11.05.2020 |

Dicamba erhöht das Krebsrisiko von Landwirten

Pestizid Gift auf dem Acker (Foto: pixabay, CC0, hpgruesen)

Landwirte, die das Herbizid Dicamba eingesetzt hatten, erkrankten häufiger an Leberkrebs als Kollegen, die das Spritzgift nicht anrührten. Das ergab eine Studie der US-Gesundheitsbehörde. Für die Dicamba-Hersteller Bayer und BASF kommt sie zur Unzeit, da die Umweltagentur EPA die Zulassung für deren Spritzmittel erneuern muss.

Die National Institutes of Health (NIH) hatten die Agricultural Health Study (AHS) neu ausgewertet. Für diese Langzeitstudie wurden in den Jahren 1993 bis 2005 die Daten von 57.000 Landwirten aus den US-Bundesstaaten Iowa und North Carolina aufgenommen. Neben dem Gesundheitszustand wurde auch erfasst, welche Pestizide die Landwirte wie häufig nutzten. Bis heute werden diese Landwirte regelmäßig ärztlich untersucht.

Die NIH-Wissenschaftler werteten die Daten von 50.000 Landwirten aus, von denen gut die Hälfte Dicamba eingesetzt hatten. Verglichen mit denen, die das Herbizid nicht verwendet hatten, erkrankten mehr Dicamba-Nutzer an Leberkrebs. Bei dem Viertel mit der intensivsten Nutzung stieg das Risiko auf das 1,8-fache. Die Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass es eine Reihe von Zell- und Tierversuchen gebe, die auf eine krebserregende Wirkung von Dicamba hindeuteten.

Diese Tierversuche hätten ergeben, dass Dicamba die Leberfunktion in einer Weise verändern könne, die bekanntermaßen Lebertumore entstehen lasse und in Kombination mit anderen Karzinogenen Leberkrebs fördere, schrieb ergänzend dazu die US-Umweltorganisation Center for Biological Diversity. Auch sei Dicamba dafür bekannt, DNA-Mutationen zu verursachen und oxidativen Stress hervorzurufen.
Die US-Umweltbehörde EPA hatte vor drei Jahren dicambahaltige Pestizide von Bayer und BASF zugelassen. Sie hielt es damals für unwahrscheinlich, dass das Spritzmittel beim Menschen Krebs verursachen könne. Seither hat sich der Einsatz des Wirkstoffes zusammen mit dicambaresistenten Gentech-Pflanzen von Bayer vervielfacht. Die Behörde habe „den weitverbreiteten Einsatz dieses Giftes in weiten Teilen des Landes genehmigt, ohne seine Sicherheit für Mensch und Umwelt zu gewährleisten“, kritisierte Nathan Donley vom Center for Biological Diversity. Ende des Jahres muss EPA die Zulassung der beiden Dicamba-Pestizide erneuern. Das Center for Biological Diversity hat zusammen mit anderen US-Organisationen gegen die Zulassung geklagt und erwartet in den nächsten Monaten eine Entscheidung. [lf]

07.05.2020 |

Der Umsatz mit Ohne Gentechnik - Lebensmitteln wächst weiter

Umsatzentwicklung von Lebensmittel mit Ohne Gentechnik-Siegel nach Produktbereichen von 2017 bis 2020. © 2020, Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG) Umsatzentwicklung von Lebensmittel mit Ohne Gentechnik-Siegel nach Produktbereichen von 2017 bis 2020. © 2020, Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG)

Die Deutschen haben 2019 rund 11,3 Milliarden Euro für Lebensmittel ausgegeben, die das Ohne Gentechnik – Siegel tragen. Gegenüber 2018 bedeute das eine Steigerung von 15 Prozent, meldete der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), der dieses Siegel vergibt. Für das laufende Jahr rechnet er mit einem weiteren Anstieg von mindestens fünf Prozent.

