01.09.2020 |

Studie: Glyphosat stresst resistente Sojapflanzen

SOja Soja: führende Gentechnikpflanze (Foto: CC0)

Werden gentechnisch veränderte resistente Sojapflanzen mit Glyphosat besprüht, beeinflusst das ihren Stoffwechsel, verursacht Stress und könnte dazu führen, dass unerwünschte Inhaltsstoffe gebildet werden. Das ergab eine Studie des norwegischen Instituts für Biosicherheit GenØk. Die Forscher empfahlen, diese unerwünschten Effekte in die Risikobewertung einzubeziehen.

Die GenØk-Wissenschaftler hatten zusammen mit brasilianischen Partnern zwei verschiedene Gentech-Sojabohnen von Bayer/Monsanto im Gewächshaus angebaut: eine nur mit Glyphosatresistenz, eine weitere, die zusätzlich auch ein Bt-Toxin gegen Schädlinge bildet. Die Pflanzen wurden mit einem glyphosathaltigen Herbizid in der in Brasilien üblichen Dosierung behandelt. Acht Stunden später untersuchten die Wissenschaftler die Gen-Aktivitäten und den Stoffwechsel der Pflanzen. Dabei zeigte sich, dass der Kohlenstoffstoffwechsel, der Energiestoffwechsel und die Photosynthese durch die Herbiziddusche negativ beeinflusst wurden. Zudem verursachte diese oxidativen Stress und aktivierte das Entgiftungssystem der Pflanzen. Bei den Pflanzen mit zwei gentechnischen Veränderungen fiel die Stressreaktion deutlich stärker aus.

Diese beobachteten Stoffwechselstörungen erklären nach Ansicht der GenØk-Wissenschaftler nicht nur bereits beobachtete Wachstumsstörungen bei solchen Pflanzen. Vor allem die Stressreaktionen könnten auch dazu führen, dass unerwünschte Inhaltsstoffe gebildet werden, die den Nährwert der Pflanzen herabsetzen, sagte Sarah Agapito-Tenfen von GenØk dem Portal GMwatch. „Wir empfehlen den Zulassungsbehörden, dieselben Techniken, die wir in dieser Studie verwendet haben, als Risikobewertungskriterium einzubeziehen", erklärte die Wissenschaftlerin. Auch sollte bei der Risikobewertung gentechnischer Pflanzen gezielt nach solchen anti-nutritiven Substanzen gesucht werden.

GMWatch verwies auf eine 2016 erschienene Studie, die vergleichbare Stoffwechsel- und Stress-Effekte auch bei gentechnisch verändertem Mais zeigte. Beide Studien bestätigten, dass gentechnisch veränderte Pflanzen eben nicht „wesentlich gleichwertig“ zu den unveränderten Sorten seien, heißt es auf GMWatch. Zudem seien sie besonders anfällig für Umweltbelastungen.
Relevant ist die Studie demnach auch für die EU-Lebensmittelbehörde EFSA und deren Art und Weise, die Risiken von gv-Pflanzen zu bewerten. Denn dabei geht die EFSA von der wesentlichen Gleichwertigkeit oder substanziellen Äquivalenz zwischen der gv-Pflanze und ihrem konventionellen Pendant aus. Nach Abweichungen, wie sie die GenØk-Studie gezeigt hat, sucht die EFSA deshalb gar nicht. Sie hat die beiden von GenØk untersuchten Soja-Linien schon vor Jahren für den Import als Lebens- und Futtermittel zugelassen. [lf]

26.08.2020 |

Florida: 750 Millionen Gentech-Moskitos fliegen ab 2021

Moskito Aedes aegypti Die Ägyptische Tigermücke (Foto: James Gathany, US Department of Health and Human Services / wikipedia, gemeinfrei)

