06.09.2018 |

Klöckner: neues Gesetz für Genome Editing?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (Foto: CDU Rheinland-Pfalz) Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (Foto: CDU Rheinland-Pfalz)

Bundesagrarministerin Julia Klöckner ist mit der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), die Technologien des Genome Editing als Gentechnik zu werten, offenbar nicht einverstanden. „Die klassische grüne Gentechnik mit CRISPR/Cas in einen Topf zu werfen, halte ich für sachlich falsch”, sagte die CDU-Politikerin gestern der Nachrichtenagentur Reuters. Ob es zu Gesetzesänderungen komme, werde man sehen.
Wie berichtet hatte der EuGH im Juli entschieden, dass neue Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas oder ODM rechtlich wie Gentechnik zu behandeln sind. So hergestellte Organismen müssen also auf ihre Risiken geprüft und zugelassen werden. Das Gericht berief sich vor allem auf das Vorsorgeprinzip und folgte damit der Argumentation der Gentechnikkritiker – sehr zum Entsetzen von Industrie und großen Teilen der Wissenschaft. Entsprechend harsch war die Urteilsschelte.
Da der EuGH in dieser Frage jedoch die letzte Instanz ist, ist dieses Urteil unanfechtbar rechtsgültig. Will jemand an der Rechtslage etwas ändern, bleibt in der gewaltengeteilten Demokratie nur der Weg über die Gesetzgebung – in diesem Fall auf EU-Ebene. Eine Petition gegen die EuGH-Entscheidung, wie sie ein französischer Wissenschaftler jetzt auf den Weg gebracht hat, kann den Richterspruch nicht mehr rückgängig machen.
Auch Frau Klöckner hatte wohl schon im Juli Plan B im Auge. Sie wolle „den Blick für Entwicklungen und Innovationen offenhalten“, teilte die Agrarministerin wenige Stunden nach dem EuGH-Urteil mit. „Diese Diskussion möchte ich in Europa gemeinsamen mit der Europäischen Kommission und den Mitgliedsstaaten vorantreiben.“ “Wir müssen achtgeben, dass wir nicht aus Luxuspositionen des Überflusses heraus in Europa eine neue Technologie vor die Tür setzen”, ergänzte sie jetzt laut Reuters. Die neue Technologie könne die Lösung für landwirtschaftliche Probleme werden. Als Beispiel nannte sie dürre-resistente Pflanzen, die von den Befürwortern der Gentechnik schon seit Jahren angekündigt werden. Faktisch setzte die Agrarindustrie die Gentechnik jedoch vor allem dafür ein, Pflanzen gegen die von ihr hergestellten Pestizide resistent zu machen.
Eine klare Vorstellung hat die Agrarministerin vom Ablauf der Diskussion: “Wir müssen eine Debatte führen, die wissenschaftsbasiert ist und nicht nach Stimmungen geht”, wird sie von Reuters zitiert. Hatten wir das nicht schon mal irgendwo gehört? Ein Blick in die Rede von Bayer-Chef Werner Baumann bei der Hauptversammlung des Chemiekonzerns im Mai hilft weiter: Die Politik dürfe „nicht nur auf das schauen, was heute den Vorstellungen und Umfragen entspricht“, gab der Konzernlenker vor. Wichtig sei, „was morgen und übermorgen gesellschaftlichen Fortschritt und wirtschaftlichen Wohlstand verspricht“. Kein Risiko einzugehen sei für die Gesellschaft keine Option, so Baumann.
Bei der Diskussion des Themas mit ihrem Koalitionspartner SPD steht Klöckner offenbar noch ganz am Anfang: “Neue Gentechnikverfahren, wie die Genschere CRISPR/Cas und die damit erzeugten Produkte, unterliegen dem Gentechnikrecht”, versicherte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Matthias Miersch, heute gegenüber Reuters. „Das Urteil des EuGH sollte auch die Bundeslandwirtschaftsministerin anerkennen.” Miersch forderte Klöckner auf, unverzüglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen grundsätzlich untersagt werde
Heftige Kritik kommt von der Opposition: Die Agrarministerin stimme „nach kürzester Schamfrist voll ein in den Chor der Gentechnik-Lobby, der sich seit dem Gentechnik-Urteil überschlägt in schriller Richterschelte und Forderungen nach Gesetzesänderungen“, schimpft der Gentechnikexperte der Grünen, Harald Ebner. Wenn sie in Frage stelle, dass auch die neue Gentechnik Gentechnik ist, ebne sie den Weg für Verbrauchertäuschung durch verschleierte Gentechnik im Essen. [vef]

03.09.2018 |

Medien kritisieren Förderung einer neuen Fachstelle Gentechnik

FGU-Logo Die Fachstelle Gentechnik und Umwelt begleitet die Diskussion zum Thema wissenschaftlich. Grafik: FGU

Das Bundesumweltministerium fördert eine Fachstelle Gentechnik und Umwelt (FGU) für zweieinhalb Jahre mit insgesamt 200.000 Euro. Die FDP und einige Medien haben diese Förderung in den vergangenen Wochen angegriffen und der Fachstelle Voreingenommenheit unterstellt. Der Grund: Der gentechnikkritische Verein Testbiotech in München ist Träger des Projekts.

