19.03.2023 |

Neue Gentechnik: Österreich kritisiert Gesetzgebungsprozess der EU

EU Rat Ministerrat Foto: The Council of the European Union

Im Rat der Umweltminister der europäischen Union hat Österreich das Vorgehen der EU-Kommission bei ihrem Plan, das Gentechnikrecht zugunsten neuer gentechnischer Verfahren (NGT) aufzuweichen, diese Woche massiv angegriffen. Die Kommission stütze sich zum großen Teil auf reine Annahmen, sagte die österreichische Umweltministerin Leonore Gewessler und verlangte eine „solide wissenschaftliche Basis“ für die geplante Neuregelung. EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkeviĉius wies die Vorwürfe zurück.

Im Mittelpunkt der Debatte stand die Folgenabschätzung (englisch: impact assessment), die jeden Verordnungsvorschlag der EU-Kommission begleiten muss. Um diese zu erarbeiten, benutzte die Kommission einen Fragebogen, der an die EU-Mitgliedstaaten und zahlreiche Organisationen ging. In einer Informationsnote, die als Basis für die Diskussion im Umweltrat diente, schrieb Österreich, der Fragebogen basiere „weitgehend auf Erwartungen, Annahmen und suggestiven Szenarien und nicht auf Daten und wissenschaftlich fundierten Methoden“. Deshalb dürften die Ergebnisse nicht die Basis von Regelungen für neue gentechnische Verfahren sein.

Das Schreiben verweist auch auf eine Studie der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA zur Risikobewertung von NGT-Pflanzen und kritisierte, dass in dem darin vorgeschlagenen Konzept zahlreiche Fragen zu den möglichen Umweltrisiken dieser Pflanzen offengeblieben seien. Deshalb müsse die Kommission „eine umfassende Umwelt- und Gesundheitsrisikobewertung vorsehen“ und dürfe ihren Gesetzesvorschlag nicht „auf ein vages und noch unzureichend ausgearbeitetes Konzept“ stützen. Das Fazit des Schreibens: Die Kommission soll „eine umfassende Folgenabschätzung durchführen, die sich auf solide Daten und nicht auf Annahmen stützt“. In der Debatte verteidigte EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkeviĉius die Folgenabschätzung. „Die Kommission habe sich einem „evidenzbasierten, transparenten und inklusiven Prozess verschrieben“. Es habe zahlreichen Möglichkeiten für alle Beteiligten gegeben, sich zum Thema zu äußern. Neu war seine Aussage, dass das EU-Forschungszentrum JRC Fallstudien zu möglichen Gesetzesänderungen erarbeitet habe. Sie umfassen laut Sinkeviĉius positive wie negative soziale, ökologische und ökonomische Auswirkungen.

Unterstützt hatten das österreichische Schreiben im Vorfeld Zypern und Ungarn. In der Debatte schlossen sich Luxemburg, die Slowakei, Belgien und Slowenien der österreichischen Position an. Die Vertreterin des deutschen Umweltministeriums betonte, das Vorsorgeprinzip müsse gewahrt, Wahlfreiheit gewährleistet und Koexistenz gesichert bleiben. Man sei interessiert zu erfahren, wie die Kommission beabsichtige, mit diesen Themen umzugehen. Die sieben Staaten unterstützten auch den Vorschlag Österreichs, auf der Ebene des Europäischen Rates eine Arbeitsgruppe zu NGT einzurichten, in der die Ressorts Umwelt, Gesundheit und Landwirtschaft vertreten seien. Bisher sind es vor allem die Landwirtschaftsminister:innen, die die Debatte um NGT bestimmen. Die Umweltminister:innen haben sich erst zweimal kurz darüber ausgetauscht, auch beim ersten Mal auf Initiative Österreichs. Entschieden wird bei einem solchen Anlass nichts.

Dänemark, Estland, Lettland und die Niederlanden unterstützten dagegen die Linie der EU-Kommission. Insgesamt beteiligten sich nur zwölf der 27 EU-Mitgliedstaaten an dem Meinungsaustausch. Bioland, Demeter und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hatten im Vorfeld an den Umweltrat appelliert, ein klares Zeichen gegen eine Deregulierung des Gentechnikrechts zu setzen. Friends of the Earth Europe hatte der Kommission vorgeworfen, kritiklos die Positionen der Agrarlobby abgeschrieben zu haben. [lf]

15.03.2023 |

Bayern: breites Bündnis gegen neue Gentechnik

Bündnis gegen Gentechnik (v.li.): Thomas Lang (LVÖ), Richard Mergner, Martha Mertens (beide Bund Naturschutz), Jutta Saumweber (VBZ Bayern), Johann Leis (BDM)  Foto: Harald Ulmer/Bund Naturschutz Bündnis gegen Gentechnik (v.li.): Thomas Lang (LVÖ), Richard Mergner, Martha Mertens (beide Bund Naturschutz), Jutta Saumweber (VBZ Bayern), Johann Leis (BDM) Foto: Harald Ulmer/Bund Naturschutz

Die Menschen in Bayern wählen im Oktober einen neuen Landtag. Ein breites Bündnis von Organisationen will im Vorfeld der Wahl erreichen, dass sich alle Parteien klar zu einem gentechnikfreien Bayern bekennen – auch die CSU. Dass das keine Utopie ist, hat ein ähnliches Bündnis in der Vergangenheit bereits gezeigt.

Sie nennen sich „Bündnis Bayern für eine gentechnikfreie Natur und Landwirtschaft“ und haben sich heute in München der Presse vorgestellt. „Eine Deregulierung neuer Gentechniken wäre ein Frontalangriff auf unsere Wahlfreiheit und demokratische Selbstbestimmung darüber, was wir züchten, anbauen, verarbeiten und essen“, schreiben sie. Deshalb dürften Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir und seine Umweltkollegin Steffi Lemke (beide Grüne) keinen Ausnahmen für die neuen Gentechnikverfahren vom europäischen Gentechnikrecht zustimmen, wenn die EU-Mitgliedsstaaten Ende des Jahres in Brüssel darüber abstimmen werden. Weiter heißt es in dem Positionspapier des Bündnisses: „Wir fordern von der Bayerischen Staatsregierung und von den im Bayerischen Landtag vertretenen Parteien - vor dem Hintergrund der Landtagswahl im Oktober 2023 - ein klares Bekenntnis für ein gentechnikfreies Bayern.“

Das Bündnis zählt 25 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz, darunter der Bund Naturschutz, mehrere Bio-Verbände und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Bayern. Mit dabei sind ferner die Verbraucherzentrale Bayern, das Imkernetzwerk, das katholische Landvolk und der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). Dieses Bündnis reicht also weit hinein in die konservative, ländliche Bevölkerung im Freistaat, die immer noch mehrheitlich CSU wählt.

