, die spezifische Genveränderung einer Pflanze nachzuweisen, heißt es in der wissenschaftlichen Publikation zum neuen Test. Wie diese entstanden sei, müsse der Test nicht belegen. Und Franziska Achterberg von Greenpeace, einem der Unterstützer der Aktion, ergänzt: Wenn dies für Nachweisverfahren für zugelassene Gentech-Pflanzen ausreiche, dann könnten für den Nachweis nicht-zugelassener Pflanzen keine strengeren Anforderungen gelten.

Das Fazit der staatlichen Labore: Die Lage habe sich seit ihrem Bericht im Frühjahr 2019 nicht verändert. Sie seien weiterhin nicht in der Lage, Pflanzen gerichtsfest nachzuweisen, die mit neuen gentechnischen Verfahren verändert wurden. Und ohne Nachweis können die Behörden das geltende Gentechnikrecht auch nicht durchsetzen und verhindern, dass genomeditierte Pflanzen illegal in die Europäische Union gelangen. Die Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der EU-Kommission, so heißt es im Protokoll, habe darauf gedrängt, das schnell klarzustellen.

Die Verbändeinitiative ist fassungslos ob solch beharrlicher behördlicher Untätigkeit: „Wir würden es begrüßen, wenn unser Test tatsächlich weiter überprüft würde, statt neue Anforderungen zu erfinden und Kontrollbehörden davon abzuhalten, die neue Methode bei ihrer Arbeit einzusetzen“, fordert Franziska Achterberg. Das europäische Netzwerk der Gentech-Labore wurde 2002 gegründet und umfasst neben dem Referenzlabor der EU fast 100 amtliche Kontrolllabore aus allen EU-Mitgliedsländern sowie aus der Türkei, Norwegen und der Schweiz. [vef]

12.10.2020 |

Argentinien erlaubt kommerziellen Anbau eines Gentechnik-Weizens

Weizen Mähdrescher Ernte Foto: tpmartins / flickr; Lizenz: creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0

Als erstes Land der Welt hat Argentinien einen gentechnisch veränderten (gv) Weizen für den kommerziellen Anbau und den Verzehr zugelassen. Unklar ist aber noch, ob das Nachbarland Brasilien als wichtigster Abnehmer von argentinischem Weizen die neue Sorte ins Land lassen wird. Und selbst dann haben Experten und Bauern Bedenken.

Der Weizen trägt das Kürzel HB4 und enthält ein Gen der Sonnenblume, mit dessen Hilfe er Hitze und Salz besser aushalten soll als herkömmlicher Weizen. Seit 16 Jahren hat die argentinische Firma Bioceres die Pflanze entwickelt, zusammen mit dem französischen Pflanzenzüchter Florimond Desprez. Die ersten Feldversuche starteten bereits 2009. Dabei soll der gv-Weizen nach Firmenangaben bei Trockenheit bis zu 20 Prozent höhere Erträge geliefert haben als Vergleichssorten.

Damit die Weizensorte tatsächlich kommerziell genutzt werden könne, müsse sie allerdings „von Brasilien gebilligt werden, dem wichtigsten und historischen Markt für argentinischen Weizen“, zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) die argentinische Zulassungsbehörde. Immerhin seien 2019 45 Prozent der 11,3 Millionen Tonnen Weizen in Argentinien an das Nachbarland geliefert worden. Auch in den USA, Uruguay, Paraguay und Bolivien arbeiteten die Behörden bereits an der Zulassung von HB4-Weizen, teilte Bioceres mit. Für Australien, Russland sowie einige afrikanische und asiatische Länder würden Zulassungsanträge vorbereitet. Ob die Zulassungen alleine ausreichen, um den gv-Weizen erfolgreich auf den Markt zu bringen, ist offen. Selbst große Konzerne wie Monsanto scheiterten damit, gentechnisch veränderten Weizen zu etablieren. Experten von Argentiniens nationalem Institut für Saatgut hätten sich beunruhigt über die Zulassung von HB4 geäußert und auf die fehlende Akzeptanz der Verbraucher verwiesen, schrieb die FAZ. Selbst wenn Brasilien HB4 erlaube, heiße das nicht, dass Getreidemühlen, Bäckereien und Verbraucher den Gentech-Weizen kauften, sagten die Experten und warnten vor Preisabschlägen.

Im Wartestand befindet sich auch die HB4 Sojabohne, die in Argentinien bereits zugelassen ist. Die Zulassungsprozesse in Brasilien, Paraguay und den USA seien abgeschlossen, wie Bioceres bereits im Frühjahr 2020 mitteilte. Doch noch fehlt die Importzulassung von China, dem bei weitem wichtigsten Abnehmer für Sojabohnen aus Nord- und Südamerika. Für die EU, die ebenfalls große Mengen gv-Soja aus Südamerika importiert, hat Bioceres keinen Zulassungsantrag für den Import als Lebens- und Futtermittel gestellt. Das Unternehmen propagiert den abwechselnden Anbau seiner beiden HB4-Pflanzen. In einer Präsentation für Investoren schreibt Bioceres, man habe eine Warteliste interessierter Landwirte, die groß genug sei, um die Produktion von Saatgut hochzufahren. [lf]

07.10.2020 |

Nobelpreis für die Gen-Schere Crispr/Cas

Jennifer Doudna (li.) und Emmanuelle Charpentier (re.) nach Verleihung des Kavli-Preises 2018 https://bit.ly/3lntkPe; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/; Photo: Thor Nielsen / NTNU Jennifer Doudna (li.) und Emmanuelle Charpentier (re.) nach Verleihung des Kavli-Preises 2018 https://bit.ly/3lntkPe; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/; Photo: Thor Nielsen / NTNU

Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna haben den Nobelpreis 2020 für Chemie erhalten. Die beiden Wissenschaftlerinnen wurden für die Entwicklung der Gen-Schere Crispr/Cas9 ausgezeichnet, die sie 2012 vorstellten. Mit diesem Werkzeug könnten Forscher die DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen präzise verändern, hieß es zur Begründung.

