15.09.2020 |

Die „Rebellen von Mals“ stehen vor Gericht

FotoProzessUmweltinstitut Angeklagt wegen Pestizidkritik: Karl Bär, Umweltinstitut München, und Autor Alexander Schiebel (rechts, Foto: Jörg Farys, Umweltinstitut München)

UPDATE +++ In Bozen in Südtirol hat ein Strafprozess gegen Alexander Schiebel, Autor des Buchs und Films „Das Wunder von Mals“ sowie den Agrarexperten Karl Bär vom Umweltinstitut München begonnen. Ihr Verbrechen: Sie haben auf den hohen Pestizideinsatz im Südtiroler Obstanbau hingewiesen. Kurz vor Verhandlungsbeginn erklärte der Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft, Arnold Schuler, er werde seine Anzeige zurückziehen.

Im September 2017 erschien im oekom Verlag das Buch „Das Wunder von Mals“, in dem Alexander Schiebel über den Kampf der kleinen Südtiroler Gemeinde gegen den Pestizideinsatz im Obstanbau berichtete. Zeitgleich nahm das Umweltinstitut in einer Plakataktion die Südtiroler Tourismus-Werbung auf die Schippe und warb für „Pestizidtirol“. Damals erstattete Landesrat Schuler eine Strafanzeige, der sich über 1300 Landwirten anschlossen. Nach zweijährigen Ermittlungen erhob schließlich die Staatsanwaltschaft in Bozen Anklage wegen übler Nachrede und so kam es am 15. September zur ersten Verhandlung gegen Bär und Schiebel.

Vor Verhandlungsbeginn erklärte Schuler, der auch als Nebenkläger auftritt, er ziehe seine Anzeige zurück. Der Richter setzte nach Angaben des Umweltinstituts den Klägern eine Frist bis zum 27. November, um alle Anzeigen zurückzunehmen. Bis dahin bleibt der Ausgang des Verfahrens offen. Im Oktober entscheidet sich, ob auch Jacob Radloff, der Geschäftsführer des oekom Verlags und der Vorstand des Umweltinstituts vor Gericht müssen. Bei diesen hätte die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, doch dem hatte der anzeigende Landesrat widersprochen.

Die Beklagten werteten Anzeige und Anklage auf einer Pressekonferenz in Bozen als Angriff auf die Meinungsfreiheit. „Die Anzeigen und Klagen gegen uns entbehren jeder sachlichen Grundlage und haben nur ein Ziel: KritikerInnen des gesundheits- und umweltschädlichen Pestizideinsatzes sollen in Südtirol zum Schweigen gebracht werden“, sagte Karl Bär vor der Presse. Er wies darauf hin, dass den Beklagten bei einer Niederlage nicht nur Geldstrafen drohen, sondern auch mögliche Schadensersatzforderungen der Landesregierung und der Nebenklägern und damit der finanzielle Ruin.

Nicola Canestrini, der Rechtsanwalt der beiden Beklagten, stellte die Klagen in eine Reihe mit zunehmenden Versuchen von Politikern und Unternehmen, Kritiker durch absurde Anschuldigungen einzuschüchtern oder durch Gerichtsprozesse über Jahre hinweg zu beschäftigen und zu zermürben. Diese Art der Klagen wird in der Fachwelt als Strategic Litigation against Public Participation (SLAPP) bezeichnet.

Die Pressekonferenz eine Woche vor Verhandlungsbeginn hatte zu einer großen Solidaritätswelle geführt. Mehr als 200.000 Menschen aus ganz Europa hatten über die Kampagnennetzwerke Campact und WeMove Landesrat Arnold Schuler aufgefordert, seine Anzeige fallen zu lassen. Über 100 Organisationen aus 18 Ländern hatten in den führenden italienischen Tageszeitungen La Repubblica und La Stampa eine gemeinsame Solidaritätserklärung abgegeben. Darin hieß es: „Kritik an Missständen offen und angstfrei äußern zu können – auch in zugespitzter Form – ist ein elementarer Bestandteil jeder funktionierenden Demokratie. Deshalb blicken wir mit großer Sorge auf diese Entwicklung in Südtirol“.

Die Welle der Solidarität habe bei Landesrat Schuler möglicherweise ein Umdenken bewirkt, vermutete Autor Alexander Schiebel. „Landesrat Schuler hat mit seinen Anzeigen Südtirol einen enormen Imageschaden zugefügt. In ganz Europa ist nun bekannt, dass in Südtirol nicht nur ein Pestizid-Problem, sondern auch ein Demokratie-Problem herrscht.“

Karl Bär berichtete von einem weiteren Erfolg in der Verhandlung: „Die Staatsanwaltschaft Bozen hat auf unseren Antrag hin die Betriebshefte der mehr als 1300 LandwirtInnen einsammeln lassen, die sich der Anzeige des Landesrates angeschlossen hatten.“ In den Heften enthalten seien die genauen Angaben, welche und wie viel Pestizide jeder einzelne Landwirt im Jahr 2017 auf seinem Acker ausgebracht hat. „Auch wenn der Prozess eingestellt werden sollte, können wir auf diese konkreten Daten zurückgreifen - was europaweit so noch nie zuvor möglich war“, sagte Bär. [lf]

07.09.2020 |

Erstes Nachweisverfahren für genomeditierten Raps entwickelt

Hat den Nachweis entwickelt: Dr. John Fagan. Foto: Health Research Institute Hat den Nachweis entwickelt: Dr. John Fagan. Foto: Health Research Institute

