25.07.2018 |

Der EuGH stellt klar: Gen-Scheren sind Gentechnik

Gericht EU Foto: Gerichtshof der Europäischen Union

UPDATE+++ Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat entschieden, dass der Einsatz von Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas immer unter das Gentechnikrecht fällt – auch dann, wenn dabei kein fremdes Erbgut in Pflanzen oder Tiere eingefügt wird. Begründet haben die Richter dies mit dem Vorsorgeprinzip.

Diese Verfahren, bei denen das Erbgut lebender Arten ohne Einführung einer fremden DNS verändert wird, fasst das EU-Gentechnikrecht unter dem Begriff Mutagenese zusammen. Transgenese bedeutet hingegen das Einfügen fremden Erguts, wie es bisher in der klassischen Gentechnik üblich ist.

Der EuGH hat nun klargestellt: „Durch Mutagenese gewonnene Organismen sind genetisch veränderte Organismen (GVO) und unterliegen grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen“. Ausgenommen davon sind nur Mutagenese-Verfahren „die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten.“ Gemeint ist damit die in der herkömmlichen Züchtung angewandte Methode, durch Bestrahlung oder Chemikalien zufällige Mutationen im Saatgut hervorzurufen und mit dabei zufällig entstandenen positiven Eigenschaften weiter zu züchten.
Zu CRISPR/Cas und verwandten Methoden schrieb der Gerichtshof, „dass sich die mit dem Einsatz dieser neuen Mutagenese-Verfahren verbundenen Risiken als vergleichbar mit den bei der Erzeugung und Verbreitung von GVO im Wege der Transgenese auftretenden Risiken erweisen könnten.“ Durch die neuen Verfahren würden genetisch veränderter Sorten „in einem ungleich größeren Tempo und Ausmaß als bei der Anwendung herkömmlicher Methoden der Mutagenese“ erzeugt. Würde man die neuen Mutagenese-Verfahren aus dem Anwendungsbereich der GVO-Richtlinie ausnehmen, könnten mögliche schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht verhindert werden. Dies jedoch würde dem Vorsorgeprinzip zuwiderlaufen.
Mit dieser Argumentation kommt der EuGH zu dem Schluss: Die GVO-Richtlinie gilt auch für Organismen, die durch Mutagenese-Verfahren erzeugt wurden, die nach dem Erlass der Richtlinie (im Jahr 2001) entstanden sind. Damit hat der EuGH die Argumente, die von Bio- und Umweltverbänden seit Jahren ins Feld geführt wurden, in vollem Umfang bestätigt.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zeigte sich erleichtert und lobte den EuGH dafür, dass er das Vorsorgeprinzip gestärkt und es klar vor die Profitinteressen der Gentechnik-Konzern gestellt habe. Hubert Weiger, Vorsitzender des Umweltverbandes BUND, sagte: „Das Gericht hat klargestellt, dass künstlich erzeugte Organismen nicht ungeprüft als großes Freilandexperiment in die Umwelt gelangen und den Verbrauchern untergejubelt werden dürfen.“ Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) sprach von einem wegweisenden und klugen Urteil, das Umwelt und Verbraucher zu Gewinnern mache. Harald Ebner, der Gentechniksprecher der grünen Bundestagsfraktion, sagte: „Das europäische Erfolgsmodell ist Gentechnikfreiheit und nicht Gentechnik.“ Der Bio-Dachverband BÖLW sieht jetzt die Bundesregierung am Zug. Sie müsse „gewährleisten, dass die gesetzlich vorgeschriebene Regulierung und Kennzeichnung für die neuen Gentechniken vollumfänglich umgesetzt werden.“ Bundesministerin Julia Klöckner müsse in Berlin und in Brüssel darauf dringen, dass die Unternehmen verpflichtet werden, für Verfahren wie CRISPR/Cas Referenzmaterial und Nachweisverfahren zu liefern. Die Ministerin nannte das Urteil eine „Klarstellung in einem der bedeutendsten Forschungsfelder“, die sie sorgfältig auswerten wolle. Oberste Maxime sei der gesundheitliche Verbraucherschutz. „Gleichzeitig will ich den Blick für Entwicklungen und Innovationen offen halten“, sagte Julia Klöckner. Enttäuscht über die Entscheidung äußerten sich der Deutsche Bauernverband, der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter und BIO Deutschland, der Branchenverband der Biotechnologie-Industrie. [lf]

UPDATE, 26.07.2018: Stellungnahmen von Verbänden und Organisationen hinzugefügt.

24.07.2018 |

Die Gentechnik-Schere CRISPR/Cas verursacht Schäden beim Schneiden

DNA Genom DNA-Modell der Ausstellung "Genome: The Secret of How Life Works" im Jahr 2012 (Foto: George Bush Presidential Library and Museum / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

Das gentechnische Verfahren CRISPR/Cas verursacht bei Eingriffen ins Erbgut mehr Schäden als bislang vermutet. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern des renommierten britischen Wellcome Trust Sanger Institute.

Sie hatten systematisch das Erbgut verschiedener Zelllinien von Mäusen und Menschen untersucht, nachdem mit dem CRISPR/Cas-Verfahren einzelne Gen-Sequenzen aus dem Erbgut entfernt worden waren. Dabei stießen die Forscher darauf, dass der Eingriff in bis zu 20 Prozent der Fälle zu unerwarteten Defekten im Erbgut geführt hatte. Mal gingen größere Stücke DNA verloren, andere Erbgutschnipsel wurden umgedreht oder an einer falschen Stelle eingebaut.