Die Zahlen beruhen auf Auskünften der Lizenznehmer des Ohne Gentechnik – Siegels. Diese Hersteller und Verarbeiter erzielten mit den ausgelobten Lebensmitteln einen Umsatz von 8,8 Milliarden Euro durch den Verkauf an den Einzelhandel. Durch dessen Marge und die Umsatzsteuer dürften die Endverbraucherpreise im Schnitt etwa 27 Prozent höher sein als die Herstellerumsätze, schätzt der VLOG und kommt so auf 11,3 Milliarden Euro. Damit machten Ohne Gentechnik – Produkte bereits über fünf Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus, schrieb der Verband. Zum Vergleich: Der Umsatz mit Bio-Lebensmittel im deutschen Handel lag 2019 bei 12,0 Milliarden Euro. Überschneidungen zwischen den beiden Segmenten gibt es kaum. Bio-Lebensmittel müssen sowieso gentechnikfrei hergestellt werden, so dass die allermeisten Bio-Hersteller keine zusätzliche Ohne Gentechnik – Auslobung verwenden.

Den größten Anteil an der Ohne Gentechnik – Herstellersumme von 8,8 Milliarden Euro haben mit 6,0 Milliarden Milch und Molkereiprodukte. Weitere 1,6 Milliarden steuerte Geflügelfleisch bei, während 850 Millionen Euro auf Eier entfielen. Den kleinen Rest teilen sich alle anderen Warengruppen wie etwa Schweinefeisch. „Im Vergleich zur Milch muss sich bei Schweinefleisch noch sehr viel bewegen, um auch hier endlich den Verbrauchererwartungen nach Ohne Gentechnik-Ware gerecht zu werden“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting. Denn anders als Verbraucher vermuten, würden immer noch 99 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine in Deutschland mit Gentechnik-Soja gefüttert. Rund drei Viertel aller deutschen Sojaimporte landeten in ihren Futtertrögen.

Der VLOG nutzte die Präsentation der Zahlen dazu, die EU-Kommission zu mahnen. Um den Verbrauchern auch in Zukunft Transparenz und Wahlfreiheit zu ermöglichen, müsse sie endlich aktiv werden und dafür sorgen, dass Nachweisverfahren für Produkte der neuen Gentechnik entwickelt würden, sagte Heike Moldenhauer, die den VLOG in Brüssel vertritt. Wirtschaftsbeteiligte und nationale Behörden müssten sie verlässlich aufspüren können. „Auch wenn es dabei mit Raps und Soja um bisher nur zwei Pflanzen geht, die erst in zwei Ländern angebaut werden: Unsere Mitglieder müssen sicher ausschließen können, dass über Importe aus den USA und Kanada gentechnische Verunreinigungen in ihre Warenströme gelangen“, erläuterte Moldenhauer. [lf]

04.05.2020 |

US-Umweltbehörde genehmigt Freisetzung von Gentech-Moskitos

Dengue Fieber Mücke Aedes aegypti - die Tigermücke gilt als Hauptüberträger des Dengue-Fiebers. Foto by James Gathany (PHIL, CDC) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die US-Umweltbehörde EPA hat dem britischen Unternehmen Oxitec erlaubt, zu Versuchszwecken in Florida und Texas insgesamt 1,2 Milliarden gentechnisch veränderte Mücken freizusetzen. Die beiden Bundesstaaten und die lokalen Behörden müssen noch zustimmen.

Beginnen soll der Versuch bereits in diesem Jahr in Florida. 2021 sollen die Mücken dann in Florida und in Texas ausgesetzt werden, insgesamt auf einer Fläche von 2000 Hektar. Weitere 700 Hektar würden als Kontrollfläche dienen. Freisetzen will Oxitec nur männliche Mücken, die so verändert wurden, dass deren weibliche Nachkommen absterben und nur die männlichen überleben – die diese Eigenschaft erben und beim nächsten Paarungsakt weitergeben. So will Oxitec die natürliche Population der Stechmücke Aedes aegypti drastisch reduzieren. EPA geht davon aus, „dass dies angesichts der wachsenden Resistenz gegen die derzeitigen Insektizide ein wirksames Instrument zur Bekämpfung der Ausbreitung bestimmter durch Mücken übertragener Krankheiten wie des Zika-Virus sein könnte“.

Aus den von der Behörde veröffentlichten Unterlagen gehen nur wenige Auflagen hervor, darunter ein Mindestabstand der Freisetzungsflächen von Zitrus-Plantagen von 500 Meter. Oxitec wird dazu verpflichtet, wöchentlich nach gentechnisch veränderten Mückenlarven zu suchen. Diese sollen zusätzlich ein Gen tragen, das sie floureszieren lässt, so dass sie einfach zu erkennen sind. Zusätzlich muss Oxitec einmal monatlich 150 nicht floureszierende weibliche Mücken analysieren. Sollte das Unternehmen dabei auf Mücken mit der gentechnischen Veränderung stoßen, muss das Unternehmen den Versuch sofort abbrechen und die Versuchsflächen mit Insektizden besprühen.