Crispr/Cas9 habe die molekularen Lebenswissenschaften revolutioniert, neue Möglichkeiten für die Pflanzenzüchtung gebracht, trage zu innovativen Krebstherapien bei und könne den Traum von der Heilung vererbter Krankheiten wahr werden lassen, schrieb das Nobelkomitee und lobte den Nutzen der Entdeckung für die Menschheit. „In diesem genetischen Werkzeug steckt eine enorme Kraft, die uns alle betrifft", sagte Claes Gustafsson, der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie. Eine Kraft, die auch gefährlich werden kann. Die Entdeckerinnen warnten schon vor Jahren davor, mit Crispr in menschliche Keimbahnen einzugreifen. „Genom-editierte Menschen sind keine Science Fiction mehr“, sagte etwa Jennifer Doudna. Dass auch in der Anwendung in der Pflanzenzucht zahlreiche Risiken stecken, haben inzwischen mehrere Studien gezeigt.

Crispr steht für Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats, das ist eine Sammlung kleiner DNA-Abschnitte, die sich auf bestimmte Weise wiederholen. Solche kleinen Abschnitte finden sich im Erbgut von Bakterien. Sie stammen von Viren und dienen den Bakterien dazu, angreifende Viren zu erkennen und zu bekämpfen. Crispr erkennt bestimmte Erbgutschnipsel und steuert mit Hilfe eines als guide-RNA bezeichneten Moleküls diese im Erbgut des Virus an. Das mitgeführte Enzym Cas9 zerschneidet dann die DNA-Stränge des Erbguts wie eine Schere und tötet dadurch das Virus. Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna gelang es, diesen bakteriellen Mechanismus nachzubauen und zu vereinfachen. „In einem bahnbrechenden Experiment programmierten sie dann die genetische Schere um. In ihrer natürlichen Form erkennt die Schere DNA von Viren, aber Charpentier und Doudna bewiesen, dass sie so gesteuert werden kann, dass sie jedes DNA-Molekül an einer vorbestimmten Stelle schneiden kann. Dort, wo die DNA durchtrennt wird, ist es dann leicht, den Code des Lebens neu zu schreiben“, erklärte das Nobelkomitee den entscheidenden Versuch.

Die beiden Wissenschaftlerinnen hatten Crispr/Cas9 an Bakterien entwickelt und erprobt. Eine Arbeitsgruppe um Feng Zhang am Broad Institut in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts zeigte ein Jahr später, wie sich die Gen-Schere bei Pflanzen, Tieren und Menschen anwenden lässt. Beide Forscherteams sicherten sich ihre Entdeckungen mit Patenten ab und streiten seither in den USA und Europa über deren Gültigkeit. Bei den Rechtsstreitigkeiten geht es um viel Geld, denn die Patente regeln, wer für den Einsatz von Crispr/Cas9 bei Pflanzen, Tieren und Menschen Lizenzgebühren kassieren darf.

Crispr/Cas ermögliche umfassende Manipulationen am Genom, mahnte Daniela Wannemacher, Gentechnik-Expertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) und folgerte daraus: „Umso wichtiger ist es, dass mit Blick auf die Anwendungen das Vorsorgeprinzip und ein verantwortungsvoller Umgang mit der mächtigen Technologie gesichert sind.“ Entsprechend habe auch der Europäische Gerichtshof 2018 gefordert, dass Verfahren wie Crispr/Cas dem europäischen Gentechnikrecht unterstellt bleiben. [lf]

06.10.2020 |

Konferenz macht Stimmung für schwaches Gentechnikrecht

Justiz Gericht Gesetz Schild am Eingang eines Gerichts in Newcastle (Foto: smlp.co.uk / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)-+-

„Genome Editing in Europa: neue Agenda oder neue Auseinandersetzungen?“ war das Thema einer Online-Konferenz, zu der die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Deutsche Forschungsgemeinschaft eingeladen hatten. Auseinandersetzungen gab es dabei kaum, denn die Podien waren ziemlich einseitig besetzt. Wenig erstaunlich, denn die beiden Organisationen hatten bereits im letzten Jahr in einer Stellungnahme deutlich gemacht, dass sie das EU-Gentechnikrecht gerne geändert hätten.

Drei der vier Sessions der zweitägigen Konferenz dienten vor allem dazu, den Wunsch der interessierten Wirtschafts- und Wissenschaftskreise nach einer Deregulierung des Genome Editing zu untermauern. Lediglich eine Session war den sozio-ökonomischen und ökologischen Bedenken gewidmet – allerdings mit dem im Programm formulierten Ziel „die Vorteile neuer molekularer Züchtungsmethoden und ihrer Produkte aufbauend auf den Erfahrungen mit konventioneller genetischer Züchtung in den letzten drei Jahrzehnten angemessen zu berücksichtigen“. Monika Messner vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) stellte in diesem Umfeld die Position des Ökolandbaus zur Neuen Gentechnik vor und machte klar, dass deren Deregulierung einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust für den Ökolandbau bedeuten würde. Sie war die einzige dezidiert gentechnik-kritische Stimme auf dieser Konferenz. Die teilnehmende grüne Europa-Abgeordnete Viola von Cramon hatte ein Impulspapier mit unterzeichnet, in dem einige grüne Forschungspolitiker für eine Deregulierung der neuen Gentechnik argumentiert hatten. Im Parlament ist sie vor allem als Außenpolitikerin und Haushaltskontrolleurin tätig und hat mit Agro-Gentechnik wenig zu tun.