Testbiotech wurde vor zehn Jahren als „Institut zur unabhängigen Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie“ gegründet. Der Verein hat sich mit seinen kritischen und wissenschaftlich belegten Stellungnahmen intensiv und erfolgreich in die öffentliche Debatte um die Agro-Gentechnik in Deutschland und der Europäischen Union eingemischt. Befürwortern der Agro-Gentechnik sind die Organisation und ihr Geschäftsführer, der frühere Greenpeace-Campaigner Christoph Then, deshalb ein Dorn im Auge.

2017 beantragte Testbiotech beim Bundesamt für Naturschutz (BfN) eine Zuwendung, um eine Fachstelle Gentechnik und Umwelt einzurichten. Ziel sei „die Förderung einer informierten gesellschaftlichen Diskussion auf der Basis aktueller Informationen und wissenschaftlich verlässlicher Analysen“, heißt es im Antrag. Festgelegt würden die Inhalte von Non-Profit-Organisationen, „die sich unter der Perspektive des Vorsorgeprinzips mit dem Thema befassen, ohne eigene ökonomische Interessen an der Verwertung der Technologie zu haben.“ Dazu sind sieben Organisationen in einem Beirat vertreten, darunter der Umweltverband BUND, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und Save our Seeds.

Das BfN gewährte wie beantragt gut 200.000 Euro für den Zeitraum von Anfang Oktober 2017 bis Ende Februar 2020. Mit dem Großteil der Mittel wird eine Wissenschaftlerstelle finanziert, die öffentlich ausgeschrieben und mit einer promovierten Biologin besetzt wurde. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über epigenetische Modifikationen in der Fruchtfliege und sammelte dabei praktische Erfahrungen mit neuen gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas. Die Zuwendung stammt aus dem Umweltforschungsplan des Bundesumweltministeriums. Aus diesem Topf fördert das Ministerium Projekte und Forschungsvorhaben in allen umweltrelevanten Bereichen, vom Klimaschutz über Luftreinhaltung bis zu nachhaltiger Mobilität. Insgesamt standen dafür 2017 rund 57 Millionen Euro zur Verfügung.

Beim Thema Gentechnik entscheidet über die Vergabe das BfN, das mögliche Auswirkungen der Agro-Gentechnik und neuer gentechnischer Verfahren auf Umwelt und Natur fachlich beurteilt. Im Umweltforschungsplan macht dieser Bereich nur ein winziges Kapitel aus. Denn Gentechnik und Biotechnologie fallen ansonsten in die Kompetenz des Landwirtschafts- und des Forschungsministeriums. So gab das Forschungsministerium 2017 sechs Millionen Euro frei, um zwei Jahre lang „Nutzpflanzen der Zukunft“ zu fördern, die mit Hilfe neuer gentechnischer Verfahren hergestellt werden sollen. Aktuell fördert das Ministerium auch Projekte zur Genom-Editierung von Äpfeln und Sojabohnen.

Auslöser der Kritik an der Fachstelle Gentechnik und Umwelt war eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion. Diese steht in einer Reihe von Anfragen, mit denen die Freien Demokraten offenbar thematisieren wollen, dass die Bundesregierung Verbände und Organisationen aus dem Umweltbereich unterstützt. Gegenstand dieser Anfragen sind unter anderem der Naturschutzbund Deutschland, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Greenpeace, die Deutsche Umwelthilfe und die Denkfabrik Agora Energiewende. Die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage zur Fachstelle nahmen Medien wie Süddeutsche Zeitung und Spiegel zum Anlass für Artikel. Deren Tenor: Der Bund finanziere mit Steuergeldern eine gentechnikkritische Lobbyorganisation.

In seiner Reaktion wies Testbiotech darauf hin, dass die Journalistinnen dem Verein in beiden Fällen nicht Gelegenheit gegeben hatten, zu der Kritik Stellung zu nehmen. Deutlich wies die Organisation den Vorwurf zurück, unwissenschaftlich zu arbeiten: „Testbiotech legt Wert darauf, nach wissenschaftlichen Standards zu arbeiten und gleichzeitig unabhängig von den Interessen derer zu sein, die von Anwendungen der Gentechnik profitieren“, heißt es in der Stellungnahme. Und weiter: „Im Vordergrund unserer Arbeit steht die Perspektive des Umwelt- und Verbraucherschutzes.“ Dies rechtfertige es jedoch nicht, Testbiotech als Lobby-Organisation oder Technikfeinde zu bezeichnen.

In der Antwort der Bundesregierung an die FDP steht auch, dass unterschiedliche Projekte gefördert würden, „die den öffentlichen Dialog zu den Entwicklungen in der Biotechnologie und Gentechnik unterstützen sollen.“ Genannt wird explizit das Forschungsprojekt „Ethische, rechtliche und sozioökonomische Aspekte der Genom-Editierung in der Agrarwirtschaft“ (Dialog GEA). Dessen Träger ist das Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie, dessen Direktor Ralph Bock ein entschiedener Befürworter der Agro-Gentechnik und des Einsatzes neuer gentechnischer Verfahren ist. Fördersumme: mehr als eine Million Euro, verteilt auf drei Jahre. [lf]

31.08.2018 |

Bioökonomierat fordert neues Gentechnikrecht

DNA Genom DNA-Modell der Ausstellung "Genome: The Secret of How Life Works" im Jahr 2012 (Foto: George Bush Presidential Library and Museum / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

