27.04.2021 |

Monsanto-Klagen: Bayer gibt Rekordverlust bekannt

Die AbL protestiert vor dem Bayerkonzern in Leverkusen. Foto: AbL Die AbL protestiert vor dem Bayerkonzern in Leverkusen. Foto: AbL

Die Bayer AG verzeichnete 2020 mit 10,5 Milliarden Euro den höchsten Verlust der Firmengeschichte. Der Grund dafür sind die zu teure Übernahme von Monsanto und die hohen Kosten, um die damit übernommenen Klagen beizulegen. Doch die meisten Großaktionäre stützten Vorstandschef Werner Baumann. Zahlreiche Organisationen protestierten anlässlich der virtuellen Hauptversammlung gegen die Geschäfte des Konzerns.

Im Jahr 2020 hat die Bayer AG weltweit 41,4 Milliarden Euro umgesetzt, ein Rückgang von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Als Konzenergebnis musste Bayer einen Verlust von 10,5 Milliarden Euro verbuchen. Wesentlich dazu beigetragen hatten die Rückstellungen für Prozessvergleiche mit 13,3 Milliarden Euro, von denen 9,6 Milliarden auf die Glyphosat-Klagen entfielen. Zudem musste der Konzern Wertminderungen im Bereich Crop Science von neun Milliarden Euro verbuchen. „In den vergangenen drei Jahren sind das tatsächliche Marktwachstum und die Geschäftsentwicklung hinter unseren Annahmen zurückgeblieben“, begründete der Vorstandsvorsitzende Werner Baumann diesen Schritt. Hätte der Verkauf der Sparte Tierarzneimittel nicht fünf Milliarden Euro eingebracht, wäre der Verlust noch dramatischer ausgefallen.

Ingo Speich vom Fondshaus Deka der Sparkassen interpretierte die Zahlen gegenüber der Wirtschaftswoche so: „Das Jahr 2020 hat eindrucksvoll gezeigt, dass der Kauf von Monsanto eine Fehlentscheidung war“. Er kündigte schon im Vorfeld der Hauptversammlung an, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern. 2019 schloss sich die Mehrheit der Aktionäre dieser Forderung an. Heuer stand die Deka damit vor der Versammlung bei den Großaktionären weitgehend alleine da. Lediglich die DWS, Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, hatte angekündigt, sich zu enthalten. Der Vorstand wurde nach langer Debatte mit einer Mehrheit von 90 Prozent entlastet.

Baumann hatte schon vor der Versammlung auf das Ergebnis eingestimmt. „Wir haben Ihre Erwartungen im vergangenen Jahr nicht erfüllt“, sagte er in seiner vorab veröffentlichten Rede. Dafür trage der Vorstand die Verantwortung. Gleichzeitig gelobte der Vorstandsvorsitzende Besserung und sprach von einem „stabilen Geschäft“ jenseits der Sondereinflüsse. Zum Glyphosatvergleich sagte Baumann lediglich, Bayer habe „den weitaus überwiegenden Teil dieser Klagen verglichen“. Der neue Vorschlag für den Umgang mit zukünftigen Fällen werde am 19. Mai mit dem zuständigen US-Bundesrichter besprochen. Wie die Zeitschrift Capital berichtete, erstatte Bayer einem Kläger die Anwaltskosten, damit er weiter gegen Bayer klage – weil der Konzern in diesem Verfahren für sich eine bessere Chance auf ein positives höchstrichterliches Urteil sehe, das sich auch auf andere Fälle übertragen lässt.

In Stellungnahmen auf der Hauptversammlung, in Mitteilungen und Berichten sowie analogen und digitalen Protestaktionen kritisierten zivilgesellschaftliche Organisationen diverse Aspekte der Geschäftspolitik des Konzerns. Dessen mangelndes Engagement beim Klimaschutz kam dabei ebenso zur Sprache wie Steuervermeidungsstrategien. Die Coordination gegen Bayer-Gefahren forderte den Konzern auf, den Wirkstoff Glyphosat vom Markt zu nehmen und startete einen entsprechenden öffentlichen Aufruf. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (gfbv) schilderte in einem Report, wie sich der Export von Bayer-Pestiziden in Brasilien auf indigene Völker auswirkt. Sie seien Leidtragende der großflächigen Vergiftung mit Wirkstoffen, die in der EU teilweise verboten seien. Viele Indigene „leben in unmittelbarer Nähe zu großflächigen Anbaugebieten von pestizidintensiven Agrarprodukten. Flugzeuge, die Pestizide versprühen, tragen die Giftstoffe buchstäblich bis vor ihre Tür“, berichtete gfbv-Expertin Regina Sonk. Das entwicklungspolitische Netzwerk Inkota veröffentlichte zusammen mit Pan Germany und der Rosa-Luxemburg-Siftung einen Bericht über den Export in der EU verbotener Pestizide durch Bayer und BASF nach Brasilien, Mexiko und Südafrika. „Es ist ein Skandal, dass Pestizidwirkstoffe, die in der EU aus gutem Grund verboten sind, in Deutschland produziert und in Drittländer exportiert werden dürfen“, sagte Wiebke Beushausen von Inkota und forderte einen sofortigen Exportstopp. [lf]