Mit Gentechnik-Regulierung zu tun hat dagegen Sabine Jülicher, EU-Direktorin für Lebensmittelsicherheit im Generaldirektorat Gesundheit. Sie ging in ihrem Statement auf die Studie zur Neuen Gentechnik ein, die die EU-Kommission im April 2021 vorlegen will. Diese verfolge einen sehr breiten Ansatz und befasse sich mit den Chancen und Bedenken ebenso wie mit ethischen Aspekten, sagte Jülicher. Sie erwähnte den zugrundeliegenden Beschluss, der es der Kommission nahelegt, aus den Studienergebnissen Konsequenzen zu ziehen und rechtliche Vorschläge zu machen. Sie stellte klar, dass zuerst die Studienergebnisse vorgestellt würden und erst danach die Diskussion anstehe, ob der rechtliche Rahmen geändert werden müsse.

Der Verein Testbiotech bezeichnete die Konferenz als „Lobbyveranstaltung im Kleid der Wissenschaft“. Testbiotech-Geschäftsführer Christoph Then erneuerte bei dieser Gelegenheit seine Kritik an der Stellungnahme von Leopoldina und DFG. Sie sei viel zu einseitig und stelle die technischen Potentiale und Risiken der Neuen Gentechnik nicht ausreichend dar. Then kritisierte erneut, dass mehrere der an der Stellungnahme beteiligten Experten selbst Patente im Bereich der Gentechnik angemeldet hätten und manche dabei auch mit Konzernen wie Bayer kooperierten. Er verwies auf eine im August in Environmental Sciences Europe erschienene Übersichtsarbeit (bei der er Mitautor ist), die die bisher bekannten Risiken bei der Anwendung von Crispr/Cas auflistet und belegt. [lf]

02.10.2020 |

Studie: Pestizide sind überall in Deutschlands Luft

Karl Bär vom Münchner Umweltinstitut (re.) mit der Wissenschaftlerin Maren Kruse-Plaß an einem Passivsammler für Pestizide in der Luft. Foto: Christoph Stache Karl Bär vom Münchner Umweltinstitut (re.) mit der Wissenschaftlerin Maren Kruse-Plaß an einem Passivsammler für Pestizide in der Luft. Foto: Christoph Stache

Egal wo die Deutschen sich bewegen: In der Stadt oder im Naturschutzgebiet auf dem Harzer Brocken, überall atmen sie Pestizide ein. Das ergab eine Studie, die vom Umweltinstitut München und dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft in Auftrag gegeben und diese Woche vorgestellt wurde. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nannte die Ergebnisse der Studie „besorgniserregend – nicht nur für den Ökolandbau, sondern auch für die Natur“.
Für die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ wurden von März bis November 2019 an 163 Standorten in ganz Deutschland Pestizide in der Luft gemessen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten. Wissenschaftler des Forschungsbüros „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ konnten unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von potentiellen Ursprungs-Äckern nachweisen. An rund drei Vierteln aller untersuchten Standorte wurden jeweils zwischen fünf und 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren, teilte das Umweltinstitut München mit.
«Wir wissen überhaupt noch nicht, wie dieser Cocktail aus verschiedenen Pflanzenschutzmitteln am Ende wirkt», warnte Bundesumweltministerin Schulze bei der Vorstellung der Studie. Die Bundesregierung habe sich bereits grundsätzlich darauf verständigt, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Aktuell diskutiere ihr Ministerium seine Vorschläge mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium, so die SPD-Politikerin. Auch die EU-Kommission plane in ihrer „Farm to Fork“-Strategie, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis zum Jahr 2030 um die Hälfte zu reduzieren. Karl Bär vom Umweltinstitut forderte die Bundesregierung auf, sofort zu handeln. „Die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor –, müssen sofort verboten werden.“ Der Agrarreferent kritisierte ferner, dass die kilometerweite Verwehung von Pestizidwirkstoffen durch die Luft bislang im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt werde.
Ein großes Problem ist dieser kilometerweite „Ferntransport“ der Pestizide auch für die biologische Landwirtschaft. „Die Pestizide gelangen über die Luft auf Getreide, Obst und Gemüse, das von Bio-Bäuerinnen und -Bauern naturverträglich und ohne den Einsatz chemisch-synthetische Pestizide angebaut wurde“, erläuterte Boris Frank, Vorsitzender des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Bislang trage die Biobranche die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für Ware, die nicht mehr als Bio verkauft werden kann, weitgehend selbst. Frank forderte stattdessen einen Schadensausgleichs-Fonds, aus dem Öko-Landwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte entschädigt werden. Diesen sollten die Pestizid-Hersteller mit zehn Prozent ihrer jährlichen deutschen Umsatzerlöse speisen.
Der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA) sagte der Nachrichtenagentur dpa, die neue Studie liefere wertvolle und deutschlandweite Daten zur Verbreitung von Pestiziden über die Luft. Bisher sei die Datenlage dazu sehr dürftig. Für Abstände bis zu 20 Metern werde in der Zulassung untersucht, ob Spritzmittel die Umwelt schädigen könnten. Weiter entfernt gefundene Konzentrationen hätten zumindest unmittelbar keine Gefahr für Tiere und Pflanzen, da sie überwiegend deutlich unter dem lägen, was im Nahbereich zugelassen würde. «Eine gewisse Sorge bereitet uns der Ferntransport dennoch», sagte Dirk Messner. Es sei durchaus denkbar, dass sich Wirkstoffe an anderen Orten kombinierten und gewissermaßen als Cocktail auf Tiere und Pflanzen wirkten.
Der Pestizidexperte der Grünen im Bundestag, Harald Ebner, forderte die Behörden auf, besonders im aktuellen Zulassungsverfahren für Glyphosat diesen Erkenntnissen endlich Rechnung zu tragen und das reale Luftverfrachtungsrisiko bei allen Wirkstoffen zu prüfen. Auch Gesundheitsschäden über das Einatmen von belasteter Luft und durch das Zusammenwirken mehrerer Pestizide seien bislang nicht oder nur ungenügend bei der Risikobewertung berücksichtigt worden. Für das Pflanzengift Glyphosat, das in Europa bis Ende 2022 zugelassen ist, hat ein Herstellerkonsortium unter Führung des Bayer-Konzerns bereits wieder einen Verlängerungsantrag gestellt. [vef]

25.09.2020 |

Deutsche Pflanzenzüchter kündigen Crispr-Weizen an

Weizen Foto: Alexander Schimmeck / flickr, -+-Weizen - Wheat, bit.ly/2acvv7R, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0

Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter will mit Hilfe der Genschere Crispr/Cas einen pilztoleranten Weizen züchten. Er nutzt das Vorhaben, um für neue gentechnische Verfahren zu werben und für eine Aufweichung der EU-Gentechnikverordnung. Der geplante Weizen soll nach den Vorstellungen der Züchter ohne Risikoüberprüfung und Kennzeichnung angebaut werden.