UPDATE +++ Ein amerikanisches Labor hat eine Methode vorgestellt, mit der genomeditierter Raps der US-Firma Cibus nachgewiesen werden kann. Damit liefern sechs Verbände und ein Einzelhandelsunternehmen aus vier Nationen weltweit erstmals den Beweis, dass auch winzige Genveränderungen mit neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr-Cas nachweisbar sind. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will sich dafür einsetzen, die neue Methode „möglichst zügig in die Praxis zu bringen“.
"Das ist ein wichtiger Erfolg für den Umweltschutz und für alle, die auf gentechnikfreie Lebensmittel Wert legen", sagt Schulze der Nachrichtenagentur dpa. Einige argumentierten, neue gentechnische Verfahren könnten gesetzlich nicht geregelt werden, weil sie nicht nachweisbar seien. Der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft nennt hier etwa die zuständige Kontrollbehörde von Bundesagrarministerin Klöckner (CDU): das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Die Initiative der Verbände aber zeigt Schulze: „Mit dem nötigen Forschungsinteresse können solche Nachweismethoden eben doch entwickelt werden."
Weil die Behörden es versäumt hätten, sei man aktiv geworden, bestätigt Alexander Hissting vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). Nun habe man einen frei zugänglichen Mustertest, nach dessen Vorbild sich für „die meisten, wenn nicht für alle genomeditierten Pflanzen“ Nachweisverfahren erarbeiten ließen, ergänzt der wissenschaftliche Leiter des Projekts, John Fagan vom Health Research Institute in Iowa. „Damit gibt es kein technisches Hindernis mehr, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2018 vollständig umzusetzen“, heißt es in der Presseinformation. Der EuGH hatte entschieden, dass mit neuer Gentechnik veränderte Pflanzen nach Gentechnikrecht überprüft, zugelassen und gekennzeichnet werden müssen. Wie berichtet ist das Bundesagrarministerium gerade erst dabei, dazu eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. Eine Studie der EU-Kommission soll 2021 erste Ergebnisse liefern.
Doch für den Handel, der eine große Nachfrage nach gentechnikfreien Lebensmitteln bedienen möchte, drängt die Zeit. Seit der Cibus-Raps „SU Canola“ in den USA und Kanada auf dem Markt ist, besteht die Gefahr, dass versehentlich Samen in Rapslieferungen nach Europa gelangen, wo er nicht zugelassen ist. Anders als andere gentechnisch veränderte Rapssorten, die auch in jüngster Vergangenheit auf deutschen Feldern gefunden wurden, konnte man den Canola-Raps bisher nicht identifizieren. Er hätte also unbemerkt ins Tierfutter und damit in die Lebensmittelkette gelangen können. Für die Zertifizierung von Lebensmitteln mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel ein echtes Problem, ebenso für die ökologische Lebensmittelwirtschaft.
Deshalb haben die beteiligten Organisationen das neue Testverfahren entwickelt und zur kostenfreien Nutzung veröffentlicht. Neben dem VLOG sind das Kennzeichnungsorganisationen in Österreich und den USA, die Umweltorganisation Greenpeace, der Verband für biologische Lebensmittel und Landwirtschaft IFOAM Organics Europe, der neuseeländische Sustainability Council, die österreichische Einzelhandelsgruppe Spar sowie das federführende Labor des gemeinnützigen amerikanischen Health Research Institute. Die Gruppe fordert die europäischen Regierungen auf, den Test unverzüglich bei ihren routinemäßigen Gentechnikkontrollen einzusetzen. Ferner solle die EU-Kommission das Europäische Netzwerk der GVO-Laboratorien (ENGL) damit beauftragen, auf diesen Erfolg aufzubauen und Screening-Methoden zur Identifizierung weiterer Pflanzen zu entwickeln, die mit den neuen Gentechnikverfahren verändert wurden. Schließlich sollte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) einen Leitfaden für die Risikobewertung dieser gentechnisch veränderten Organismen entwickeln, der die spezifischen Verfahren und Techniken berücksichtigt, die zu ihrer Herstellung verwendet werden.
Das Labor baue für den Nachweis auf einer gängigen Methode auf (PCR, polymerase Kettenreaktion), die für die meisten Labore praktikabel sein dürfte, so Fagan. Ihre Validität und Zuverlässigkeit sei durch das GVO-Analyselabor des Umweltbundesamtes Österreich geprüft und bestätigt worden, hieß es. Der Nachweis wurde anhand von zwei der aktuell verfügbaren vier Canola-Sorten entwickelt. Fagan geht allerdings davon aus, dass er auch für die anderen beiden Sorten funktioniert. Er fordert die Firma Cibus auf, das Saatgut im Sinne von Transparenz und Rückverfolgbarkeit den EU-Lebensmittelbehörden zur Verfügung zu stellen.
SU Canola (Handelsname Falco) wurde nach Unternehmensangaben mit einem neuen Verfahren namens Rapid Trait Development, eine Form der Oligonukleotid-gesteuerten Mutagenese, gegen die Herbizide Sulfonylharnstoff und Imidazolinon resistent gemacht. In den USA gilt das allerdings nicht als Gentechnik. Der Raps wird seit 2014 in den USA und seit 2018 in Kanada angebaut. Kanada hat sich nach Angaben des Branchenverbandes UFOP nach der Ukraine zum zweitwichtigsten Rapslieferanten für Deutschland und Europa entwickelt. Im Wirtschaftsjahr 2019/20 importierte die EU demnach 1,8 Millionen Tonnen kanadischen Raps. Davon gingen rund 370.000 Tonnen nach Deutschland. Ob damit auch Samen des nicht zugelassenen SU Canola nach Europa gelangten, ist nicht bekannt. Wie die Aktionsgruppe um VLOG und Arge gentechnikfrei mitteilte, habe das Unternehmen Cibus die EU-Kommission aber bereits im Jahr 2015 gewarnt, dass Cibus-Produkte „wahrscheinlich in die internationale Warenkette gelangen“ und damit möglicherweise auch nach Europa.
„Nun kann sichergestellt werden, dass keine illegalen Gentechnik-Lebens- und -Futtermittel nach Deutschland und Europa gelangen“, freut sich der Gentechnikexperte der Grünen im Bundestag über den neuen Test. „Damit kann endlich das EU-Recht wieder vollzogen und damit die Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden", so Harald Ebner. Und sein Parteikollege Martin Häusling aus dem Europaparlament merkt an: „Es ist kennzeichnend für die Debatten um die Neue Gentechnik, dass das Nachweisverfahren nicht den Entwicklern der Gentechnikverfahren zu verdanken ist, sondern besorgten Vertretern der Zivilgesellschaft.“ [vef]

01.09.2020 |

Studie: Glyphosat stresst resistente Sojapflanzen

SOja Soja: führende Gentechnikpflanze (Foto: CC0)

Werden gentechnisch veränderte resistente Sojapflanzen mit Glyphosat besprüht, beeinflusst das ihren Stoffwechsel, verursacht Stress und könnte dazu führen, dass unerwünschte Inhaltsstoffe gebildet werden. Das ergab eine Studie des norwegischen Instituts für Biosicherheit GenØk. Die Forscher empfahlen, diese unerwünschten Effekte in die Risikobewertung einzubeziehen.