26.04.2021 |

Neue Studien entlarven Gentechnik-Mythen

Mais  Foto: CCO Mais Foto: CCO

Ein herbizidresistenter Mais ist die erste mit neuer Gentechnik veränderte Pflanze, für die in der Europäischen Union (EU) die Zulassung beantragt wurde. Darauf wiesen mehrere gentechnikkritische Organisationen heute bei der Vorstellung einer Studie zu „Produkten und Profiteuren“ neuer Verfahren wie Crispr/Cas hin. Diese und eine weitere internationale Studie stellen gängige Behauptungen über angeblichen Nutzen des sogenannten Genome Editing wissenschaftlich begründet in Frage.
Der Mais DP915635, der auch ein Gift des Baumfarns gegen den Schädling Maiswurzelbohrer produzieren kann, wurde vom amerikanischen Saatgutunternehmen Corteva entwickelt. Wie die Organisation Testbiotech bereits kürzlich erläuterte, kombinierte Corteva dabei alte und neue Gentechnik (Crispr/Cas). „Das mehrstufige Verfahren kann viele ungewollte Veränderungen im Erbgut auslösen, die mit Risiken einhergehen“, warnte Geschäftsführer Christoph Then. „Die Eigenschaften der Gentechnik-Pflanzen bringen keine echten Vorteile für die Umwelt.“
Ähnlich ist auch ein Fazit der Studie „Neue Gentechnik: Produkte und Profiteure, Leere Versprechen für eine bäuerliche Landwirtschaft und das Klima“ der österreichischen Organisation Global 2000 und der deutschen Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut). Herbizidresistenz sei immer noch ein Hauptziel des Genome Editing. „Das Versprechen der Unternehmen: ‚weniger Pestizideinsatz dank neuer Gentechnik‘ lässt sich damit nicht erreichen“, konstatierte Studienautorin Eva Gelinsky. „Auch beim Kampf gegen die Klimakrise helfen solche Pflanzen nicht.“ Zwar habe Corteva im Labor einen trockenheitstoleranten Mais entwickelt. Wie der sich aber in der Umwelt verhalte, sei bislang nicht bekannt. „Viele angekündigte Pflanzen verschwinden wieder“, so die Erfahrung der Agrarwissenschaftlerin, die die Entwicklung genomeditierte Pflanzen seit 2016 beobachtet. Sie rechnet nicht damit, dass in den nächsten Jahren klimaresistente Exemplare auf den Markt kommen werden. „Wir brauchen eine große Reform des Agrarsystems und nicht punktuelle technische Lösungen“, pflichtete ihr die Biobäuerin Maria Vogt bei.
Widerlegt sieht die Studie die Behauptung, die Crispr-Technologie mache die Pflanzenzüchtung preiswerter und ermögliche sie damit auch mittelständischen Unternehmen. Denn allein Corteva habe einen Patentpool von 48 grundlegenden, teils unentbehrlichen Patenten erworben, für die jeder Nutzer eine Lizenz kaufen müsse. „Das Unternehmen kann den Pool nutzen, um Wettbewerber zu kontrollieren und die eigene marktbeherrschende Stellung abzusichern“, heißt in der Studie. Allein die hohe Anzahl von insgesamt mehreren Hundert Grundlagenpatenten zeige, „dass die mittelständischen Züchter bereits in diesem frühen Stadium der Technologieentwicklung weitgehend abgehängt sind.“ Im Blick auf aktuelle Deregulierungsdiskussionen in der EU verlangten die Studienautorinnen von der Politik, dass alle gentechnisch veränderten Pflanzen in Europa auch künftig auf Risiken geprüft und gekennzeichnet werden müssten.
Die geltenden EU-Regeln nicht nur beizubehalten, sondern sogar zu verschärfen, fordert eine neue Studie des europäischen Wissenschaftlernetzwerks Ensser im Auftrag der grünen Fraktion im Europaparlament. Sie wendet sich gegen eine Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die vom European Academies Science Advisory Council (EASAC) unterstützt worden war. Die Leopoldina hatte die europäische Politik im Dezember 2019 aufgefordert, genomeditierte Organismen vom Gentechnikrecht auszunehmen, wenn „keine artfremde genetische Information ins Genom eingefügt ist und/oder eine Kombination von genetischer Information vorliegt, die sich ebenso auf natürliche Weise oder mittels konventioneller Züchtungsverfahren ergeben kann“. Wie die Ensser-Studie kritisiert, habe die Leopoldina dabei nur eine begrenzte Zahl von Publikationen berücksichtigt, und die Ergebnisse von mindestens 200 hochrelevanten veröffentlichten wissenschaftlichen Studien außer Acht gelassen. Diese belegten, dass sich die durch Genome Editing verursachten genetischen Veränderungen, anders als von der Leopoldina behauptet, grundlegend von natürlich vorkommenden Mutationen unterschieden. Dass Pflanzen mittels Gentechnik präziser und damit sicherer verändert werden könnten, sei wissenschaftlich nicht evident - auch nicht bei neuen gentechnischen Verfahren. Und schließlich gebe es keine Belege dafür, dass die Gentechnik die Erträge als solche erhöht oder gar den Hunger reduziert habe. [vef]

21.04.2021 |

Verbände: EU-Gentechnikregeln nicht aufweichen

Europaflagge, Foto: Greg Montani https://pixabay.com/de/photos/europa-flagge-sterne-fahne-1395913/ Europaflagge, Foto: Greg Montani https://pixabay.com/de/photos/europa-flagge-sterne-fahne-1395913/

