02.12.2019 |

Neue Gentechnik: Will EU-Kommission Regeln aufweichen?

Europaflagge, Foto: Greg Montani (Pixabay) Europaflagge, Foto: Greg Montani (Pixabay)

Gestern hat die neue europäische Gesundheitskommissarin, die Zypriotin Stella Kyriakides, ihre Arbeit aufgenommen. Wie wird sich die 63jährige, die auch für die Gentechnik in der Landwirtschaft zuständig ist, im Streit um die neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas und die Konsequenzen aus dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Sommer 2018 positionieren?
Das Urteil des EuGH, dass die neuen Technologien wie die „alte“ Gentechnik zu prüfen und zu regulieren sind, war von Umwelt- und Bioverbänden begrüßt, von Industrie und Forschung massiv angegriffen worden. Die neue Europäische Kommission hat politisch jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder sie setzt den Richterspruch um oder sie sorgt dafür, dass die dem Urteil zugrundeliegende Freisetzungsrichtlinie geändert wird. Diskutiert wird, ob für die neuen Gentechnikverfahren zumindest in bestimmten Fällen andere Regeln erlassen werden sollen als für die alten. Wie sich die Brüsseler Gremien entscheiden werden, dafür gibt es bislang nur Indizien:
Einiges Aufsehen erregte jüngst bereits ein geleaktes Arbeitspapier aus der Brüsseler Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, die für die EU-Gesundheitskommissarin arbeitet. Der „vorläufige Aktionsplan“, der dem Infodienst Gentechnik vorliegt, möchte eine ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion fördern, die Umwelt und Klima schützt. Dafür ist unter zahlreichen anderen Maßnahmen auch eine Gesetzesinitiative aufgeführt, die einen „neuen, zweckmäßigen Regelungsrahmen“ für die neuen Gentechnikverfahren schaffen soll. Was die neue Gesundheitskommissarin von diesem Papier hält und ob sie sich diesen Aktionsplan zu eigen machen wird, ist bislang allerdings nicht bekannt.
Dass sie dafür offen sein könnte, zeigt eine Äußerung von Stella Kyriakides im EU-Parlament, wo die Kandidatinnen für die neue EU-Kommission im Oktober befragt worden waren. Dort ließ sie auf Nachfrage durchblicken, dass sie sich vorstellen könnte, die Regeln für neue Gentechnikverfahren zu überarbeiten. Wie die neuen Regeln aussehen sollen, blieb allerdings offen. Auch die „Farm to Fork“- Strategie (sinngemäß: vom Feld bis auf den Teller) für die Agrarpolitik der neuen EU-Kommission unter Führung von Ursula von der Leyen gibt keinen genauen Aufschluss. In einem vorläufigen Papier zur Politik des „European Green Deal“ von Vizekommissionschef Frans Timmermans, die kommende Woche vorgestellt werden soll, heißt es nur: Die EU-Kommission werde im Frühjahr 2020 ein Papier vorlegen, welche Initiativen sie im Rahmen der „Farm to Fork“- Strategie bis Ende 2020 ergreifen werde. Eine davon werde das Urteil des EuGH zur neuen Gentechnik betreffen.
Umweltverbände und Lebensmittelwirtschaft sind dennoch bereits alarmiert: „Die Europäische Kommission plant, bestehende Gentechnik-Schutzstandards aufzuweichen“, warnte etwa Greenpeace Österreich. „Diese Schutzstandards garantieren bisher, dass keine gentechnisch veränderten Pflanzen auf unseren Feldern oder Tellern landen, ohne dass sie einer umfassenden Risikobewertung unterzogen wurden.“ Greenpeace forderte von der Europäischen Kommission, die bestehenden Schutzstandards aufrecht zu erhalten. Auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) kritisierte, dass die neue EU-Kommission die neuen Gentechnikverfahren offenbar weniger streng regulieren will als die alten. Das nehme den Verbrauchern die Wahlfreiheit und nütze nur der Agrarindustrie, warnte Daniela Wannemacher vom BUND.
„Konsumenten wollen ganz klar keine Gentechnik im Essen; Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie wollen ohne Gentechnik arbeiten; der Lebensmittelhandel will keine gentechnisch veränderten Produkte verkaufen. Dies gilt selbstverständlich auch für die Verfahren der ‚Neuen Gentechnik‘,“ sagte auch der Geschäftsführer der ARGE Gentechnik-frei, die 200 österreichische Unternehmen aus Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und -handel vertritt. Die EU-Kommission müsse jetzt daran arbeiten, das EuGH-Urteil abzusichern und umzusetzen, forderte Florian Faber. Alles andere koste sie ihre Glaubwürdigkeit. „Denn niemand wird einer Gentechnik-kritischen europäischen Öffentlichkeit vermitteln können, dass gentechnische Verfahren, die das oberste europäische Gericht als Gentechnik eingestuft hat, aufgrund einer Gesetzesänderung plötzlich keine mehr sein sollen,“ warnte Faber. [vef]

28.11.2019 |

Australien: neue Gentechnik weitgehend genehmigungsfrei

Australien In Australien werden z.B. Gentechnik-Raps und -Baumwolle angebaut (Foto: vygnyo / stock.xchng)

Die australische Regierung hatte bereits im Frühjahr 2019 eine Änderung der Zulassungsregeln für gentechnisch veränderte Organismen beschlossen. Ein letzter Versuch, im Parlament diese Regelung noch zu kippen, ist gescheitert. Nun fürchten Australiens Bio-Landwirte um ihre Zukunft.