Die Verbraucherorganisation Center for Food Safety (CFS) hält ein solches Szenario für durchaus möglich. Jaydee Hanson, politischer Geschäftsführer von CFS wies gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg darauf hin, dass bei Laborversuchen drei bis vier Prozent der von männlichen Gentech-Mücken gezeugten weiblichen Nachkommen nicht wie geplant absterben, sondern überleben. Das könnte dazu führen, „dass sich Hybridmückenarten in der Umwelt etablieren, die veränderte Eigenschaften aufweisen könnten, darunter das Potenzial für eine verstärkte Krankheitsübertragung“, sagte Hanson gegenüber Bloomberg. CFS hatte bereits 2016 gewarnt, als Oxitec das erste Mal versuchte, Gentech-Mücken in Florida freizusetzen, damals auf dem Höhepunkt der Medienberichte über eine Zika-Epidemie in Lateinamerika. Ende 2016 wurde wegen des Widerstands in der Bevölkerung die damals geplante Freisetzung von Oxitec abgesagt. Im Herbst 2019 beantragte das britische Unternehmen mit einer neuen Generation von Gentech-Mücken den jetzt erlaubten Versuch. Die britische Organisation GeneWatch UK hatte sich letzten Herbst kritisch mit dem Antrag und den Ergebnissen einer ersten Freisetzung dieser neuen Oxitec-Mücken in Brasilien befasst. [lf]

28.04.2020 |

Bayer-Hauptversammlung: Die Probleme einfach ausgeblendet

Protestaktion von Inkota vor der Bayer-Hauptversammlung 2018 Foto: Fritz Schadow / INKOTA-netzwerk Protestaktion von Inkota vor der Bayer-Hauptversammlung 2018 Foto: Fritz Schadow / INKOTA-netzwerk

Als bisher einziger Dax-Konzern hat Bayer seine Hauptversammlung virtuell abgehalten. Auch die Proteste gegen den Konzern fanden überwiegend im Netz statt. Dort thematisierten zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft, wie das Unternehmen mit seinen Produkten Gesundheit und Umwelt gefährdet und die Menschenrechte missachtet.

Bayer sieht sich selbst auf dem richtigen Weg. Vorstand Werner Baumann sprach von einem strategisch und operativ erfolgreichen Geschäftsjahr 2019 und wertete die Zahlen für das erste Quartal 2020 als „guten Jahresauftakt.“ Die Aktionäre teilten mit großer Mehrheit diese Sicht. Anders als im letzten Jahr entlasteten sie den Vorstand mit 92 Prozent der Stimmen und genehmigten sich trotz Corona eine Dividende von 2,80 Euro je Aktie. Die Kritik daran, dass bei den Glyphosatklagen in den USA immer noch kein Vergleich geschlossen wurde, hielt sich in Grenzen. Man haben bei den Verhandlungen einige Fortschritte erzielt, „bevor der Ausbruch von Covid-19 auch dieses Thema überlagert und den Verhandlungsfortschritt damit erheblich verlangsamt hat", sagte Baumann.

In früheren Jahren wurden die Aktionäre vor der Hauptversammlung mit dem Protest der Zivilgesellschaft konfrontiert und mussten sich die Reden der Kritiker anhören. „Genetisch manipuliertes Saatgut, erdrückende Monopolpreise im Agrar- und im Pharma-Bereich, globale Umweltvergiftung durch Pestizide wie Glyphosat (Round Up) oder Dicamba, massive Steuerflucht“ und vieles mehr hatte die Coordination gegen BAYER Gefahren (CBG) in ihrem diesjährigen Protestaufruf aufgelistet. All diese Vorwürfe ersparte sich der Vorstand in diesem Jahr durch die virtuelle Hauptversammlung, bei der lediglich sechs Vorstände und Aufsichtsräte in gebührendem Abstand im Studio saßen und die vorher eingereichten Fragen nach eigenem Gusto auswählten und beantworteten. Das sei eine „drastische Beschneidung der Rechte von Minderheits-AktionärInnen und KonzernkritikerInnen“, kritisierte die CBG. Sie organisierte einen Live-Protest im Netz mit zahlreichen Beiträgen von Aktivisten, Bayer-Geschädigten, Politikern und Künstlern sowie einer kleinen Live-Demo vor den Bayer-Werkstoren in Leverkusen.