UPDATE +++ Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren hat der Bioökonomierat die Politik aufgefordert, das Gentechnikrecht zu ändern. Wenn Pflanzen und Tiere, die mit Genome-Editing-Technologien manipuliert wurden, zeitaufwendig nach EU-Recht zugelassen werden müssten, verliere Deutschland den Anschluss an die internationale Entwicklung, meint das Beratergremium der Bundesregierung.
Doch auch die 17 Mitglieder des Rats sehen bei einer zu rasanten unkontrollierten Ausbreitung derart gentechnisch veränderter Organismen (GVO) Risiken. Daher sollte die Bundesregierung ihrer Ansicht nach solche GVO auch nicht komplett freigeben. Wichtig sei eine Regulierung, die zwischen Mutationen und Gentransfers unterscheide und risikoorientierte Verfahren für die Zulassung und Freisetzung vorsehe, sagt Christine Lang, Ko-Vorsitzende des Bioökonomierats und Mitgründerin der Berliner Biotech-Firma Organobalance.
Der 2009 gegründete Bioökonomierat, in dem ExpertInnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft vertreten sind, plädiert für ein abgestuftes Genehmigungs- und Zulassungsverfahren mit unterschiedlichen Risikoklassen. Ferner spricht der Rat sich dafür aus, es behördlich zu registrieren und zu beobachten, wenn Wissenschaftler oder Unternehmen Genome-Editing-Technologien einsetzen. Die aktuelle Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Organismen lässt sich nach Ansicht des Gremiums nur aufrechterhalten, wenn sie sich auf größere, artfremde Genomveränderungen beschränkt. Bei winzigen sogenannten Punkmutationen sei eine Kennzeichnung im internationalen Warenverkehr nicht praktikabel. Der Rat empfiehlt daher, die Infrastruktur für freiwillige Zertifizierungen zu stärken, um Verbrauchern die Wahl zu lassen, sich für gentechnikfreie Lebensmittel zu entscheiden.
Bei gesellschaftlich besonders relevante Anwendungen der neuen Technologien müsse die Forschung stärker öffentlich gefördert werden, fordert das Gremium unter Vorsitz von Professor Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn. Begleitend müssten die Auswirkungen auf die Artenvielfalt sowie auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen mithilfe öffentlicher Gelder wissenschaftlich untersucht werden. Schließlich wünschen sich die Berater neue Dialogformate für einen konstruktiven Diskurs mit der Gesellschaft und eine bessere internationale Zusammenarbeit.
Ziel des Bioökonomierats ist laut Webseite, positive Rahmenbedingungen für eine biobasierte Wirtschaft zu schaffen, sowie Forschung und Entwicklung in der Bioökonomie zu fördern. Bei seiner Arbeit wird das ehrenamtliche Beratergremium von einer Geschäftsstelle unterstützt, die das Bundesforschungsministerium nach Angaben einer Sprecherin seit 1.12.2008 mit insgesamt 6,83 Millionen Euro gefördert hat. Aufgabe der Geschäftsstelle sei die fachliche und administrative Betreuung und Unterstützung des Bioökonomierats. Dazu gehöre auch, Vorträge vorzubereiten. Außerdem enthalte das Budget mögliche Reisekosten der Ratsmitglieder, die nach Bundesreisekostengesetz erstattet würden. [vef]

Update: Fördersumme des Bundesforschungsministeriums

27.08.2018 |

Heerwurm: Resistenter Schädling hat Asien erreicht

Heerwurm Spodoptera frugiperda Heerwurm Spodoptera frugiperda (Foto: Richardus_H / flickr, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0)

Seit 2016 hat sich der Herbst-Heerwurm in 44 von 54 afrikanischen Ländern verbreitet. Jetzt wurde der Maisschädling erstmals in Indien gesichtet. Da der Wurm in seiner amerikanischen „Heimat“ bereits 2014 gegen Gentech-Mais resistent wurde, sind mehr denn je alternative Lösungen gefragt.
Wie die Welternährungsorganisation FAO kürzlich mitteilte, bestehe die Gefahr, dass der Schädling sich auch in Südostasien und Südchina schnell ausbreite. Wie in Afrika gefährde das die Existenz von Millionen von Kleinbauern in der Region, warnte die FAO. Der Herbst-Heerwurm befällt nicht nur Mais, sondern auch 80 weitere Pflanzensorten, darunter Reis, Gemüse, Erdnüsse und Baumwolle. Dabei wachsen Mais und Reis in Asien auf 80 Prozent der Ackerfläche, also auf mehr als 200 Millionen Hektar.
Nun will die FAO ihre Erfahrungen aus mehr als 30 afrikanischen Projekten zur Bekämpfung des Herbst-Heerwurms für Indien nutzbar machen. Entwickelt wurde unter anderem eine App für ein Frühwarnsystem oder Schulungen für Kleinbauern. Doch was können die Bauern tun? Wie ein FAO-Experte der Frankfurter Rundschau sagte, ist es entscheidend, den Befall frühzeitig zu entdecken. Sobald die ersten Heerwürmer mit Pheromonfallen gefangen wurden, müssen die Bauern sie in die App eingeben. Diese gibt dann Behandlungsempfehlungen. Die „hochgefährlichen“ Insektizide dürfen nach Ansicht der FAO nur der letzte Ausweg sein.
Der Leiter des Biodiversitätszentrums am Internationalen Institut für Tropische Landwirtschaft (IITA) im westafrikanischen Benin hält die chemische Keule sowieso nicht für nachhaltig. Denn genauso, wie der Heerwurm gegen das insektizide Bt-Protein des Gentech-Maises resistent wurde, hat er sich auch an die Spritzmittel angepasst. Deshalb arbeitet das IITA laut Frankfurter Rundschau aktuell an Biopestiziden. „Wir entwickeln gerade Viren, die nur diese Raupenart befallen“, zitiert das Blatt IITA-Chef Georg Goergen. Auch mit dem Öl aus der Frucht des afrikanischen Niembaumes, das die Larven schädigt, wird im IITA-Labor geforscht. Außerdem experimentiert das Institut mit drei Schlupfwespenarten. Die Parasiten legen ihre Eier in die Larven des Heerwurms und schädigen sie so. Goergen will die Wespen nun züchten und im Benin testen, ob die in den USA eingesetzte Methode auch in Afrika wirkt.
Eine weitere Methode, die gerade für kleinere Anbauflächen entwickelt wurde, ist die sogenannte Push-and-Pull-Technologie. Dabei werden innerhalb eines Feldes Pflanzen angebaut, die den Schädling abstoßen (push). Im Fall des Herbst-Heerwurms ist das etwa das Bettlerkraut (Desmodium). An den Feldrändern dagegen kultiviert man Gewächse, die den Schädling aus den Nutzpflanzen herauslocken, wie Brachiaria-Gras (pull). Und eine im Frühjahr veröffentlichte Studie des Internationalen Zentrums für Insekten-Physiologie und Ökologie (icipe) in Ostafrika zeigte, dass der Heerwurm mit dieser Methode dort effektiv eingedämmt werden konnte.
Auch Forschern des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie aus Jena erscheint diese Technologie hilfreich, um die rasante Ausbreitung des Heerwurms zu bremsen. Zugleich untersuchen sie die Gene der Schädlinge in Togo und Ghana, um herauszufinden, welche Resistenzen ihre Vorfahren bei ihrer Reise über den Atlantik bereits mitgebracht haben. Sollten sie gegen das Bt-Toxin eines Gentech-Maises immun sein, muss über dessen Anbau in Afrika gar nicht erst diskutiert werden. Im Kampf gegen den Heerwurm wäre er sowieso nutzlos. [vef]