Das australische Gentechnikrecht sah bisher vor, dass alle gentechnisch veränderten Organismen (GVO) eine Zulassung brauchen. Im April 2019 legte die dortige Bundesregierung eine Änderung des Gentechnikgesetzes vor. Demnach können bestimmte Verfahren wie etwa die gezielte Stilllegung von Genen ohne jede Genehmigung angewandt werden. Organismen, die mit neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas hergestellt wurden, brauchen ebenfalls keine Zulassung, sofern durch diese Verfahren kein artfremdes Erbgut eingebaut wurde.

Umwelt- und Bio-Verbände versuchten, diese Gesetzesänderung durch eine Eingabe an das Parlament zu stoppen. Sie argumentierten, dass kein Land der Erde bisher eine derartig breit angelegte Ausnahmeregelung verabschiedet habe. Angesichts der auch mit neuen gentechnischen Verfahren verbundenen Risiken appellierten die Organisationen an die Parlamentarier, das Vorsorgeprinzip einzuhalten. Ansonsten könnten diese Organismen die Lebensmittelkette entern, ohne jede Sicherheitsbewertung, ohne Abklärung möglicher allergischer, toxischer oder krebserregender Wirkungen, warnte Judy Carman, Direktorin des Institute of Health and Environmental Research. Die europäische Wissenschaftlervereinigung ENSSER kam den australischen Kollegen zur Hilfe und appellierte an die australischen Parlamentarier, das Gesetz zu stoppen. Es gebe keine Garantie, dass die Anwendung dieser Technik das gewünschte Ergebnis liefere und dass dieses Ergebnis sicher sei, heißt es in dem Schreiben von ENSSER.

Die Appelle zeigten keine Wirkung: Bei der Abstimmung im Parlament stand die Grüne Partei alleine da; die Regierungskoalition und die oppositionelle Labour Party bestätigten die Entscheidung der Regierung. Slowfood Australia wies darauf hin, dass Koalition und Labour Spenden von Bayer und dem Lobbyverband CropLife erhalten hätten. Der australische Bio-Verband NASAA befürchtet nun „dass der australische Landwirtschafts- und Lebensmittelsektor in kurzer Zeit nicht mehr sicherstellen kann, dass die in Australien produzierten Lebensmittel gentechnikfrei sind und dem Australischen Bio-Standard entsprechen“. Dies würde auch die Exporte gentechnikfreier oder biologisch angebauter Lebensmittel massiv beeinträchtigen. „Das ist ein Desaster für die australische Bio-Landwirtschaft“, sagte NASAA-Vorstand Glenn Schaube. Sie werde „zum Opferlamm für die Deregulierung von GVO-Technologien gemacht“. [lf]

25.11.2019 |

Pestizide: 2018 wurden 5000 Tonnen weniger Wirkstoffe verkauft

Pestizide Pestizideinsatz (Flickr: Aqua Mechanical / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)-+-

2018 haben Deutschlands Landwirte gut 29.000 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe eingekauft und vermutlich großenteils auf ihre Äcker und Felder ausgebracht. Das entspricht einem Rückgang von 5.000 Tonnen gegenüber 2017. Beginnt da die Agrarwende oder ist das Wetter schuld?