Pilton nennt der Verband das Projekt, zu dem sich 54 seiner Mitglieder zur Gemeinschaft zur Förderung von Pflanzeninnovation e. V. (GFPi) zusammengeschlossen haben. Sie wollen Weizensorten mit einer multiplen und dauerhaften Pilztoleranz züchten. Also Pflanzen die mehreren Pilzkrankheiten gleichzeitig widerstehen können und deren Toleranz von den Pilzen nicht durchbrochen werden kann. Dazu wollen sie ein Gen verändern, das die Abwehr des Weizens gegen Pilzangriffe steuert. Dieses Gen fährt die Abwehr einige Zeit nach der Infektion wieder herunter und lässt dem Pilz Raum. Warum die Natur das so eingerichtet hat, thematisieren die Züchter nicht. Statt dessen präsentieren sie einen Crispr-Eingriff, der das regulierende Gen abschalten soll, damit die Pflanze ihre Abwehrantwort länger fortsetzt.
Im Video auf der Pilton-Webseite ist von einer „Projekt-Idee“ die Rede, an der im Labor eines Mitgliedsunternehmens „seit Anfang des Jahres“ gearbeitet werde. Gemeint ist damit der deutsche Konzern KWS Saat, der seit langem mit Zuckerrüben in der alten Gentechnik aktiv ist und nach eigenen Angaben der viertgrößte Anbieter von landwirtschaftlichem Saatgut weltweit ist. Auch wenn Pilton erste konkrete Ergebnisse bereits im Sommer 2021 erwartet: Es dürften noch einige Jahre dauern, bis diese Züchtung soweit gediehen ist, dass sie das Labor in Richtung Freiland verlassen könnte. In der aktuellsten Investorenpräsentation der KWS vom Mai 2020 ist ein pilzresistenter Weizen mit keinem Wort erwähnt.

Der Züchterverband nutzte die Vorstellung seines Projekts zu einem Angriff auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs von 2018, wonach mithilfe neuer gentechnischer Verfahren entwickelte Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) einzustufen sind. Die damit verbundenen Auflagen und Konsequenzen würden eine Anwendung der neuen Methoden derzeit praktisch unmöglich machen, klagte die Verbandsvorsitzende Stephanie Franck: „Nach wissenschaftlicher Erkenntnislage gibt es keinen Grund, Pflanzen, die sich nicht von klassisch gezüchteten unterscheiden oder auch natürlicherweise vorkommen könnten, als GVO zu regulieren. Die Gesetzgebung muss entsprechend angepasst werden“, forderte sie. Noch ein anderes rechtliches Thema wollen die Züchter mit Pilton angehen. Sie wollen klären, wie angesichts des Patentschutzes für Verfahren wie Crispr&Co und den daraus resultierenden Lizenzbestimmungen Pflanzenzüchter sinnvoll mit diesen Verfahren arbeiten können.

Daniela Wannemacher, Leiterin Gentechnikpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) erinnerte die Züchter daran, dass über 80 Prozent der Menschen in Deutschland Gentechnik ablehnen. „Ihnen jetzt einen Genom-editierten Crispr-Weizen als Lösung des Pestizidproblems zu verkaufen, hat deutlich was von unterjubeln“, sagte Wannemacher. Zudem sei es nicht einfach, eine Widerstandsfähigkeit gegen Pilze gentechnisch herzustellen. „Der Ökolandbau beweist außerdem seit Jahren, wie viel wichtiger das Anbaumanagement dafür ist, Pilzbefall klein zu halten“.

„Wer den Menschen Crispr-Brot schmackhaft machen möchte, darf das nicht über Verschleierung der Produkte versuchen“, kommentierte Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel Ohne Gentechnik (VLOG). Gentechnik müsse erkennbar bleiben, die Verbraucher hätten ein Recht auf Transparenz und Wahlfreiheit. Wenn der Weizen keine negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit habe, sollte es kein Problem sein, eine EU-Gentechnik-Zulassung für ihn zu bekommen, sagte Hissting. [lf]

22.09.2020 |

Glyphosatklagen: Vergleich wird schrittweise umgesetzt

RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

UPDATE +++ Die Bayer AG hat erst einen Teil des im Juni 2020 verkündeten Vergleichs rechtlich bindend abgeschlossen. Demnach gibt es für rund drei Viertel der anhängigen 125.000 Verfahren Absichtserklärungen, von denen inzwischen etwa 45.000 in rechtverbindliche Abmachungen umgesetzt wurden. Für künftige Klagen steht eine Einigung nach wie vor aus.

Der Vergleichsvorschlag vom Juni hatte zwei Teile. Der erste betraf die bereits eingereichten Klagen mehrerer Anwaltskanzleien. Mit dem zweiten Teil wollte Bayer all jene Klagen erledigen, die in den USA künftig wegen Glyphosat auf den Konzern noch zukommen könnten. Der Konzern schlug vor, dass ein Gremium aus Wissenschaftlern binnen vier Jahren festlegen sollte, ob Glyphosat tatsächlich krebserregend sei. Deren Entscheidung sollte dann bindend für alle künftigen Verfahren sein. Der US-Bundesrichter Vince Chhabria hatte diesen Teil des Vergleichs abgelehnt und zudem Druck gemacht, dass der erste Teil auch vollzogen wird.