20.08.2018 |

Behörde: Cibus-Raps doch gentechnisch verändert

Raps Raps (Foto: Maria Eklind / flickr, Rapeseed, bit.ly/28MsMjR, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren sind die herbizidresistenten Rapslinien der kanadischen Firma Cibus als gentechnisch verändert einzustufen. Zu diesem Ergebnis kam das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nach erneuter Prüfung und nahm seinen anderslautenden Bescheid aus dem Jahr 2015 zurück.
Am 5. Februar 2015 hatte das BVL auf Antrag der Firma Cibus festgestellt, die mit Hilfe des Rapid Trait Development Systems erzeugten herbizidresistenten Rapslinien seien keine gentechnisch veränderten Organismen im Sinne des Gentechnikgesetzes. Das hätte bedeutet, dass der GV-Raps unkontrolliert hätte angebaut werden dürfen. Um das zu verhindern und sicherzustellen, dass der Cibus-Raps nicht konventionelle Sorten verunreinigen kann, klagten eine konventionelle Ölmühle, ein biologischer Saatgutzüchter und der Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND gegen diesen Bescheid. Damit durfte der Cibus-Raps vorläufig nicht auf deutsche Äcker. „Viele Kulturarten, an denen gentechnisch verändert wird, sind auskreuzungsfähig“, erläuterte Gebhard Rossmanith, Vorstandsvorsitzender der klagenden Bingenheimer Saatgut AG. „Raps ist besonders problematisch, weil es viele andere Kreuzblütler bei Nutzpflanzen wie Kohl, Broccoli etc. sowie bei Wildpflanzen gibt. Einer so auskreuzungsfreudigen Kultur einen Freifahrtschein auszustellen war verantwortungslos“, kritisierte Rossmanith das BVL.
Dem schob der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Juli einen Riegel vor. Denn er entschied, dass alle mit Verfahren der Mutagenese gewonnenen Pflanzen und Tiere gentechnisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne der EU-Freisetzungsrichtlinie sind. Das heißt, sie müssen auf ihr Risiko geprüft, gekennzeichnet und nachverfolgbar sein. Zwar gibt es davon laut Richtlinie auch Ausnahmen. Die gelten laut EuGH aber nur für solche Mutagenese-Verfahren, die bereits länger angewandt wurden und als sicher gelten. Das ist bei der von der Firma CIBUS eingesetzten Oligonukleotid-gesteuerte-Mutagenese (OgM) nicht der Fall.
Die von CIBUS unter dem Namen „Rapid Trait Development System“ (RTDS) verwendete OgM-Technologie verändert das Erbgut mittels kurzer, im Labor synthetisierter DNA-Sequenzen, die in die Zelle eingeführt werden. Wie das Klägerbündnis in seiner Presseinformation ausführt, sollen diese die DNA in der Zelle dazu veranlassen, sich an einer gewünschten Stelle dem fremden Muster anzupassen. Der genaue Mechanismus der Veränderung sei unklar, das habe auch die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit in ihrer Stellungnahme eingeräumt, heißt es weiter.
Ferner monierten die Kläger die fehlende Zuständigkeit des BVL. Die EU-Kommission hatte die EU-Mitgliedstaaten ausdrücklich aufgefordert, die rechtliche Einstufung der neuen Technologien durch die Kommission abzuwarten, da das EU-Kompetenz sei. Dennoch hielt das BVL seinen Bescheid aufrecht. Es stellte ihn allerdings unter den Vorbehalt, ihn nach einer Entscheidung der EU-Kommission zu ändern. Geklagt hatte ein Bündnis aus 17 Verbänden, Initiativen und Unternehmen aus dem Agrar- und Umweltbereich, koordiniert von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Mit der Rücknahme des Bescheids hat sich dann auch die Klage beim Verwaltungsgericht Braunschweig erledigt. [vef]

16.08.2018 |

Prozessflut: Verschluckt sich Bayer an Monsanto?