Der deutsche Pestizidverkauf war 2018 mit 29.583 Tonnen Wirkstoffe so niedrig wie zuletzt 2005. Das zeigt die aktuelle Absatzstatistik des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Am stärksten sank der Absatz von Wachstumsreglern für Getreide. Auch Herbizide und Fungizide verkauften sich deutlich schlechter, vor allem Glyphosat. Dagegen ewarben die Nutzer elf Prozent mehr Insektizide.
Diese Zahlen sprechen dafür, dass der Einbruch in der Statistik vor allem wetterbedingt war. Viele Landwirte wollten für Getreide, das auf dem Feld verdorrte, nicht auch noch Geld für Spritzmittel ausgeben. Wegen der trockenen Witterung brauchte es auch weniger Mittel gegen Pilzbefall. Dagegen ließ das warme Wetter Schädlinge im Obst- und Gemüsebau besser gedeihen, die durch mehr Insektizide in Schach gehalten werden mussten. Das sieht auch der Industrieverband Agrar (IVA) so. „Der Dürresommer 2018 und die damit verbundenen drastischen Ertragsrückgänge der Landwirtschaft haben deutliche Spuren in den Bilanzen der Hersteller von Pflanzenschutzmitteln hinterlassen“, schrieb der Lobbyverband der Pestizidhersteller bereits im Mai 2019.
Auffällig an den Zahlen ist Folgendes: Während die Gesamtmenge an Herbiziden um 13 Prozent zurückging, war es bei Glyphosat das Doppelte. Die verkaufte Menge an Organophosphor-Herbiziden, die fast ausschließlich aus Glyphosat bestehen, schrumpfte von 4694 Tonnen in 2017 auf 3448 Tonnen im vergangenen Jahr. Das könnte eine Wirkung der anhaltenden Debatte um die Gefährlichkeit dieses Wirkstoffes sein. Allerdings war dessen verkaufte Menge 2017 deutlich um 900 Tonnen angestiegen, weil anscheinend zahlreiche Landwirte, ein EU-weites Glyphosatverbot fürchtend, ihre Vorräte noch einmal aufgestockt hatten. Rechnet man diesen Effekt heraus, kamen nur knapp 350 Tonnen Glyphosat weniger auf den Markt.
Deutlich zugenommen hat 2018 die Zahl der zugelassenen Spritzmittel. Sie liegt inzwischen bei 872. Vor zehn Jahren waren 629 verschiedene Pestizide erhältlich. Die Anzahl der verwendeten Wirkstoffe ist auf 285 gestiegen, ebenfalls der höchste Wert in den letzten zehn Jahren. Von den verbrauchten Wirkstoffen entfielen übrigens nur 441 Tonnen auf nicht berufliche Nutzer wie Hausmeister und Hobbygärtner. 98,5 Prozent der Wirkstoffe bringen Landwirte und Gärtner aus. Nicht enthalten sind in all diesen Zahlen inerte Gase wie Kohlendioxid, die im Vorratsschutz eingesetzt werden und ebenfalls in die Pestizidstatistik eingehen. Außerdem sind Spritzmittel nicht berücksichtigt, die Landwirte oder Privatpersonen selbst aus dem Ausland nach Deutschland importieren. [lf]

21.11.2019 |

EU-Kommission soll Rechtsstatus neuer Gentechnik untersuchen

EU Rat Ministerrat Foto: The Council of the European Union

Vor mehr als einem Jahr hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Produkte neuer gentechnischer Verfahren wie Crispr/Cas9 unter das Gentechnikrecht fallen. Am 8. November forderten die Mitgliedsländer der Europäischen Union die künftige EU-Kommission nun auf, bis zum Frühjahr 2021 zu untersuchen, was das Urteil für Konsequenzen hat. Gegebenenfalls soll sie „erforderliche Maßnahmen“ vorschlagen.
Die Entscheidung des EuGH habe zwar den Rechtsstatus neuer Mutageneseverfahren geklärt, zugleich aber einige praktische Fragen für nationale Behörden, Wirtschaft und Forschung aufgeworfen, begründete der Rat der Europäischen Union seinen Beschluss. Dazu gehört die Frage, wie angesichts winziger Veränderungen im Genom festgestellt werden kann, dass etwa eine Pflanze mit der Genschere Crispr/Cas9 verändert wurde. Es müsse geklärt werden, heißt es in dem Beschluss, wie die Einhaltung der Freisetzungsrichtlinie sichergestellt werden könne, „wenn mittels neuer Mutageneseverfahren gewonnene Erzeugnisse sich mit aktuellen Methoden nicht von Erzeugnissen, die aus natürlicher Mutation hervorgegangen sind, unterscheiden lassen“. Die Freisetzungsrichtlinie bestimmt unter anderem, dass gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere auf ihre Risiken geprüft, gekennzeichnet werden und rückverfolgbar sein müssen. Der Nachweis von Veränderungen durch neue Gentechnikverfahren ist bislang jedoch nur unzureichend geregelt und erforscht.
Die Studie der EU-Kommission solle ferner ermitteln, wie gewährleistet werden kann, dass importierte und innerhalb der EU hergestellte Produkte gleichbehandelt werden. Hintergrund ist, dass einige Staaten außerhalb Europas genomeditierte Produkte nicht wie Gentechnik prüfen und kennzeichnen. Daher bitten die EU-Mitgliedsstaaten die EU-Kommission auf Initiative der finnischen Ratspräsidentschaft „eine Untersuchung im Lichte des Urteils des Gerichtshofs in der Rechtssache C-528/16 zu dem Status neuartiger genomischer Verfahren im Rahmen des Unionsrechts zu unterbreiten“. „Falls das angesichts der Ergebnisse der Untersuchung angemessen ist“, möge die Kommission auch einen Vorschlag nebst Folgenabschätzung unterbreiten. Was mit diesem „Vorschlag“ genau gemeint ist, bleibt offen.
Spanien und die Niederlande geben in einem Statement ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das Gentechnikrecht vorbehaltslos darauf überprüft wird, ob es angesichts der wissenschaftlichen Entwicklung noch effizient und angemessen ist. Schweden legt besonderen Wert darauf, dass die Studie Kostenabschätzungen enthält. Wie das Bundesagrarministerium auf Anfrage mitteilte, lägen weitergehende Informationen dazu, welche Fragen die Studie im Detail beantworten und wer sie durchführen werde, derzeit nicht vor. Der Beschluss des Rates bezieht sich auf eine Vereinbarung unter den drei Institutionen der EU – Rat, Parlament und Kommission -, die seit 2016 die gemeinsame Rechtssetzung regelt. Dort finden sich auch Details zur Kostenabschätzung im europäischen Kontext.
„Wir verstehen diesen Beschluss als ersten Schritt, die neuen gentechnischen Verfahren aus dem Gentechnikrecht herauszunehmen“, interpretiert Mute Schimpf von Friends of the Earth (Freunde der Erde) die Entscheidung auf Initiative Finnlands. Die Finnen, deren Ratspräsidentschaft zum 31. Dezember endet, wollen die neuen Gentechnikverfahren weniger streng regeln, als die „alte“ Gentechnik. Sechs EU-Staaten, die Gentechnik lieber gut überwachen wollen, warnen vor den Risiken: „Im Blick auf das Ziel, die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu schützen, und unter Beachtung des Vorsorgeprinzips erfordert jede Technik, die Gene für Zwecke der Landwirtschaft in einer Weise verändert, wie das natürlicherweise nicht vorkommt, eine besondere Vorsicht“, heißt es in einer Stellungnahme, die unter anderem Polen, Luxemburg und Zypern unterzeichnet haben. Die Staaten sprechen sich dafür aus, „das aktuelle Schutzlevel“, also die Kontrolle nach geltendem Gentechnikrecht, zu erhalten.
Wie das Bundesagrarministerium dem Infodienst Gentechnik auf Anfrage mitteilte, hat sich Deutschland bei der vorbereitenden Abstimmung über diesen Beschluss im Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedsstaaten enthalten. Denn die Parteien der großen Koalition sind sich bei der Frage uneins, wie neue gentechnische Verfahren rechtlich behandelt werden sollten. Zur endgültigen Abstimmung im Rat der Wirtschafts- und Finanzminister am 8. November teilte eine Sprecherin des Agrarministeriums mit, eine nach Ländern aufgegliederte Abstimmung finde bei der Annahme von Beschlüssen, bei denen bereits Einigung bestehe, durch den Rat nicht statt. Die EU-Kommission hat nun drei Monate Zeit mitzuteilen, welche Schritte sie in dieser Sache unternehmen wird. Die Niederlande und Spanien haben darum gebeten, die Mitgliedsstaaten auch während der Studie regelmäßig über Fortschritte zu informieren. [vef]