Denn im Juni hatten sich nur zwei Anwaltskanzleien verpflichtend auf den Vergleichsvorschlag eingelassen, Miller und Weitz & Luxenburg, berichtete die US-Bürgerrechtsorganisation Right to Know unter Berufung auf Quellen, die den Verhandlungen nahe standen. Drei Kanzleien, die in den bereits verhandelten Musterklagen auf Seiten der Kläger standen, hätten nur Absichtserklärungen abgegeben. Nun haben auch die Kanzleien Baum Hedlund, Andrus Wagstaff und Moore rechtsverbindlich den Vergleich angenommen. Damit seien mehr als 15.000 Klagen beigelegt, schrieb die Nachrichtenagentur Reuters. Über die Details sei Stillschweigen vereinbart worden. Nach Angaben eines Bayer-Sprechers gibt es insgesamt Verfahren mit 125.000 Klägerinnen und Klägern. Für drei Viertel von ihnen gebe es eine Grundsatzeinigung mit den Klagenden und ihren Anwälten. Diese müsse nun konkret umgesetzt werden. Am 24. September hatten sich der Konzern und die Klägeranwälte bei US-Bundesrichter Vince Chhabria getroffen und den Stand der Verhandlungen vorgestellt. Der Richter verlängerte daraufhin die Frist zur Umsetzung voererst auf den 2. November 2020. Laut Reuters erklärten die Anwälte von Bayer und der Kläger, man habe bisher verbindliche Vereinbarungen getroffen, um etwa 45.000 der 125.000 eingereichten und nicht eingereichten Ansprüche zu lösen. Der Bayer-Sprecher wollte diese Zahl nicht bestätigen.

Ungeklärt ist, wie mit künftigen Klagen umgegangen werden soll. Bayer teilte mit, dass der Konzern mit Klägeranwälten Fortschritte bei der Beilegung möglicher künftiger Ansprüche erzielt habe. Die Details des überarbeiteten Konzepts würden in den kommenden Wochen finalisiert. Gleichzeitig verlängerte der Aufsichtsrat des Konzerns den Vertrag mit dem Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann bis April 2024 und gab ihm als Auftrag mit auf den Weg: „Wir erwarten zudem, dass der Rechtskomplex Glyphosat in einer für das Unternehmen zufriedenstellenden Weise gehandhabt wird, die wirtschaftlich sinnvoll und so strukturiert ist, dass mögliche künftige Fälle effizient geregelt werden können.“

Derweil sieht sich Bayer in den USA mit einer neuen Glyphosat-Klage konfrontiert. Die National Black Farmers Association, die Vereinigung der schwarzen Landwirte, will mit einer Klage erreichen, dass der Verkauf des Herbizids Roundup in den USA eingestellt wird – wegen der möglichen Krebsgefahr. Sollte das abgelehnt werden, wollen sie zumindest durchsetzen, dass das Produkt als krebserregend gekennzeichnet wird.[lf]

17.09.2020 |

Agrarstaatssekretär begrüßt erstes Nachweisverfahren für Cibus-Raps

DNA Genom DNA-Modell der Ausstellung "Genome: The Secret of How Life Works" im Jahr 2012 (Foto: George Bush Presidential Library and Museum / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