Mehr als 100 Verbände und Institutionen in Deutschland und Österreich haben ihre Regierungen aufgefordert, sich bei der Europäischen Kommission dafür einzusetzen, dass Produkte neuer gentechnischer Verfahren wie Crispr/Cas auch künftig auf Risiken geprüft und gekennzeichnet werden. Anlass ist eine Studie der EU-Kommission zur Regulierung neuer Gentechnik in der Landwirtschaft, die am 30. April vorgestellt werden soll. Die Verbände befürchten, dass Kommission und EU-Mitgliedsstaaten die geltenden strengen Regeln aufweichen wollen.
„Seit Jahren lobbyieren Industrie und gentechnikfreundliche Politiker*innen dafür, neue Gentechnikverfahren wie Crispr/Cas von der Gentechnik-Gesetzgebung auszunehmen“, schreiben 94 deutsche Verbände und Organisationen in einem Positionspapier, das heute veröffentlicht wurde. Ziel sei, die derzeitige Definition von Gentechnik aufzuweichen, die zuletzt vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) im Sommer 2018 präzisiert worden war. „Das gefährdet die Wahlfreiheit und die Sicherheit von Mensch und Umwelt“, warnen die Organisationen aus vielfältigen Gesellschaftsbereichen, von Land- und Lebensmittelwirtschaft über Umwelt- und Klimaschutz bis zu Kirche und Entwicklungspolitik. Und alle sind sich einig: „Wir fordern die Bundesregierung auf, in Deutschland und auf europäischer Ebene alle vorhandenen wie künftigen Gentechnikmethoden und die daraus entstehenden gentechnisch veränderten Organismen (GVO) weiterhin unter dem bestehenden EU-Gentechnikrecht zu regulieren und zu kennzeichnen.“
Zur Begründung verweisen sie auf das erhöhte Risikopotential der neuen Techniken, die schneller und tiefer in das Erbgut von Pflanzen und Tieren eingreifen als die alte Gentechnik. Diese Risiken müssten nach dem europarechtlichen Vorsorgeprinzip auch künftig geprüft und bewertet werden, bevor solche Produkte auf den Markt kommen. Und weil die Mehrheit der Verbraucher*innen sie nicht auf dem Teller haben wolle, müssten sie wie bisher gekennzeichnet werden, heißt es in dem Papier. Die Betriebe der Land- und Lebensmittelwirtschaft, die diesen Mark bedienten - sei es ökologisch oder konventionell -, hätten ein „Recht auf gentechnikfreie Erzeugung“. „Diejenigen, die Gentechnik nutzen wollen, müssen haften, wenn Saatgut, Ernten, die Futter- oder Lebensmittelkette verunreinigt werden oder es zu Rückrufaktionen kommt“, sagt etwa Elisabeth Waizenegger, Vorstandsmitglied bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.
Um Pflanzen, Tiere und Umwelt zu schützen, sollten gentechnisch veränderte herbizidtolerante und Insektizid-produzierende Pflanzen verboten werden, fordern die 94 Organisationen, ebenso Gentechnik in der Tierzucht. Um illegale GVO in Europa aufspüren zu können, brauche es schnell ein globales, öffentlich zugängliches Register, das transparente Informationen über alle GVO enthält, die freigesetzt, angebaut oder vermarktet werden. Auf dieser Basis müssten zügig Nachweisverfahren für neue Gentechnik entwickelt werden, mit denen sich Importe konsequent auf gentechnisch veränderte Pflanzen, Tiere und Produkte kontrollieren lassen.
Ähnlich appellierten kürzlich 18 österreichische Umwelt-, Agrar- und Verbraucherorganisationen an ihre Bundesregierung, „sich in der europäischen Debatte zur Neuen Gentechnik konsequent für die Beibehaltung des etablierten EU-Gentechnikrechts gemäß EuGH-Urteil vom Juli 2018 stark zu machen“. Dazu gehören laut der Allianz strenge Zulassungsverfahren mit Risikobewertung, Nachweisbarkeit, Rückverfolgbarkeit und die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Produkte. Sie riefen ihre Gesundheits-, Umwelt- und Landwirtschaftsminister dazu auf, sich in den europäischen Gremien dafür einzusetzen, diese Regeln beizubehalten. Der österreichische Gesundheitsminister Rudolf Anschober hatte sich in der Vergangenheit wiederholt dafür ausgesprochen, das Vorsorgeprinzip einzuhalten und das EuGH-Urteil vom Juli 2018 zur neuen Gentechnik umzusetzen. Der 64jährige ist jedoch kürzlich aus Gründen der Arbeitsüberlastung durch die Corona-Pandemie zurückgetreten. [vef]

21.04.2021 |

Gentechnikfreie Lebensmittel sind gefragt und gefährdet

Die Nachfrage nach Lebensmitteln ohne Gentechnik boomt. Foto: VLOG Die Nachfrage nach Lebensmitteln ohne Gentechnik boomt. Foto: VLOG

Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) meldete für 2020 stark steigende Umsatzzahlen für zertifiziert gentechnikfreie Produkte. Gleichzeitig warnte er die Politik davor, das EU-Gentechnikrecht aufzuweichen. Das würde die bisherigen Erfolge gefährden.

In 2020 kauften die Menschen in Deutschland für 12,6 Milliarden Euro Lebensmittel mit dem Ohne Gentechnik-Siegel ein. Gegenüber 2019 bedeutet das eine Steigerung von über zwölf Prozent, deutlich mehr als der VLOG, der Träger dieses Siegels, vor einem Jahr erwartet hatte. Er bezifferte den Marktanteil von Ohne Gentechnik bei Lebensmitteln auf rund 5,4 Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieses Siegel vor allem von Herstellern und Händlern tierischer Lebensmittel benutzt wird, um den Verbraucher*innen zu signalisieren, dass die Tiere keine gentechnisch veränderten Futtermittel bekommen haben. So entfielen 8,8 Milliarden Euro und damit 70 Prozent des Ohne Gentechnik-Umsatzes auf Milchprodukte. Es folgten Geflügelfleisch mit 2,2 Milliarden und Eier mit 1,1 Milliarden Euro Umsatz.