Dies sei die erste systematische Suche nach unerwarteten Nebeneffekten von CRISPR/Cas in therapeutisch relevanten Zelllinien gewesen, sagte Professor Allan Bradley, einer der Autoren der Studie. Er riet dazu, beim Einsatz der Gentechnik-Schere in der Gentherapie beim Menschen vorsichtig vorzugehen und sehr sorgfältig nach möglichen schädlichen Effekten zu suchen. Bereits vor einigen Wochen hatte ein schwedisches Forscherteam gemeldet, dass CRISPR/Cas indirekt die Entstehung von Krebs fördern könnte. Die Wissenschaftler waren darauf gestoßen, dass CRISPR/Cas besonders gut in Zellen funktioniert, denen ein bestimmtes Protein für die DNA-Reparatur fehlt. Gerade solche Zellen neigen aber dazu, unkontrolliert zu wachsen und sich zu Tumorzellen zu entwickeln. „Transplantieren wir solche Zellen einem Patienten, könnten wir demnach versehentlich die Entstehung von Krebs fördern“, zitierte das Wissenschaftsmagazin Scinexx einen der Studienautoren.

In beiden Fällen handelte es sich um den Einsatz gentechnisch veränderter Zellen zu therapeutischen Zwecken bei Menschen. Offen bleibt die Frage, was sich aus den Studienergebnissen für die Anwendung von CRISPR/Cas und anderen Genome Editing Verfahren bei Tieren und Pflanzen folgern lässt. Die Süddeutsche Zeitung zitierte einen bekannten Gentechniker mit dem Argument, dass große DNA-Abschnitte nur verloren gehen könnten, „wenn die Crispr-Technologie zum Schneiden der DNA eingesetzt werde. Zahlreiche Anwendungen zielten jedoch darauf ab, lediglich einzelne Bausteine in Genen zu verändern oder Gene stumm zu schalten.“ Doch auch dabei wurden immer wieder unerwünschte Nebeneffekte nachgewiesen, wie die Organisation Testbiotech in einem Bericht zusammenstellte. Der Londoner Molekularbiologe Michael Antoniou argumentierte auf dem Portal GMWatch, dass für die beobachteten Effekte der Reparaturmechanismus der Zelle verantwortlich sei. Es helfe deshalb nichts, CRISPR noch zielgenauer oder effektiver zu machen, die Effekte blieben die gleichen. [lf]

18.07.2018 |

Hunderttausend Menschen fordern Essen ohne Gentechnik

Aktion FOODprint bei der Arbeit Aktion FOODprint bei der Arbeit-+-Foto: Rapunzel Naturkost, Fachmesse BioSüd, Oktober 2017

Über 108.000 Menschen haben mit ihrem Fuß- und Handabdruck oder einer Unterschrift bekräftigt, dass sie keine Gentechnik auf dem Acker und dem Teller wollen. Vertreter der Bio-Bewegung übergaben die bunt bedruckten Stoffbahnen und Unterschriftenlisten der Initiative FOODprint an Bundesumweltministerin Svenja Schulze.

Gestartet wurde FOODprint im September 2017 vom Naturkosthersteller Rapunzel. Rund 30 Unternehmen und Verbänden aus der Bio-Bewegung unterstützten die Initiative, bei der die Menschen mit bunten Fuß- oder Handabdrücken - oder nur mit Unterschriften – ihren Wunsch nach gentechnikfreien Lebensmitteln ausdrücken konnten. Verbunden mit der Aktion war ein Positionspapier mit mehreren Forderungen: Neue Gentechnik-Verfahren sollen „genauso wie klassische Gentechnik gesetzlich geregelt werden. Mit Risikoprüfung, Zulassungsverfahren, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung.“ Zudem soll das Verursacherprinzip konsequent angewandt werden, indem Nutzer und Anwender gentechnischer Verfahren „sämtliche Mehrkosten, z.B. Trennung der Warenströme und Analysen, die durch die Gentechnik-Anwendungen entstehen, tragen.“ Für die unabhängige Risikoforschung und die ökologische Saatgutzüchtung forderte FOODprint eine öffentliche Förderung.

Bei der Übergabe der Stoffbahnen betonte Elke Röder, Mitglied im Vorstand des Bio-Dachverbandes BÖLW, dass Gentechnik-Pflanzen oder –Tiere aus der Natur kaum noch rückholbar seien. Deshalb sei es entscheidend, „dass die Bundesregierung auch bei den neuen Gentechniken wie ‚Crispr-Cas‘ oder ‚zielgerichteter Mutagenese‘ das Vorsorgeprinzip durchsetzt.“ Dazu habe sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag verpflichtet. Röder stellte auch klar, was Vorsorge aus Sicht der Bio-Branche in diesem Fall bedeutet: „Vor der Markteinführung muss Gentechnik auch in Zukunft risikobewertet werden, es muss Nachweisverfahren für die neuen Konstrukte, ein Monitoring, Rückverfolgbarkeit und Haftungsregeln für den Schadensfall geben. Und damit die Kunden weiter frei wählen können, was sie anbauen oder essen, muss eine Kennzeichnung für Transparenz auf dem Etikett sorgen.“ [lf]

16.07.2018 |

Deutsche Behörden bestätigen: Genome Editing ist nachweisbar

Behörden BVL Eingang zum Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Berlin (Quelle: BVL, Gloger)

Eingriffe mit Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas in das Erbgut von Pflanzen lassen sich nachweisen. Das ergab eine von Monsanto gesponserte Konferenz über Biosicherheit. Daraus folgt: Pflanzen, die mit neuen gentechnischen Verfahren verändert wurden, können sehr wohl eigens reguliert werden.