In den kommenden beiden Jahren darf das Biotechunternehmen Oxitec 750 Millionen gentechnisch veränderte Tigermücken auf der amerikanischen Inselgruppe Florida Keys freilassen. Gegen den Widerstand Hunderttausender US-Bürger haben in jahrelangen Verhandlungen neun staatliche Behörden zugestimmt – zuletzt auch die Administration vor Ort. Umweltschützer warnen, die Risiken einer solchen Aktion seien unabsehbar.
Das Ziel ist, die ägyptische Tigermücke (lateinisch Aedes aegypti) auszurotten, weil sie lebensbedrohliche Krankheiten wie Denguefieber oder das Zika-Virus überträgt – auch auf den Florida Keys. Warum man dann Millionen Moskitos aussetzen will? Weil es sich um männliche Mücken handelt, die nicht stechen und denen ein neues Gen namens Tetrazyklin-Transaktivator eingepflanzt wurde. Paaren sich diese Mückenmännchen mit wildlebenden Weibchen, geht das Gen auf die Nachkommen über und sorgt dafür, dass weibliche Larven absterben. So sollen nach und nach nur noch männliche Tigermücken übrigbleiben, die sich alleine naturgemäß nicht mehr vermehren können. Laut Oxitec ließ sich auf ähnliche Weise eine Mückenpopulation in Brasilien angeblich um 95 Prozent reduzieren.
Wie Umweltschützer warnen, birgt das Projekt aber eine Reihe von Risiken: So war bei früheren Versuchen festgestellt worden, dass tatsächlich auch ein kleiner Anteil gefährlicher weiblicher Mücken ausgesetzt wurde. Außerdem weist die Organisation Center for Food Safety (CFS) darauf hin, dass möglicherweise nicht alle weiblichen Larven tatsächlich absterben. So können sich durch die Kreuzung verschiedener Mückenarten neue Sorten bilden. Sie könnten am Ende gefährlicher sein als die Ausgangsart. CFS verweist auf eine aktuelle Studie, wonach in der Folge einer Oxitec-Freisetzung in Brasilien die veränderten Gene in der Wildpopulation nachgewiesen werden konnten. Unklar sei auch, was mit Vögeln oder Säugetieren passiert, welche die genveränderten Mücken fressen. CFS-Direktor Jaydee Hanson sprach daher von einem „Jurassic Park-Experiment“.
Entsprechend groß ist der öffentliche Widerstand, seit die Pläne bekannt wurden. Eine Petition gegen das Vorhaben auf der Webseite change.org haben Stand heute mehr als 235.000 Menschen unterschrieben. Bei der US-Umweltbehörde EPA äußerten sich während der öffentlichen Anhörung mehr als 31.000 Bürger ablehnend zum Projekt. Nur 56 hielten es für nötig. Auch auf den Florida Keys haben die betroffenen Anwohner mehrheitlich gegen die Freisetzung der Mücken gestimmt. Doch alles half nichts. Die Behörden waren verzweifelt, weil sie jahrelange mit hohen Kosten vergeblich versucht hatten, die Tigermücken mit Insektiziden zu bekämpfen. Diese wurden jedoch in kurzer Zeit resistent gegen das Gift. Daher wandten sich die Behörden nach Angaben des US-Senders CNN 2012 an Oxitec.
Die Firma, die Amerikanern gehört und 2002 in Kooperation mit der Universität Oxford mit Hauptsitz in Großbritannien gegründet wurde, experimentiert schon seit Jahren in verschiedenen Teilen der Welt mit gentechnisch veränderten Mücken. Wie der Infodienst Gentechnik bereits berichtete, sind ihre angeblichen Erfolge aber umstritten. Entsprechend deutlich ist auch die Kritik von Dana Perls von der Umweltorganisation Frieds of the Earth (dt.: Freunde der Erde): „Bei dieser Genehmigung geht es vor allem darum, den Profit von Oxitec zu maximieren und nicht um die dringende Notwendigkeit, etwas gegen Krankheiten zu tun, die von Mücken übertragen werden.“ Und dafür würden mitten in einer Pandemie Menschen und Umwelt unnötig in Gefahr gebracht, schimpft Perls.
Die Covid 19-Pandemie ist denn auch das Argument, mit dem die Behörden in Texas es derzeit ablehnen, den Einsatz von Gentech-Tigermücken zu genehmigen. Auch für diese Region hatte die US-Umweltbehörde EPA Oxitec einen entsprechenden Antrag im Mai bewilligt. Die Behörden im Bundesstaat und vor Ort hätten mit der Pandemie aber gegenwärtig genug zu tun, sagte ein Sprecher der lokalen Gesundheitsbehörde dem US-Sender CNN. Es gebe derzeit keine Pläne, das Projekt voranzubringen. [vef]