18.11.2019 |

Bericht: Gentechniktiere und -pflanzen gefährden Artenschutz

Monarchfalter Schmetterling Monarchfalter (Foto: Richiebits, public domain)

Die Ausbreitung von Pflanzen und Tieren, in deren Erbgut mit neuen Gentechnikverfahren wie der Gen-Schere CRISPR/Cas eingegriffen wurde, könnte fatale Folgen für den Artenschutz haben. Davor warnt ein vergangene Woche veröffentlichter Bericht des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech). Das für den Deutschen Naturschutzring (DNR) erstellte Papier zeigt anhand von Beispielen wie genveränderten Fliegen, Bienen, Bäumen und Korallen die Risiken und möglichen Konsequenzen auf.
„Freisetzungen von gentechnisch veränderten Organismen, die sich in den natürlichen Populationen ausbreiten und vermehren, könnten die Stabilität ökologischer Systeme rasch überfordern", warnt der Autor des Berichtes, Christoph Then. "Die neuartigen Organismen können wie ‚Störsender‘ auf ihre Umwelt und die Netzwerke der biologischen Vielfalt wirken und das Artensterben beschleunigen.“ Erstes Beispiel für eine unkontrollierte Ausbreitung ist eine invasive Krebsart, die sich allerdings ohne gentechnischen Eingriff verändert hat. „Durch ein einziges biologisches Ereignis, das auch 'Makromutation' genannt wird, wurde aus dem Sumpfkrebs eine neue Art, der Marmorkrebs, der sich in seiner äußeren Erscheinungsform, seinem Verhalten und seiner genetischen Ausstattung von der ursprünglichen Art deutlich unterscheiden lässt“, schreibt Then.
Die ursprünglich in Florida vorkommende Krebsart, die sich auch ohne Paarung vermehren kann, breitet sich rasch in neuen Lebensräumen aus und verdrängt heimische Arten. In Madagaskar ist der Marmorkrebs zur Plage geworden; jetzt hat er auch Deutschland erreicht. Das Beispiel zeige für die Risiken einer unkontrollierten Ausbreitung von Gentechnik-Organismen interessante Aspekte auf, so der Autor: „Die veränderten Eigenschaften der Krebse gehen auf Veränderungen in ihrem Erbgut zurück. Die Kenntnis dieser ‚Makromutation‘ bedeutet aber nicht, dass alle neuen Eigenschaften der Krebse vorhersagbar wären.“ Um ihr invasives Potenzial richtig abschätzen zu können, müsse man ihr tatsächliches Verhalten in der freien Umwelt und ihre speziellen phänotypischen Eigenschaften kennen. Die für eine Risikoprüfung relevanten Eigenschaften der Krebse ergeben sich erst in Wechselwirkung mit der Umwelt.

Fortsetzung auf unserer Partnerseite www.weltagrarbericht.de:

12.11.2019 |

Schneiden neue Gen-Scheren wirklich besser?