Auf dem Land zeigt es Wirkung, wenn sich mit Hans Leis der Landesvorsitzende des BDM klar positioniert: „Wir haben zwei Jahrzehnte investiert, um den Verbraucher*innen nachvollziehbar gentechnikfreie Produkte zu liefern“, erklärte er. Dadurch sei die Transparenz von Lieferketten auch bei den Futtermitteln gestiegen. „Die Lobby-Kräfte, die nun über die EU-Kommission diese Transparenz aushöhlen wollen, setzen auf die Täuschung der Verbraucher*innen“, kritisierte Leis. Risikoprüfung, Zulassungsverfahren und Kennzeichnungspflicht müssten auch für Produkte neuer gentechnischer Verfahren beibehalten werden.

Das Bündnis knüpft an eine erfolgreiche Vergangenheit an. In den Jahren 2006 bis 2008 engagierten sich in Bayern auf lokaler Ebene Bäuer:innen und Naturschützer:innen gemeinsam gegen den Anbau von gentechnisch verändertem Mais. Sie initiierten gentechnikfreie Regionen und füllten mit ihren Veranstaltungen ganze Bierzelte. Besonders erfolgreich waren sie dabei in Oberbayern. Unter dem Titel „Aktionsbündnis Zivilcourage“ schlossen sich dort in insgesamt 32 Landkreisen Engagierte zusammen. Das Ergebnis damals: Zahlreiche Landkreise, Städte und Gemeinden in Bayern erklärten sich zu gentechnikfreien Regionen. Die CSU mutierte zur Gentechnikkritikerin und schließlich verbot die damalige Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) 2009 die Aussaat von genverändertem Mais der Sorte MON 810.

Auch beim aktuellen Bündnis sind wieder vier Kreisverbände der „Zivilcourage“ dabei und vor Ort auch schon aktiv geworden. Sie haben etwa erreicht, dass der Kreistag im oberbayerischen Landkreis Miesbach Ende 2022 seine Beschlüsse, mit denen er 2008 und 2010 gentechnisch veränderte Pflanzen abgelehnt hatte, einstimmig erneuerte und dabei die neue Gentechnik, das sogenannte Genome editing, mit aufnahm. Erste Gemeinden im Kreis unterstützten das Vorgehen mit eigenen Gemeinderatsbeschlüssen. Sollte dieses Vorgehen Schule machen, ließe sich damit die Diskussion um die geplanten Lockerungen für neue Gentechnik in der Europäischen Union auf die lokale Ebene holen und vervielfachen. Nicht nur in Bayern übrigens: Bundesweit gibt es rund 350 gentechnikfreie Kommunen, deren Beschlüsse ein Update bräuchten, um auch neue gentechnische Verfahren abzudecken. [lf]

13.03.2023 |

Schweiz will neue Gentechnik wie Gentechnik regeln

Schweiz Gentechnikfrei Foto: Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG)

Die Regierung der Schweiz, der Bundesrat, hat in einem Bericht klargestellt, dass auch neue gentechnische Verfahren (NGT) und die daraus hergestellten Produkte unter das Gentechnikrecht fallen. Der Bericht betont das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit der Verbraucher:innen. Ein Gesetzentwurf zu NGT, den die Regierung für kommendes Jahr plant, soll beides sicherstellen.

Diesen Gesetzentwurf hatte das Parlament vergangenes Jahr verlangt, als es das Schweizer Anbaumoratorium für Gentechnikpflanzen bis Ende 2025 verlängerte. Bis Mitte 2024 soll der Bundesrat einen „risikobasierten Regelungsentwurf“ für Organismen aus neuen Züchtungsverfahren vorlegen, denen keine Fremdgene eingefügt wurden. In seinem Bericht beschreibt der Bundesrat den bestehenden rechtlichen Rahmen: das Schweizer Gentechnikgesetz, das sich eng an die EU-Regelungen anlehnt. Aus dessen Auslegung ergibt sich für den Bundesrat eindeutig: „Neue Mutagenese-Techniken stellen gentechnische Verfahren und die daraus resultierenden Organismen GVO im Rechtssinne dar.“ Dies treffe ebenfalls zu, „wenn sich die entsprechenden Veränderungen auch unter natürlichen Umständen ergeben könnten“. Zwar wäre es theoretisch möglich, künftig bestimmte GVO vom Geltungsbereich des Gentechnikgesetzes auszunehmen. Vorher müsste aber geprüft werden, ob das verfassungsmäßig ist.

Der Bericht deutet darauf hin, dass der Bundesrat bei seinem Gesetzesvorschlag für eine mögliche Zulassung von NGT-Produkten im Rahmen des Gentechnikgesetzes bleiben will. Denn ausführlich wird erläutert, was dabei zu beachten ist: „Gemäß Vorsorgeprinzip müssen sich die potentiellen und konkreten Risiken mit dem verfügbaren Wissen und der Erfahrung plausibel beurteilen lassen“, heißt es darin zur notwendigen Risikobewertung. Damit die Ziele des Gentechnikrechts, insbesondere die Wahlfreiheit, erreicht werden können, müsse der Warenfluss getrennt werden. Dies setze voraus, dass NGT-Produkte entlang der gesamten Warenflusskette nachweisbar und rückverfolgbar sind und zwingend gekennzeichnet werden, heißt es in dem Bericht. Er beschreibt die Schwierigkeiten, NGT nachzuweisen, sieht dies aber nicht als unmöglich an.
Abschließend schreibt der Bundesrat: „Die Schwierigkeit, gewisse GVO aus neuen gentechnischen Verfahren sicher als solche identifizieren zu können, ist jedoch kein Argument dafür, sie rechtlich nicht als solche zu qualifizieren.“ Zu einer Änderung der Kennzeichnung heißt es, „möglich wären einzig zusätzliche Angaben, aber kein Weglassen von Teilen oder Abändern der vorgeschriebenen Kennzeichnung“. Sollte nach Ende des Moratoriums ab 2026 ein Anbau von NGT-Pflanzen erlaubt werden, müsse vorab geregelt werden, wie gentechnikfreie Äcker geschützt werden können und wer bei gentechnischen Verunreinigungen haftet. Ebenfalls zu regeln sei eine weitere Bedingung, die das Parlament an eine mögliche Zulassung von NGT-Pflanzen geknüpft hat: Es muss für diese Pflanzen „ein Mehrwert für die Landwirtschaft, die Umwelt oder die Konsumentinnen und Konsumenten nachgewiesen werden“.