Zahlreiche Organisationen und Unternehmen, unterstützt von der großen Mehrheit der Bevölkerung, verlangen von Bundesregierung und EU-Kommission, neue gentechnische Verfahren ohne Ausnahmen nach dem EU-Gentechnikrecht zu regulieren. Gentechnikkonzerne, Pflanzenzüchter und Fachbehörden hatten bisher argumentiert, dies sei nicht möglich, weil sich die Veränderungen durch neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas in vielen Fällen nicht von natürlichen Mutationen und herkömmlicher Züchtung unterscheiden ließen. Dieses Argument ist schlichtweg falsch, wie ein Fachartikel darlegt, auf den die Organisation Testbiotech aufmerksam machte.

Geschrieben haben den Beitrag drei Mitarbeiter des Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und des bundeseigenen Julius-Kühn-Instituts (JKI). Sie berichten darin von den Ergebnissen des 14. Symposiums über die Biosicherheit gentechnisch veränderter Organismen (GVO). Diese zweijährliche Veranstaltung wird von der industrie-finanzierten International Society for Biosafety Research (ISBR) organisiert und von Monsanto und dem weltweiten Pestizidherstellerverband Crop Life gesponsert.

In ihrem Beitrag schreiben die Behördenvertreter, dass die meisten Eingriffe mit Genome Editing eine klare Signatur im Erbgut hinterlassen. Werde diese Signatur durch den Entwickler offengelegt, könne mit der gleichen Technologie wie bei herkömmlicher Gentechnik die Veränderung nachgewiesen und das Produkt überwacht werden. „Zusammengefasst: Die Nachweisbarkeit von genomeditierten Produkten, die auf den Markt kommen, unterscheidet sich nicht wesentlich von denen anderer gentechnisch veränderter Organismen“, heißt es in dem Bericht.

Noch im März 2018 hatten die Fachbehörden des Bundeslandwirtschaftsministeriums einen Bericht zu den neuen gentechnischen Verfahren vorgelegt, an dem die drei Mitarbeiter von BVL und JKI maßgeblich beteiligt waren. Anders als in dem oben genannten Bericht schreiben die Behördenexperten hier, dass das Genome Editing generell keine spezifischen Spuren im Genom hinterlasse, die Rückschlüsse auf die verwendete Technik zuließen. Deshalb kamen sie zu dem Ergebnis: „Ob nachgewiesene genetische Veränderungen durch Techniken des Genome Editing oder andere Techniken erzeugt wurden, ist nicht zweifelsfrei zu klären.“ Bleibt die Frage, warum Behördenvertreter, die sich teilweise seit Jahrzehnten mit gentechnischen Veränderungen beschäftigen, binnen weniger Monate so unterschiedliche Einschätzungen veröffentlichen.

Unverändert treten die Behördenexperten für eine weitgehende Deregulierung des Genome Editing ein. In beiden Berichten plädieren sie – ebenso wie die Gentechnikkonzerne – dafür, die neuen Verfahren zur Veränderung des Erbgutes nicht als Gentechnik einzuordnen, wenn keine zusätzlichen Gene eingefügt werden. In ihrem neuen Aufsatz begründen die deutschen Behördenvertreter dies insbesondere mit möglichen Handelshindernissen. Sich widersprechende Regulierungen von Produkten, die mit Genome Editing hergestellt wurden, würden den Welthandel stören und Regelungen der Welthandelsorganisation WTO widerspechen. Dass die USA und die EU herkömmliche GVO sehr unterschiedlich regulieren und die große Mehrheit der Menschen in der EU und insbesondere in Deutschland diese auf dem Vorsorgeprinzip basierende EU-Regulierung begrüßen, erwähnen die Behördenvertreter nicht. [lf]

12.07.2018 |

Glyphosat: Sammelklage gegen Bayer nimmt die nächste Hürde

RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Ein Bundesrichter in San Francisco hat die Sammelklage von 450 Krebspatienten zugelassen, die das Herbizid Glyphosat für ihre Erkrankung verantwortlich machen. Der von Bayer übernommene Hersteller Monsanto scheiterte mit seinem Antrag, das Verfahren einzustellen.