Die Bundesregierung begrüßt die Initiative von sieben gentechnikkritischen Verbänden, die vergangene Woche ein Nachweisverfahren für herbizidresistenten Raps der US-Firma Cibus vorgestellt hatten. Das teilte Agrar-Staatssekretär Uwe Feiler (CDU) gestern dem Bundestag mit. Unterdessen ist eine Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen des neuen Tests sowie die Informationspolitik des Unternehmens Cibus entbrannt.
„Die Bundesregierung begrüßt ausdrücklich, dass vielfältige Ansätze zur Erforschung von rechtssicheren Nachweis- und Identifizierungsmethoden für die gentechnische Überwachung verfolgt werden“, so Feiler. Die im Auftrag von internationalen Verbänden aus dem Lebensmittel- und Umweltbereich entwickelte Nachweismethode sei „dazu geeignet, die bekannte Mutation in den untersuchten Rapslinien (Cibus-Raps) nachzuweisen, die zur Herbizidresistenz geführt hat“. Hintergrund ist, dass staatliche Kontrollbehörden in ganz Europa derzeit selbst auf der Suche nach Wegen sind, wie sie diesen Raps und andere mit neuen gentechnischen Verfahren entwickelte Pflanzen nachweisen können (der Infodienst berichtete).
Gearbeitet wird dabei üblicherweise mit einem Verfahren namens Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Dieses Verfahren hat das von der Verbändeinitiative beauftragte amerikanische Labor genutzt und damit experimentiert auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) seit 2019 in einem Pilotprojekt zum Nachweis genomeditierter Pflanzen. Mit diesem PCR-Verfahren ist es möglich, auch kleinste Veränderungen im DNA-Strang eines Gens nachzuweisen, wie sie etwa neue gentechnische Methoden wie Crispr/Cas bewirken. Das klappt aber nur, wenn man weiß, was genau verändert wurde. Diese Informationen geben Unternehmen, die neue Pflanzen entwickelt haben, jedoch meist nicht freiwillig heraus. Das gleiche gilt für Saatgut, an dem man einen passenden Test erproben könnte.
Das BVL arbeitet daher bisher mit Versuchslinien von gentechnisch verändertem Raps, von denen ihm Genprofil und Saatgut vorliegen. Der Verbändeinitiative ist es dagegen gelungen, sich von dem unter der Marke „Falco“ auf dem nordamerikanischen Markt angebotenen Canola-Raps die nötigen Informationen und Referenzmaterial zu besorgen. Daher gibt es nun erstmals ein Nachweisverfahren für diesen Raps, das gratis veröffentlicht und Behörden wie Unternehmen weltweit zur Nachahmung empfohlen wurde. Auf der Basis dieser Methode könnten für die meisten genomeditierten Pflanzen Nachweise entwickelt werden, so der leitende Wissenschaftler John Fagan. Auch Staatssekretär Feiler regte an, das Verfahren für den Nachweis anderer Mutationen anzupassen. Das BVL will die „Leistungseigenschaften“ des neuen Tests anhand seiner Rapsversuchslinien prüfen.
Damit den Kontrollbehörden die nötigen Informationen zu genomeditierten Pflanzen künftig vorliegen, schlagen Staatssekretär Feiler und das Bundesamt für Naturschutz ein Register vor, in dem die genetischen Eigenschaften solcher Pflanzen eingetragen werden. Bislang muss ein Unternehmen diese nur mitteilen, wenn es eine Pflanze in der Europäischen Union auf den Markt bringen will. Die Kontrollbehörden brauchen jedoch auch Nachweisverfahren für nicht zugelassene Pflanzen, um zu verhindern, dass sie illegal auf den europäischen Markt gelangen oder hier das Saatgut verunreinigen.
Umstritten ist nun, was ein Nachweis leisten muss, damit man eine Pflanzenlieferung an europäischen oder deutschen Grenzen gerichtsfest abweisen oder vom Markt nehmen kann. Nach Angaben der Verbändeinitiative reicht es europarechtlich aus, eine Pflanze wie den Canola-Raps anhand von zwei spezifischen Punktmutationen zu identifizieren. Es sei „extrem unwahrscheinlich“, dass eine andere Pflanze zufällig die gleichen Mutationen aufweise. Auch der vom Julius-Kühn-Institut ins Feld geführte wilde Rettich ähnele dem Canola-Raps nur bei einer Mutation. Nicht nachgewiesen werden muss nach Angaben der Initiative, mit welchem gentechnischen Verfahren die Pflanze manipuliert wurde.
Das BVL sieht das anders: „Das europäische Recht erfordert Analyseverfahren, die hinsichtlich der Spezifität eindeutig sind und gentechnische Veränderungen zweifelsfrei nachweisen sowie den GVO identifizieren können“, schrieb die Behörde dem Infodienst. Das sei bei dem neuen Rapstest nicht der Fall. Nach jetzigem Stand der Technik müssten dafür voraussichtlich größere Genabschnitte sequenziert werden. Außerdem müssten Referenzmaterialien, also etwa Samen der Pflanze, vorliegen. „Letztendlich müssen aber die für die Überwachung zuständigen Behörden der Länder entscheiden, auf welcher Grundlage und auf welchen Analyseergebnissen eine belastbare, behördliche Beanstandung erfolgen kann“, so das BVL.
Der neue Rapsnachweis der Verbände kann nicht feststellen, ob die Mutation mit einem gentechnischen Verfahren erzeugt wurde und wenn ja, mit welchem. Das hat die Aktionsgruppe klar kommuniziert. Sie wollte beweisen, dass man diese Rapslinie identifizieren und von anderen unterscheiden kann. Denn der Canola-Raps war vom Hersteller in der Vergangenheit wegen seines „hochpräzisen“ Herstellungsverfahrens des „Rapid Trait Development System“ beworben worden, einer Form der Oligonukleotidgesteuerten Mutagenese (ODM). Die gehört zu den neuen gentechnischen Verfahren, die angeblich gesetzlich nicht geregelt werden können, weil ihre Veränderungen nicht nachweisbar seien. Der neue Test ist für die Verbände der Beweis, dass es möglich ist.
Das Problem: Inzwischen wird von Hersteller und Behörden in Frage gestellt, ob der Canola-Raps überhaupt gentechnisch verändert wurde. Noch im Jahr 2015 hatte das BVL in einem Bescheid festgestellt, die Mutation in der im Canola enthaltenen Rapslinie BnALS-57 sei durch ODM entstanden. Und in der eigenen Euginius-Datenbank für gentechnisch veränderte Pflanzen führt das BVL die Rapslinie als GVO. In einer Stellungnahme zum neuen Nachweisverfahren schreibt das BVL jetzt jedoch, das ODM-Verfahren sei bei der Rapslinie zwar angewandt worden, die durch den Nachweis festgestellte Mutation sei aber nicht durch dieses Verfahren ausgelöst worden. Bei der stattdessen vorliegenden Zufallsmutation handele es sich nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs nicht um Gentechnik.
Das BVL beruft sich bei seiner aktuellen Einschätzung auf Angaben des Herstellers und Dokumente kanadischer Behörden. Dabei stellte die Verbändegruppe eine seltsame Entwicklung fest: Während die ersten Fassungen der Sicherheitsbewertung der kanadischen Lebensmittelkontrollbehörde zum Canola-Raps in den Jahren 2013 und 2017 noch den Hinweis auf das RTDS/ODM-Verfahren enthielten, ist es in der aktuellen, im Juli 2020 zuletzt geänderten Version verschwunden. Im Sommer 2018 hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Produkte aus neuen gentechnischen Verfahren wie ODM dem Gentechnikrecht unterliegen.
Auch die Firma Cibus habe beim Canola-Raps früher viel offensiver mit ihrer RTDS-Technologie geworben, schrieben die Verbände. Heute steht auf der Falco-Werbewebseite bei den Linien, für die der neue Nachweis entwickelt wurde, sie seien mit herkömmlichen Methoden gezüchtet worden. Dasselbe versicherte ein Vorstandsmitglied des Unternehmens vergangene Woche mehreren Medien. Der überraschende Schachzug zeige, so Franziska Achterberg von Greenpeace, dass die Gentechnikindustrie aus mehr als 20 Jahren klarer Kundenforderungen nach Transparenz bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln wenig bis gar nichts gelernt habe. Und die Behörden, die das Gentechnikrecht auch für neue Verfahren durchsetzen müssen, müssten eingestehen, dass die Industrie offensichtlich noch nicht bereit ist, ihren Beitrag zu leisten. [vef]

15.09.2020 |

Die „Rebellen von Mals“ stehen vor Gericht

FotoProzessUmweltinstitut Angeklagt wegen Pestizidkritik: Karl Bär, Umweltinstitut München, und Autor Alexander Schiebel (rechts, Foto: Jörg Farys, Umweltinstitut München)

UPDATE +++ In Bozen in Südtirol hat ein Strafprozess gegen Alexander Schiebel, Autor des Buchs und Films „Das Wunder von Mals“ sowie den Agrarexperten Karl Bär vom Umweltinstitut München begonnen. Ihr Verbrechen: Sie haben auf den hohen Pestizideinsatz im Südtiroler Obstanbau hingewiesen. Kurz vor Verhandlungsbeginn erklärte der Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft, Arnold Schuler, er werde seine Anzeige zurückziehen.