Die Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) begrüßte die rechtlichen Klarstellungen in dem Bericht. Sie betonte, dass es laut der dem Bericht zugrundeliegenden Rechtsgutachten nicht möglich sei, NGT generell vom Gentechnikgesetz auszunehmen. Dies wäre rechtswidrig und „stünde weder mit dem Zweck des Gentechnikgesetzes noch mit der Bundesverfassung im Einklang“, schrieb die SAG. Sie kritisierte, dass der Bericht kaum auf die Patente auf NGT und deren Einfluss auf Marktprozesse und gentechnikfreie Züchtung einging. Zudem bezeichne der Bundesrat die Koexistenz von NGT und gentechnikfreier Landwirtschaft als realisierbar, mache aber kaum Vorschläge, wie dies ohne Kollisionen gewährleistet werden kann. „Hier werden anstatt konstruktiver Lösungsansätze lediglich alte Vorschläge für mögliche Koexistenzprojekte hervorgeholt, die bereits mit überwältigender Mehrheit vom Parlament und den Kantonen abgelehnt wurden“, sagte SAG-Präsidentin Martina Munz. Sie forderte im Fall einer Zulassung von NGT konkrete Koexistenz- und Kennzeichnungsregeln. Auch müsse geregelt sein, wer bei Schadensfällen hafte.

Die den Bundesrat beratende Kommission für Landwirtschaft (BEKO) stellte fest, „dass eine Sonderbehandlung neuer gentechnischer Verfahren mit einer risikobasierten Zulassungsregelung gerechtfertigt ist“. Sie setzt große Hoffnungen in NGT—Pflanzen. Deshalb sollten diese „im Gesetz speziell geregelt und nicht generell als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) behandelt werden“, schrieb die BEKO. Gleichzeitig müsse aber die Wahlfreiheit gewahrt bleiben. Die dafür notwendigen Kennzeichnungsregelungen „sind soweit wie möglich aufzuzeigen“.

Der nächste Schritt ist nun, dass der Bundesrat entlang der im Bericht genannten Eckpunkte einen Vorentwurf erarbeitet und diesen in die Verbandsanhörung gibt (auf schweizerisch Vernehmlassung). Erst wenn deren Ergebnisse eingearbeitet wurden, kann der Gesetzentwurf dem Parlament vorgelegt werden. Was laut Gentechnikgesetz „spätestens bis Mitte 2024“ passiert sein soll. [lf]

08.03.2023 |

USA bekämpfen Mexikos Importverbot für Gentech-Mais

Mais Maisvielfalt in Mexiko in Gefahr (Foto: CC0)

Auf Druck der USA hat Mexiko sein auf 2024 datiertes Importverbot für gentechnisch veränderten (gv) Mais aufgehoben. Ein Dekret vom Februar verbietet gv-Mais vorerst nur für Tortilla. Da Mexiko hier Selbstversorger sei, betreffe das den Handel kaum, zitierte das Portal Amerika21 die Regierung. Doch die Vereinigten Staaten sehen das offenbar anders. Um zu erreichen, dass Mexiko gv-Maisimporte wieder unbeschränkt erlaubt, haben sie jetzt ein Schlichtungsverfahren nach dem Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko gestartet.

Im Dezember 2020 hatte der mexikanische Präsident López Obrador per Erlass verkündet, den Import von gv-Mais und das Herbizid Glyphosat ab Januar 2024 zu verbieten. Seitdem wuchs der Druck der USA auf den südlichen Nachbarn und größten Abnehmer von US-Mais, diesen Erlass zurückzunehmen. Die mexikanische Regierung setzte daraufhin Mitte Februar ein neues Dekret in Kraft. Es verbietet, gv-Mais zu verwenden, um Tortillas oder den Teig dafür herzustellen. Für Mais, der als Viehfutter oder für die industrielle Verarbeitung zu Lebensmitteln importiert wird, setzte die Regierung das Verbot aus, bis genug Ersatz gefunden ist. Für das Glyphosat-Verbot endet die Übergangsfrist nun Ende März 2024.

Das Dekret verpflichtet die zuständigen Behörden, „die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die schrittweise Substitution zu vollziehen“. Die mexikanische Regierung argumentierte, sie habe mit dem neuen Dekret die Vorgaben von Dezember 2020 präzisiert, um Missverständnisse auszuräumen. Zudem versorge sich das Land weitgehend selbst mit Tortilla-Mais, so dass der Handel kaum betroffen sei. Der Regierung wolle mit ihrem Dekret die Ernährungssouveränität und die Lebensmittelsicherheit bei einem zentralen Bestandteil der mexikanischen Kultur stärken. Mexiko ist die Heimat der Maispflanze und Mais dort das wichtigste Nahrungsmittel. Die Nachrichtenagentur Reuters bezifferte den Anteil von Tortilla-Mais an den rund 17 Millionen Tonnen US-Maisimporten allerdings mit 18 bis 20 Prozent und berief sich dabei auf Marktexperten.

Die US-Regierung hatte schon vorab deutlich gemacht, dass ihr Mexikos Zugeständnisse nicht ausreichen. Im Januar teilte der US-Handelsbeauftragte mit, der vorgeschlagene Ansatz sei nicht wissenschaftlich fundiert und drohe, den bilateralen Agrarhandel in Milliardenhöhe zu stören. Reuters berichtete, dass sein Chefunterhändler für Agrarangelegenheiten die mexikanische Regierung anschließend ultimativ aufgefordert habe, bis 14. Februar wissenschaftliche Belege für ihr Verbot von Glyphosat und Tortilla-Mais zu liefern. So kam es, dass die mexikanische Regierung am 13. Februar nicht nur ihr überarbeitetes Dekret veröffentlichte, sondern im Internet auch eine Literatursammlung zu den schädlichen Wirkungen von Glyphosat anbot sowie eine zu den Risiken von gv-Mais.