Zwei Jahren lang hatte Richter Vince Chhabria ermittelt, hatte sich die Argumente der Kläger und Monsantos sowie der jeweiligen Experten angehört. Er zwang den Hersteller dazu, interne Mails zu veröffentlichen, die als Monsanto Papers bekannt wurden und belegten, wie der Konzern Behörden und Wissenschaftler beeinflusste. Nun kam Richter Chhabria in seinem abschließenden Bericht zu dem Ergebnis, dass die Klagen zulässig seien. Zwar seien die Beweise dafür, das Glyphosat Lymphdrüsenkrebs (Non-Hodgkin-Lymphom) auslöse, schwach, aber wissenschaftlich seriös begründet. Eine Jury könnte auf dieser Basis zu dem Ergebnis kommen, dass Glyphosat in umweltrelevanten Konzentrationen Krebs auslösen könne. Auf die Klägerseite komme als nächstes die Herausforderung zu, in einigen der anhängigen Fälle zu belegen, dass Glyphosat in den Mengen, denen Anwender üblicherweise ausgesetzt seien, ein Non-Hodgkin Lymphom verursachen könnte. Nur dann sei ein Verfahren vor einer Geschworenen-Jury zu rechtfertigen, schrieb der Richter.

Dewayne Johnson hat all diese Hürden schon hinter sich. Der krebskranke Schulgärtner ist der erste Kläger gegen Monsanto/Bayers, dessen Fall vor einer Jury verhandelt wird. Letzten Montag begann das Verfahren mit den Statements des Klägers und des Konzerns. Im Vorfeld hatte die Anwältin des Konzerns bei der zweieinhalbtägigen Befragung der Jury versucht, kritisch gegenüber Chemikalien eingestellte Geschworene ausfindig zu machen und deren Berufung zu verhindern, berichtete die Bürgerrechtsorganisation U.S. Right to Know. Den schließlich berufenen zwölf Geschworenen sei angekündigt worden, sie sollten sich darauf einrichten, dass das Verfahren bis Mitte August dauern werde.

Mit dem Kauf des beklagten Glyphosatherstellers Monsanto hat der Bayer-Konzern auch dessen Prozessrisiken übernommen. „Folgerichtig muss man jetzt von den Bayer-Glyphosat-Prozessen sprechen“, sagte Harald Ebner, der Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. In den Verhandlungen werde sich zeigen, „was an den Läuterungsversprechungen von Bayer für seinen neuen Unternehmensteil dran ist.“ [lf]

11.07.2018 |

Handelskonzerne fordern klare Regulierung der Neuen Gentechnik

Edeka Ohne Gentechnik Hähnchenfleisch mit "Ohne Gentechnik"-Siegel (Foto: Edeka)

Führende Lebensmittelhändler aus Deutschland und Österreich wie Edeka, Lidl, Rewe und SPAR haben an die EU-Kommission appelliert, die Verfahren der Neuen Gentechnik strikt zu regulieren. Die Verfahren wie CRISPR/Cas und die daraus entstehenden Produkte sollten nach EU-Gentechnikrecht als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) eingestuft werden.

Für die Konzerne geht es dabei auch ums Geschäft. Sie erinnern die EU-Kommission daran, dass sich Lebensmittel mit „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung als wichtiger Qualitätsstandard auf dem europäischen Markt etabliert hätten. Mit beträchtlichem logistischem und finanziellem Aufwand sei es gelungen, „dem sehr klar artikulierten Wunsch der Verbraucher nach ohne Gentechnik hergestellten Lebensmitteln gerecht zu werden.“ Längst seien die Produkte der Nische entwachsen. „So wird etwa in Deutschland für das Jahr 2018 ein Jahresumsatz mit Lebensmitteln ohne Gentechnik im Wert von rund acht Milliarden Euro erwartet; in Österreich sind seit vielen Jahren bereits die komplette Produktion von Milch, Eiern und Geflügelfleisch als gentechnik-frei zertifiziert“, heißt es in dem Schreiben der Unternehmen. Dazu komme die stark wachsende Bio-Branche, die ebenfalls keine gentechnisch veränderten Organismen einsetze. Für alle Unternehmen, die bedeutende Umsätze mit Futter- und Lebensmitteln ohne Gentechnik erzielen, sei die Frage, ob die neuen gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas als Gentechnik eingestuft werden von besonderer Bedeutung. „Wir stehen gegenüber unseren Kunden und Geschäftspartnern dafür gerade, dass die Auslobung „Ohne Gentechnik hergestellt“ auch tatsächlich hält, was sie verspricht“.

In ihrer Argumentation verweisen die Handelsunternehmen auf das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit. Nach dem Vorsorgeprinzip müssten die Verfahren der Neuen Gentechnik vor ihrer Zulassung für Anbau oder Verwendung einer fundierten Risikobewertung unterzogen werden. Auch sei die vollständige Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung zu garantieren, damit die Wahlfreiheit der Verbraucher gewährleistet bleibe. Diese sehen die Händler in Gefahr, sollten mit Verfahren der Neuen Gentechnik erzeugte Produkte „unreguliert und nicht wahrnehmbar für Hersteller, Händler und Verbraucher auf den Markt kommen.“ Deshalb müsse die Kommission „auf eine klare, unmissverständliche rechtliche Regelung der Verfahren der Neuen Gentechnik hinarbeiten, die die Produkte daraus rückverfolgbar und erkennbar macht“, heißt es in dem Schreiben.

Initiiert haben den Appel der deutsche Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) und die österreichische ARGE Gentechnik-frei. Beide zertifizieren in ihren Ländern Lebensmittel ohne Gentechnik und zählen Händler und Hersteller zu ihren Mitgliedern. Die ARGE hatte zusätzlich zu den Händlern auch Hersteller angesprochen, so dass sich bei den Unterzeichnern auch mehrere österreichische Molkereien und Geflügelverarbeiter finden. Gemeinsam setzen die Unterzeichner aus Österreich und Deutschland pro Jahr mit 966.000 Mitarbeitern 106 Milliarden Euro um.