24.08.2020 |

EU-Kommission schließt Glyphosatverbot in Österreich nicht aus

Greenpeace-Aktivisten demonstrieren vor der Wiener Hofburg für ein Glyphosat-Verbot © Greenpeace/Astrid Schwab Greenpeace-Aktivisten demonstrieren vor der Wiener Hofburg für ein Glyphosat-Verbot © Greenpeace/Astrid Schwab

Eigentlich hatte das österreichische Glyphosatverbot Anfang des Jahres in Kraft treten sollen. Jetzt haben Europäische Kommission und Tschechien sich doch noch dagegen ausgesprochen – mit Hintertür. SPÖ und Grüne wollen Spritzmittel mit dem Totalherbizid in drei Monaten trotzdem verbieten. Dazu müsste allerdings die Agrarministerin der ÖVP umgestimmt werden.
Der Vorgang ist äußerst kompliziert: Will ein EU-Mitgliedsstaat Regelungen zu einem Produkt erlassen, die den EU-Binnenmarkt betreffen, muss er der EU-Kommission und den anderen Mitgliedsländern die Möglichkeit geben, sich innerhalb von drei Monaten dazu zu äußern. Der österreichische Gesetzentwurf zum Verbot glyphosathaltiger Spritzmittel wurde erst am 18. Mai 2020 formal korrekt in Brüssel eingereicht. Damit endete die dreimonatige Frist für Stellungnahmen am 18. August. An ebendiesem Tag teilte die EU-Kommission Österreich mit, dass sie keine ausreichenden rechtlichen und wissenschaftlichen Gründe für ein komplettes Verbot glyphosathaltiger Produkte in dem Alpenland sehe. Außerdem sei es nicht mit dem harmonisierten europäischen Pestizidrecht vereinbar. Das ÖVP-geführte Agrarministerium sprach von einer „Stellungnahme“ der EU-Kommission, welche die eigene Einschätzung bestätige, dass man Glyphosat nicht im Alleingang verbieten könne.
Wie so oft bei Gesetzen liegt die Tücke jedoch im Detail: Denn die EU-Kommission hat keine Stellungnahme im Rechtssinn abgegeben, sondern eine „Bemerkung“ gemacht. In Österreich hatte das vergangene Woche zu heftigem Interpretationsstreit geführt. Der Unterschied liegt in den Rechtsfolgen: Bei einer ausführlichen Stellungnahme muss der Mitgliedsstaat die Einwände der Kommission berücksichtigen; eine Bemerkung dagegen ist rechtlich nicht bindend. Wegen der Bedeutung des Themas Glyphosat habe man zwar seine Bedenken geäußert, schrieb die EU-Kommission dem Informationsdienst Gentechnik. Man wolle Österreich aber nicht daran hindern, das fragliche Gesetz zu erlassen. Die Kommission verwies darauf, dass es das Ziel ihrer aktuellen Strategie des Green Deal sei, den Pestizidverbrauch in Europa zu vermindern. Außerdem prüfe die EU die Risiken von Glyphosat derzeit im Rahmen eines neuen Zulassungsantrags, den die Hersteller im Dezember 2019 eingereicht hätten. Dabei sei man mit Österreich wie mit allen anderen Mitgliedsstaaten in ständigem Gespräch. Die aktuelle Zulassung des Pflanzengifts in der EU läuft Ende 2022 aus.
Eine Stellungnahme im rechtlichen Sinn gegen den österreichischen Alleingang kam am letzten Tag der Frist stattdessen von Tschechien. Nach Informationen der Umweltorganisation Global 2000 kritisieren die Tschechen, dass ein Verbot den freien Warenverkehr in der EU behindere. „Diese Stellungnahme hat aufschiebende Wirkung, die Frist für weitere Stellungnahmen verlängert sich dadurch um drei Monate bis Mitte November 2020“, teilte das österreichische Agrarministerium mit. Die SPÖ hat bereits angekündigt, diese Zeit nutzen zu wollen, „um parteienübergreifend, bei einem Runden Tisch mit Regierung, Opposition und ExpertInnen ein Glyphosat-Verbot vorzubereiten“. Der Fraktionschef der oppositionellen SPÖ im österreichischen Parlament, Jörg Leichtfried, setzt dabei auf den Einfluss der mitregierenden Grünen auf ihren Koalitionspartner ÖVP. Er gehe davon aus, dass auch die Grünen gegenüber ihrem Koalitionspartner Druck machen werden, um ein Verbot zu erreichen, so Leichtfried. Von einer möglichen Klage gegen Österreich beim Europäischen Gerichtshof lasse man sich nicht abschrecken.
Greenpeace Österreich verweist auf das Vorbild Luxemburg, wo glyphosathaltige Spritzmittel bereits seit 1. Juli nicht mehr verkauft werden dürfen. Ab 1. Januar 2021 darf dort dann niemand mehr Glyphosat versprühen. Landwirtschaftsexperte Sebastian Theissing-Matei erinnert daran, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bereits im Dezember 2017 medienwirksam eine Abschaffung des gesundheitsschädlichen Giftes in Österreich angekündigt hatte. Das dürfe kein leeres Versprechen bleiben. [vef]