Am 6. März informierte der US-Handelsbeauftragte, dass er „technische Konsultationen mit der mexikanischen Regierung im Rahmen des Kapitels über gesundheits- und pflanzenschutzrechtliche Maßnahmen (SPS) des Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada (USMCA) beantragt hat“. Garniert war die Mitteilung mit zustimmenden Zitaten von Politiker:innen beider großen US-Parteien sowie von Wirtschaftsverbänden. Solche Konsultationen stehen am Anfang eines Schlichtungsprozesses, in dem von beiden Parteien berufene Schlichter:innen eine Entscheidung treffen. Wird diese von einer der Parteien nicht umgesetzt, kann die andere Strafzölle erheben, erläuterte das Fachjournal AgWeb.

Die Kontroverse zeige, „dass Freihandelsabkommen die Souveränität von Ländern gefährden“, heißt es in einer Erklärung des Bündnisses „Ohne Mais kein Land“. Es weist darauf hin, dass nach dem Freihandelsabkommen jede Vertragspartei „das souveräne Recht [habe], ihr eigenes Umweltschutzniveau und ihre eigenen Umweltprioritäten festzulegen“. Zudem sei bei den Verhandlungen zu dem Abkommen bereits 2002 festgehalten worden, dass Mais „für die Mehrheit der Mexikaner wichtige kulturelle, symbolische und spirituelle Werte hat, was in Kanada und den Vereinigten Staaten nicht der Fall ist. Die Risikobewertung von gentechnisch verändertem Mais in Mexiko ist zwangsläufig mit diesen Werten verbunden.“ Deshalb ist der Anbau von gv-Mais in Mexiko auch verboten - eine Entscheidung, die das oberste Gericht des Landes 2021 bestätigt hatte. [lf]

02.03.2023 |

Bayer: Vorstandschef Baumann verlässt die Baustelle

Werner Baumann (links), Vorsitzender des Vorstands der Bayer AG, und Hugh Grant, Chairman und Chief Executive Officer von Monsanto (Foto: Bayer) Werner Baumann (links), Vorsitzender des Vorstands der Bayer AG, und Hugh Grant, Chairman und Chief Executive Officer von Monsanto (Foto: Bayer)

In seinem letzten Geschäftsbericht konnte der scheidende Bayer-Chef Werner Baumann ein deutliches Plus bei Umsatz und Gewinn verkünden. Seinem Nachfolger Bill Anderson hinterlässt er abgestürzte Aktien, milliardenschwere Anlegerklagen und eine drängende Frage: Soll Bayer zerschlagen werden?

Die Bayer AG hat ihren Umsatz 2022 um 8,7 Prozent auf 50,7 Milliarden Euro gesteigert. Der Konzerngewinn erhöhte sich auf 4,15 Milliarden Euro. Im Jahr 2021 war es eine Milliarde Euro gewesen. Doch diese guten Zahlen konnten Vorstandschef Werner Baumann nicht mehr retten. Anfang Februar verkündete der Aufsichtsrat, dass Baumann seinen Posten vorzeitig räumen werde und bereits zum 1. Juni 2023 vom US-Amerikaner Bill Anderson abgelöst wird. Dieser kommt am 1. April vom Arzneimittelhersteller Roche in den Bayervorstand, damit Baumann ihn noch einarbeiten kann. Anderson solle Bayer „in ein neues, erfolgreiches Kapitel führen“, sagte Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann.

Denn das Kapitel Baumann brachte dem Konzern reichlich Ärger. Seit Baumann 2016 im Vorstand den Vorsitz übernahm, halbierte sich der Aktienkurs. 2020 fuhr der Konzern einen Rekordverlust von zehn Milliarden Euro ein. Im Jahr zuvor hatten die Aktionäre dem Vorstand bereits die Entlastung verweigert. Der Grund für das Debakel: Mit dem Kauf von Monsanto hatte Bayer auch die Risiken der damals anlaufenden Glyphosatklagen übernommen – und unterschätzt. Die Verantwortung dafür tragen der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning und sein Zögling Werner Baumann - „der große und der kleine Werner“, wie sie laut einer ZDF-Doku intern bei Bayer genannt wurden. Wenning wurde 2020 vorzeitig als Aufsichtsratsvorsitzender abberufen. Und wie Baumann in Wennings Schlepptau bei Bayer die Karriereleiter hinaufgestiegen war, folgt er ihm jetzt im Abgang. Zuvor musste er allerdings noch die Suppe auslöffeln, die er den Aktionären eingebrockt hatte.

Fertig ist er damit nicht geworden. Im Geschäftsbericht heißt es zu den Glyphosatklagen, „dass von inzwischen insgesamt ca. 154.000 angemeldeten Ansprüchen ca. 109.000 verglichen sind oder aus verschiedenen Gründen nicht die Vergleichskriterien erfüllen“. Bayer habe, berichtete Baumann, 16 Milliarden Euro zurückgestellt und davon rund 9,5 Milliarden inzwischen ausgezahlt. 6,4 Milliarden Euro stünden noch für die ausstehenden Klagen bereit. Für dieses Jahr erwartet der Konzern Vergleichsauszahlungen von zwei bis drei Milliarden Euro. 1,3 Milliarden davon wurden bereits im Januar für zwei Vergleiche wegen Umweltschäden durch giftige Chlorverbindungen (PCB) verwendet, der Rest ist laut Baumann überwiegend für Glyphosatklagen gedacht.

In Kanada wurden dem Konzern laut Geschäftsbericht bis zum 1. Februar 2023 genau 31 Klagen im Zusammenhang mit Roundup™ zugestellt, einschließlich elf Klagen, in denen jeweils die Zulassung einer Sammelklage beantragt wird. Auch Anleger in den USA und Deutschland wollen Geld von Bayer. Sie werfen dem Konzern vor, er habe sie über die Risiken der Monsanto-Übernahme nicht ausreichend aufgeklärt. „Das Landgericht Köln leitete im Juli 2022 ein Musterverfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz ein“, steht dazu im Geschäftsbericht. Nach Angaben der prozessführenden Anwaltskanzle TILP fordern 280 institutionelle und zahlreiche private Investoren aus der ganzen Welt "weit über" zwei Milliarden Euro Schadenersatz. Insgesamt schätzt TILP die Anlegern entstandenen Schäden auf einen "mittleren zweistelligen Milliardenbetrag". In den USA hat unterdessen ein Gericht in Kalifornien entschieden, ein Sammelverfahren mit einem Teil der Vorwürfe der klagenden Anleger:innen fortzusetzen. Rückstellungen für Anlegerprozesse wurden noch nicht gebildet.