Im September 2017 erschien im oekom Verlag das Buch „Das Wunder von Mals“, in dem Alexander Schiebel über den Kampf der kleinen Südtiroler Gemeinde gegen den Pestizideinsatz im Obstanbau berichtete. Zeitgleich nahm das Umweltinstitut in einer Plakataktion die Südtiroler Tourismus-Werbung auf die Schippe und warb für „Pestizidtirol“. Damals erstattete Landesrat Schuler eine Strafanzeige, der sich über 1300 Landwirten anschlossen. Nach zweijährigen Ermittlungen erhob schließlich die Staatsanwaltschaft in Bozen Anklage wegen übler Nachrede und so kam es am 15. September zur ersten Verhandlung gegen Bär und Schiebel.

Vor Verhandlungsbeginn erklärte Schuler, der auch als Nebenkläger auftritt, er ziehe seine Anzeige zurück. Der Richter setzte nach Angaben des Umweltinstituts den Klägern eine Frist bis zum 27. November, um alle Anzeigen zurückzunehmen. Bis dahin bleibt der Ausgang des Verfahrens offen. Im Oktober entscheidet sich, ob auch Jacob Radloff, der Geschäftsführer des oekom Verlags und der Vorstand des Umweltinstituts vor Gericht müssen. Bei diesen hätte die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, doch dem hatte der anzeigende Landesrat widersprochen.

Die Beklagten werteten Anzeige und Anklage auf einer Pressekonferenz in Bozen als Angriff auf die Meinungsfreiheit. „Die Anzeigen und Klagen gegen uns entbehren jeder sachlichen Grundlage und haben nur ein Ziel: KritikerInnen des gesundheits- und umweltschädlichen Pestizideinsatzes sollen in Südtirol zum Schweigen gebracht werden“, sagte Karl Bär vor der Presse. Er wies darauf hin, dass den Beklagten bei einer Niederlage nicht nur Geldstrafen drohen, sondern auch mögliche Schadensersatzforderungen der Landesregierung und der Nebenklägern und damit der finanzielle Ruin.

Nicola Canestrini, der Rechtsanwalt der beiden Beklagten, stellte die Klagen in eine Reihe mit zunehmenden Versuchen von Politikern und Unternehmen, Kritiker durch absurde Anschuldigungen einzuschüchtern oder durch Gerichtsprozesse über Jahre hinweg zu beschäftigen und zu zermürben. Diese Art der Klagen wird in der Fachwelt als Strategic Litigation against Public Participation (SLAPP) bezeichnet.

Die Pressekonferenz eine Woche vor Verhandlungsbeginn hatte zu einer großen Solidaritätswelle geführt. Mehr als 200.000 Menschen aus ganz Europa hatten über die Kampagnennetzwerke Campact und WeMove Landesrat Arnold Schuler aufgefordert, seine Anzeige fallen zu lassen. Über 100 Organisationen aus 18 Ländern hatten in den führenden italienischen Tageszeitungen La Repubblica und La Stampa eine gemeinsame Solidaritätserklärung abgegeben. Darin hieß es: „Kritik an Missständen offen und angstfrei äußern zu können – auch in zugespitzter Form – ist ein elementarer Bestandteil jeder funktionierenden Demokratie. Deshalb blicken wir mit großer Sorge auf diese Entwicklung in Südtirol“.

Die Welle der Solidarität habe bei Landesrat Schuler möglicherweise ein Umdenken bewirkt, vermutete Autor Alexander Schiebel. „Landesrat Schuler hat mit seinen Anzeigen Südtirol einen enormen Imageschaden zugefügt. In ganz Europa ist nun bekannt, dass in Südtirol nicht nur ein Pestizid-Problem, sondern auch ein Demokratie-Problem herrscht.“

Karl Bär berichtete von einem weiteren Erfolg in der Verhandlung: „Die Staatsanwaltschaft Bozen hat auf unseren Antrag hin die Betriebshefte der mehr als 1300 LandwirtInnen einsammeln lassen, die sich der Anzeige des Landesrates angeschlossen hatten.“ In den Heften enthalten seien die genauen Angaben, welche und wie viel Pestizide jeder einzelne Landwirt im Jahr 2017 auf seinem Acker ausgebracht hat. „Auch wenn der Prozess eingestellt werden sollte, können wir auf diese konkreten Daten zurückgreifen - was europaweit so noch nie zuvor möglich war“, sagte Bär. [lf]

07.09.2020 |

Erstes Nachweisverfahren für genomeditierten Raps entwickelt

Hat den Nachweis entwickelt: Dr. John Fagan. Foto: Health Research Institute Hat den Nachweis entwickelt: Dr. John Fagan. Foto: Health Research Institute