Monsanto Kreativer Protest gegen Agro-Gentechnik (Foto: Joe Brusky / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0)-+-

Nachdem sich BASF zum Nachtisch noch Bayers Gemüsesparte einverleibt hat, darf der Leverkusener Chemiekonzern sein amerikanisches Tochterunternehmen Monsanto jetzt vollends schlucken. Damit übernimmt er auch Tausende teurer Gerichtsprozesse auf der ganzen Welt. Den Aktionären schlägt das toxische Mahl offenbar auf den Magen: Die Bayer-Aktie ist in freiem Fall.
Bei den Gerichtsprozessen geht es um Spritzmittelschäden für Gesundheit und Umwelt, Patente, Lizenzgebühren, Risikowarnungen und vieles mehr. Seit 11.8., als eine kalifornische Geschworenenjury Monsanto zu 250 Millionen Euro Schadenersatz an einen Krebskranken verurteilt hatte (wir berichteten), fiel der Kurs der Bayer-Aktie um 20 Prozent. Mit 76,03 Euro erreichte sie laut Manager-Magazin heute den tiefsten Stand seit fünf Jahren und etwa die Hälfte ihres Wertes von 2015. Anleger fürchteten unabsehbare Prozessrisiken, schreibt das Blatt.
Und das mit gutem Grund: Neben den nach Angaben Monsantos rund 5000 Klagen wegen Krebserkrankungen durch Glyphosat muss sich Bayer als alleiniger Eigentümer nun an den unterschiedlichsten Fronten für die berüchtigte Geschäftstätigkeit des amerikanischen Saatgutgiganten vor Gericht verantworten. Und die Hiobsbotschaften häufen sich.
So haben Farmer aus acht US-Bundesstaaten diese Woche beim Bezirksgericht am Monsanto-Sitz St. Louis Sammelklagen wegen Ernteschäden durch den Unkrautvernichter Dicamba eingereicht. Nach einem Bericht des US-Agrarportals harvestpublicmedia.org richten sich die Klagen sowohl gegen Bayer-Monsanto wie gegen BASF, die beide das Herbizid vertreiben. Die Bauern werfen den Unternehmen vor, Dicamba-resistentes Saatgut entwickelt zu haben, wohl wissend, dass das passende Spritzmittel nicht-resistente Pflanzen auf benachbarten Feldern vernichten kann. Und statt etwas dagegen zu tun, hätten die Firmen das Risiko durch ihr Handeln noch vergrößert. 2017 waren nach einem aktuellen Bericht der Universität Missouri 1,5 Millionen Hektar Anbaufläche durch Dicamba geschädigt worden, vorwiegend Sojapflanzen. Wie der Infodienst berichtete, war das Herbizid daraufhin in einigen Bundesstaaten verboten worden.
Auch in der Frage, ob der US-Bundesstaat Kalifornien Glyphosat auf eine Liste krebserregender Stoffe setzen darf, musste Monsanto nach einem Bericht des San Francisco Chronicle gestern eine Niederlage einstecken. Das oberste kalifornische Gericht ließ kein Rechtsmittel gegen ein Urteil der Vorinstanz zu, die es den kalifornischen Behörden im April erlaubt hatte, auf dieser Liste vor dem Totalherbizid zu warnen.
Bereits im Juli hatte Monsanto bei einem Patentstreit mit brasilianischen Landwirten eine Schlappe einstecken müssen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, wies ein brasilianisches Gericht lokale Töchter von Monsanto an, Lizenzgebühren im Zusammenhang mit der Gensoja-Technologie auf ein Treuhandkonto zu übertragen. Dort sollen die Gebühren der Landwirte vorläufig geparkt werden, bis die Richter entschieden haben, ob sie rechtens sind. Sojabauern im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso hatten Monsanto Unregelmäßigkeiten bei genetisch verändertem Soja-Saatgut der Sorte Intacta RR2 Pro vorgeworfen und bei Gericht die Aberkennung des Patents beantragt.
In Frankreich haben Imker Bayer wegen Glyphosatrückständen in ihrem Honig verklagt, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Die Liste ließe sich fortsetzen. Selbst bei Bayer scheint man noch keinen vollständigen Überblick darüber zu haben, was man sich mit Monsanto an Prozessrisiken eingehandelt hat. „Aufgrund der Auflagen des US-Justizministeriums war Bayer der Zugang zu detaillierten internen Informationen von Monsanto bisher verwehrt“, schreibt der Konzern heute in seiner Presseinformation. Und es klingt fast erleichtert, wenn es weiter heißt: „Mit dem heutigen Tage erhält Bayer auch die Möglichkeit, sich aktiv in die Verteidigung bei den Glyphosat-Verfahren und etwaigen anderen Rechtsstreitigkeiten, z. B. etwaigen Schadenersatzklagen bezüglich des Produkts Dicamba, einzubringen.“ Natürlich wird Bayer vortragen, dass es Glyphosat nicht für krebserregend hält. Auch geht das Unternehmen davon aus, dass die nächste Instanz dem todkranken Krebspatienten keinen Schadenersatz zusprechen wird. Und selbstverständlich teilt der neue Mega-Konzern seinen Aktionären mit, dass er sich wie geplant positiv wirtschaftlich entwickeln wird. Ob die Adressaten ihm das abnehmen, muss sich erst noch zeigen. [vef]