Die GenØk-Wissenschaftler hatten zusammen mit brasilianischen Partnern zwei verschiedene Gentech-Sojabohnen von Bayer/Monsanto im Gewächshaus angebaut: eine nur mit Glyphosatresistenz, eine weitere, die zusätzlich auch ein Bt-Toxin gegen Schädlinge bildet. Die Pflanzen wurden mit einem glyphosathaltigen Herbizid in der in Brasilien üblichen Dosierung behandelt. Acht Stunden später untersuchten die Wissenschaftler die Gen-Aktivitäten und den Stoffwechsel der Pflanzen. Dabei zeigte sich, dass der Kohlenstoffstoffwechsel, der Energiestoffwechsel und die Photosynthese durch die Herbiziddusche negativ beeinflusst wurden. Zudem verursachte diese oxidativen Stress und aktivierte das Entgiftungssystem der Pflanzen. Bei den Pflanzen mit zwei gentechnischen Veränderungen fiel die Stressreaktion deutlich stärker aus.

Diese beobachteten Stoffwechselstörungen erklären nach Ansicht der GenØk-Wissenschaftler nicht nur bereits beobachtete Wachstumsstörungen bei solchen Pflanzen. Vor allem die Stressreaktionen könnten auch dazu führen, dass unerwünschte Inhaltsstoffe gebildet werden, die den Nährwert der Pflanzen herabsetzen, sagte Sarah Agapito-Tenfen von GenØk dem Portal GMwatch. „Wir empfehlen den Zulassungsbehörden, dieselben Techniken, die wir in dieser Studie verwendet haben, als Risikobewertungskriterium einzubeziehen", erklärte die Wissenschaftlerin. Auch sollte bei der Risikobewertung gentechnischer Pflanzen gezielt nach solchen anti-nutritiven Substanzen gesucht werden.

GMWatch verwies auf eine 2016 erschienene Studie, die vergleichbare Stoffwechsel- und Stress-Effekte auch bei gentechnisch verändertem Mais zeigte. Beide Studien bestätigten, dass gentechnisch veränderte Pflanzen eben nicht „wesentlich gleichwertig“ zu den unveränderten Sorten seien, heißt es auf GMWatch. Zudem seien sie besonders anfällig für Umweltbelastungen.
Relevant ist die Studie demnach auch für die EU-Lebensmittelbehörde EFSA und deren Art und Weise, die Risiken von gv-Pflanzen zu bewerten. Denn dabei geht die EFSA von der wesentlichen Gleichwertigkeit oder substanziellen Äquivalenz zwischen der gv-Pflanze und ihrem konventionellen Pendant aus. Nach Abweichungen, wie sie die GenØk-Studie gezeigt hat, sucht die EFSA deshalb gar nicht. Sie hat die beiden von GenØk untersuchten Soja-Linien schon vor Jahren für den Import als Lebens- und Futtermittel zugelassen. [lf]

26.08.2020 |

Florida: 750 Millionen Gentech-Moskitos fliegen ab 2021

Moskito Aedes aegypti Die Ägyptische Tigermücke (Foto: James Gathany, US Department of Health and Human Services / wikipedia, gemeinfrei)

In den kommenden beiden Jahren darf das Biotechunternehmen Oxitec 750 Millionen gentechnisch veränderte Tigermücken auf der amerikanischen Inselgruppe Florida Keys freilassen. Gegen den Widerstand Hunderttausender US-Bürger haben in jahrelangen Verhandlungen neun staatliche Behörden zugestimmt – zuletzt auch die Administration vor Ort. Umweltschützer warnen, die Risiken einer solchen Aktion seien unabsehbar.
Das Ziel ist, die ägyptische Tigermücke (lateinisch Aedes aegypti) auszurotten, weil sie lebensbedrohliche Krankheiten wie Denguefieber oder das Zika-Virus überträgt – auch auf den Florida Keys. Warum man dann Millionen Moskitos aussetzen will? Weil es sich um männliche Mücken handelt, die nicht stechen und denen ein neues Gen namens Tetrazyklin-Transaktivator eingepflanzt wurde. Paaren sich diese Mückenmännchen mit wildlebenden Weibchen, geht das Gen auf die Nachkommen über und sorgt dafür, dass weibliche Larven absterben. So sollen nach und nach nur noch männliche Tigermücken übrigbleiben, die sich alleine naturgemäß nicht mehr vermehren können. Laut Oxitec ließ sich auf ähnliche Weise eine Mückenpopulation in Brasilien angeblich um 95 Prozent reduzieren.
Wie Umweltschützer warnen, birgt das Projekt aber eine Reihe von Risiken: So war bei früheren Versuchen festgestellt worden, dass tatsächlich auch ein kleiner Anteil gefährlicher weiblicher Mücken ausgesetzt wurde. Außerdem weist die Organisation Center for Food Safety (CFS) darauf hin, dass möglicherweise nicht alle weiblichen Larven tatsächlich absterben. So können sich durch die Kreuzung verschiedener Mückenarten neue Sorten bilden. Sie könnten am Ende gefährlicher sein als die Ausgangsart. CFS verweist auf eine aktuelle Studie, wonach in der Folge einer Oxitec-Freisetzung in Brasilien die veränderten Gene in der Wildpopulation nachgewiesen werden konnten. Unklar sei auch, was mit Vögeln oder Säugetieren passiert, welche die genveränderten Mücken fressen. CFS-Direktor Jaydee Hanson sprach daher von einem „Jurassic Park-Experiment“.
Entsprechend groß ist der öffentliche Widerstand, seit die Pläne bekannt wurden. Eine Petition gegen das Vorhaben auf der Webseite change.org haben Stand heute mehr als 235.000 Menschen unterschrieben. Bei der US-Umweltbehörde EPA äußerten sich während der öffentlichen Anhörung mehr als 31.000 Bürger ablehnend zum Projekt. Nur 56 hielten es für nötig. Auch auf den Florida Keys haben die betroffenen Anwohner mehrheitlich gegen die Freisetzung der Mücken gestimmt. Doch alles half nichts. Die Behörden waren verzweifelt, weil sie jahrelange mit hohen Kosten vergeblich versucht hatten, die Tigermücken mit Insektiziden zu bekämpfen. Diese wurden jedoch in kurzer Zeit resistent gegen das Gift. Daher wandten sich die Behörden nach Angaben des US-Senders CNN 2012 an Oxitec.
Die Firma, die Amerikanern gehört und 2002 in Kooperation mit der Universität Oxford mit Hauptsitz in Großbritannien gegründet wurde, experimentiert schon seit Jahren in verschiedenen Teilen der Welt mit gentechnisch veränderten Mücken. Wie der Infodienst Gentechnik bereits berichtete, sind ihre angeblichen Erfolge aber umstritten. Entsprechend deutlich ist auch die Kritik von Dana Perls von der Umweltorganisation Frieds of the Earth (dt.: Freunde der Erde): „Bei dieser Genehmigung geht es vor allem darum, den Profit von Oxitec zu maximieren und nicht um die dringende Notwendigkeit, etwas gegen Krankheiten zu tun, die von Mücken übertragen werden.“ Und dafür würden mitten in einer Pandemie Menschen und Umwelt unnötig in Gefahr gebracht, schimpft Perls.
Die Covid 19-Pandemie ist denn auch das Argument, mit dem die Behörden in Texas es derzeit ablehnen, den Einsatz von Gentech-Tigermücken zu genehmigen. Auch für diese Region hatte die US-Umweltbehörde EPA Oxitec einen entsprechenden Antrag im Mai bewilligt. Die Behörden im Bundesstaat und vor Ort hätten mit der Pandemie aber gegenwärtig genug zu tun, sagte ein Sprecher der lokalen Gesundheitsbehörde dem US-Sender CNN. Es gebe derzeit keine Pläne, das Projekt voranzubringen. [vef]