UPDATE +++ Ein amerikanisches Labor hat eine Methode vorgestellt, mit der genomeditierter Raps der US-Firma Cibus nachgewiesen werden kann. Damit liefern sechs Verbände und ein Einzelhandelsunternehmen aus vier Nationen weltweit erstmals den Beweis, dass auch winzige Genveränderungen mit neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr-Cas nachweisbar sind. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will sich dafür einsetzen, die neue Methode „möglichst zügig in die Praxis zu bringen“.
"Das ist ein wichtiger Erfolg für den Umweltschutz und für alle, die auf gentechnikfreie Lebensmittel Wert legen", sagt Schulze der Nachrichtenagentur dpa. Einige argumentierten, neue gentechnische Verfahren könnten gesetzlich nicht geregelt werden, weil sie nicht nachweisbar seien. Der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft nennt hier etwa die zuständige Kontrollbehörde von Bundesagrarministerin Klöckner (CDU): das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Die Initiative der Verbände aber zeigt Schulze: „Mit dem nötigen Forschungsinteresse können solche Nachweismethoden eben doch entwickelt werden."
Weil die Behörden es versäumt hätten, sei man aktiv geworden, bestätigt Alexander Hissting vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). Nun habe man einen frei zugänglichen Mustertest, nach dessen Vorbild sich für „die meisten, wenn nicht für alle genomeditierten Pflanzen“ Nachweisverfahren erarbeiten ließen, ergänzt der wissenschaftliche Leiter des Projekts, John Fagan vom Health Research Institute in Iowa. „Damit gibt es kein technisches Hindernis mehr, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2018 vollständig umzusetzen“, heißt es in der Presseinformation. Der EuGH hatte entschieden, dass mit neuer Gentechnik veränderte Pflanzen nach Gentechnikrecht überprüft, zugelassen und gekennzeichnet werden müssen. Wie berichtet ist das Bundesagrarministerium gerade erst dabei, dazu eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. Eine Studie der EU-Kommission soll 2021 erste Ergebnisse liefern.
Doch für den Handel, der eine große Nachfrage nach gentechnikfreien Lebensmitteln bedienen möchte, drängt die Zeit. Seit der Cibus-Raps „SU Canola“ in den USA und Kanada auf dem Markt ist, besteht die Gefahr, dass versehentlich Samen in Rapslieferungen nach Europa gelangen, wo er nicht zugelassen ist. Anders als andere gentechnisch veränderte Rapssorten, die auch in jüngster Vergangenheit auf deutschen Feldern gefunden wurden, konnte man den Canola-Raps bisher nicht identifizieren. Er hätte also unbemerkt ins Tierfutter und damit in die Lebensmittelkette gelangen können. Für die Zertifizierung von Lebensmitteln mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel ein echtes Problem, ebenso für die ökologische Lebensmittelwirtschaft.
Deshalb haben die beteiligten Organisationen das neue Testverfahren entwickelt und zur kostenfreien Nutzung veröffentlicht. Neben dem VLOG sind das Kennzeichnungsorganisationen in Österreich und den USA, die Umweltorganisation Greenpeace, der Verband für biologische Lebensmittel und Landwirtschaft IFOAM Organics Europe, der neuseeländische Sustainability Council, die österreichische Einzelhandelsgruppe Spar sowie das federführende Labor des gemeinnützigen amerikanischen Health Research Institute. Die Gruppe fordert die europäischen Regierungen auf, den Test unverzüglich bei ihren routinemäßigen Gentechnikkontrollen einzusetzen. Ferner solle die EU-Kommission das Europäische Netzwerk der GVO-Laboratorien (ENGL) damit beauftragen, auf diesen Erfolg aufzubauen und Screening-Methoden zur Identifizierung weiterer Pflanzen zu entwickeln, die mit den neuen Gentechnikverfahren verändert wurden. Schließlich sollte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) einen Leitfaden für die Risikobewertung dieser gentechnisch veränderten Organismen entwickeln, der die spezifischen Verfahren und Techniken berücksichtigt, die zu ihrer Herstellung verwendet werden.
Das Labor baue für den Nachweis auf einer gängigen Methode auf (PCR, polymerase Kettenreaktion), die für die meisten Labore praktikabel sein dürfte, so Fagan. Ihre Validität und Zuverlässigkeit sei durch das GVO-Analyselabor des Umweltbundesamtes Österreich geprüft und bestätigt worden, hieß es. Der Nachweis wurde anhand von zwei der aktuell verfügbaren vier Canola-Sorten entwickelt. Fagan geht allerdings davon aus, dass er auch für die anderen beiden Sorten funktioniert. Er fordert die Firma Cibus auf, das Saatgut im Sinne von Transparenz und Rückverfolgbarkeit den EU-Lebensmittelbehörden zur Verfügung zu stellen.
SU Canola (Handelsname Falco) wurde nach Unternehmensangaben mit einem neuen Verfahren namens Rapid Trait Development, eine Form der Oligonukleotid-gesteuerten Mutagenese, gegen die Herbizide Sulfonylharnstoff und Imidazolinon resistent gemacht. In den USA gilt das allerdings nicht als Gentechnik. Der Raps wird seit 2014 in den USA und seit 2018 in Kanada angebaut. Kanada hat sich nach Angaben des Branchenverbandes UFOP nach der Ukraine zum zweitwichtigsten Rapslieferanten für Deutschland und Europa entwickelt. Im Wirtschaftsjahr 2019/20 importierte die EU demnach 1,8 Millionen Tonnen kanadischen Raps. Davon gingen rund 370.000 Tonnen nach Deutschland. Ob damit auch Samen des nicht zugelassenen SU Canola nach Europa gelangten, ist nicht bekannt. Wie die Aktionsgruppe um VLOG und Arge gentechnikfrei mitteilte, habe das Unternehmen Cibus die EU-Kommission aber bereits im Jahr 2015 gewarnt, dass Cibus-Produkte „wahrscheinlich in die internationale Warenkette gelangen“ und damit möglicherweise auch nach Europa.
„Nun kann sichergestellt werden, dass keine illegalen Gentechnik-Lebens- und -Futtermittel nach Deutschland und Europa gelangen“, freut sich der Gentechnikexperte der Grünen im Bundestag über den neuen Test. „Damit kann endlich das EU-Recht wieder vollzogen und damit die Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden", so Harald Ebner. Und sein Parteikollege Martin Häusling aus dem Europaparlament merkt an: „Es ist kennzeichnend für die Debatten um die Neue Gentechnik, dass das Nachweisverfahren nicht den Entwicklern der Gentechnikverfahren zu verdanken ist, sondern besorgten Vertretern der Zivilgesellschaft.“ [vef]

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