Bayer berichtete von einer „außergewöhnlich starke(n) Geschäftsentwicklung“ in seinem Bereich Crop Science. Dieser wuchs um 15 Prozent und erwirtschaftete die Hälfte des Konzernumsatzes. Am deutlichsten legte das Geschäft mit den Herbiziden zu „durch Preissteigerungen aufgrund von Versorgungsengpässen für glyphosathaltige Produkte im Markt“, teilte der Konzern mit. Anders gesagt: Bayer hat an der Knappheit verdient. Damit dürfte es 2023 vorbei sein. Die weltweiten Lieferketten funktionieren wieder und das Unternehmen rechnet damit, dass die Preise zurückgehen. „Mit mauen Geschäftsaussichten und einer Diskussion um die Aufspaltung des Pharma- und Agrarkonzerns verabschiedet sich Bayer-Vorstandschef Werner Baumann“, fasste die Agentur Reuters die Pressekonferenz zusammen.

Im Januar hatten einzelne Investoren eine Aufspaltung des Konzerns gefordert, da dessen drei Sparten Crop Science (Agrar), Pharma (verschreibungspflichtige Medikamente) und Consumer Health (rezeptfreie Medikamente) einzeln mehr wert seien als zusammen. Vorstand und Aufsichtsrat gingen auf dieses Thema auf der Jahrespressekonferenz nicht ein, haben aber eine klare Position. „Der derzeitige Bayer-Vorstand sowie der Aufsichtsrat lehnen solche Pläne ab“, schrieb die Wirtschaftswoche. Dabei sind sie sich ausnahmsweise mit ihren Kritiker:innen von der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) einig. Der neue Vorstandsvorsitzende Bill Anderson „darf sich dem Druck der Investoren nicht beugen und Bayer zerschlagen. Die seit Wochen verunsicherte Belegschaft erwartet von ihm ein kategorisches 'Nein' zu den Forderungen der Hedgefonds", erklärte CBG-Geschäftsführer Marius Stelzmann [lf]

26.02.2023 |

China: mehr Anbau und Import von Gentech-Pflanzen

Export Soja Hafen Transport Export von Agrarrohstoffen (Foto: Oregon Department of Agriculture / flickr, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by/2.0)

China will nach Medienberichten seine Pilotprojekte für die Industrialisierung von gentechnisch verändertem (gv) Mais und Sojabohnen für Tierfutter weiter ausdehnen. Außerdem erlaubte es im Januar nach langem Zögern den Import von acht gv-Pflanzen, die teils in den USA entwickelt wurden. Die Nachrichtenagentur Reuters verwies darauf, dass der chinesische Staatspräsident Xi Jinping kurz zuvor mit US-Präsident Joe Biden über bessere Handelsbeziehungen gesprochen hatte.
China werde seine Anbauprojekte „in Übereinstimmung mit internationalen Standards in geordneter Weise fördern, und wenn die Versuche reibungslos und erfolgreich verlaufen, kann die Legalisierung im nächsten Jahr erfolgen", zitierte das Portal Global Times Li Guoxiang, den Forschungsbeauftragten an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Zu den im eigenen Land entwickelten und zugelassenen Pflanzen gehören seit Januar ein neuer insekten- und glyphosatresistenter Mais von Yuan Longping High-tech Agriculture und Hangzhou Ruifengs insektenresistente Sojabohne, berichtet Reuters. Aufgrund von Unwägbarkeiten und Sicherheitsbedenken dürften die gv-Pflanzen nur als Tierfutter verwendet werden, nicht als Lebensmittel.
Chinas "sehr vorsichtige" Haltung gegenüber gentechnisch veränderten Pflanzen bleibe unverändert, versicherte Li. Angesichts steigender Agrarpreise auf dem Weltmarkt hofft die Volksrepublik dennoch mithilfe der Gentechnik sicherstellen zu können, dass sie selbst für ihre Milliardenbevölkerung genug Nahrungsmittel produzieren kann. Das sei einer der Schwerpunkte der chinesischen Agrarpolitik in diesem Jahr, teilte das zuständige Ministerium nach Angaben der Global Times diese Woche mit. Außerdem solle stärker überwacht werden, dass die Technologie gesetzeskonform eingesetzt werde. So hat die Volksrepublik nach einem Bericht des Portals China.org von Anfang Februar sechs Unternehmen und Einzelpersonen zu Geldstrafen verurteilt, weil sie an illegalen Versuchen, dem Anbau und dem Verkauf von gentechnisch veränderten Pflanzen beteiligt waren. Das Agrarministerium forderte demnach Unternehmen und Einzelpersonen auf, dem Sicherheitsmanagement für gentechnisch veränderte Pflanzen Priorität einzuräumen. Forschung, Tests, Handel, Verarbeitung und Kennzeichnung dürften nur in strikter Übereinstimmung mit Gesetzen und Vorschriften erfolgen.
Den Import der acht gv-Pflanzen genehmigte China rückwirkend ab dem 5. Januar für fünf Jahre, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Auch diese Pflanzen dürfen nur zu Tierfutter verarbeitet werden. Darunter sind zwei glyphosatresistente Luzernelinien, deren Einfuhrgenehmigung bereits vor zehn Jahren beantragt worden war. Die Rechte an den Pflanzen, die in den USA auch angebaut werden, liegen bei der US-Firma Forage Genetics International, die die Luzerne ursprünglich gemeinsam mit dem ehemaligen US-Konzern Monsanto entwickelt hatte. Außerdem genehmigte China einen glyphosatresistenten Raps der US-Firma Corteva, der noch aus dem Portfolio der Vorgängerfirma DuPont Pioneer stammt und seit Sommer 2012 auf seine Importzulassung in China wartete. Wie Reuters weiter berichtete, versprach Peking, den Zugang zu seinem Markt im Rahmen eines Handelsabkommens mit den Vereinigten Staaten künftig zu beschleunigen.
Saatguthersteller und die US-Regierung begrüßten die Entscheidungen, da sie neue Exportchancen in einen der weltweit größten Agrarmärkte biete. Der Zugang zur Biotechnologie sei angesichts der zunehmenden Sorge um die globale Ernährungssicherheit und die hohen Rohstoffpreise besonders wichtig, zitierte die Agentur einen Vertreter des US-Landwirtschaftsministeriums. Und auch den brasilianischen Agrarunternehmen öffnete China neue Märkte: Sie dürfen künftig zwei dort entwickelte gv-Zuckerrohrlinien in die Volksrepublik exportieren. Grünes Licht bekam schließlich eine gv-Baumwolle aus dem Hause BASF. [vef]