24.08.2020 |

EU-Kommission schließt Glyphosatverbot in Österreich nicht aus

Greenpeace-Aktivisten demonstrieren vor der Wiener Hofburg für ein Glyphosat-Verbot © Greenpeace/Astrid Schwab Greenpeace-Aktivisten demonstrieren vor der Wiener Hofburg für ein Glyphosat-Verbot © Greenpeace/Astrid Schwab

Eigentlich hatte das österreichische Glyphosatverbot Anfang des Jahres in Kraft treten sollen. Jetzt haben Europäische Kommission und Tschechien sich doch noch dagegen ausgesprochen – mit Hintertür. SPÖ und Grüne wollen Spritzmittel mit dem Totalherbizid in drei Monaten trotzdem verbieten. Dazu müsste allerdings die Agrarministerin der ÖVP umgestimmt werden.
Der Vorgang ist äußerst kompliziert: Will ein EU-Mitgliedsstaat Regelungen zu einem Produkt erlassen, die den EU-Binnenmarkt betreffen, muss er der EU-Kommission und den anderen Mitgliedsländern die Möglichkeit geben, sich innerhalb von drei Monaten dazu zu äußern. Der österreichische Gesetzentwurf zum Verbot glyphosathaltiger Spritzmittel wurde erst am 18. Mai 2020 formal korrekt in Brüssel eingereicht. Damit endete die dreimonatige Frist für Stellungnahmen am 18. August. An ebendiesem Tag teilte die EU-Kommission Österreich mit, dass sie keine ausreichenden rechtlichen und wissenschaftlichen Gründe für ein komplettes Verbot glyphosathaltiger Produkte in dem Alpenland sehe. Außerdem sei es nicht mit dem harmonisierten europäischen Pestizidrecht vereinbar. Das ÖVP-geführte Agrarministerium sprach von einer „Stellungnahme“ der EU-Kommission, welche die eigene Einschätzung bestätige, dass man Glyphosat nicht im Alleingang verbieten könne.
Wie so oft bei Gesetzen liegt die Tücke jedoch im Detail: Denn die EU-Kommission hat keine Stellungnahme im Rechtssinn abgegeben, sondern eine „Bemerkung“ gemacht. In Österreich hatte das vergangene Woche zu heftigem Interpretationsstreit geführt. Der Unterschied liegt in den Rechtsfolgen: Bei einer ausführlichen Stellungnahme muss der Mitgliedsstaat die Einwände der Kommission berücksichtigen; eine Bemerkung dagegen ist rechtlich nicht bindend. Wegen der Bedeutung des Themas Glyphosat habe man zwar seine Bedenken geäußert, schrieb die EU-Kommission dem Informationsdienst Gentechnik. Man wolle Österreich aber nicht daran hindern, das fragliche Gesetz zu erlassen. Die Kommission verwies darauf, dass es das Ziel ihrer aktuellen Strategie des Green Deal sei, den Pestizidverbrauch in Europa zu vermindern. Außerdem prüfe die EU die Risiken von Glyphosat derzeit im Rahmen eines neuen Zulassungsantrags, den die Hersteller im Dezember 2019 eingereicht hätten. Dabei sei man mit Österreich wie mit allen anderen Mitgliedsstaaten in ständigem Gespräch. Die aktuelle Zulassung des Pflanzengifts in der EU läuft Ende 2022 aus.
Eine Stellungnahme im rechtlichen Sinn gegen den österreichischen Alleingang kam am letzten Tag der Frist stattdessen von Tschechien. Nach Informationen der Umweltorganisation Global 2000 kritisieren die Tschechen, dass ein Verbot den freien Warenverkehr in der EU behindere. „Diese Stellungnahme hat aufschiebende Wirkung, die Frist für weitere Stellungnahmen verlängert sich dadurch um drei Monate bis Mitte November 2020“, teilte das österreichische Agrarministerium mit. Die SPÖ hat bereits angekündigt, diese Zeit nutzen zu wollen, „um parteienübergreifend, bei einem Runden Tisch mit Regierung, Opposition und ExpertInnen ein Glyphosat-Verbot vorzubereiten“. Der Fraktionschef der oppositionellen SPÖ im österreichischen Parlament, Jörg Leichtfried, setzt dabei auf den Einfluss der mitregierenden Grünen auf ihren Koalitionspartner ÖVP. Er gehe davon aus, dass auch die Grünen gegenüber ihrem Koalitionspartner Druck machen werden, um ein Verbot zu erreichen, so Leichtfried. Von einer möglichen Klage gegen Österreich beim Europäischen Gerichtshof lasse man sich nicht abschrecken.
Greenpeace Österreich verweist auf das Vorbild Luxemburg, wo glyphosathaltige Spritzmittel bereits seit 1. Juli nicht mehr verkauft werden dürfen. Ab 1. Januar 2021 darf dort dann niemand mehr Glyphosat versprühen. Landwirtschaftsexperte Sebastian Theissing-Matei erinnert daran, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bereits im Dezember 2017 medienwirksam eine Abschaffung des gesundheitsschädlichen Giftes in Österreich angekündigt hatte. Das dürfe kein leeres Versprechen bleiben. [vef]