19.08.2020 |

Studie: große Mehrheit der Deutschen gegen Gentechnik auf dem Acker

Verbraucher Fleisch Supermarkt Kennzeichnung Steht nix drauf zu Gentechnik (Foto: Stephen Ausmus / USDA, creativecommons.org/licenses/by/2.0, flickr)

Mehr als 80 Prozent der Deutschen sind dafür, gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere in der Landwirtschaft zu verbieten. Das ergab die Naturbewusstseinsstudie für 2019, vergangene Woche vorgestellt von der Bundesumweltministerin. Svenja Schulze wandte sich dabei gegen zunehmende Forderungen aus Wirtschaft und Wissenschaft, die neuen gentechnischen Verfahren von den Regeln des Gentechnikrechts auszunehmen.
Die Grundprinzipien Vorsorge, Risikoprüfung im Einzelfall, Rückverfolgbarkeit der gentechnischen Veränderung und Wahlfreiheit der Verbraucher seien auch bei neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas das „Gebot der Stunde“, sagte die SPD-Politikerin. Es gebe dazu eine klare Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die konsequent umgesetzt werden müsse. Auch die mehr als 2000 für die Naturbewusstseinsstudie zufällig ausgewählten Bundesbürger sprachen sich fast alle (95 Prozent) dafür aus, mögliche Auswirkungen auf die Natur immer zu untersuchen, wenn Pflanzen mit neuen gentechnischen Verfahren verändert werden. 88 Prozent meinen sogar, wir seien noch gar nicht in der Lage, die langfristigen Folgen der neuen gentechnischen Verfahren abzusehen. Daran ändert auch nichts, dass Wissenschaftler behaupten, die neuen gentechnischen Verfahren seien sicher: Denn eine deutliche Mehrheit von 61 Prozent der Befragten vertraut diesen Aussagen der Wissenschaftler nicht.
Neben den Risiken für Natur und Gesundheit haben die Befragten aber auch ethische Bedenken gegen die Gentechnik: Eine große Mehrheit von 84 Prozent findet, dass der Mensch kein Recht hat, Tiere und Pflanzen gezielt gentechnisch zu verändern. Noch etwas mehr Befragte, nämlich 90 Prozent, meinen dies, wenn es sich um Tiere und Pflanzen aus der freien Natur handelt. Diese ethischen Bedenken der Bevölkerung sollten Politik und Wirtschaft ernst nehmen, heißt es in der Studie.
Dementsprechend regen die Autoren auch gesetzliche Regelungen an: Das Votum der Befragten sei „ein deutliches Signal an die Bundesregierung“, das seit 2015 europarechtlich mögliche Anbauverbot für Gentech-Pflanzen nun „mit Nachdruck“ im deutschen Recht festzuschreiben. Gemeint ist damit die sogenannte „Opt out“-Regelung. Sie ermöglicht es den EU-Mitgliedsländern, den Anbau etwa eines gentechnisch veränderten Maises für ihr Territorium zu verbieten, selbst wenn die EU-Kommission ihn in Europa erlaubt. Auf ein neues deutsches Gentechnikgesetz, das dies für die Bundesrepublik regeln sollte, konnten sich Bund und Länder in fünf Jahren aber nicht verständigen. Hintergrund sind anhaltende Meinungsverschiedenheiten zwischen den Koalitionspartnern SPD und CDU. Die Studienautoren machen der Umweltministerin nun Mut: „Das stabile Meinungsbild der Bevölkerung hilft, entsprechende Bestrebungen mit Nachdruck zu verfolgen.“