„Ohne Gentechnik-Produkte haben sich in den letzten zehn Jahren einen festen Platz in den Regalen und Einkaufskörben erobert“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting. „Verbraucherinnen und Verbraucher legen hohen Wert auf Gentechnikfreiheit. Damit meinen sie ausdrücklich auch neue Gentechnik-Verfahren wie Crispr, wie aktuelle Umfragen zeigen.“ Deshalb sei es „essenziell, dass in der EU auch Gene Editing, Crispr und Co. ausnahmslos weiterhin als Gentechnik gelten“, mahnte Hissting. Sonst gäbe es keine Transparenz mehr und die Kennzeichnung würde nahezu unmöglich.

Ende April wird die EU-Kommission ihre Studie zur Regulierung neuer gentechnischer Verfahren vorlegen. Dies dürfte die Diskussion um eine Deregulierung des EU-Gentechnikrechts verschärfen. Hissting erinnerte daran, dass es die Aufgabe der Behörden sei, die bestehende Rechtslage durchzusetzen und illegale Gentechnik-Importe auszuschließen. Dazu müssten sie endlich Nachweisverfahren entwickeln und einsetzen. Dass dies möglich ist, hatte der VLOG zusammen mit anderen Organisationen 2020 gezeigt und einen Test vorgestellt, mit dem sich Verunreinigungen mit gentechnisch verändertem Cibus-Raps nachweisen lassen.

Die Zahlen des VLOG beruhen auf Auskünften der Lizenznehmer des Ohne Gentechnik-Siegels. Dadurch werden die Umsätze auf Herstellerebene genau erfasst. Um zu Verbraucherpreisen zu gelangen, rechnet der VLOG eine pauschale Handelsspanne und die Mehrwertsteuer dazu. Aufgrund der Prognosen der bisherigen Lizenznehmer schätzt der Verband, dass sich der Ohne Gentechnik-Umsatz 2021 mindestens um weitere 3,5 Prozent erhöhen wird. Das Siegel wird fast nur von konventionellen Herstellern benutzt, die sich mit Gentechnikfreiheit von Mitbewerbern abheben wollen. Bio-Hersteller verwenden das Siegel kaum, da die gesamte ökologische Lebensmittelwirtschaft durch die EU-Öko-Verordnung sowieso dazu verpflichtet ist, ohne Gentechnik zu produzieren. Auch der Bio-Umsatz von 15 Milliarden Euro in 2020 ist also garantiert gentechnikfrei – und ebenso durch eine Deregulierung gefährdet. [lf]

20.04.2021 |

Studie: trotz Gentechnik mehr Gift auf US-Feldern

Pestizide Pestizideinsatz (Flickr: Aqua Mechanical / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)-+-

Wissenschaftler der Universität Koblenz-Landau haben nachgewiesen, dass die in der US-Landwirtschaft ausgebrachten Pestizide für Pflanzen und Insekten deutlich giftiger sind als früher. Anders als die Agrarchemieindustrie meist argumentiert, galt das laut Studie auch dort, wo gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut wurden.

Das Team um Ralf Schulz vom Institut für Umweltwissenschaften wertete Daten von 381 Pestiziden aus. Sie erfassten die jeweilige Giftigkeit der einzelnen Wirkstoffe gegenüber acht Nicht-Zielorganismen und deren Anwendungsmengen in den USA in den Jahren 1992 bis 2016. „Wir haben die eingesetzten Pestizidmengen in Bezug zu ihrer Giftigkeit gesetzt und somit eine ‚ausgebrachte Toxizität‘ berechnet“, erklärte Ralf Schulz. „Dadurch erhalten wir einen ganz neuen Blick auf die möglichen Risiken für Umwelt und Biodiversität, die von der Ausbringung von Pestiziden ausgehen.“

Bei den Herbiziden nahmen im untersuchten Zeitraum sowohl die Toxizität der Wirkstoffe als auch die eingesetzten Mengen zu. Dieser Anstieg zeige sich auch bei genetisch veränderten Nutzpflanzen, heißt es in der Mitteilung der Universität. In der Studie erwähnen die Wissenschaftler explizit den Anbau herbizidresistenter Sojabohnen ab 2010. Der Grund dafür ist bekannt: Da immer mehr Unkräuter gegen Glyphosat resistent wurden, brachten die Gentechnik-Konzerne neue Soja-Linien auf den Markt, die auch gegen ältere und giftigere Herbizide wie 2,4-D resistent waren. Diese wurden von den Landwirten daraufhin vermehrt eingesetzt.

Bei den Insektiziden hat die Menge der Wirkstoffe zwischen 1992 und 2016 um 40 Prozent abgenommen. Davon hätten Säugetiere, Fische und Vögel profitiert, schreiben die Wissenschaftler. Denn diese Abnahme ging auf bestimmte Insektizidklassen wie Organophosphate und Carbamate zurück, die für diese Gruppen besonders giftig waren. Auf den Markt kamen dafür andere, zielgerichtetere Insektizide. Diese allerdings waren trotz der geringeren Mengen für wirbellose Wasserorganismen wie Flohkrebse und Libellenlarven sowie für Insekten - besonders für Bestäuber wie Bienen - doppelt so giftig. Für Wirbellose in Gewässern gehe dieser Anstieg auf die in sehr geringen Konzentrationen wirksamen Pyrethroide zurück, für Bestäuber auf die in den USA stark gestiegene Anwendung von Neonikotinoiden, erläuterten die Wissenschaftler. Diesen Effekt konnten sie auch für den Anbau von gentechnisch verändertem insektenresistentem Bt-Mais nachweisen.