Bereits ab 23. April hatten CBG und andere Organisationen unter dem Hashtag #stopBayerMonsanto zu Online-Protesten aufgerufen. Im Rahmen der Kampagne legten das Inkota Netzwerk und Misereor einen Bericht darüber vor, wie Bayer (und BASF) in Brasilien und Südafrika Pestizide mit Wirkstoffen verkauft, die in der EU längst verboten wurden – weil sie so gefährlich für Mensch und Umwelt sind. „Mit solchen Doppelstandards missachtet Bayer seine unternehmerischen Verpflichtungen zur Einhaltung der Menschenrechte“, kritisierte Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor. „Anstatt den Export zu steigern, muss Bayer verpflichtet werden, die Pestizidproduktion insgesamt zu senken“, forderte Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik des Umweltverbandes BUND.

CBG hatte beantragt, Vorstand und Aufsichtsrat wegen des Geschäftsgebahrens nicht zu entlasten. Außerdem sollte die geplante Dividendenausschüttung auf 10 Cent je Aktie gekürzt werden. Statt dessen sollten die Gelder unter anderem verwendet werden „ für den Erhalt und die Schaffung sicherer und umweltgerechterArbeitsplätze und für die Zahlung sozial gerechter Löhne“ sowie „für einen Fonds zum angemessenen Ausgleich von Schäden, die infolge der Geschäftstätigkeit bei Mensch, Tier und Umwelteingetreten sind“. Diese Anträge wurden mit großer Mehrheit abgelehnt. [lf]

24.04.2020 |

Mehr als 100 Patentanträge für konventionelle Züchtungen

Patente Keine Patente auf herkömmliche Züchtung (Foto: Falk Heller/argum)

In den letzten beiden Jahren haben Saatgut-Konzerne beim Europäischen Patentamt mehr als 100 Anträge eingereicht, um sich konventionelle Züchtungen patentieren zu lassen. Noch sind diese Anträge nicht bewilligt. Doch das Patentamt hat schon bisher die rechtliche Vorgabe, wonach solche Patente unzulässig sind, missachtet.

Die Koalition Keine Patente auf Saatgut! hat die von Anfang 2018 bis Ende 2019 beim Europäischen Patentamt (EPA) eingegangenen Patentanträge auf Pflanzen und Pflanzenzüchtungen gesichtet. Über 100 davon betrafen konventionelle Züchtungen, die meisten entfielen auf Melonen, gefolgt von Spinat, Mais und Tomaten. Doch auch für Lauch, Artischocken, Auberginen, Bananen, Basilikum, Rüben, Brokkoli, Maniok, Blumenkohl, Sellerie, Baumwolle, Endivien, Kartoffeln und Reis lagen Anträge vor. Elf davon hat Keine Patente auf Saatgut! in einem Bericht genauer vorgestellt.

Demnach beansprucht die Firma Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS) rund 80 Pflanzenarten, die gegen eine Pilzkrankheit (Northern corn leaf blight), die unter anderem bei Mais auftritt, resistent sein sollen (EP3447135). Dabei hat KWS nach Ansicht von Keine Patente auf Saatgut! nichts erfunden, sondern lediglich eine DNA-Sequenz identifiziert, die bei der Abwehr des Pilzes eine Rolle spielt. Der niederländische Gemüsezüchter Rijk Zwaan beansprucht Endivien-Salatpflanzen, die nach einem Tauchbad in heißem Wasser nicht braun werden (EP3427575). Auch die Konzerne Bayer und BASF tauchen in der Liste mit Beispielen auf. Der Brauereikonzern Carlsberg hat erneut beantragt, eine konventionell gezüchtete Braugerste unter Patentschutz zu stellen. Er könnte dadurch Lizenzgebühren für jeden Liter Bier verlangen, der mit dieser Gerste gebraut wird.