13.08.2018 |

Glyphosat-Urteil: Monsanto soll Krebsopfer 289 Millionen Dollar zahlen

Gericht Justiz Foto: Morgan4uall / pixabay, CC0 Public Domain

UPDATE +++ Die Geschworenen entschieden einstimmig: Die Bayer-Tochter Monsanto soll einem krebskranken Platzwart, der jahrelang mit dem glyphosathaltigen Spritzmittel Roundup arbeitete, 289 Millionen US-Dollar Schadenersatz zahlen. Monsanto will dagegen Berufung einlegen. Bayer erwartet in den USA etwa 8000 ähnliche Klagen gegen Monsanto. Die Bayer-Aktie brach heute um mehr als zehn Prozent ein.
Wie die Neue Zürcher Zeitung berichtete, befand die Geschworenenjury in San Francisco am Freitag (Ortszeit), Monsanto habe vor den Risiken seiner Unkrautvernichter nicht ausreichend gewarnt. Deren Wirkstoff Glyphosat steht in Verdacht, Krebs zu verursachen. Und weil die Bayer-Tochter das verschleiert habe, müsse das Unternehmen dem Platzwart Dewayne Johnson, der seine Krebserkrankung auf die Arbeit mit glyphosathaltigen Spritzmitteln zurückführt, 39 Millionen Dollar Schmerzensgeld und 250 Millionen Dollar Strafzuschlag zahlen. Der Strafzuschlag wurde fällig, weil die Jury davon ausging, dass Monsanto vorsätzlich gehandelt hat. Damit beträgt der gesamte Schadenersatz im Fall Johnson umgerechnet rund 253 Millionen Euro.
Ob Johnsons Frau und seine Kinder die 289 Millionen Dollar tatsächlich erhalten werden, wird erst nach dem Berufungsurteil feststehen. In der Vergangenheit sind so hohe Schadenersatzsummen von der nächsten Instanz schon deutlich gedrückt worden. Auch die Frage, wie hoch die Ersatzforderungen insgesamt werden, die der Chemiekonzern Bayer sich mit Monsanto im Juni eingekauft hat, lässt sich aktuell schwer abschätzen. Denn dieses Urteil ist eine Einzelfallentscheidung ohne Bindungswirkung. Die Klage des 46jährigen Johnson war vorgezogen worden, da er nach Angaben seiner Ärzte wegen seines Lymphdrüsenkrebses (Non-Hodgkin-Lymphom) bald sterben wird. Trotzdem wird dem Urteil Signalcharakter für die folgenden Prozesse zugeschrieben.
So steht demnächst – ebenfalls in Kalifornien - eine Sammelklage von 450 Krebspatienten an, die den Wirkstoff Glyphosat für ihre Erkrankung verantwortlich machen. Wie der Infodienst berichtete, hatte ein Bundesrichter in San Francisco die Sammelklage Mitte Juli zugelassen. Ein Verfahren vor einer Geschworenen-Jury ist nach Ansicht des Richters jedoch nur dann zu rechtfertigen, wenn die Kläger in einigen Fällen belegen können, dass Glyphosat in den bei der Anwendung üblichen Mengen ein Non-Hodgkin Lymphom verursachen könnte.
Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, behaupteten Vertreter von Bayer und Monsanto, dass hier kein Zusammenhang bestehe. Die Börse reagierte trotzdem: Die Bayer-Aktie fiel nach Informationen des Portals Proplanta auf den tiefsten Stand seit Mai 2016. Laut Handelsblatt verlor der Chemiekonzern damit zehn Milliarden Euro an Börsenwert. Dem solcherart beschädigten Image Bayers wird es wohl wenig nützen, wenn in einigen Tagen der Name Monsanto mit Beginn der Unternehmensintegration verschwinden wird. Denn die Prozesse müssen dann alle im Namen Bayers geführt werden - mit ungewissem Ausgang.
Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht jedenfalls seit 2015 davon aus, dass Glyphosat «wahrscheinlich krebserregend» für den Menschen ist. Und die Grünen fordern schon seit langem, dass nicht nur der reine Wirkstoff Glyphosat, sondern auch die Kombination der Wirkstoffe in den Spritzmitteln auf ihre Gesundheitsrisiken getestet werden müssen. Denn das könnte nochmal neue Gefahrenpotentiale an den Tag bringen. [vef]