Die Landauer Umweltwissenschaftler wiesen darauf hin, dass ihre Resultate auf andere Regionen mit intensiver Landwirtschaft übertragbar seien. „Unsere Ergebnisse stellen die Aussage einer über die Zeit sinkenden Auswirkung von Pestiziden auf die Umwelt für konventionelle und genetisch veränderte Kulturen in Frage und belegen den Bedarf für eine globale Reduktion der ausgebrachten Toxizität von Pestiziden“, sagte Ralf Schulz.

Die zunehmende Toxizität macht indirekt auch den größeren Tieren in der Agrarlandschaft zu schaffen. Denn der Rückgang von Wasserorganismen, Insekten und Ackerbegleitpflanzen gefährdet die Nahrungsgrundlage von Vögeln, Fischen und Kleinsäugern. Die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit veröffentlichten Zahlen zum Pestizidabsatz in Deutschland zeigen übrigens, dass sich hierzulande die ausgebrachte Wirkstoffmenge im Zeitraum von 1992 bis 2016 nicht verringert hat, sondern konstant bei etwas über 30.000 Tonnen lag. [lf]

16.04.2021 |

Anhörung im Europaparlament: roter Teppich für Gentechnik-Lobbyisten

Wie wird das europäische Parlament neue Gentechnik-Verfahren bewerten? (Foto: CCO, Pixabay) Wie wird das europäische Parlament neue Gentechnik-Verfahren bewerten? (Foto: CCO, Pixabay)

Ein Gremium des EU-Parlaments hat eine Anhörung über neue Gentechnikverfahren bei Pflanzen organisiert. Schon im Vorfeld gab es Kritik an der Auswahl der Vortragenden. Denn mehrere von ihnen haben deutliche Verbindungen zur Agro-Gentechnik.

Das Panel for the Future of Science and Technology (STOA) ist ein offizielles Gremium des Europäischen Parlaments und mit 25 Abgeordneten aus unterschiedlichen Auschüssen besetzt. Seine Aufgabe ist es, die Auswirkungen neuer Technologien sachkundig und unabhängig zu bewerten und daraus Empfehlungen für das Parlament abzuleiten. In diesem Rahmen lud das Panel sieben Expertinnen und Experten zu einem Online-Hearing ein.

Bereits im Vorfeld kritisierten die Organisationen Testbiotech und Corporate Europe Observatory die Anhörung als unausgewogen. Zwei der Redner, Piet van der Meer und Julian Kinderlerer, seien führende Mitglieder der Lobbyorganisation PRRI (Public Research and Regulation Initiative), die von Gentechnikfirmen und –verbänden unterstützt werde und sich für deren Positionen stark mache. Der Hauptredner Virginijus Šikšnys, Crispr/Cas-Forscher an der Universität Vilnus, hat nach Angaben der beiden Organisationen mehrere einschlägige Patente angemeldet und einen exklusiven Lizenzvertrag mit dem Gentech-Konzern Corteva abgeschlossen. Erst nachdem die Organisationen dies alles in einem Schreiben an die STOA kritisiert hatten, seien weitere Sprecher*innen eingeladen worden, teilte Testbiotech mit. So konnte bei der Anhörung Heike Moldenhauer für den Verband ENGA (European Non-GMO Industry Association) die Position der gentechnikfrei wirtschaftenden Unternehmen in Europa darstellen. Sie war die einzige gentechnikkritische Stimme.

Vorgestellt wurde, von Julian Kinderlerer, das Kapitel über Neue Gentechnik bei Pflanzen aus einer aktuellen Stellungnahme der Ethik-Beratungsgruppe der EU-Kommission (EGE). Die Stellungnahme dieses hochrangigen Beratungsgremiums betont die Vorteile neuer gentechnischer Pflanzen stärker als deren Risiken. Bei gentechnischen Änderungen, die auch auf natürliche Weise durch Mutation oder Züchtung passieren könnten, bräuchten Pflanzen und Erzeugnisse weder gekennzeichnet werden noch rückverfolgbar sein, heißt es in den Empfehlungen der EGE. Michelle Habets vom niederländischen Rathenau-Institut plädierte ebenfalls dafür, diese Pflanzen zu deregulieren und vor der Vermarktung nur eine Notifizierung zu verlangen. Heike Moldenhauer stellte klar, dass dies 95 Prozent aller genom-editierten Pflanzen betreffe, die derzeit in der Pipeline seien.

Beide Vortragenden gingen bei ihren Deregulierungsbestrebungen nicht auf die wachsende Zahl an Studien ein, die belegen, dass auch kleine Eingriffe ins Erbgut wie das Abschalten von Genen oder Punktmutationen zu unerwünschten Nebeneffekten führen. Testbiotech bewertete das EGE-Kapitel als wissenschaftlich nicht ausreichend fundiert und forderte eine Überarbeitung. [lf]

13.04.2021 |

Crispr/Cas: jede Menge Nebenwirkungen gefunden

Gen-Schere Vorsicht mit der Gen-Schere! - Plakat auf der Wir haben es satt!-Demo 2018 (Foto: Jörg Farys / BUND, CC BY-NC 2.0)

Chinesische Wissenschaftler haben eine neue Methode entwickelt, um das Erbgut nach einem Eingriff mit Crispr/Cas9 zu untersuchen. Dabei fanden sie weit mehr unerwünschte Veränderungen als bisher bekannt.