DNA Genom DNA-Modell der Ausstellung "Genome: The Secret of How Life Works" im Jahr 2012 (Foto: George Bush Presidential Library and Museum / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0)

Die Gen-Schere CRISPR/Cas9 ist das Standard-Instrument, mit dem Gentechnologen derzeit arbeiten, um das Erbgut von Pflanzen und Tieren zu manipulieren. Parallel dazu entwickeln Wissenschaftler neue Gen-Scheren, die besser schneiden sollen.
So berichteten Forscher des Broad-Instituts am MIT in Cambridge über eine neue Gen-Schere, die sie „prime editing“ nennen. Sie nutzt eine überarbeitete Version des Enzyms Cas9. Diese schneide den DNA-Strang nicht mehr durch, sondern kerbe ihn nur ein, beschreiben die Forscher die neue Methode. Ein zweites Enzym baue dann an dieser Stelle einen mitgeführten DNA-Strang ein. So könnten größere Stellen im Erbgut überschrieben werden. Ausprobiert haben die Broad-Wissenschaftler ihre neue Gen-Schere an menschlichen Zellen mit Anomalien, die sie dadurch reparierten. Einsetzbar ist die Technik aber auch in Tieren und Pflanzen. „Gerade für Pflanzen sei die Technologie besonders interessant, um genau geplante Veränderungen ins Genom einzubringen“, zitiert der Tagesspiegel den Karlsruher Molekularbiologen Holger Puchta. Die Zeit zitiert den Biotechnolgen Jens Boch von der Universität Hannover: „Dies wird die moderne Züchtung sehr beschleunigen.“
Noch handelt es sich bei dem gemeldeten Erfolg um Grundlagenforschung. The Guardian zitiert einen Londoner Gentechnologen mit dem Hinweis, dass die Broad-Forscher bisher nur mit wenigen menschlichen Zelltypen experimentiert hätten. „Wie die Autoren selbst betonen, handelt es sich hierbei um neue Methoden, und es werden Anstrengungen erforderlich sein, um sie zu entwickeln, um zu zeigen, dass sie ausreichend sicher und effizient sind“, sagte der Experte dem Guardian.

In den Medienberichten über die neue Methode wird auch darauf hingeweisen, wie unpräzise die übliche Gen-Schere CRISPR/Cas9 schneidet. Sie sei ungeschickt, schreibt das ScienceMag. Sie verändere manchmal Gene, die unberührt bleiben sollten, und sie zerschneide beide DNA-Stränge und überlasse es dann der Zelle, den Schaden zu reparieren. Das schränke ihren Einsatz ein und sei ein Sicherheitsrisiko in der Medizin. Denn „der Reparaturmechanismus der Zelle verbindet die beiden DNA-Enden meist einfach wieder, ohne die Erbgutschnipsel einzufügen, die die Forscher gemeinsam mit der Genschere in die Zelle schleusen“, erklärt der Tagesspiegel und spricht von einer „Axt im Genwald“. Die neue Methode soll nun laut ihren Entwicklern präziser arbeiten und solche Fehler vermeiden helfen. Der Hannoveraner Biotechnologe Jens Boch äußerte sich dem Tagesspiegel gegenüber skeptisch: „Auch die neue Technik führt zu ungeplanten Veränderungen, und zwar in nicht unerheblichem Umfang." [lf]

06.11.2019 |

Verbände: Nulltoleranz bei Gentech-Saatgut statt Grenzwerten

Mais Mais (Foto: JimmyMac210 / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0)

Deutsches Saatgut scheint weiterhin kaum mit gentechnisch veränderten (gv) Samen verunreinigt. Im Kontrollzeitraum 2018/19 fanden die Behörden in 785 Stichproben dreimal gv-Mais und einmal gv-Raps. Verbände fordern, das geltende Nulltoleranz-Prinzip zu erhalten und häufiger zu kontrollieren. Sie befürchten, dass die europäischen Mitgliedsstaaten auf Druck der Saatgutindustrie Grenzwerte für einen erlaubten Anteil von gv-Samen in konventionellem Saatgut einführen könnten.
„Eine konsequente Umsetzung der Nulltoleranz für Gentechnik im Saatgut ist für die Sicherung einer gentechnikfreien Landwirtschaft existentiell“, sagte Jan Plagge, Präsident von Bioland e.V. Die mehr als 2000 Hektar gentechnisch verunreinigter Winterrapsfelder in der Saison 2018/19 zeigten, dass bei Kulturarten wie Mais oder Raps, wo das Risiko einer Kontamination groß ist, stichprobenartige Prüfungen des Saatguts nicht mehr ausreichten. „Um unsere Nahrung gentechnikfrei zu halten, ist es bei diesen Risikokulturen leider notwendig geworden, alle Saatgutpartien zu überprüfen“, so Plagge. „Hier sollten die Bundesländer ihr Monitoring verstärken.“ Die gentechnischen Verunreinigungen in einer Charge Monsanto-Winterraps aus Frankreich waren im Dezember 2018 erst auf einen Hinweis aus dem Nachbarland entdeckt worden. Die bereits ausgesäten Chargen mussten gefunden und vor der Blüte vernichtet werden. Denn sind auch nur wenige gentechnisch veränderte Samen einmal in die Umwelt gelangt, können sie sich vermehren und kreuzen und nicht wieder zurückgeholt werden.
„Im europaweiten Vergleich nehmen die deutschen Bundesländer bei der Umsetzung der Nulltoleranz eine Vorreiterrolle ein“, hob Stefanie Hundsdorfer von der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit hervor. Derzeit diskutierten die EU-Mitgliedstaaten allerdings in einer Arbeitsgruppe, die Saatgutkontrollen auf GVO in Europa zu vereinheitlichen. „Die Bundesländer sind gefordert, sich auch auf europäischer Ebene für ein starkes Saatgutmonitoring einzusetzen“, so Hundsdorfer. „Sie müssen verhindern, dass die europarechtlich verankerte Nulltoleranz durch die Einführung von Verschmutzungsgrenzwerten, wie sie die Saatgutindustrie fordert, aufgeweicht wird.“
Wie der Gentechnikexperte von Greenpeace, Dirk Zimmermann, ergänzte, dürften auch keinerlei Samen toleriert werden, die mit neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas9 verändert wurden. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Juli 2018 gelten für sie die Rechtsvorschriften für Gentechnik. Die Bundesländer „müssen dafür sorgen, dass Nachweisverfahren für neue Gentechnikanwendungen entwickelt werden, und die Einfuhr von neuen gentechnisch veränderten Organismen im Rahmen von Kontrollen unterbinden. Nur so wird die Freiheit aufrechterhalten, gentechnikfrei zu produzieren und gentechnikfreie Lebensmittel wählen zu können.“ [vef]