09.08.2018 |

Brasilianisches Gericht verbietet Glyphosat

RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Unkrautvernichtungsmittel mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat dürfen in Brasilien vorerst nicht mehr zugelassen werden. Bestehende Zulassungen müssen die Behörden innerhalb von 30 Tagen aufheben. Das entschied diese Woche eine Bundesrichterin in der Hauptstadt Brasilia.
Wie das Handelsblatt berichtete, soll das so lange gelten, bis die Sanitäts-Behörde Anvisa entschieden hat, für wie schädlich sie Glyphosat hält. Anvisa hat sich damit bereits zehn Jahre Zeit gelassen. Kommt sie bis zum Jahresende zu keinem Ergebnis, drohen Strafen. Auch das Insektenvernichtungsmittel Abamectin und das Fungizid Thiram sind betroffen.
Der brasilianische Landwirtschaftsminister Blairo Maggi hat nach dem Bericht angekündigt, die Anwaltschaft des Bundes werde gegen das erstinstanzliche Urteil vorgehen. Maggi gehört Amaggi, einer der größten Sojakonzerne und –exporteure Brasiliens. Der Konzernchef fürchtet jetzt offenbar um seine Einkünfte. „Unsere gesamte Landwirtschaft funktioniert mit Direktsaat“, zitierte das Blatt Blairo Maggi. Ohne Glyphosat sei Direktsaat nicht möglich.
Ins gleiche Horn bliesen die Agrarlobbbyisten des Landes: Der Präsident des Verbandes des brasilianischen Agrobusiness Abag, Caio Carvalho, wies darauf hin, dass in vier Wochen wieder Soja ausgesät werden müsse. Und bevor die glyphosatresistente Sojabohne auf die Äcker kommt, sollen alle anderen Pflanzen dort mit einer starken Spritzmitteldusche vernichtet werden. „Wir können jetzt nicht abwarten, bis die Behörde entschieden hat“, warnte Carvalho. Sonst sei die Ernte gefährdet.
Auch dem Chemiekonzern Bayer, der ab Mitte August den Glyphosat-Hersteller Monsanto in sein Unternehmen integrieren will, dürfte die Gerichtsentscheidung nicht gefallen. Denn laut Handelsblatt ist Brasilien weltweit der zweitwichtigste Markt für den von Monsanto entwickelten Unkrautvernichter Roundup, den Bayer künftig als Eigenmarke vertreiben wird. Das glyphosathaltige Spritzmittel wird vor allem auf Feldern mit den passenden gentechnisch veränderten Soja- und Maispflanzen versprüht. Und diese schon jetzt riesigen Felder will Brasilien nach einem aktuellen Bericht des Agrarministeriums weiter ausbauen.
Auch in Deutschland müssen glyphosathaltige Spritzmittel aktuell neu zugelassen werden, nachdem die EU-Kommission Ende 2017 den Herbizidwirkstoff auf EU-Ebene weitere fünf Jahre erlaubt hatte. Das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) teilte auf Nachfrage mit, sie hätten bislang noch über keinen der 24 Anträge auf Neuzulassung entschieden. Die Anträge mussten bis 16. März dieses Jahres eingereicht werden. Das BVL muss die Bescheide bis Jahresende erlassen. Außerdem überprüft das BVL zwölf glyphosathaltige Spritzmittel von Amts wegen, die über 2018 hinaus zugelassen sind. [vef]

08.08.2018 |

Genschere: Darf Raps mit Punktmutation aufs Versuchsfeld?

Cibus Raps Unterschriften Zahlreiche Bürger fordern: neue Gentechnik-Verfahren wie den von Cibus mittels Genome Editing hergestellten Raps nicht durchwinken.

Schneller vermehrungsfähige Obstbäume, zwei Rapssorten mit neuen Eigenschaften und ein ausgeknocktes Ackerkraut – ob diese Pflanzen als gentechnisch verändert eingestuft werden müssen, prüft derzeit das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Es sind die ersten Fälle, auf die in Deutschland das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu neuen gentechnischen Verfahren Anwendung findet.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte Ende Juli entschieden, dass die unter dem Begriff Genome Editing zusammengefassten neuen Techniken rechtlich als Gentechnik zu werten sind. Zu dieser neuartigen Gentechnik gehört etwa die sogenannte Genschere Crispr-Cas. Mithilfe dieser Genschere haben Wissenschaftler der Universität Kiel einzelne Buchstaben des DNA-Codes von Rapspflanzen so verändert, dass ihre Schoten fester wurden, teilte ein BVL-Sprecher auf Anfrage des Infodienst mit. Im Fachjargon heißt der Vorgang Punktmutation. Dabei werden keine fremden Gensequenzen dauerhaft in die Pflanze eingeführt.

Ebenfalls mit dieser Technik arbeitete das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie bei der Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana). Das Institut nutzt dieses robuste Unkraut mit einem überschaubaren Genom für die Grundlagenforschung. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, welche Gene dafür sorgen, dass die Pflanze so widerstandsfähig gegen Krankheiten ist, etwa gegen Pilze. Dafür haben sie zwei Gene, die sie für diese Eigenschaft für verantwortlich halten, mithilfe der Genschere Crispr-Cas ausgeschaltet (sogenannte Knock-out-Mutationen). Nun wollen die Forscher in Freilandversuchen testen, ob die Ackerschmalwand schneller krank wird, wenn diese Gene nicht mehr funktionieren.

Daher haben sie das BVL gefragt, ob es sich bei der ausgeknockten Ackerschmalwand um eine gentechnisch veränderte Pflanze handelt, erläuterte der BVL-Sprecher. Denn dann bräuchte das Institut für die Freilandversuche eine Genehmigung. Diese Frage werde das BVL nun „zeitnah“ im Lichte des EuGH-Urteils entscheiden. Das gleiche gilt für den neuen Kieler Raps, der laut BVL ebenfalls im Freiland getestet werden soll. Der EuGH hatte entschieden, dass auch Pflanzen als gentechnisch verändert einzustufen sind, bei denen keine Fremd-DNA ins Erbgut eingebracht wurde.