„Wir identifizierten enorme schädliche Nebenprodukte der Crispr-Cas9-Editierung“, schrieben die Wissenschaftler in ihrem Fazit. Gefunden hatten sie im geänderten Erbgut Stellen mit zusätzlich eingefügten oder gelöschten Gen-Bausteinen, verlagerte Chromosomenabschnitte sowie versehentlich eingebaute Teile der Gen-Fähre, die Crispr/Cas zur gewünschten Stelle im Erbgut gebracht hatte. Die Wissenschaftler führten die meisten unerwünschten Effekte auf den Mechanismus zurück, mit dem die Zelle den Schnitt des Enzyms Cas9 in den DNA-Strang repariert. Deshalb sollten Gentechniker den Nebenprodukten der Reparatur mehr Aufmerksamkeit widmen, mahnten sie. Bisher hätten zu sehr die Off-Target-Effekte im Vordergrund gestanden, also Schnitte von Cas9 ins Erbgut an anderen als den erwünschten Stellen.

Die Wissenschaftler der Universitäten Peking und Shanghai hatten eine neue Methode entwickelt, um ganze Sequenzen des geänderten Erbguts zu analysieren – tiefgehender und gründlicher als mit bisherigen Verfahren. Sie überprüften die Methode, indem sie die Ergebnisse eigener gentechnischer Eingriffe an Menschen- und Mäusezellen untersuchten.

„Die Mechanismen des Gene Editing und der anschließenden DNA-Reparaturprozesse sind in tierischen und pflanzlichen Zellen die gleichen“, erklärte der Londoner Molekularbiologe Michael Antoniou auf GMWatch.org. Er forderte als Konsequenz, dass alle bisher mit Crispr/Cas gentechnisch veränderten Pflanzen mit dieser neuen Methode analysiert und bewertet werden müssten, um ein vollständigeres Bild der durch das Verfahren entstandenen DNA-Schäden zu erhalten.

Dass bei Pflanzen unerwartete Schäden selbst bei kleinen gentechnischen Eingriffen wie dem Stilllegen einzelner Gene auftreten können, hat Katharina Kawall von der Fachstelle Gentechnik und Umwelt in einer Übersichtsarbeit dargestellt. Diese zeigt am Beispiel der Ölpflanze Leindotter, welche ungewollten und unerwarteten Auswirkungen eine derartige gentechnische Veränderung haben kann. Bei der Freisetzung von Leindotter-Pflanzen, deren Fettsäureprofil mit Crispr/Cas geändert wurde, zeigten sich „drastische Entwicklungsdefekte“ wie beeinträchtigtes Wachstum, verdrehte Blätter und verzögerter Austrieb. Kawall erklärt dies damit, dass die von Crispr/Cas vorgenommenen beabsichtigten Änderungen der Fettsäurezusammensetzung verschiedene Stoffwechselprozesse beeinflussen können. Zudem könnten ungewollte Auswirkungen auf verschiedene biochemische Prozesse auftreten, zum Beispiel bei der Bildung von Botenstoffen, mit denen Pflanzen kommunizieren und sich bei Schädlingsbefall warnen. Deswegen müssten Pflanzen mit neuen Eigenschaften auch dann eingehend auf Risiken geprüft werden, wenn keine zusätzlichen Gene eingefügt würden, folgerte Kawall. [lf]

09.04.2021 |

Stärke-Mais soll neuer Gentechnik die Türen öffnen

Mais  Foto: CCO Mais Foto: CCO

Der amerikanische Saatgutkonzern Corteva will einen mit neuen gentechnischen Verfahren erzeugten Mais vermarkten. Er soll der Industrie Stärke liefern, die auch nach Europa verkauft werden könnte - als gentechnikfreies Produkt.