Ein weiterer Gesetzgebungsauftrag ergibt sich aus der Studie beim Thema Nahrungsmittel: Denn 75 Prozent der Befragten äußern, dass sie ein Problem damit hätten, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu essen. Und noch deutlich mehr Befragte fordern, dass Lebensmittel von Tieren gekennzeichnet werden, deren Futter gentechnisch verändert war: nämlich 95 Prozent. Auch das ist ein Auftrag an den Gesetzgeber, wie Alexander Hissting vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik hervorhebt. Denn eine Rechtspflicht zur Kennzeichnung solcher Produkte gibt es bisher nicht. Das Siegel „OhneGentechnik“, das der Verband im Auftrag des Bundesagrarministeriums für Tierprodukte ohne Gentech-Futter vergibt, nutzen gegenwärtig mehr als 700 Hersteller freiwillig. Damit diese Lösung auch im Zeitalter neuer gentechnischer Verfahren wie Crispr/Cas weiter funktioniert, fordert Hissting EU-Kommission und Bundesregierung dringend auf, sich um Nachweisverfahren für Produkte dieser neuen Verfahren zu kümmern, damit sie nicht unerkannt in der Lebensmittelkette landen.
Der Vorsitzende des Bundes ökologische Lebensmittelwirtschaft, Felix Prinz zu Löwenstein, sieht bei all dem vorrangig die Bundesagrar- und Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) in der Pflicht. Ihm sei völlig unklar, warum Klöckner die Umsetzung des EuGH-Urteils zur Gentechnik nicht endlich angehe, so Löwenstein. „Die Ernährungsministerin ist schließlich dafür verantwortlich, dass die neuen Gentechniken nach dem Europäischen Gentechnikrecht reguliert werden. Das schließt unter anderem die Sicherheitsprüfung und Kennzeichnung von Crispr-Cas und Co. und die Entwicklung praktikabler Nachweisverfahren ein.“
Auch Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sieht in dem klaren ‚Nein‘ der Studienteilnehmer zur Gentechnik einen konkreten Arbeitsauftrag für eine nachhaltige Politik. „Die Ergebnisse der Studie müssen ein Weckruf für die Politik heute und in der Zukunft sein“, so Bandt. Und der Präsident des Naturschutzbund Deutschland, Jörg-Andreas Krüger, fordert: „Die Bundesregierung muss die Naturschutzinteressen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und alles für eine krisensichere Zukunft tun.“
Der mittlerweile sechsten Naturbewusstseinsstudie liegt eine bundesweite Befragung zugrunde, die zum Jahresende 2019 durchgeführt wurde. Die Studie bezieht Menschen aus allen Regionen und sozialen Lagen Deutschlands ein. Insgesamt 2.044 zufällig ausgewählte Personen aus der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter ab 18 Jahren nahmen an der Studie teil. Die Naturbewusstseinsstudien, die empirisch abgesicherte Daten unter anderem für die Politik zur Verfügung stellen sollen, werden im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz seit 2009 veröffentlicht. [vef]