19.08.2020 |

Studie: große Mehrheit der Deutschen gegen Gentechnik auf dem Acker

Verbraucher Fleisch Supermarkt Kennzeichnung Steht nix drauf zu Gentechnik (Foto: Stephen Ausmus / USDA, creativecommons.org/licenses/by/2.0, flickr)

Mehr als 80 Prozent der Deutschen sind dafür, gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere in der Landwirtschaft zu verbieten. Das ergab die Naturbewusstseinsstudie für 2019, vergangene Woche vorgestellt von der Bundesumweltministerin. Svenja Schulze wandte sich dabei gegen zunehmende Forderungen aus Wirtschaft und Wissenschaft, die neuen gentechnischen Verfahren von den Regeln des Gentechnikrechts auszunehmen.
Die Grundprinzipien Vorsorge, Risikoprüfung im Einzelfall, Rückverfolgbarkeit der gentechnischen Veränderung und Wahlfreiheit der Verbraucher seien auch bei neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas das „Gebot der Stunde“, sagte die SPD-Politikerin. Es gebe dazu eine klare Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die konsequent umgesetzt werden müsse. Auch die mehr als 2000 für die Naturbewusstseinsstudie zufällig ausgewählten Bundesbürger sprachen sich fast alle (95 Prozent) dafür aus, mögliche Auswirkungen auf die Natur immer zu untersuchen, wenn Pflanzen mit neuen gentechnischen Verfahren verändert werden. 88 Prozent meinen sogar, wir seien noch gar nicht in der Lage, die langfristigen Folgen der neuen gentechnischen Verfahren abzusehen. Daran ändert auch nichts, dass Wissenschaftler behaupten, die neuen gentechnischen Verfahren seien sicher: Denn eine deutliche Mehrheit von 61 Prozent der Befragten vertraut diesen Aussagen der Wissenschaftler nicht.
Neben den Risiken für Natur und Gesundheit haben die Befragten aber auch ethische Bedenken gegen die Gentechnik: Eine große Mehrheit von 84 Prozent findet, dass der Mensch kein Recht hat, Tiere und Pflanzen gezielt gentechnisch zu verändern. Noch etwas mehr Befragte, nämlich 90 Prozent, meinen dies, wenn es sich um Tiere und Pflanzen aus der freien Natur handelt. Diese ethischen Bedenken der Bevölkerung sollten Politik und Wirtschaft ernst nehmen, heißt es in der Studie.
Dementsprechend regen die Autoren auch gesetzliche Regelungen an: Das Votum der Befragten sei „ein deutliches Signal an die Bundesregierung“, das seit 2015 europarechtlich mögliche Anbauverbot für Gentech-Pflanzen nun „mit Nachdruck“ im deutschen Recht festzuschreiben. Gemeint ist damit die sogenannte „Opt out“-Regelung. Sie ermöglicht es den EU-Mitgliedsländern, den Anbau etwa eines gentechnisch veränderten Maises für ihr Territorium zu verbieten, selbst wenn die EU-Kommission ihn in Europa erlaubt. Auf ein neues deutsches Gentechnikgesetz, das dies für die Bundesrepublik regeln sollte, konnten sich Bund und Länder in fünf Jahren aber nicht verständigen. Hintergrund sind anhaltende Meinungsverschiedenheiten zwischen den Koalitionspartnern SPD und CDU. Die Studienautoren machen der Umweltministerin nun Mut: „Das stabile Meinungsbild der Bevölkerung hilft, entsprechende Bestrebungen mit Nachdruck zu verfolgen.“
Ein weiterer Gesetzgebungsauftrag ergibt sich aus der Studie beim Thema Nahrungsmittel: Denn 75 Prozent der Befragten äußern, dass sie ein Problem damit hätten, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu essen. Und noch deutlich mehr Befragte fordern, dass Lebensmittel von Tieren gekennzeichnet werden, deren Futter gentechnisch verändert war: nämlich 95 Prozent. Auch das ist ein Auftrag an den Gesetzgeber, wie Alexander Hissting vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik hervorhebt. Denn eine Rechtspflicht zur Kennzeichnung solcher Produkte gibt es bisher nicht. Das Siegel „OhneGentechnik“, das der Verband im Auftrag des Bundesagrarministeriums für Tierprodukte ohne Gentech-Futter vergibt, nutzen gegenwärtig mehr als 700 Hersteller freiwillig. Damit diese Lösung auch im Zeitalter neuer gentechnischer Verfahren wie Crispr/Cas weiter funktioniert, fordert Hissting EU-Kommission und Bundesregierung dringend auf, sich um Nachweisverfahren für Produkte dieser neuen Verfahren zu kümmern, damit sie nicht unerkannt in der Lebensmittelkette landen.
Der Vorsitzende des Bundes ökologische Lebensmittelwirtschaft, Felix Prinz zu Löwenstein, sieht bei all dem vorrangig die Bundesagrar- und Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) in der Pflicht. Ihm sei völlig unklar, warum Klöckner die Umsetzung des EuGH-Urteils zur Gentechnik nicht endlich angehe, so Löwenstein. „Die Ernährungsministerin ist schließlich dafür verantwortlich, dass die neuen Gentechniken nach dem Europäischen Gentechnikrecht reguliert werden. Das schließt unter anderem die Sicherheitsprüfung und Kennzeichnung von Crispr-Cas und Co. und die Entwicklung praktikabler Nachweisverfahren ein.“
Auch Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sieht in dem klaren ‚Nein‘ der Studienteilnehmer zur Gentechnik einen konkreten Arbeitsauftrag für eine nachhaltige Politik. „Die Ergebnisse der Studie müssen ein Weckruf für die Politik heute und in der Zukunft sein“, so Bandt. Und der Präsident des Naturschutzbund Deutschland, Jörg-Andreas Krüger, fordert: „Die Bundesregierung muss die Naturschutzinteressen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und alles für eine krisensichere Zukunft tun.“
Der mittlerweile sechsten Naturbewusstseinsstudie liegt eine bundesweite Befragung zugrunde, die zum Jahresende 2019 durchgeführt wurde. Die Studie bezieht Menschen aus allen Regionen und sozialen Lagen Deutschlands ein. Insgesamt 2.044 zufällig ausgewählte Personen aus der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter ab 18 Jahren nahmen an der Studie teil. Die Naturbewusstseinsstudien, die empirisch abgesicherte Daten unter anderem für die Politik zur Verfügung stellen sollen, werden im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz seit 2009 veröffentlicht. [vef]