22.02.2023 |

Gesetzeslücke: Erste Gentech-Pappeln wachsen in US-Wäldern

Pappel Baum Bäume Foto: sonnentau / flickr, 2007 Pappel, bit.ly/2bn1uSK, creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0

Erstmals pflanzt ein US-Unternehmen in großem Stil gentechnisch veränderte Bäume in freier Natur. Es hat die Gene der Pappeln mit dem Ziel verändert, mehr Biomasse zu erzeugen und damit mehr Kohlendioxid zu binden. Wissenschaftler sind skeptisch, ob das im Wald ebenso funktioniert wie im Labor. Trotzdem plant das Unternehmen, im Jahr 2024 Millionen dieser Pappeln anzubauen.
Living Carbon ist ein vier Jahre altes Startup-Unternehmen aus Kalifornien. Es hat ein ursprünglich an Tabakpflanzen entwickeltes Genkonstrukt auf Pappel-Hybride übertragen. Dabei wurden künstlich hergestellte Gene von Kürbis und Grünalgen in das Erbgut der Bäume eingeschleust. Sie sollen den Photosynthese-Stoffwechsel so verändern, dass die Pflanze aus dem Kohlendioxid der Luft und Sonnenlicht mehr Biomasse in Form von Blättern und Holz produziert als üblich.
Beschrieben ist das Verfahren in einem Papier, das Living Carbon vor einem Jahr auf dem PrePrint-Server bioRxiv veröffentlicht hat. Es ist bis heute nicht von Experten begutachtet in einer Fachzeitschrift erschienen. In dem Papier berichten die Wissenschaftler:innen des Unternehmens, dass die von ihnen gezüchteten gentechnisch veränderten (gv) Pappeln in Laborversuchen innerhalb von fünf Monaten 30 bis 50 Prozent mehr Biomasse produzierten als die unveränderten Bäumchen. Allerdings ließ sich der Effekt nur bei zwei der vier überprüften gv-Linien nachweisen. Berichtet wird auch, dass die Universität von Oregon im Juli 2021 für einen Feldversuch 672 Pappeln von Living Carbon pflanzte, elf gv-Linien sowie unveränderte Kontrollbäume.

Noch liegen von diesem Feldversuch keine Ergebnisse vor. Die New York Times (NYT) zitierte den Versuchsleiter der Universität, Steve Strauss: „Er sagte, die Bäume wüchsen gut, aber es sei noch zu früh, um festzustellen, ob sie die nicht veränderten Bäume übertreffen werden.“ Doch Living Carbon hat nach einem Bericht des Blattes bereits den nächsten Schritt unternommen und zusammen mit einem Waldbesitzer 5000 gv-Pappeln gepflanzt. Weitere Anbauprojekte sollen noch in diesem Frühjahr folgen. So soll ein alter Tagebau renaturiert werden. Das Portal freethink.com schreibt von 60.000 Bäumen insgesamt. Für 2024 kündigte das Unternehmen an, mehrere Millionen seiner gv-Pappeln pflanzen zu wollen und sucht dafür aktiv nach Waldbesitzern. Risikokapitalgeber, darunter Toyota Ventures und der Staatsfonds Temasek aus Singapur, haben Living Carbon nach eigenen Angaben mit 36 Millionen US-Dollar an Kapital ausgestattet. Später will das Unternehmen mit Zertifikaten für das von den Pappeln aus der Atmosphäre entnommene Kohlendioxid Geld verdienen.

Anders als bei gv-Kastanien, deren Auswilderung in den USA umstritten und noch nicht behördlich genehmigt ist, darf Living Carbon seine gv-Pappeln ohne jede Genehmigung pflanzen und verkaufen. Das Unternehmen nutzte dazu eine Lücke in der US-Gesetzgebung, die inzwischen geschlossen wurde, erklärte die NYT. Ursprünglich war das Genkonstrukt mit Hilfe von Bakterien in die Pappeln geschleust worden. Dieses Verfahren wäre genehmigungspflichtig. Deshalb hat das Unternehmen seine gv-Setzlinge noch auf einem anderen Weg produziert: Mit einer Gen-Kanone wurden die fremden Gene ins Erbgut der Pappel geschossen. Dafür verlangte das US-Landwirtschaftsministerium keine Genehmigung. Im andauernden Zulassungsverfahren des Ministeriums für die mittels Bakterien veränderten Kastanien endete am 26. Januar die öffentliche Beteiligung.

„Die langfristigen Risiken dieser gentechnisch veränderten Bäume, ihrer Pollen oder Samen für Wälder, Wildtiere oder die menschliche Gesundheit sind nicht bekannt“, mahnt die Kampagne zum Stop von gv-Bäumen. Zwar sind die von Living Carbon gepflanzten gv-Pappeln alle weiblich, produzieren also keine Pollen. Doch sie können von anderen Pappeln befruchtet werden und ihre Eigenschaften über die Samen weitergeben. Angesichts fehlender Daten aus Freilandversuchen haben selbst Wissenschaftler Zweifel, ob die Rechnung von Living Carbon und seiner Kapitalgeber aufgehen wird: "Ihre Behauptungen scheinen kühn zu sein, basierend auf sehr begrenzten realen Daten", zitiert die New York Times den leitenden Kastanienforscher des SUNY College of Environmental Science and Forestry im US-Bundesstaat New York.