Hintergrund des Vorstoßes ist, dass der Europäische Gerichtshof für den 25. Juli eine Entscheidung zur Einordnung der Neuen Gentechnik angekündigt hat. Anschließend steht der EU eine intensive Debatte über die bisher immer wieder verschobene rechtliche Regelung der Neuen Gentechnik bevor. „Es ist an der Zeit, dass die verantwortlichen Politiker auf EU- und Bundesebene nach dem Vorsorgeprinzip handeln und den großen mehrheitlichen Wunsch der Menschen nach verbindlichen Regeln für die Neue Gentechnik umsetzen“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting. Harald Ebner, der Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion erinnerte Die Regierungsparteien an ihren Koalitionsvertrag: „Wer versucht, den Menschen Produkte unterzujubeln, die sie ablehnen, verspielt fahrlässig Vertrauen in Wirtschaft und Politik. Union und SPD müssen zum Koalitionsvertrag stehen, in dem sie versprechen, Vorsorgeprinzip und Wahlfreiheit auch bei neuer Gentechnik zu gewährleisten.“ [lf]

09.07.2018 |

Unverändert: Vier Fünftel der Deutschen lehnen Agrogentechnik ab

Befragung Die große Mehrheit der Deutschen lehnt Agrogentechnik ab. (Foto: Thorben Wengert / pixelio.de)

UPDATE +++ 79 Prozent der Deutschen stimmen der Aussage zu, dass Gentechnik in der Landwirtschaft verboten werden sollte. Das ergab die Studie Naturbewusstsein 2017 des Bundesumweltministeriums.

Die grundsätzliche Zustimmung für ein Verbot gentechnisch veränderter Organismen bewege sich seit Jahren relativ stabil auf hohem Niveau, heißt es in der Studie, die bereits in den Jahren 2009, 2013 und 2015 durchgeführt wurde. Die Antworten der 2000 befragten Verbraucher zeigen zwei Motive für die Ablehnung: Zwei Drittel von ihnen wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel essen. Noch größer ist mit 78 Prozent die Zustimmung zu dem ethisch begründeten Statement: „Der Mensch hat kein Recht, Pflanzen und Tiere gezielt gentechnisch zu verändern.“

Auch Menschen, die der Agro-Gentechnik eher offen gegenüberstehen, halten Transparenz und Risikobewertung für unabdingbar. Das zeigen die Antworten auf zwei weitere Fragen. 93 Prozent stimmten der Aussage zu: „Meiner Meinung nach sollten Lebensmittel von Tieren, die mit gentechnisch veränderter Nahrung gefüttert wurden, vom Handel gekennzeichnet werden.“ Ebensoviele Befragte vertraten die Meinung „mögliche Auswirkungen auf die Natur sollten immer untersucht werden, wenn Pflanzen gezielt gentechnisch verändert werden.“ Das zeige „die große Bedeutung der Einhaltung des Vorsorgeprinzips in Bezug auf Gentechnik in der Landwirtschaft und deren neuen Anwendungen“, interpretierte das Bundesumweltministerium das Ergebnis.

Die Studie zeigt auch, dass in der Altersgruppe bis 29 Jahre die Ablehnung der Agro-Gentechnik „deutlich geringer ausgeprägt“ ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. Außerdem waren Frauen gegenüber Gentechnik insgesamt kritischer eingestellt als Männer. Bemerkenswert fanden es die Autoren der Studie, dass bei der Bewertung der meisten Statements der Bildungshintergrund der Befragten keine Rolle spielte.

Die Zustimmungsquote bei den einzelnen Statements umfasste immer zwei Kategorien: „sehr wichtig“ und „eher wichtig“ oder „stimme voll und ganz zu“ und „stimme eher zu“. Werden sie getrennt betrachtet, zeigen sich interessante Details: Am höchsten war die volle Zustimmung mit 70 Prozent bei der Forderung, mögliche Auswirkungen auf die Natur immer zu untersuchen. Die Studienautoren leiteten daraus die Empfehlung ab, „dass auch für neue veränderte Pflanzen eine Umweltrisikoprüfung im Rahmen einer Zulassung durchgeführt wird.“

Bei der generellen Ablehnung der Agro-Gentechnik hingegen betrug die volle Zustimmung lediglich 42 Prozent. Gegenüber 2013 entspreche das einen Rückgang von 14 Prozent, heißt es in der Studie. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass das Thema aus Sicht der Befragten an Stellenwert verloren hat und nicht mehr als so wichtig angesehen wird. Es könnte aber auch signalisieren, dass die entschiedene Ablehnung ein wenig aufweicht. In diese Richtung deutet auch, dass immerhin 40 Prozent der Befragten dem Statement zustimmten: „Ich bin der Meinung, dass Gentechnik in der Landwirtschaft ein wichtiger Baustein bei der Bekämpfung des Welthungers ist“. Das waren neun Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Trotzdem überwog auch bei dieser Position mit 52 Prozent die ablehnende Haltung.