Beim „Waxy Maize“ von Corteva wurde mit Crispr/Cas9 die Stärkezusammensetzung so geändert, dass die Körner fast nur noch Amylopektin enthalten und nicht mehr ein Viertel Amylose wie übliche Maissorten. Die daraus hergestellte Maisstärke quillt in Puddingpulver oder Tütensuppen besser auf und bindet Flüssigkeit besser. Ein solcher Wachs- oder Klebmais ohne Amylose ist keine Erfindung der Gentechnologen, es gibt ihn schon lange als gentechnikfreie Pflanze in Südostasien. Dort wird er allerdings nicht als Industrierohstoff verarbeitet, sondern als „sticky corn“ gegessen.
Die Organisation GRAIN weist darauf hin, dass konventioneller Wachsmais in den USA bereits als Industrierohstoff angebaut werde, durch Vertragsanbau streng getrennt von Speisemais. Für Corteva „besteht daher nur ein minimales Risiko, dass die Einführung seines gentechnisch veränderten Wachsmaises eine öffentliche Gegenreaktion hervorruft oder zu Klagen wegen Kontamination führt.“ Eine erfolgreiche Einführung in den USA schaffe die Voraussetzungen für den kommerziellen Anbau und Importe in anderen Ländern, in denen die Vorschriften für genom-editierte Nutzpflanzen noch im Fluss seien.
Das kanadische Biotechnology Action Network (CBAN) schreibt, der Gentech-Mais sei für Corteva vor allem ein Testlauf, um Regulierungsfragen zu klären und zu sehen, wie die Öffentlichkeit auf eine Crispr-Pflanze reagiert. „So können wir sehen, wie Kunden, Regulierungsbehörden und die Öffentlichkeit mit dieser Art von Innovation umgehen“, zitiert CBAN aus einem Werbetext des Unternehmens.
Die Regulierer in den USA, Kanada, Brasilien, Argentinien und Chile gehen betont lässig mit dem neuen Gentech-Mais um. Sie alle haben den kommerziellen Anbau bereits ohne jede Sicherheitsüberprüfung zugelassen. Das mit Crispr/Cas ausgeschaltete Gen für die Amylose-Produktion ist nach ihren Regeln keine gentechnische Veränderung. Wann Corteva den Mais tatsächlich für den kommerziellen Anbau auf den Markt bringen wird ist noch offen. Angekündigt hatte das Unternehmen diesen Schritt bereits für 2020.
Bei Anbau und Ernte würde der Mais strikt von Speisemaissorten getrennt werden, da die Weiterverarbeitung auf dessen Amylopektingehalt eingestellt ist. Trotzdem kann es passieren, dass andere Maissorten durch Pollenflug oder Verschleppungen mit dem veränderten Erbgut verunreinigt werden. Dies zeigte sich bereits beim eigens für die Ethanolgewinnung angebauten Gentech-Mais Enogen von Syngenta.
Die aus dem „Waxy Maize“ hergestellte Stärke muss nicht gekennzeichnet werden, gilt in den Staaten selbst als gentechnikfrei und könnte unerkannt als Rohstoff für die Verarbeitung oder als Zutat in Fertiggerichten in die Europäische Union (EU) eingeführt werden. Das wäre illegal, denn nach EU-Recht müsste Corteva für seinen Gentech-Mais eine Zulassung als Lebensmittel bei der EU beantragen und diese bekommen. Erst dann dürften Produkte aus „Waxy Maize“ eingeführt werden – mit Kennzeichnung. Doch wenn es keiner weiß... [lf]

06.04.2021 |

Die Crispr Akten: So arbeitet die Gentechnik-Lobby

Lobbyismus Lobbyisten Foto: spekulator / stock.xchng

Hinter den Kulissen setzen sich Gentechnik-Konzerne und ihre Lobbyisten dafür ein, neue gentechnische Verfahren aus dem EU-Gentechnikrecht herauszunehmen. Corporate Europe Observatory hat Einsicht in Mails und andere Unterlagen bekommen, die zeigen, wie die Lobby arbeitet – und wer sie finanziert.

Crispr Akten hat die Bürgerrechtsorganisation Corporate Europe Observatory (CEO) die Dokumente genannt, die die EU-Kommission sowie die belgische und niederländische Regierung auf Anfrage herausgeben mussten. Die öffentlich gemachten Dokumente zeigen, wie Konzerne und Lobbyisten für eine Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren kämpfen.

Eine der Methoden sind Strategietreffen von Lobbyisten mit handverlesenen Beamten aus nationalen Ministerien. Organisiert hat diese Treffen die in Brüssel ansässige European Plant Science Organisation (EPSO). Sie bezeichnet sich selbst als „unabhängige akademische Organisation, die mehr als 200 Forschungsinstitute, -abteilungen und Universitäten aus 31 Ländern vertritt“. Eine ihrer Aufgaben sieht die EPSO darin, „unabhängige Informationen bereitzustellen und die Politik in Sachen Pflanzenwissenschaften zu beraten“. Bei diesen politischen Aktivitäten bindet die EPSO ihre „Observer“ ein. Diese Partner beobachten allerdings nicht nur, sondern können bei Stellungnahmen, Empfehlung oder Workshops ihren Input mit einbringen. Zu den Observern zählen BASF, Bayer, Dow, KWS und der Lobbyverband FoodDrinkEurope.

EPSO lud die Beamten 2019 und 2020 zu insgesamt drei Treffen mit Pflanzenforschern ein, ein viertes soll im Mai 2021 folgen. Ziel der Treffen sei es „mit politischen Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten, um eine angemessene, zukunftsfähige Regelung für neue gentechnische Verfahren zu entwickeln“, heißt es in einer der Einladungsmails. Diese gingen an Ministerialbeamte und staatliche Forscher aus mehreren Ländern. Die Namen der Adressaten wurden vor Herausgabe der Mails geschwärzt. Deutschland war durch Beamte des Bundesforschungsministeriums, des Bundeslandwirtschaftsministeriums und Mitarbeiter des Julius-Kühn-Instituts vertreten. Die Diskussionen drehten sich laut CEO darum, mit welcher Strategie sich das EU-Gentechnikrecht mit dem geringsten politischen Widerstand ändern lasse. Zudem sollten „Leuchtturmprojekte“ am Beispiel Klimaschutz und Ernährungssicherheit den Nutzen neuer gentechnischer Verfahren deutlich machen.

Ein Teil der Crispr Akten beschäftigt sich mit der Denkfabrik Re-Imagine Europa (RIE). Sie befasst sich mit verschiedenen Zukunftsthemen aus gesamteuropäischer Perspektive und richtete 2020 eine Task Force zu nachhaltiger Landwirtschaft und Innovationen ein. Die Initiative dazu ging von einigen Mitgliedern des Beirats aus, der die Denkfabrik steuert, darunter der Europaabgeordnete Paolo De Castro und der ehemalige EU Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation Carlos Moedas. Beide hätten sich – so schreibt CEO – in der Vergangenheit öffentlich für die Deregulierung neuer Gentechniken ausgesprochen. Aufgabe der Task Force sei es „sich mit einer breiten Gruppe von europäischen Interessenvertretern für Genome Editing im 21. Jahrhundert zu engagieren“. So steht es auf der Webseite der Bill und Melinda Gates Stiftung, die diese Task Force mit 1,5 Millionen US-Dollar bezuschusst. CEO schreibt, das Steuerungskommittee der Task Force sei extrem voreingenommen zusammengesetzt und umfasse viele klare Deregulierungsbefürworter. Von den 55 Experten der Task Force repräsentiere die große Mehrheit Gentechnik-Konzerne, Gentechnik-Forscher und Mainstream-Landwirtschaftsinteressen.