Ein häufiges Muster bei den dargestellten Patentanträgen sieht so aus: Durch den Kontakt der Pflanzen mit Chemikalien oder Krankheitserregern werden zufällige Mutationen ausgelöst, die anschließend auf das gewünschte Resultat hin aussortiert werden. Dabei werde durch eine „Garnierung“ mit technischen Verfahren der Eindruck erweckt, dass es sich um Erfindungen handle, heißt es in dem Bericht.

Zwar hatte der Verwaltungsrat des EPA im Juni 2017 entschieden, dass keine weiteren Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere erteilt werden dürfen. Doch enthält dieser Beschluss immer noch Schlupflöcher, die es möglich machen, dass solche Patente beantragt und vom EPA auch bewilligt werden. Im Laufe des Jahres 2020 soll die Große Beschwerdekammer des EPA das Thema abschließend behandeln.

„Der Bericht von Keine Patente auf Saatgut! zeigt, wie die Konzerne versuchen, noch mehr Kontrolle über die Produktion von Lebensmitteln in Europa zu erhalten“, sagt Christoph Then von Testbiotech, der an der Recherche beteiligt war. Er fürchtet um die Freiheit von Züchtern und Landwirten, wenn die aktuellen rechtlichen Fragen nicht gelöst würden und weiterhin nicht klar zwischen technischen Erfindungen und zufälligen Verfahren wie der Mutagenese unterschieden werde. [lf]

21.04.2020 |

Die Koexistenz muss wieder auf die Tagesordnung

Eine Verunreinigung von 0,1Prozent bedeutet, dass pro Hektar 100 Gentechnik-Pflanzen wachsen. Eine Verunreinigung von 0,1% bedeutet, dass pro Hektar 100 Gentechnik-Pflanzen wachsen.(Photo:Simone Knorr)

Die offizielle Politik der EU geht davon aus, dass verschiedene landwirtschaftliche Produktionsweisen nebeneinander existieren können. Gentechnik, konventionell und bio. Friedlich, ohne dass die eine die andere dominiert oder negativ beeinflusst. Doch was tut die Politik dafür?

„Die unbequeme Wahrheit ist, dass es seit weit über einem Jahrzehnt keine sinnvollen Diskussionen, geschweige denn tragfähige Politiken gegeben hat, die sich damit befassen, wie die Koexistenz von zum Teil radikal unterschiedlichen Ansätzen der Nahrungsmittelproduktion tatsächlich gerecht, transparent und nachhaltig erreicht werden kann.“ So steht es in einem Bericht der britischen Organisation Beyond GM. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gesprächsräume für breit angelegte Debatten über Agro-Gentechnik zu schaffen. ‚A Bigger Conversation’ heißt diese Reihe, in der nun die Auswertung eines Gesprächs über Pflanzenzüchtung vorliegt, zu dem sich Gentechniker, Bio-Züchter und Saatgutunternehmen einen Tag lang in Brüssel getroffen hatten.

Dabei war die Koexistenz ein beherrschendes Thema, denn sie beginnt mit der Züchtung. So machten Bio-Züchter deutlich, dass mangelnde Regulierung und Transparenz bei den durch neue Gentechnik entwickelten Kulturpflanzen den Ökolandbau und damit auch ihre ökonomische Existenz beeinträchtigen könnten. Doch auch konventionelle Züchter wiesen auf das Problem hin, dass sie bald nicht mehr wissen könnten, bei welchen Zuchtlinien neue gentechnische Verfahren eingesetzt wurden. Noch größer würde dieses Nichtwissen später bei der Sortenberatung im Anbau.

Ein Beispiel dafür (im Bericht nicht weiter ausgeführt) ist die durch natürliche Mutation entstandene cytoplasmatisch-männliche Sterilität (CMS). CMS wird verstärkt in der Züchtung von Hybridpflanzen eingesetzt, wobei die Sterilität durch molekularbiologische Methoden in die Pflanzenzelle eingebracht wird. Im EU-Gentechnikrecht gelten diese Methoden explizit nicht als Gentechnik, müssen also nicht gekennzeichnet werden. Die Bio-Verbände jedoch lehnen diese Methoden ab. Allerdings lässt es sich in der Praxis kaum mehr zurückverfolgen, bei welchen Hybridsorten die vor allem bei Kohlarten weit verbreitete CMS-Methode eingesetzt wurde.