In ihrem Statement zur Präsentation der Studie sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze, sie nehme die Bedenken der Bürger gegenüber der Gentechnik sehr ernst: „Wir brauchen endlich bundesweit einheitliche Regelungen, um den Anbau von Genpflanzen zu verbieten.“ Für Harald Ebner, Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion ist der mehrheitliche Wunsch der Deutschen klar: "Wenn schon Gentechnik, sei es 'alte' oder neue wie CRISPR, dann soll das wenigstens geregelt, gründlich geprüft und eindeutig gekennzeichnet werden, damit man selbst entscheiden kann." Die Bundesregierung müsse klarstellen, dass neue Gentechnik Gentechnik ist und selbstverständlich auch genauso geregelt werde. [lf]

UPDATE Statement Harald Ebner

05.07.2018 |

Grüne streiten über neue Gentechnik

DNA Gene Foto: Duncan Hull / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0-+-

UPDATE +++ Mit einem Impulspapier hatte der neue Bundesvorstand von Bündnis90/Die Grünen im April eine parteiinterne Debatte über den Einsatz neuer gentechnischer Methoden in der Landwirtschaft angestoßen. Jetzt hat sie die Öffentlichkeit erreicht: Die grüne baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer votierte im Nachrichtenmagazin Spiegel dafür. In der Frankfurter Rundschau konterte erzürnt ihre Parteikollegin, die Bundestagsabgeordnete Renate Künast.

„Die Grünen dürfen die Chancen der Gentechnik nicht länger ignorieren“, findet Theresia Bauer. „Wenn wir durch innovative Ansätze heute bessere und kurzfristigere Erfolge erzielen können - auch für typisch grüne Ziele -, ist kritisch-konstruktive Offenheit gefragt“, schreibt die Wissenschaftsministerin. Die 53jährige bezieht sich damit auf neue Methoden wie die sogenannte Genschere CRISPR-Cas. Wegen vergleichsweise geringer Kosten wäre ihr breiter Einsatz innovationspolitisch sinnvoll, meint die studierte Volkswirtschaftlerin und plädiert für eine „sinnvolle Regulierung“ jenseits des geltenden strengen Gentechnikrechts.

Einigermaßen erstaunt reagierte der grüne Gentechnikexperte im Bundestag, Harald Ebner: Die baden-württembergischen Grünen hätten erst im Mai bei ihrem Landesparteitag ohne Gegenstimme beschlossen, dass auch neue Verfahren wie CRISPR-Cas klar als Gentechnik geregelt werden müssen. Von der Wissenschaftsministerin habe es keine Gegenrede gegeben. „Hinterhergeschobene Belehrungen über Medienbeiträge sind da wenig konstruktiv“, schimpft Ebner.

Und die Gentechnikkritiker reagierten prompt. Nur fünf Tage nach Bauers Spiegel-Beitrag schrieb Renate Künast in der Frankfurter Rundschau: „Fakt ist: Wir verstehen zwar die Funktionsweise der Neuen Gentechnik, wissen aber noch lange nicht, wie sie wirkt. Wir wissen nicht, welche biochemischen Prozesse innerhalb der Zelle dabei betroffen sind oder welche Auswirkungen CRISPR-Cas auf Ökosysteme und Artenvielfalt hat“, warnt die ehemalige grüne Agrarministerin vor vorschnellem Einsatz. Trotzdem sichere die Agrarindustrie sich bereits die Patente und damit die Marktanteile. Für einen agrarpolitischen Wandel „müssen wir unsere Lebensweise ändern und uns anders ernähren“, meint Künast. Und mit Blick auf das Impulspapier des Parteivorstands fragt sie erzürnt: „Wie kann man dem Lobbyismus derart auf den Leim gehen und glauben, dass eine einzige technische Methode die Lösung für umfassende globale Probleme ist?“ In dem Papier waren die neuen gentechnischen Verfahren als mögliche Maßnahme gegen den Welthunger ins Spiel gebracht worden.

Ähnlich wie Künast argumentieren 21 agrarpolitische SprecherInnen und zuständige MinisterInnen der Grünen auf Landes-, Bundes- und Europaebene. Statt den Hunger in der Welt zu stillen, nutzten die Agrarkonzerne die Gentechnik vor allem dazu, die Bauern von gentechnisch verändertem Saatgut und den ergänzenden Pestiziden abhängig zu machen, kritisieren sie in einem Positionspapier zur Agrogentechnik von Mitte Mai. Sie heben hervor, dass sich mit den neuen gentechnischen Verfahren die Eingriffstiefe in einen Organismus grundlegend verändert. Außerdem seien die so hergestellten Pflanzen und Tiere nicht mehr rückholbar, sollte man nach ihrer Freisetzung feststellen, dass sie anders aufs Ökosystem wirken als gedacht. Die AgrarexpertInnen fordern, die neuen Gentechnikverfahren nach dem Gentechnikgesetz zu regeln. Ferner müsse der Staat die Forschung an standort- und klimaangepassten Sorten unterstützen und dafür sorgen, dass vielfältiges Saatgut für alle zugänglich bleibt.