Eine wichtige Rolle bei der zukünftigen wirtschaftlichen Nutzung von gv-Pappeln und anderen gv-Bäumen kommt dem Forest Stewardship Council (FSC) zu. Diese Organisation steht mit ihren Standards und ihrem Siegel für eine zertifiziert nachhaltige Forstwirtschaft und hatte bisher gv-Bäume komplett ausgeschlossen. Doch inzwischen erlaubt sie ihren Mitgliedern, Anbauversuche mit gv-Bäumen durchzuführen. Im Zuge eines „Gentechnik-Lernprozesses“ (GELP) will die Organisation Erfahrungen sammeln, ob sie zertifizierten Holzproduzenten den kommerziellen Anbau von gv-Bäumen außerhalb des FSC-Systems künftig gestatten wird. Im März will der Vorstand des FSC entscheiden, ob das GELP weiter fortgesetzt werden soll. Die Kampagne zum Stop von gv-Bäumen hat den FSC aufgefordert, zu seiner strikten Ablehnung der Gentechnik in der Forstwirtschaft zurückzukehren und das GELP einzustellen. [lf/vef]

19.02.2023 |

Brasilien: Bayer muss Sojabauern Lizenzgebühr erstatten

Gentechnik-Soja "Intacta": Beschwerde am EU-Gerichtshof (Foto: CCO, Pixabay) Gentechnik-Soja "Intacta" (Foto: CCO, Pixabay)

Der Agrarchemiekonzern Bayer muss brasilianischen Bauern 252 Millionen US-Dollar Lizenzgebühren für die gentechnisch veränderte Soja Intacta zurückzahlen. Das entschied diese Woche der oberste Gerichtshof Brasiliens auf eine Klage von Bauernverbänden aus elf brasilianischen Bundesstaaten. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte der Bayer-Konzern, er werde die Summe wie gefordert auf ein Treuhandkonto überweisen.
Bereits im Mai 2021 hatte der Gerichtshof einen Paragraphen für verfassungswidrig erklärt, der es ermöglichte, die Gültigkeit von Patenten über 20 Jahre hinaus auszudehnen. Die Folge: Der Patentschutz endet nach spätestens 20 Jahren. Umstritten war, für welche Art von Patenten das Urteil gilt. Es betreffe auch das Patent PI9816295-0 für die Soja Intacta RR2 Pro, das im Jahr 2018 ausgelaufen war, schrieb Richter Nunes Marques in seinem am Freitag veröffentlichten Urteil. Damit müsse der Bayerkonzern den Landwirten die Lizenzgebühren für diese Soja zurückzahlen, die sie seit 2018 entrichtet hatten. Die herbizidresistente und schädlingsvernichtende Sojalinie war vom US-Konzern Monsanto entwickelt worden, den Bayer 2018 übernommen hatte.
Ursprünglich hatte der Verband der Sojabauern des Bundesstaats Mato grosso, Aprosoja-MT, im Jahr 2017 mit der Begründung gegen Monsanto geklagt, dass der einzige Absatz von Art. 40 des Gesetzes über gewerbliches Eigentum, der die Gültigkeitsdauer des Patents in Brasilien um mehr als 20 Jahre verlängert, verfassungswidrig sei. Außerdem bezweifelte er, dass die Soja tatsächlich die für ein Patent erforderliche Innovation darstelle. Auf einem großen Teil der Sojaäcker in Mato Grosso werde laut Aprosoja die Linie Intacta RR2 PRO angebaut. 2019 schlossen sich Sojaproduzentenverbände in 10 brasilianischen Bundesstaaten dieser Klage an.
Bayer werde nun das Urteil analysieren und die nächsten Schritte planen, schreibt Reuters. Ein Anwalt von Aprosoja-MT sagte, Bayer könne das Urteil vor dem Plenum des Obersten Gerichtshofs anfechten. Der Konzern vertrat weiter die Ansicht, dass die Sojalinie durch „weitreichende und vielfältige Rechte an geistigem Eigentum geschützt“ sei. Er vertraue darauf, dass dies in Brasilien beachtet werde. Der Anwalt von Aprosoja warf Bayer dagegen vor, Gerichtsentscheidungen zu missachten und unter Verstoß gegen brasilianisches Recht Lizenzgebühren für abgelaufene Patente zu kassieren. Auch Aprosoja-Präsident Fernando Cadore kritisierte, Bayer beeinträchtige durch sein Verhalten die Beziehung zu den Sojaproduzenten, die das Saatgut erwerben.
Nach Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) soll in Brasilien im laufenden Wirtschaftsjahr die Höchstmenge von 153 Millionen Tonnen Sojabohnen geerntet werden, 23,5 Millionen Tonnen mehr als im Vorjahr. Mit einer Flächenausweitung um 1,9 auf 43,4 Millionen Hektar kann Brasilien seine Spitzenposition vor den USA weiter ausbauen, schrieb der Branchendienst proplanta. Auch brasilianische Baumwollproduzenten haben Bayer nach Angaben von Reuters wegen des gentechnisch veränderten Baumwollsaatguts Bollgard II RR Flex verklagt. [vef]

12.02.2023 |

Neue Gentechnik: Kompromisse in der Regierungsstrategie

Pflanzenzüchtung Züchtung Labor Hier ohne Gentechnik, da Bio-Forschung (©BLE, Bonn/Foto: Thomas Stephan)