Bei der Frage, wie Transparenz, Rückverfolgbarkeit und damit eine Koexistenz von Anfang an gesichert werden könnten, gab es in der Diskussion den bekannten Dissens. Über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren sei es bei diesem ansonsten sachlichen und ruhigen Treffen „zu einer offenen Auseinandersetzung“ gekommen, heißt es im Bericht von Beyond GM. Die Organisation will sich in einem nächsten Schritt damit befassen, wie eine gleichberechtigte Koexistenz aussehen könnte und wie sie praktisch und politisch umgesetzt werden sollte. [lf]

17.04.2020 |

Auch neue Gen-Schere schneidet ungenau

DNA Sequenz Labor Foto: Scott Covington/USFWS, creativecommons.org/licenses/by/2.0

Von der als Crispr/Cas12a oder Cpf1 bekannten Gen-Schere hieß es, sie arbeite präziser als das übliche Crispr/Cas9 System. Wissenschaftler der Universität von Iowa haben nachgewiesen, dass auch die neue Schere zu zahlreichen Nebeneffekten führt.

Um die neue Gen-Schere zu testen, hatten die Wissenschaftler im Reagenzglas eine Art Übungsparcour aufgebaut mit vielen synthetisch hergestellten DNA-Molekülen. Diese enthielten Variationen der Gensequenz, die Crispr/Cas12a eigentlich editieren sollte. Dabei zeigte sich, dass die Schere auch an Stellen andockte und den DNA-Doppelstrang durchschnitt, die sich in bis zu vier DNA-Basenpaaren von der eigentlichen Ziel-Sequenz unterschieden. Das bedeutet, dass Crispr/Cas12a s eine große Anzahl von deutlich vom Zielort abweichende und eindeutig nicht übereinstimmenden Stellen beschädigte.
Gleichzeitig zeigte sich, dass die Schere auch an vielen Stellen andockte und nur einen der beiden Stränge durchschnitt, also eine Art Kerbe in die DNA schlug anstatt sie zu schneiden. Da auch diese Kerben vom Reparaturmechanismus der Zelle wieder geschlossen werden, kann es dadurch zu vielen nicht geplanten Mutationen kommen.

Die Wissenschaftler zogen aus ihren Ergebnissen den Schluss, dass Computerprogramme, die im Allgemeinen zur Vorhersage von Off-Target-Effekten von Crispr-Systemen verwendet werden, diese Art von unbeabsichtigten DNA-Einschnitten nicht erkennen können. Sie seien nur durch spezielle Nachweismethoden oder die Sequenzierung des gesamten Genoms des editierten Organismus nachweisbar. Gleichzeitig lieferten sie auch eine mögliche Begründung für diese unerwarteten Nebeneffekte. Schließlich sei es die natürliche Aufgabe von Cas12a, Bakterien gegen eindringende Viren zu verteidigen. Diese würden ihr Genom relativ schnell ändern, so dass es aus Sicht des bakteriellen Immunsystems sinnvoll sei, wenn die Gen-Schere neben der Zielsequenz auch ähnliche Gensequenzen attackiere. [lf]

14.04.2020 |

Schweiz genehmigt Freisetzung von Gentech-Mais

Forscherinnen spannen Schutznetze über die "Protected Site" in der Schweiz. Foto: Agroscope Forscherinnen spannen Schutznetze über die "Protected Site" in der Schweiz. Foto: Agroscope

Die Universität Zürich darf im Mai gentechnisch veränderten Mais auf den Versuchsfeldern der Forschungsanstalt Agroscope im zürcherischen Reckenholz aussäen. Das Bundesamt für Umwelt hat den umstrittenen Freisetzungsversuch mit Auflagen genehmigt. Kritiker monieren, dass der mit staatlichen Geldern unterstützte Versuch für die Schweizer Landwirtschaft keine Bedeutung habe.

Wissenschaftler des Instituts für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich haben in eine Maislinie das Gen Lr 34 aus Weizen eingefügt. Dieses Gen soll den Mais gegen mehrere Pilzkrankheiten resistent machen. Auch in Gerste haben die Wissenschaftler das Weizengen bereits eingebaut. Den Versuchsanbau der gentechnisch veränderten (gv) Gerste hatte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) bereits vergangenen Sommer genehmigt. Beim gv-Mais dauerte das Verfahren etwas länger. Imkerverbände hatten eingewandt, dass der Pollen des Maises ihren Honig verunreinigen könnte und dieser dadurch unverkäuflich würde. Das BAFU entschied daraufhin, dass die Blütenstände des Maises in allen drei Versuchsjahren entfernt werden müssen, so dass sich kein Pollen entwickeln kann.