04.11.2019 |

Experten: Neue Gentechnik muss reguliert bleiben

Bundestag Foto: Simone Knorr

Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel, erwartet von der Agrarindustrie, dass sie die Nachweismethoden für genomeditierte Pflanzen beim Zulassungsantrag mitliefert. Das sei gesetzlich vorgeschrieben und müsste auch im eigenen Interesse der Hersteller sein, sagte Jessel heute bei einer Anhörung im deutschen Bundestag. Sie widersprach damit der Argumentation, neue Gentechnikverfahren könnten mangels Nachweisbarkeit nicht reguliert werden.
Damit solche Pflanzen nicht unbemerkt von außerhalb in die Europäische Union importiert werden könnten, müsse es ein internationales Register aller freigesetzten Gentech-Organismen (GVO) geben, forderte Jessel. „Dies schließt explizit neue Gentechniken mit ein“, schrieb sie in ihrer Stellungnahme. Auch eine Kennzeichnung von GVO könne es Verbrauchern ermöglichen, zwischen gentechnisch veränderten und Lebensmitteln ohne Gentechnik zu wählen. In jedem Fall müssten Pflanzen, deren Erbgut mit neuer Gentechnik verändert wurde, vor der Zulassung auf Risiken geprüft werden – auch im Blick auf Wechselwirkungen mit der Umwelt. Werden die Pflanzen dann genutzt, seien die Folgen zu überwachen, so die Behördenleiterin.
Zuvor hatte ein Vertreter des zuständigen Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) beklagt, es stelle seine Behörde vor große Probleme, die winzigen Veränderungen durch neue gentechnische Verfahren zu identifizieren. Das Vorsorge- und das Innovationsprinzip seien in diesem Fall kaum „unter einen Hut zu bekommen“.
Der Rechtssachverständige Tade Spranger klärte daraufhin darüber auf, dass das Vorsorgeprinzip zum Schutz der Umwelt in die europäischen Verträge aufgenommen wurde und damit Verfassungsrang habe. Das Innovationsprinzip sei dagegen nur ein „PR-Prinzip“, das man dem Vorsorgeprinzip aus politischen Gründen entgegensetzt. Das geltende Gentechnikrecht, das der Europäische Gerichtshof 2018 in einer guten rechtsstaatlichen Entscheidung auf die neuen Technologien angewendet habe, sei für diese ein „praxisgerechtes und taugliches Instrumentarium“. Auch die meisten anderen Rechtsordnungen der Welt wollten die neue Gentechnik bei genauer Betrachtung nicht einfach freigeben.
Biolandwirt Felix Prinz zu Löwenstein bezweifelte die Versprechen der Befürworter, mit neuer Gentechnik könnten die großen Krisen der Gegenwart wie Klimawandel, Hunger und Artensterben bewältigt werden. Der Vorsitzende des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft verwies darauf, dass diese Krisen vielfältige Ursachen hätten, die nur mit grundlegenden Veränderungen in der Agrarwirtschaft bekämpft werden könnten. Es brauche keine trockenheitstoleranten Superpflanzen, sondern ein resilientes Produktionssystem, das stark schwankenden klimatischen Bedingungen gewachsen sei.
Vertreter von Agrarindustrie und Pflanzenwissenschaft forderten, die gesetzlichen Regeln für die neue Gentechnik sollten sich an den tatsächlichen Risiken einzelner Pflanzen und nicht an der Technologie orientieren. Sie warnten davor, den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland zu schwächen, indem neue Gentechnik strenger reguliert werde als andernorts. In dieses Horn blies auch die FDP-Fraktion im Bundestag, die in einem Antrag für eine abgestufte Risikoklassifizierung für sämtliche Pflanzenzüchtungsverfahren – von konventionell bis neue Gentechnik - plädierte.
Die Fraktion Bündnis90/Die Grünen dagegen will, dass die neuen Gentechniken nach geltendem EU-Recht reguliert bleiben. Zur Kontrolle müsse ein internationales Gentechnikregister eingerichtet und intensiv an Nachweisverfahren für Genmanipulationen mit neuen Technologien geforscht werden. In ihrem Antrag heben die Grünen hervor, dass auch kleine Veränderungen im Genom große Auswirkungen haben können. Die Bundesregierung müsse sicherstellen, dass die Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen und Tieren vor der Zulassung differenziert, interdisziplinär und von wirtschaftlichen Interessen unabhängig geprüft werden. [vef]