14.08.2020 |

Dürrefolge: 2.500 Tonnen weniger Pestizid-Wirkstoffe verkauft

Glyphosat Herbizide Pestizide Glyphosat-Einsatz auf dem Rapsfeld (Foto: Chafer Machinery / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Die deutschen Landwirte haben 2019 weniger Pestizide eingekauft als im Jahr davor. Besonders deutlich war der Rückgang bei Glyphosat. Verantwortlich dafür ist nicht die Politik der Bundeslandwirtschaftsministerin, sondern das Wetter.

Der Absatz an Pestizid-Wirkstoffen ging 2019 um 2.500 Tonnen auf 27.000 Tonnen zurück, ein Minus von 8,5 Prozent. Das zeigt die Absatzstatistik des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Am stärksten sank der Verkauf bei Fungiziden (-14 Prozent) und Herbiziden (- sechs Prozent). Dagegen stieg der Absatz an Insektiziden um fünf Prozent. Nicht enthalten sind in diesen Zahlen inerte Gase wie Kohlendioxid, die im Vorratsschutz eingesetzt werden. Bereits von 2017 auf 2018 war der Absatz an Pestiziden zurückgegangen.

Bei den Unkrautvernichtern war der Rückgang bei Glyphosat mit 12 Prozent besonders groß. Verglichen mit 2015, als die Diskussion um das Krebsrisiko des Wirkstoffes Fahrt aufnahm, kauften die Landwirte sogar 30 Prozent weniger Glyphosat. Die Gesamtmenge der verkauften Herbizidwirkstoffe nahm in diesen fünf Jahren um 17 Prozent ab. Das deutet darauf hin, dass zahlreiche Landwirte sich bewusst von Glyphosat als Wirkstoff abgewendet haben. Denn die versprochenen gesetzlichen Regelungen, die seine Anwendung eindämmen sollen, stehen immer noch aus. Die Absatzstatistik des BVL nennt für Wirkstoffe keine genauen Tonnage-Zahlen, sondern nur für Wirkstoffklassen. Doch die ausgewiesenen Organophosphor-Herbizide bestehen fast ausschließlich aus Glyphosat.

Selbst das Bundeslandwirtschaftsministerium schreibt über den Absatzrückgang bei den Pestiziden: „Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die trockene Wetterlage.“ Weniger Regen bedeutet weniger Pilzkrankheiten und damit weniger Fungizide. Wenn Getreide und Gemüse auf dem Feld wegen der Hitze nur schlecht wachsen, fahren die Landwirte auch die Unkrautbekämpfung herunter, um Geld zu sparen. Viele Schadinsekten dagegen lieben trockenes Wetter und vermehren sich stärker. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner nutzte die neuen Pestizidzahlen dennoch, um darzustellen, wie sie den Pestizideinsatz verringert.

Der Bio-Dachverband BÖLW sieht trotz der Zahlen keinen Rückgang beim Pestizideinsatz: Pro Hektar seien in den vergangenen 25 Jahren immer mehr Pestizide gespritzt worden, argumentiert der Verband und rechnet vor: Inzwischen würden 10 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche von Bio-Bauern bewirtschaftet. Auch die Blühstreifen und ökologischen Vorrangflächen der konventionellen Landwirte hätten zugenommen. „Insgesamt schrumpfte die Fläche, auf denen Pestizide gespritzt werden, seit 1995 um über 1,6 Millionen Hektar“, bilanziert der BÖLW. Hinzu kommt, dass die landwirtschaftlichen Nutzflächen auch durch Bautätigkeit oder Aufforstung weniger werden. Das Umweltbundesamt beziffert den Rückgang seit dem Jahr 2000 auf 800.000 Hektar.

Das Umweltbundesamt schreibt auch, von den Absatzzahlen könne „nicht unmittelbar auf den Verbrauch je Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche geschlossen werden“. Dieser hänge von der Art des Anbaus, der Fruchtfolge und Standortbedingungen ab. Zudem würden „die Präparate unter Umständen auch über mehrere Jahre hinweg gelagert“. Anwendungsdaten würden bisher nur stichprobenartig erhoben. Das UBA rechnet, dasss im Schnitt 2,8 kg Wirkstoff je Hektar Anbaufläche ausgebracht werden, bezogen auf 12,1 Millionen Hektar Ackerland und Dauerkulturen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warf der Bundesregierung vor, weiterhin keine klare Strategie zur Reduktion von Pestiziden zu haben. Die rückläufigen Zahlen seien „ein Ergebnis des Wetters und kein politisches Ergebnis, welches Frau Klöckner stolz präsentieren kann“, sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. [lf]

10.08.2020 |

Nanotechnologie: Die Agro-Gentechnik bekommt Verstärkung

Nano Labor Labor für Nanomaterialien (Foto: Mark Lopez/Argonne National Laboratory)

Die Nanotechnologie zieht auch in die Landwirtschaft ein. So soll der Einsatz winzig kleiner Teilchen künftig den Verbrauch an Dünger und Pestiziden verringern. Die Nanotechnologie könnte aber auch bei der gentechnischen Veränderung von Pflanzen helfen und neue Produkte der Agro-Gentechnik aufs Feld bringen. Davor warnt die Schweizer Allianz Gentechfrei.