Die Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) kritisiert, dass die Schweizer Landwirtschaft von derartigen Versuchen nicht profitiere. „Weder die für den Versuch gewählte Modellsorte noch ein Teil der zu testenden Pilzkrankheiten sind relevant für die Schweiz“, schreibt die SAG. Zudem sei in Europa die Akzeptanz von gv-Pflanzen gering und ihr Marktpotenzial sehr niedrig. „Von den Ergebnissen profitiert daher nicht die Allgemeinheit, sondern hauptsächlich das gesuchstellende Forschungsteam und seine Partner, die ein Patent auf das bei dem Versuch verwendete Gen besitzen.“ Der Betrieb des für die Anbauversuche vorgesehenen und speziell geschützten Geländes koste den Bund jährlich 750.000 Franken. Diese für den Versuch aufgewendeten Gelder würden sinnvoller in die Förderung nachhaltiger agrarökologischer Ansätze investiert, argumentiert die SAG. [lf]

06.04.2020 |

Behördenrat: Bei Gene Drives ist höchste Vorsicht geboten

Moskito Mücke Anopheles Auch bei Anopheles-Mücken wurden Gene Drives gentechnisch eingebaut (Foto: James Gathany - CDC phil.cdc.gov/PHIL_Images/09262002/00008/A.gambiae.1354.p_lores.jpg)

Umwelt- und Naturschutzbehörden mehrerer EU-Staaten warnen vor den mit Gene Drives verbundenen Risiken. Vor einer Freisetzung müssten Methoden entwickelt und eingeführt werden, um das Risiko abschätzen und mögliche Umweltauswirkungen überwachen zu können. Parallel dazu müssten die mit einer Freisetzung verbundenen ethischen und gesellschaftlichen Fragen umfassend diskutiert werden.

Organismen mit Gene Drive (GDO) sind in der Lage, eine gentechnische Veränderung innerhalb einer wildlebenden Population schnell zu verbreiten. Sie könnten dazu verwendet werden, Stechmücken, Ernteschädlinge oder invasive Arten auszurotten. Die bisherigen Versuche mit dieser Technik im Labor werfen zahlreiche Fragen auf, heißt es in dem Bericht einer Arbeitsgruppe aus Umwelt- und Naturschutzbehörden mehrerer EU-Staaten, darunter das deutsche Bundesamt für Naturschutz.
So sei offen, wie stabil ein GDO in freier Wildbahn sei. Dort seien die Populationen genetisch weitaus diverser als im Labor, was die Verbreitung der gentechnischen Veränderung erschwere. Zudem könnten sich relativ schnell Resistenzen entwickeln und den Erfolg insgesamt in Frage stellen. Nach Ansicht der Behörden weist das Wissen über die Biologie und das Umweltverhalten möglicher Zielarten wie Moskitos noch große Lücken auf, die eine Risikoabschätzung erschweren. Besonders wichtig: Off-Target-Effekte und andere unbeabsichtigte Effekte auf molekularer Ebene, wie sie beim Einsatz von Gen-Scheren wie Crispr/Cas belegt sind, können auch in GDO auftreten, mit völlig unbekannten Auswirkungen auf die Zielart selbst und deren Umweltverhalten. Völlig unklar ist aus Sicht der Behörden auch, wie sich eine Freisetzung und die damit verbundene Dezimierung oder Auslöschung einer Art auf das jeweilige Ökosystem auswirkt.

All diese offenen Fragen machen eine Risikoabschätzung aus Sicht der Behörden extrem schwierig und unsicher. Gleichzeitig sei das Risiko höher als bei bisherigen Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen. Denn bei einem GDO sei es gewollt, dass er sich langfristig und dauerhaft in der Umwelt ausbreite. Es sei nicht möglich, einen GDO zurückzuholen und wenig sinnvoll, eine Zulassung zeitlich zu befristen.