Die Crispr Akten enthalten auch Mails, die einzelne EU-Behörden mit Lobbyverbänden austauschten. „Diese Dokumente zeigen, dass seit dem EuGH-Urteil im Juli 2018 eine sehr breite Palette von Agrarkonzernen Lobbyarbeit bei der Kommission betrieben hat“, schreibt CEO und hält der Kommission zugute, diese habe „wiederholt daraufhingewiesen, dass die Industrie konkrete Beweise für die Vorteile der neuen Generation von GVOs vorlegen sollte“. Insgesamt halten sich die Kommissare und ihre Mitarbeiter in diesen Mails eher bedeckt.

Deutlicher positionieren wird sich die Kommission, wenn sie Ende April ihre lange erwartete Studie zu den neuen gentechnischenVerfahren und deren Regulierung vorlegen wird. Sie gilt allgemein als Startschuss für die konkrete Diskussion darüber, ob und wie das EU-Gentechnikrecht geändert werden soll. Die EPSO hat für das nächstes Treffen mit hohen Ministerialbeamten im Mai die Linie schon vorgegeben. Sie will „mit der Kommission zusammenzuarbeiten, um Wege vorzuschlagen, wie sich mit Hilfe der Gentechnik der Klimawandel bekämpfen und die Landwirtschaft nachhaltiger machen lassen.“ [lf]

31.03.2021 |

Europas Verbände fordern: Gentech-Pflanzen nicht deregulieren

By European Parliament from EU - Hearing of Frans Timmermans (the Netherlands) - Executive Vice President-Designate - European Green Deal, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82940935 By European Parliament from EU - Hearing of Frans Timmermans (the Netherlands) - Executive Vice President-Designate - European Green Deal, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82940935

Eine breite Koalition von 162 Organisationen hat Frans Timmermans, dem Vize-Präsidenten der Europäischen Kommission, einen offenen Brief geschrieben. Sie fordert, Pflanzen und Tiere, die mit neuen gentechnischen Methoden verändert wurden, auch in Zukunft strikt zu regulieren. Ferner soll die EU-Kommission ein weltweites Moratorium für Gene Drive-Organismen unterstützen.

Die bestehenden EU-Gentechnik-Standards sicherten die Umsetzung des Vorsorgeprinzips und schützten Umwelt und Verbraucher, schrieben die Organisationen aus den Bereichen Umwelt- und Verbraucherschutz, Land- und Lebensmittelwirtschaft. Bauern und Konsumenten könnten frei wählen, ob sie gentechnisch veränderte Pflanzen essen oder anbauen wollen. Aktueller Anlass für den offenen Brief ist eine Studie über den derzeitigen Status und die zukünftige Regulierung gentechnisch veränderter Organismen in der Europäischen Union (EU). Die Regierungen der europäischen Mitgliedstaaten hatten die EU-Kommission im November 2019 aufgefordert, eine solche Studie zu erstellen. Sie soll verschiedene Aspekte berücksichtigen, darunter den wissenschaftlichen Fortschritt, die rechtliche Situation, wie auch eine Veröffentlichung der „Europäischen Gruppe für Ethik in Wissenschaft und neuen Technologien". Die Europäische Kommission hat angekündigt, die Studie Ende April zu veröffentlichen.

Ferner fordern die Autoren des Briefes an Timmermans und andere Mitglieder der EU-Kommission, diese solle sich dafür einsetzen, dass die Regelung der Gentechnik in Großbritannien auch nach dem Brexit EU-konform bleibt. Denn die britische Regierung plant aktuell, ihr Gentechnikrecht zu überarbeiten. Wie der Infodienst berichtete, hatte sie dafür Anfang des Jahres Betroffene zu einem Konsultationsverfahren eingeladen, das Mitte März endete. Die Organisationen fordern Timmermans jetzt auf, sich bei der Regierung von Großbritannien dafür stark zu machen, diese Pläne fallen zu lassen. Denn wenn gentechnisch veränderte Pflanzen in Großbritannien künftig weniger streng geregelt würden, würde das auch den Handel mit der EU betreffen.

Schließlich fordern die 162 Organisationen, die EU-Kommission solle sich für die Unterstützung eines weltweiten Moratoriums über die Nutzung von sogenannten Gene Drive-Organismen einsetzen. Gene Drive-Organismen entstehen aus einer besonderen Anwendung der neuen Gentechnik. Diese birgt die Gefahr, dass ganze Arten von Organismen stark dezimiert oder ausgerottet werden könnten. Das Europäische Parlament hatte sich bereits im Januar 2020 im Sinne einer Petition für ein globales Moratorium ausgesprochen. Gerade in Zeiten einer „ökologischen Krise, wenn eine Million Arten bedroht sind“, könne nicht mit einer Technologie experimentiert werden, die auch als „Aussterben nach Bedarf“ bezeichnet wird, so die Begründung. [cp]

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