Auf gleicher Linie liegt die grüne Bundestagsfraktion. Der Beschluss ihres Arbeitskreises zwei ist zwar schon ein Jahr alt, gilt aber unverändert: „Gentechnik ist nicht die Technik, mit der wir den Heraus- und Anforderungen der Landwirtschaft der Zukunft begegnen können – auch die neue Gentechnik liefert das nicht!“, heißt es dort. Wegen der Risiken unerwünschter Nebenwirkungen müssten auch mit neuen Techniken hergestellte Organismen umfassend auf Risken geprüft, transparent gekennzeichnet werden und rückverfolgbar sein. Kurz: wie Gentechnik reguliert werden.

Harald Ebner betonte in einem Beitrag für die Böll-Stiftung, dass die Grünen schon seit Jahrenzehnten "eine offene und grundsätzliche, kontroverse und differenzierte Diskussion über rote, grüne, weiße, graue, alte und schließlich auch neue Gentechnik" führten. Dabei unterscheide die Partei schon lange zwischen beherrschbaren, weil geschlossenen Labor-Systemen und medizinischen Anwendungen auf der einen Seite und gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren, die unkontrollierbar und nicht rückholbar ins Ökosystem freigesetzt würden, auf der anderen Seite.

Es sei die Lust am politischen Streit, die sie das Impulspapier so provokant formulieren ließ, erklärten Robert Habeck und Annalena Baerbock, die im Januar als neue Bundesvorsitzende der Grünen gewählt worden waren. Diesen Streit haben sie bekommen, reichlich, quer durch die eigene Partei und darüber hinaus. Und es sieht nicht so aus, als ob ihr Schlachtruf „Holen wir uns das politische Mandat zurück!“ die Fachmänner und -frauen bei den Grünen dazu bewegen würde, die in jahrelanger politischer Arbeit entwickelten Positionen zur Agrogentechnik einfach über den Haufen zu werfen. [vef]

UPDATE Beitrag Harald Ebner für die Böll-Stiftung.

03.07.2018 |

Verbände-Resolution: Neue gentechnische Verfahren als Gentechnik regulieren

Labor DNA Forschung Ein DNA-Forschungslabor des US-Energieministeriums (Foto: Lawrence Berkeley Nat"l Lab - Roy Kaltschmidt, DNA Analyzers at the Joint Genome Institute, bit.ly/1tvPZ15, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

Alle Verfahren, die unter Begriffen wie Genom-Editing, zielgerichtete Mutagenese oder neuere Mutagenese-Verfahren firmieren, sollten als Gentechnik reguliert werden. Das fordern 21 Organisationen aus den Bereichen Landwirtschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz in einer Resolution von den Abgeordneten im Bundestag und im Europäischen Parlament.

Die Organisationen argumentieren, dass auch die neuen Verfahren technische Eingriffe direkt auf der Ebene der DNA vornehmen und das Erbgut verändern. Dabei könnten die biologischen Eigenschaften von Organismen grundlegend verändert werden, etwa indem ganze Stoffwechselwege ausgeschaltet würden, heißt es in der Resolution. Werkzeuge wie Gen-Scheren würden DNA-Abschnitte über ihre eigentlichen Zielregionen hinaus verändern und seien deshalb nicht mit herkömmlicher Züchtung oder spontaner Mutagenese vergleichbar. „Selbst wenn ein gentechnischer Eingriff möglicherweise gezielter erfolgt, bedeutet das nicht, dass er sicherer ist. Die Auswirkungen der DNA-Veränderungen lassen sich – angesichts der Komplexität des Genoms und seiner Wechselwirkungen mit anderen Elementen der Zelle und mit der Umwelt – nicht voraussagen“, schreiben die Organisationen.

Für sie ergibt sich daraus zwingend, dass die neuen Gentechnik-Verfahren und die mit ihnen erzeugten Organismen nach dem EU-Gentechnikrecht als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) eingestuft und entsprechend reguliert werden müssen. Auch folge aus dem Vorsorgeprinzip die Pflicht, alle neuen gentechnischen Verfahren allein aufgrund ihrer Neuheit und fehlender Risikobewertung nach dem geltenden Gentechnikrecht zu regulieren.

„Der Gesetzgeber hat gerade bei der Gentechnik eine besondere Sorgfaltspflicht. Der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen muss stets Vorrang vor den Interessen der Industrie haben", sagte der Vorsitzende des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger. Martin Schulz, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), wies auf die zunehmende Nachfrage nach gentechnikfreien tierischen Lebensmitteln hin. Die Landwirte hätten sich mit qualitätsorientierten, gentechnikfreien Lebensmitteln ein großes Vertrauen bei den Verbrauchern erarbeitet. „Das darf nicht durch neue Risikotechnologien aufs Spiel gesetzt werden.“, sagte Schulz. „Wir fordern die Abgeordneten auf, zum Schutz von Verbrauchern, Unternehmen und Umwelt, das Vorsorgeprinzip konsequent anzuwenden“, erklärte Felix Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzende des Bio-Dachverbands BÖLW und erinnerte: „Dazu hat sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag verpflichtet.“

Am 25. Juli 2018 will sich der Europäische Gerichtshof zur rechtlichen Einstufung neuer gentechnischer Verfahren äußern. Auf dieser Grundlage entscheiden EU-Kommission und die Mitgliedstaaten darüber, ob und wie sie diese künftig regulieren. [lf]

01.07.2018 |

Bundestagsanhörung: Bei Firmenfusionen Biodiversität prüfen?