Angesichts dessen empfehlen die Behörden: „Methoden zur Risikobewertung, zur Umweltüberwachung und zum Risikomanagement müssen entwickelt werden, bevor eine Freisetzung von GDOs in die Umwelt erfolgt.“ Neben einer wissenschaftlichen Risikobewertung müssten auch die mit der Freisetzung von GDO verbundenen gesellschaftlichen und ethischen Fragen behandelt werden. Den Rahmen hierfür könne eine umfassende Technologiefolgenabschätzung bieten. [lf]

01.04.2020 |

Dicamba Papers: Monsanto und BASF nahmen Schäden bewusst in Kauf

Geheim Top secret geschäftsgeheimnis Foto: spekulator / freeimages

Zahlreiche interne Mails belegen es: BASF und die Bayer-Tochter Monsanto wussten, dass ihre Dicamba-Pestizide auf Nachbarfeldern Schäden anrichten würden. Doch die Profite waren den Konzernen wichtiger. Das könnte teuer werden.

Im ersten von über 100 in den USA anstehenden Prozessen um Dicamba-Abdrift wurden Monsanto und BASF zu 265 Millionen US-Dollar Schadenersatz und Strafzahlung verurteilt. Zwar haben die Konzerne Berufung eingelegt und beharren darauf, dass ihre Dicamba-Pestizide ordnungsgemäß zugelassen seien und keine Schäden verursachen, wenn sie korrekt angewendet werden. Doch die in diesem ersten Prozess vorgelegten internen Mails der beiden Unternehmen sprechen eine andere Sprache. Die Bürgerrechtsorganisation US Right to Know hat die Mails und die Prozessprotokolle nun online gestellt. Die britische Zeitung The Guardian präsentierte eine erste Auswertung.

Diese zeigt, dass die beiden Unternehmen seit über zehn Jahren zusammenarbeiteten, um neue Dicamba-Pestizide zu entwickeln, die zusammen mit dem gentechnisch veränderten und dicamba-resistenten Saatgut von Monsanto auf den Markt kommen sollten. Während dieser Zeit wurden sie immer wieder von Universitätsprofessoren und anderen Landwirtschafts- Experten auf die Flüchtigkeit von Dicamba hingewiesen und darauf, dass auch die neuentwickelten Pestizide Engenia (BASF) und XtendiMax (Monsanto) dieses Problem nicht in den Griff bekämen. In den Mails fand sich auch eine Abschätzung von Monsanto aus dem Jahr 2015. Darin stand neben der Zahl der erwarteten Käufer von Saatgut und Pestizid auch die Zahl der erwarteten Schadensfälle, insgesamt mehr als 10.000 für die Jahre 2017 bis 2020. Gesehen wurden diese Schadensfälle von den Monsanto- und BASF-Mitarbeitern jedoch vor allem als potentielle Kunden. Sie sollten davon überzeugt werden, Monsantos dicamba-resistente Soja und Baumwolle anzubauen, um künftige Schäden zu vermeiden.

Der Guardian-Artikel berichtete auch, dass 2015 Universitäten die Flüchtigkeit des neuen Pestizids XtendiMax untersuchen wollten. Damals stand XtendiMax bei der Umweltbehörde EPA zur Zulassung an und Monsanto wollte sicherstellen, „dass das Produkt eine weiße Weste behält“. So stand es in der Mail einer hochrangigen Managerin. Daraufhin lehnte Monsanto die Anfragen der Wissenschaftler ab. Eine davon mit der Begründung, dass wegen Schwierigkeiten in der Produktion nicht genug XtendiMax für Feldversuche zur Verfügung stünde. „Hahaha, Produktionsschwierigkeiten, so ein bullshit“ kommentierte ein Monsanto-Manager intern den Vorgang.

Gegenüber dem Guardian wiesen beide Unternehmen die Darstellung zurück und sprachen von einzeln herausgepickten Mails, die davon ablenken sollten, dass die Pestizide von der Umweltbehörde EPA in einem ordentlichen Verfahren zugelassen worden seien. Gleichzeitig beschwerte sich BASF darüber, dass dem Unternehmen Fehlverhalten von Monsanto angerechnet werde. Im ersten Dicamba-Prozess hatte der Richter beide Unternehmen zusammen zu 15 Millionen Dollar Schadenersatz und 250 Millionen Dollar Strafzahlung verurteilt. Die Geschworenen jedoch hätten sich nur für Strafzahlungen gegen Monsanto ausgesprochen, schrieb BASF dem Richter. [lf]

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