30.10.2019 |

Fast 43.000 Glyphosat-Klagen allein in den USA

Gericht Justiz Foto: Morgan4uall / pixabay, CC0 Public Domain

Die Zahl der Klagen in den USA wegen Gesundheitsschäden durch den Unkrautvernichter Glyphosat hat sich seit Juli auf 42.700 verdoppelt. Das teilte der Bayer-Konzern heute mit. Obwohl ein Vergleich nach Schätzung von Analysten bis zu 20 Milliarden Dollar kosten könnte, stieg die Bayer-Aktie heute um zwei Prozent.
Eine der jüngsten Klagen wurde vergangene Woche in Hawaii erhoben: Die 28jährige Dana F. kann wegen eines Geburtsfehlers nicht normal atmen. Nach vier großen Operationen muss sie mit einem künstlichen Luftröhrenzugang leben. Sie führt das darauf zurück, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft in der Nähe von Monsantos Versuchsfeldern für gentechnisch veränderte Pflanzen auf der hawaiianischen Insel Maoui lebte. Auch eine Frau aus der Gegend, deren Sohn einen angeborenen Nierenschaden hat, hat Monsantos Mutterkonzern Bayer verklagt. Die Frauen werfen dem Konzern vor, die Anwohner nicht über die Gefahren des besonders hohen Pestizideinsatzes auf den Versuchsfeldern informiert zu haben. Glyphosathaltige Spritzmittel stehen unter anderem in Verdacht, zu embryonalen Missbildungen zu führen. Auch von südamerikanischen Sojafeldern sind solche Fälle bekannt.
Bayer weist wie immer alle Verantwortung von sich. Der Standardsatz, der im aktuellen Quartalsbericht die Absätze zum Thema Rechtsstreitigkeiten abschließt, lautet: „Bayer ist überzeugt, gute Argumente zur Verteidigung gegen die erhobenen Ansprüche zu haben, und beabsichtigt, sich in diesen Verfahren entschieden zur Wehr zu setzen.“ Das gilt für die neun Glyphosat-Klagen in Kanada und vermutlich auch für die „geringe Zahl“ von Prozessen in Frankreich, Australien und anderen Ländern. In der Mehrzahl werden Krebserkrankungen und andere Gesundheitsschäden von Menschen eingeklagt, die das Totalherbizid selbst in Gärten oder auf Feldern versprüht haben.
In den USA, so ließ der Konzern verlauten, sei die Zahl der Klagen nur deshalb so explodiert, weil die Anwaltskanzleien nach drei erfolgreichen Urteilen für geschätzt 50 Millionen Dollar Fernsehwerbung geschaltet hätten. Dort finanzieren sich Anwälte nicht wie in Deutschland über Gebühren, sondern über eine Erfolgsbeteiligung an der erstrittenen Geldsumme. Da ein Schlichter derzeit an einem Vergleich arbeitet, sind die Prozesse in den USA allerdings erst mal bis 2020 ausgesetzt. Bayer beteilige sich konstruktiv an der Mediation, teilte der Konzern mit. „Allerdings ist klar, dass Bayer nur einem Mediationsergebnis zustimmen wird, das wirtschaftlich sinnvoll und so strukturiert ist, dass es den Verfahrenskomplex zu einem vernünftigen Abschluss bringt“, sagte Vorstandschef Werner Baumann heute bei einer Pressekonferenz.
Die Geschäftsentwicklung bezeichnete Baumann als „erfolgreich“. In der Agrarsparte legte der Umsatz um 4,8 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro zu und zwar vor allem auf dem amerikanischen Kontinent: In Nord- wie in Lateinamerika stieg der Umsatz jeweils um rund zehn Prozent. Mit 24 Prozent wurden vor allem mehr Fungizide verkauft. Ein zweistelliges Wachstum gab es auch bei gentechnisch verändertem Mais- und Sojabohnensaatgut, teilte Bayer mit. Bei der größten Geschäftseinheit, den Herbiziden, blieb der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr stabil.
Den um rund 25 Prozent auf 527 Millionen Euro erhöhten operativen Gewinn führte Bayer vor allem auf Preissteigerungen und höhere Absatzmengen in Lateinamerika zurück. Außerdem habe die Integration von Monsanto bereits Kosten eingespart. Bayer hatte Monsanto im Juni 2018 erworben und konnte im August 2018 damit beginnen, die neue Tochter in den Konzern einzufügen. Um weltweit 12.000 Stellen ohne Kündigungen abzubauen, werden nach Angaben der Rheinischen Post weiter Gespräche mit Mitarbeitenden geführt. [vef]

25.10.2019 |

Neue Gentechnik: Urteil umsetzen oder Recht ändern?