Mnst Bayer-Monsanto (Foto: Friends of the Earth Europe, bit.ly/3CC-BY-NC-SA20, bit.ly/foee8)

Aspekte wie Biodiversität, Ernährungssouveränität und Gesundheitsschutz sollen im Rahmen von Fusionskontrollverfahren berücksichtigt werden. Das fordert die Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen in einem Antrag. In einer öffentlichen Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Bundestages äußerten sich Experten unterschiedlich.

„Marktkonzentration im Agrarmarkt“ lautete das Thema der Anhörung vergangene Woche. Im Mittelpunkt standen dabei die von den Wettbewerbshütern genehmigten großen Fusionen in der Agrochemie und –gentechnik (Bayer/Monsanto, Syngenta /Chem China, Dow/Dupont). Die Frage war: Reicht es aus, solche Megafusionen nur unter dem Blickwinkel des Wettbewerbsrechts zu betrachten?

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, sagte, die Prüfungsbefugnis der Wettbewerbshüter auf Bundes- und EU-Ebene beschränke sich auf rein wettbewerbsrechtliche Fragen. Im Fall von Bayer/Monsanto habe die Prüfung ergeben, dass die Marktkonzentration durch den Zusammenschluss zu einem Problem geworden wäre, „weil neben einer weiteren Verknappung des Angebots in der Folge die Produktauswahl und die Preise für Saatgut, Dünger, Pestizide und schließlich für Lebensmittel gestiegen wären.“ Diese möglichen Fusionsauswirkungen habe die EU-Kommission durch ein umfassendes Zusagenpaket abgewendet. Dieser Einschätzung schlossen sich auch andere Sachverständige wie der Düsseldorfer Wettbewerbsrechtler Rupprecht Podszun an.

Sein Kollege Justus Haucap warnte davor, das Wettbewerbsrecht mit einer Vielzahl gegensätzlicher Zielsetzungen auszustatten, über deren Interpretation und Abwägung die zuständige Behörde von Fall zu Fall entscheiden müsse. Diese Vielfalt führe notwendigerweise zu Zielkonflikten, „und es stellt sich die Frage, wie die einzelnen Ziele durch eine Mehrzielbehörde gewichtet und gegeneinander abgewogen werden sollen“, schreibt Haucamp in seiner Stellungnahme. Wie könne eine solche Behörde für Transparenz bei der Zielabwägung sorgen, fragt er sich und warnt davor, dass eine Überfrachtung des Wettbewerbsrechts die Macht der Exekutive stärke und die Gefahr staatlicher Willkür in sich berge.

Dieser Sichtweise widersprach der Frankfurter Wirtschaftsanwalt Kim Manuel Künstner. Er argumentierte, die EU-Kommission habe bei Fusionen im Agrarsektor die Ziele der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zwingend zu berücksichtigen. Tue sie dies nicht, liege eine ermessensfehlerhafte Entscheidung vor, die vor dem Europäischen Gerichtshof zur Nichtigkeit einer Fusionserlaubnis führen müsse. Allerdings sei der Rechtsschutz bei Fusionskontrollen auf EU-Ebene unbefriedigend. Deshalb sollten EU-Mitgliedsstaaten wie Deutschland auf Nichtigkeit der Erlaubnis klagen.

Auch der Londoner Wettbewerbsrechtler Ioannis Lianos argumentierte dafür, Umweltaspekte und andere Gesichtspunkte in die Fusionskontrolle einzubeziehen. Er hatte dazu dem Ausschuss seine im November 2017 veröffentlichte Ausarbeitung zur Bayer/Monsanto-Fusion zur Verfügung gestellt. Darin nimmt er das Ergebnis der Fusionsgenehmigung mitsamt ihren Auflagen vorweg: „Die Genehmigung dieser Fusion wird zum Entstehen eines starken Oligopols aus vier multinationalen Konzernen führen, das nahezu 2/3 der weltweiten Produktion von Saatgut und Agrarchemikalien sowie die für das ‚Smart Farming’ äußerst wichtigen wertvollen Big Data und IT-Plattformen kontrollieren wird.“ [lf]

Gehe zu Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 ...

*** Unterstützen Sie unsere Arbeit ***

Alle Informationen auf dieser Seite sind für Sie kostenlos, kosten aber trotzdem etwas. Unterstützen Sie den Infodienst - damit es auch weiterhin kritische Informationen zum Thema Gentechnik für alle gibt!
 Spenden-Infos hier

Newsletter bestellen

Schule und Gentechnik

Unterrichtsportal zum Thema Agro-Gentechnik: Einführung, Arbeitsblätter, Videos und mehr...

Eine Lehrerin hält ein Schild mit der Aufschrift Lehrer. Hier gibt es Informationen und Material zur Gentechnik für den Unterricht.
Ein Schüler hält ein Schild mit der Aufschrift Schüler. Hier gibt es Informationen, ein Quiz, Videos und mehr zum Thema Gentechnik für Schülerinnen und Schüler.

Infodienst-Material

Postkarten zum Thema Gentechnik. Ein Mädchen nascht von einer Torte und sagt Gutes Essen braucht keine Gentechnik.
Ein Landwirt hält Maiskolben im Arm und sagt Gen-Mais schmeckt mir nicht.

Hier bekommen Sie kostenloses Infomaterial zum Thema: Flyer, Postkarten, Newsletter, Newsticker...
 Bestellung

Nachrichten