Auch im Fall der herbizidresistenten Rapspflanze der kanadischen Firma Cibus stellt sich die Frage, ob sie als gentechnisch verändert einzustufen ist, nach dem Urteil des EuGH nochmal neu. Hier hatte das BVL bereits 2015 entschieden, dass der mittels oligonukleotidgesteuerter Mutagenese (OGM) veränderte Raps nicht unter Gentechnikrecht falle. Gentechnikkritische Verbände stoppten die damit mögliche Anpflanzung des Cibus-Raps jedoch mit einer Klage. Das Verwaltungsgericht Braunschweig, das über die Klage entscheiden muss, hatte das Verfahren bis zur Entscheidung des EuGH ausgesetzt. In diesen Streit dürfte nun neue Bewegung kommen. Auch bei der OGM, die zu den Genome Editing-Verfahren gehört, werden keine Fremdgene in die Pflanze eingeführt, sondern einzelne Buchstaben des eigenen Erbguts quasi umgeschrieben.

Noch etwas länger wird es wohl im Fall der Obstbäume dauern. Hier hatte das Julius Kühn Institut (JKI) schon im Jahr 2013 beim BVL angefragt, ob die frühblühenden Apfelbäume seiner schnellen Züchtungstechnik „Fast breeding“ als gentechnisch verändert zu werten seien. Mittels eines Gens der Hängebirke erreichten die Wissenschaftler nach Auskunft des BVL, dass die Apfelbäume bereits im ersten Jahr nach der Transformation funktionsfähige Blüten trugen und damit vermehrungsfähig waren. So konnten sie viel früher als üblich mit dem Wildapfel gekreuzt werden, um dessen Feuerbrandresistenz zu übernehmen. Dabei wurde mit klassischen Gentechnikverfahren gearbeitet. Das JKI will vom BVL wissen, ob Nachkommen dieser Pflanze, die das Transgen nicht mehr enthalten (sogenannte Nullsegreganten), als gentechnisch verändert eingestuft werden müssen. Wie eine Sprecherin des JKI betonte, gehe es ihrem Institut dabei nicht um eine konkrete Pflanzensorte, sondern um das Züchtungsverfahren selbst. Da die Antragsunterlagen laut BVL allerdings noch nicht vollständig sind, sind die Wissenschaftler derzeit dabei, die nötigen Unterlagen zu erarbeiten. [vef]

30.07.2018 |

Neue Studie: Glyphosat schädigt Embryonen in der nächsten Generation

Pestizidflugzeug Literweise Glyphosat auf das Sojafeld: Mit dem Flugzeug geht es am schnellsten (CC0: Ken Hammond/USDA ARS)

Im Tierversuch haben Ratten, die im Mutterleib und als Babys mit umweltrelevanten Mengen eines glyphosathaltigen Pestizids gefüttert wurden, später überdurchschnittlich viele schwache und geschädigte Kinder zur Welt gebracht. Das zeigte eine Studie argentinischer Wissenschaftler.

Maria Milesi und ihr Team hatten schwangeren Ratten ein in Argentinien übliches glyphosathaltiges Pestizid ins Futter gemischt. Die Konzentration betrug zwei Milligramm je Kilogramm Körpergewicht, das entspreche der Größenordnung der von der US Umweltbehörde EPA als sichere Dosis angesehenen Glyphosatmenge von einem Milligramm, schreibt das Portal GMWatch in seiner Besprechung der Studie. Die so ernährten Embryonen zeigten bei der Geburt keine Auffälligkeiten und wurden noch bis zum Ende der Säugezeit dem Pestizid ausgesetzt.
Die Wissenschaftler paarten die weiblichen Ratten aus diesen Würfen und analysierten am 19. Tag nach der Begattung die Embryos der zweiten Generation. Dabei zeigten sich die Tiere unverändert fruchtbar, allerdings war der Nachwuchs deutlich schwächer, was Größe und Gewicht der Embryonen betraf. Überraschenderweise, wie die Forscher selber schreiben, stellten sie auch Anomalien fest wie zusammengewachsene Föten und Fehlentwicklungen der Gliedmaßen.

Effekte glyphosathaltiger Pestizide auf die Entwicklung von Embryonen in Tierversuchen hatten bereits frühere Studien festgestellt. So zeigte der argentinische Wissenschaftler Andrés Carrasco bereits 2010, dass das glyphosathaltige Pestizid Roundup Embryonen von Hühnern und Fröschen schädigen kann. In Argentinien hat sich die Zahl von Missgeburten bei Menschen in Regionen, in denen Glyphosat intensiv eingesetzt wird, massiv erhöht. Über ein Beispiel berichtet eine aktuelle Studie der Universitätsklinik von Cordoba. Die Wissenschaftler hatten in einer Kleinstadt mit 8.000 Einwohnern inmitten einer Agrarregion die Rate an Fehlgeburten und Missbildungen erhoben. Sie war drei- beziehungsweise zweifach höher als der nationale Durchschnitt. Parallel dazu ermittelten die Wissenschaftler, dass in der Umgebung der Stadt auf 80.000 Hektar Land insgesamt 975 Tonnen Pestizide pro Jahr versprüht werden, davon 650 Tonnen Glyphosat. Bei Messungen an mehreren Stellen in der Stadt wurden stark erhöhte Werte von Glyphosat im Boden festgestellt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ihre Studie trotz methodologischer Schwächen einen klaren Zusammenhang zwischen der Pestizidbelastung und den Auswirkungen auf die Schwangerschaft zeige. [lf]

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