Raps Foto: Hammonia / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0

Müssen Pflanzen, die mit neuen Technologien wie Crispr/Cas9 gentechnisch verändert wurden, nach Gentechnikrecht geprüft und gekennzeichnet werden? Selbstverständlich, sagt eine Koalition aus Umwelt-, Bauern- und Bio-Organisationen. Sie fordern die Bundesagrarministerin auf, die seit einem europäischen Urteil aus dem Sommer 2018 verbindlichen Regeln endlich umzusetzen. 23 Verbände der Agrar- und Ernährungswirtschaft dagegen wollen, dass das EU-Gentechnikrecht geändert und solche Pflanzen ausgenommen werden.

Die Verbände der Agrarwirtschaft behaupten in ihrem offenen Brief, die neuen Technologien des sogenannten Genome Editing böten „Chancen, die Folgen des Klimawandels abzumildern sowie die Nachhaltigkeit und die Biodiversität in der Landwirtschaft zu fördern“. Um Nutzpflanzen widerstandsfähiger gegen Wassermangel, Versalzung, Hitze, Krankheiten und Schädlinge zu machen, seien Innovationen in der Züchtung notwendig. Die neue Gentechnik besitze „das realistische Potenzial, innerhalb relativ kurzer Zeit zur Lösung solcher Herausforderungen beizutragen“. Darüber hinaus könne sie die bestehende natürliche genetische Vielfalt erweitern und Sorten für ein besseres Angebot an nachwachsenden pflanzlichen Rohstoffen bereitstellen.

Nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) die „Neuen Züchtungsmethoden“ als gentechnische Verfahren eingestuft habe, könnten sie in der EU und in Deutschland praktisch nicht mehr eingesetzt werden, beklagen die Agrarlobbyisten. Damit könnten sie weder der Landwirtschaft, noch Biodiversität oder Nachhaltigkeit nützen. Dabei hatte der EuGh lediglich die Bedingungen ihres Einsatzes festgelegt, um die Risiken der neuen Technologien zu minimieren. Zudem – so behaupten die Lobbyisten - lasse sich nicht nachweisen, ob eine Punktmutation durch neue gentechnische Verfahren, natürliche Mutation oder eine konventionelle Mutagenese mittels Strahlung oder Chemikalien herbeigeführt worden sei. Deshalb könnten die Anforderungen der Richter nicht umgesetzt werden.

Genau das bestreiten die Bio- und Umweltverbände. „Die praktischen Probleme bei der Umsetzung des Urteils können überwunden werden“, heißt es in ihrem Brief an das Bundeslandwirtschaftsministerium. Sie argumentieren, dass bekannte gentechnische Veränderungen etwa beim herbizidtoleranten Raps der Firma Cibus oder bei der Sojabohne von Calyxt sehr wohl nachgewiesen werden könnten. Diese beiden gv-Pflanzen werden in den USA bereits angebaut. Zudem sei es möglich, Nachweismethoden für unbekannte Produkte zu entwickeln. Auch könnten die nationalen Behörden Dokumentationen verlangen, die auf einem System von zertifizierten Erklärungen basieren und die Rückverfolgbarkeit der Gentech-Pflanzen sicherstellten.

Deshalb müsse Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die deutschen Behörden anweisen, die notwendigen Kontrollen durchzuführen. Sie müsse die Hersteller von neuen Gentech-Produkten auffordern, Nachweismethoden, Referenz- und Kontrollmaterial zu liefern. Die EU-Kommission solle das EU-Netzwerk gentechnischer Laboratorien beauftragen, Methoden und Strategien zu entwickeln, um unbekannte, mittels Genome Editing hergestellte Produkte zu identifizieren.

In ihrem Schreiben unterstreichen die Verbände, dass nach dem Urteil mit neuen Gentechnologien veränderte Pflanzen auf ihre Risiken untersucht, zugelassen und gekennzeichnet werden müssten. Nur so könnten bei Schäden die Bestandteile eines Produkts zurückverfolgt werden. „Das ist unerlässlich, weil die Überprüfung unerwarteter Effekte von ‚Genome Editing’ nicht der Industrie überlassen werden darf“, heißt es in dem Brief. Außerdem sei nur so sicherzustellen, dass die Entstehung der Lebensmittel für Verbraucher transparent bleibe und sie damit frei wählen könnten, ob sie gentechnisch veränderte Produkte verzehren wollen oder nicht. [lf]

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Postkarten zum Thema Gentechnik. Ein Mädchen nascht von einer Torte und sagt Gutes Essen braucht keine Gentechnik.
Ein Landwirt hält Maiskolben im Arm und sagt Gen-Mais schmeckt mir nicht.

Hier bekommen Sie kostenloses Infomaterial zum Thema: Flyer, Postkarten, Newsletter, Newsticker...
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