In ihrer neuen Forschungsstrategie will die Bundesregierung „auch die Chancen und Risiken von neuen Züchtungstechniken (zum Beispiel Crispr/Cas) in den Blick nehmen“. Im europäischen Verfahren zur Reform des Gentechnikrechts werde sie sich „konstruktiv“ einbringen, „um die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und resiliente Züchtungsforschung zu stärken“, heißt es in dem Papier, um das die Koalitionäre dem Vernehmen nach intensiv gerungen haben. Ein Blick in den ursprünglichen Entwurf der „Zukunftsstrategie Forschung und Innovation“ des FDP-geführten Forschungsministeriums (BMBF) zeigt, was sich dabei verändert hat.
So hieß es in dem Entwurf vom Oktober vergangenen Jahres etwa, man werde „unter anderem die Erforschung sogenannter neuer Züchtungstechniken (zum Beispiel Crispr/Cas) voranbringen und deren Nutzung vereinfachen“. Während die Ampelregierung also jetzt Chancen wie Risiken relativ neutral „in den Blick nehmen“ will, stand für das BMBF ursprünglich schon vor der Erforschung der neuen Gentechnik (NGT) das Ziel fest, ihre Nutzung zu vereinfachen. Hintergrund ist, dass die Koalitionspartner beim Thema NGT völlig unterschiedliche Positionen vertreten. Während die FPD neue gentechnische Verfahren als Innovationen begrüßt und die europarechtlichen Regeln liberalisiert sehen möchte, betonen SPD und die Mehrheit der Grünen, dass man zunächst die Risiken erforschen und NGT-Produkte weiterhin kennzeichnen und rückverfolgbar machen müsse. Auseinandersetzen mussten sich darüber in der Ressortabstimmung zur Zukunftsstrategie die grün geführten Ministerien für Landwirtschaft (BMEL) und Umwelt (BMUV) sowie das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) unter der ausgewiesenen Gentechnikkritikerin Svenja Schulze (SPD). Diese Woche verabschiedete dann das Kabinett die Strategie.
Besonders genau beobachtet wird diese Auseinandersetzung auch deshalb, weil das Ergebnis Hinweise gibt, wie Deutschland über den für Sommer erwarteten Regelungsvorschlag der EU-Kommission zu NGT in Brüssel abstimmen könnte. Im Strategieentwurf des BMBF hatte es zu diesem Thema zunächst geheißen: „Wir … setzen uns dafür ein, das (EU-)Gentechnikrecht grundsätzlich zu überarbeiten und die Regelungen am jeweiligen Risiko der konkreten genetischen Veränderung im jeweiligen Organismus bzw. Produkt auszurichten.“ Das hätte eine Abkehr von den geltenden europarechtlichen Regeln bedeutet und neue gentechnische Verfahren konventionellen Züchtungstechniken bei der Beurteilung gleichgestellt. Nach der Ressortabstimmung mit BMUV, BMEL und BMZ heißt es jetzt nur noch, man werde sich in Brüssel konstruktiv einbringen. Welche Maßnahmen helfen sollen oder um welche Technologien es bei der nachhaltigen und resilienten Züchtungsforschung gehen soll, lässt die Ampelkoalition offen. Experten erwarten, dass die EU-Kommission vorschlagen wird, die geltenden strengen Regeln für NGT zu lockern. Sollte sich die Ampelkoalition bis zu der für Jahresende erwarteten Abstimmung nicht auf eine gemeinsame Position einigen können, wird sich Deutschland wie zu Zeiten der Großen Koalition enthalten müssen.
Zur Frage eines Anbaus von NGT-Pflanzen in Deutschland äußert sich das Forschungspapier nicht explizit. Im Ursprungsentwurf sollte die „Nutzung der Ergebnisse in allen Anwendungsgebieten biotechnologischer Verfahren“ unterstützt werden. Hier könnte man mit etwas Phantasie den Anbau von NGT-Pflanzen herauslesen. Diese Passage fehlt aber in der Endfassung. Danach will die Ampel nicht die neuen Technologien voranbringen, sondern „die Züchtung und Nutzung von klima- und standortangepassten, robusten und ertragreichen Sorten …, auch für den ökologischen Landbau“. Und vor allem für letzteren kommen dabei keine gentechnischen Verfahren in Betracht.
Was allerdings auffällt ist, dass unter den 17 genannten Indikatoren zur Erfolgskontrolle der Strategie keine sind, anhand derer man ihre Klimawirkung oder ihre Wirkung auf Biodiversität, Umwelt oder Gesundheit der Menschen prüfen könnte. Es handelt sich lediglich um wirtschaftliche Kennzahlen wie Zahlen zu Unternehmensgründungen oder Beschäftigten im Forschungssektor. Der Naturschutzbund NABU kritisierte denn auch in seiner Stellungnahme, den „ungebrochenen Glauben an technologische Lösungen wie Wasserstoff, Gentechnik und Fusionsforschung als Heilsbringer“ gegen die drängenden Probleme unserer Zeit. [vef]

01.02.2023 |

Welszucht: Abfallvermeidung mit Alligator-Gen?

Getüpfelter Gabelwels  Foto: Ryan Somma - https://bit.ly/3XWfpmD, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7192330 Getüpfelter Gabelwels Foto: Ryan Somma - https://bit.ly/3XWfpmD, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7192330

Forschende der Auburn University im US-Bundesstaat Alabama haben in das Genom des Speisefischs Wels mithilfe der Methode Crispr/Cas ein Alligator-Gen eingefügt. Das soll seine Überlebensrate um das Zwei- bis Fünffache erhöhen und so Fischabfall vermeiden, so die Wissenschaftler:innen in ihrer Studie, die sie im Januar auf dem Preprint-Server Biorxiv veröffentlichten. Zugleich hemmten sie die Fruchtbarkeit der Fische um zu verhindern, dass sie ihre neue Eigenschaft an wilde Verwandte weitergeben.
Laut einem Portal der Auburn Universitäten wurden in US-amerikanischen Fischfarmen 2021 rund 150 000 Tonnen Wels produziert. Doch die Welszucht sei ein guter Nährboden für Infektionen, zitiert das Portal heise online einen der Forscher. Weltweit stürben etwa 40 Prozent der Fische an verschiedenen Krankheiten, bevor sie verwertet werden könnten. Diesen Anteil wollten die Wissenschaftler:innen reduzieren. Ihre Idee: Ein Gen des Alligators, das den Code für das antimikrobiellen Protein Cathelicidin enthält, könnte die Welse widerstandsfähiger gegen Infektionen machen.
Doch ein Risiko gentechnischer Veränderungen von Tieren ist stets, dass erstarkte Arten vorhandene Wildpopulationen verdrängen. Um das zu vermeiden, setzten die Forscher das Alligator-Gen beim Wels in den Teil des Genoms ein, der die Produktion von Fortpflanzungshormonen steuert. Wie die Forscher selbst schreiben, sei ihre Rechnung aufgegangen: Bei Versuchen in bakterienverseuchten Wassertanks zeigte sich bei den genveränderten Fischen eine höhere Überlebensrate. Und sie konnten sich auch tatsächlich nicht mehr fortpflanzen. Ein Wissenschaftler der Louisiana State University bezweifelte gegenüber Heise online aber bereits, dass das Verfahren in größerem Umfang praktikabel wäre. "Es ist einfach zu schwierig, genug von diesen Fischen zu produzieren, um eine lebensfähige, genetisch gesunde Linie auf den Weg zu bringen", gab Greg Lutz zu bedenken. [vef]

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