Anlass für die Warnung war ein Artikel in der Fachzeitschrift Nature Food, in dem Professor Thilo Hofmann von der Universität Wien den Stand der Forschungen zusammenfasste. Er berichtete darin von Nanosensoren, die als Chips in Pflanzen eingebracht werden, dort freigesetzte, flüchtige Botenstoffe erkennen und so Signale über Trockenheit oder Stress durch Schädlingsbefall senden könnten. Nano-Coatings könnten Saatgut umhüllen und so die bisherige Beize durch Pestizide ersetzen. Besonders bedenklich sind aus Sicht der Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) zwei Anwendungen: Nanokapseln als Genfähren für Crispr/Cas sowie Pestizide, die aus gentechnisch verändertem Erbgut bestehen.

Gen-Scheren wie Crispr/Cas müssen, damit sie auf das Erbgut einwirken können, erst einmal in eine Zelle geschleust werden. Dies passiert bisher wie bei der alten Gentechnik durch Beschuss mit Metall-Partikeln (Gen-Kanone) oder durch Bakterien als Genfähren. Allerdings zeigten inzwischen mehrere Studien, dass beim Reparieren der mit Gen-Scheren zerschnittenen DNA-Stränge auch Erbgutschnipsel dieser Bakterien mit eingebaut werden: ein unerwünschter Nebeneffekt mit unbekannter Wirkung. „Mithilfe von Nano-Carriern, also kleinen Kapseln, kann genetisches Material in die Pflanze eingeschleust werden“, erklärt die Universität Wien. Das könnte aus Sicht von Hofmann und seinen Kollegen die Zulassung neuer gentechnischer Verfahren erleichtern, da dann kein fremdes Bakterien-Erbgut mehr in die Pflanze eingebracht würde. Dennoch „wird das Erbgut durch einen nicht natürlichen Mechanismus verändert – laut dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes und laut Gentechnikgesetz handelt es sich also doch um GVO“, hält die SAG dem entgegen. Noch allerdings stecke diese Art der gentechnischen Veränderung von Pflanzen mithilfe der Nanotechnologie erst im Laborstadium.

„Deutlich weiter fortgeschritten sind die Nanotech-Experimente mit den sogenannten RNA-Sprays“, warnt die SAG. RNA steht für Ribonukleinsäure, ein DNA-ähnliches Molekül mit verschiedenen Funktionen. So kann die RNA genetische Information übertragen und dafür sorgen, dass aufgrund dieser Information Proteine gebildet werden. Andere RNA-Moleküle regulieren die Aktivität von Genen und können diese an- oder abschalten. Bei RNA-Sprays werden Pestizide versprüht, die doppelsträngige Ribonukleinsäure (dsRNA) als Wirkstoff enthalten. Die RNA wird von den Schädlingen beim Fressen und Saugen aufgenommen, legt in deren Organismus lebenswichtige Gene still und tötet sie dadurch.

Zwar lassen sich auch Pflanzen so gentechnisch verändern, dass sie selbst diese dsRNA herstellen, etwa der von Monsanto und Dow entwickelte Gentech-Mais Smart Stax Pro. Doch müssen solche Pflanzen als GVO zugelassen werden. Von Präparaten, welche direkt auf die Pflanze gesprüht werden könnten, erhoffen sich die Hersteller mehr Akzeptanz, schreibt die SAG und erklärt: „Doch einmal ausgesprüht, verlieren diese Präparate sehr schnell ihre Wirkung. Um ihre Lebensdauer zu erhöhen, arbeiten die Forscher daran, die dsRNA in Nanopartikeln einzupacken.“ Die ersten Zulassungsanträge für dsRNA-Sprays seien schon auf dem Weg – etwa für einen Spray gegen den Kartoffelkäfer in den USA. In der Übersichtsarbeit von Hofmann sei von einer „geringen Wahrscheinlichkeit schädlicher Auswirkungen bei Nicht-Zielarten und Menschen“ die Rede. „Doch bezüglich solcher Nebenwirkungen sind kaum Daten vorhanden“, fügt die SAG hinzu. [lf]

06.08.2020 |

Unerwünschte Crispr-Effekte bei einem Kalb

Kuh mit Horn, ohne Gentechnik Kuh: am besten ohne Gentechnik, aber mit Horn (Foto: Frank Lindecke / flickr, Muh..., bit.ly/2aM1sTy, creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0)-+-

Wissenschaftler der Universität von Kalifornien haben das Erbgut eines Kalbes mit der Gen-Schere Crispr/Cas so verändert, dass es künftig mehr männliche Nachkommen zeugen soll. Doch der Eingriff in die DNA hinterließ unerwünschte Spuren.

Bullen setzen mehr Fleisch an als Kühe, verwerten das Futter besser und bringen deshalb Rindermästern mehr Geld. Noch mehr Geld würde ein Bulle bringen, der nur männliche Nachkommen zeugen würde. Seit fünf Jahren versuchen Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Davis, einen solchen Bullen zu erschaffen. Bei Säugetieren bestimmen die Chromosomen als Träger des Erbguts das Geschlecht. Embryozellen mit einem X- und einem Y-Chromosom wachsen zu einem Männchen heran. Zellen mit zwei X-Chromosomen zu einem Weibchen. Denn nur auf dem Y-Chromosom befindet sich ein Gen namens SRY, das dafür sorgt, dass der Embryo männliche Geschlechtsmerkmale entwickelt. Die kalifornischen Gentechniker versuchten nun mit Hilfe von Crispr/Cas in Embryozellen eine Kopie von SRY auf dem X-Chromosom einzubauen. Das müsste, so die Idee dahinter, dazu führen, dass auch ein eigentlich weibliches Kalb mit zwei X-Chromosomen männliche Merkmale entwickelt. Weil sich das nicht wie geplant umsetzen ließ, installierten sie das SRY-Gen schließlich auf einem anderen Chromosom (Nr. 17), das bei männlichen und weiblichen Tieren vorkommt.

Das US-Magazin Wired schildert ausführlich die Schwierigkeiten, mit denen die Forscher zu kämpfen hatten, bevor schließlich das Crispr-Kalb Cosmo auf die Welt kam. Die Erbgut-Untersuchung ergab, dass es mit seinem Y-Chromosom sowieso ein Bulle geworden wäre. Auch das Chromosom 17 enthielt, wie geplant, das SRY-Gen. Doch nicht nur das: Laut Wired fanden sich in 90 Prozent der untersuchten Zellen gleich sieben Kopien von SRY statt einer. Zwei der Kopien waren verkehrt herum eingebaut worden. Auch fanden die Wissenschaftler Erbgut des Bakteriums, mit dessen Hilfe sie die Gen-Schere ins Embryo geschleust hatten. Wired zitiert dazu einen australischen Gentechniker, der mit Crispr bei Mäusen arbeitet. Mehrere Kopien und unerwünschtes Bakterienerbgut seien sehr typisch, sagte er dem Magazin: „Wir haben das bei Mäusen schon oft gesehen“. Die Wissenschaftler seien gut darin, die Genbearbeitung bei Tieren effizient zu machen, „aber wir sind noch nicht gut darin, sie sicher zu machen“, zitiert Wired den Gentechniker. Die kalifornischen Wissenschaftler betonten, dass das Kalb lebensfähig sei, und wollen nun abwarten, wie es sich entwickelt.

Die US-Lebensmittelbehörde FDA hatte Anfang des Jahres mitgeteilt, sie werde genom-editierte Tiere und deren Produkte vor der Vermarktung einer ausführlichen Risikobewertung unterziehen. Die Behörde hatte im Erbgut von Bullen, die mit Hilfe der Gen-Schere TALEN künftig Hornlosigkeit vererben sollten, Genmaterial von gentechnisch veränderten Bakterien gefunden. Auch diese waren als Hilfsmittel verwendet worden, um die Gen-Schere in die Zelle zu schleusen. Die US-Firma Recombinetics hatte bereits 2014 beim Europäischen Patentamt ein Patent auf diese hornlosen Rinder beantragt. Diesen Antrag hat das Unternehmen jetzt vorerst auf Eis gelegt, wie das Umweltinstitut München mitteilte. [lf]

Korrigiert am 13.08.2020: Die Kopie des SRY-Gen wurde nicht auf dem X-Chromosom sondern auf Chromosom 17 eingebaut.

03.08.2020 |

Wird Großbritannien zum Einfallstor für die neue Gentechnik?

London Großbritannien England Westminster Westminster, der Sitz des britischen Parlaments (Foto: David Hunt, bit.ly/1rl8YJz, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de über Wikimedia Commons)

Die britische Politik war immer schon besonders gentechnikfreundlich. Nun wollen britische Politiker den Brexit dazu nutzen, neue gentechnische Verfahren zu deregulieren. Doch der Widerstand der Zivilgesellschaft war so groß, dass die entsprechende Gesetzesänderung erst einmal zurückgezogen wurde.

Das britische Parlament diskutiert seit zwei Jahren ein neues, umfassendes Landwirtschaftsgesetz. Im Mai brachte eine parteiübergreifende Gruppe von Parlamentariern und Mitgliedern des Oberhauses einen Zusatz zu dem Gesetz ein, das derzeit im britischen Oberhaus diskutiert wird. Dieser Zusatz sollte den Umweltminister ermächtigen, die Definition von gentechnisch veränderten Organismen zu ändern. Dadurch könnte die Regierung das Gentechnikrecht am Parlament vorbei deregulieren und zahlreiche neue gentechnische Verfahren und deren Erzeugnisse ohne Risikoüberprüfung zulassen.

Die gentechnikkritischen Organisationen Beyond GM, GM Freeze und GM Watch alarmierten die Öffentlichkeit und riefen zu Protestmails auf. Sie kritisierten, dass mit der Änderung unsichere Organismen „in die Umwelt freigesetzt und in unsere Lebensmittel aufgenommen werden können, ohne dass Risikobewertungen, Monitoring, Rückverfolgbarkeit oder Verbraucheretikettierung gesichert seien.“ Zudem würde die Ermächtigung für den Umweltminister „Macht vom Parlament auf die Regierung verlagern und die demokratische Rechenschaftspflicht in einer heiklen und heiß diskutierten Frage verringern.“ Die drei Organisationen erinnerten daran, dass gerade die konservative Wählerschaft sich in Umfragen gegen Gentechnik in der Landwirtschaft ausspreche. Zudem könnte eine Deregulierung die Ausfuhr britischer Agrarerzeugnisse und Lebensmittel in die EU erschweren.

Die Kampagne war so erfolgreich, dass der eingebrachte Änderungsantrag nach einer zweistündigen Debatte im zuständigen Ausschuss des Oberhauses zurückgezogen wurde. In einer Analyse schreibt Beyond GMO, dass sowohl das Oberhaus als auch die Regierung weiterhin für eine Deregulierung seien. Verfangen habe vor allem das Argument, dass das Landwirtschaftsgesetz der falsche Platz und der Änderungsantrag das falsche Vorgehen für eine Deregulierung sei. Der Antrag sei nur zurückgezogen worden, weil parallel dazu die Regierung „erneut betont hatte, die breite Anwendung des Genome Editing in der britischen Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie voranzutreiben, zu fördern und zu erleichtern“, schreibt Beyond GMO. Offensichtlich sei auch, dass die Regierung dabei keine übertriebene Eile habe, sondern die Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen wolle. Deshalb habe Lord Gardiner, parlamentarischer Staatssekretär des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums, auch angekündigt, dass es im Herbst eine öffentliche Konsultation geben werde, ohne aber Einzelheiten über Form oder Umfang zu nennen. Beyond GMO befürchtet, dass eine solche Konsultation im üblichen Rahmen lediglich zum Schlagabtausch bekannter Standpunkte führen würde ohne tiefer zu gehen. Als Beispiel dafür, dass auch eine andere Art des Austausches möglich sei, verwies die Organisation auf ihr eigenes Format ‚A Bigger Conversation’, in dem seit drei Jahren Befürworter und Gegner gentechnischer Verfahren in der Landwirtschaft miteinander diskutieren. Notwendig sei der Austausch, weil das Thema Deregulierung weiter auf der Agenda stehe und in den nächsten Jahren verstärkt debattiert werde – wenn nicht im Rahmen des Landwirtschaftsgesetzes, dann eben „im Zusammenhang mit den Strategien Großbritanniens in den Bereichen Handel, Bioökonomie und Industrie“. [lf]

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