14.08.2020 |

Dürrefolge: 2.500 Tonnen weniger Pestizid-Wirkstoffe verkauft

Glyphosat Herbizide Pestizide Glyphosat-Einsatz auf dem Rapsfeld (Foto: Chafer Machinery / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Die deutschen Landwirte haben 2019 weniger Pestizide eingekauft als im Jahr davor. Besonders deutlich war der Rückgang bei Glyphosat. Verantwortlich dafür ist nicht die Politik der Bundeslandwirtschaftsministerin, sondern das Wetter.

Der Absatz an Pestizid-Wirkstoffen ging 2019 um 2.500 Tonnen auf 27.000 Tonnen zurück, ein Minus von 8,5 Prozent. Das zeigt die Absatzstatistik des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Am stärksten sank der Verkauf bei Fungiziden (-14 Prozent) und Herbiziden (- sechs Prozent). Dagegen stieg der Absatz an Insektiziden um fünf Prozent. Nicht enthalten sind in diesen Zahlen inerte Gase wie Kohlendioxid, die im Vorratsschutz eingesetzt werden. Bereits von 2017 auf 2018 war der Absatz an Pestiziden zurückgegangen.

Bei den Unkrautvernichtern war der Rückgang bei Glyphosat mit 12 Prozent besonders groß. Verglichen mit 2015, als die Diskussion um das Krebsrisiko des Wirkstoffes Fahrt aufnahm, kauften die Landwirte sogar 30 Prozent weniger Glyphosat. Die Gesamtmenge der verkauften Herbizidwirkstoffe nahm in diesen fünf Jahren um 17 Prozent ab. Das deutet darauf hin, dass zahlreiche Landwirte sich bewusst von Glyphosat als Wirkstoff abgewendet haben. Denn die versprochenen gesetzlichen Regelungen, die seine Anwendung eindämmen sollen, stehen immer noch aus. Die Absatzstatistik des BVL nennt für Wirkstoffe keine genauen Tonnage-Zahlen, sondern nur für Wirkstoffklassen. Doch die ausgewiesenen Organophosphor-Herbizide bestehen fast ausschließlich aus Glyphosat.

Selbst das Bundeslandwirtschaftsministerium schreibt über den Absatzrückgang bei den Pestiziden: „Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die trockene Wetterlage.“ Weniger Regen bedeutet weniger Pilzkrankheiten und damit weniger Fungizide. Wenn Getreide und Gemüse auf dem Feld wegen der Hitze nur schlecht wachsen, fahren die Landwirte auch die Unkrautbekämpfung herunter, um Geld zu sparen. Viele Schadinsekten dagegen lieben trockenes Wetter und vermehren sich stärker. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner nutzte die neuen Pestizidzahlen dennoch, um darzustellen, wie sie den Pestizideinsatz verringert.

Der Bio-Dachverband BÖLW sieht trotz der Zahlen keinen Rückgang beim Pestizideinsatz: Pro Hektar seien in den vergangenen 25 Jahren immer mehr Pestizide gespritzt worden, argumentiert der Verband und rechnet vor: Inzwischen würden 10 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche von Bio-Bauern bewirtschaftet. Auch die Blühstreifen und ökologischen Vorrangflächen der konventionellen Landwirte hätten zugenommen. „Insgesamt schrumpfte die Fläche, auf denen Pestizide gespritzt werden, seit 1995 um über 1,6 Millionen Hektar“, bilanziert der BÖLW. Hinzu kommt, dass die landwirtschaftlichen Nutzflächen auch durch Bautätigkeit oder Aufforstung weniger werden. Das Umweltbundesamt beziffert den Rückgang seit dem Jahr 2000 auf 800.000 Hektar.

Das Umweltbundesamt schreibt auch, von den Absatzzahlen könne „nicht unmittelbar auf den Verbrauch je Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche geschlossen werden“. Dieser hänge von der Art des Anbaus, der Fruchtfolge und Standortbedingungen ab. Zudem würden „die Präparate unter Umständen auch über mehrere Jahre hinweg gelagert“. Anwendungsdaten würden bisher nur stichprobenartig erhoben. Das UBA rechnet, dasss im Schnitt 2,8 kg Wirkstoff je Hektar Anbaufläche ausgebracht werden, bezogen auf 12,1 Millionen Hektar Ackerland und Dauerkulturen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warf der Bundesregierung vor, weiterhin keine klare Strategie zur Reduktion von Pestiziden zu haben. Die rückläufigen Zahlen seien „ein Ergebnis des Wetters und kein politisches Ergebnis, welches Frau Klöckner stolz präsentieren kann“, sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. [lf]

10.08.2020 |

Nanotechnologie: Die Agro-Gentechnik bekommt Verstärkung

Nano Labor Labor für Nanomaterialien (Foto: Mark Lopez/Argonne National Laboratory)

Die Nanotechnologie zieht auch in die Landwirtschaft ein. So soll der Einsatz winzig kleiner Teilchen künftig den Verbrauch an Dünger und Pestiziden verringern. Die Nanotechnologie könnte aber auch bei der gentechnischen Veränderung von Pflanzen helfen und neue Produkte der Agro-Gentechnik aufs Feld bringen. Davor warnt die Schweizer Allianz Gentechfrei.

Anlass für die Warnung war ein Artikel in der Fachzeitschrift Nature Food, in dem Professor Thilo Hofmann von der Universität Wien den Stand der Forschungen zusammenfasste. Er berichtete darin von Nanosensoren, die als Chips in Pflanzen eingebracht werden, dort freigesetzte, flüchtige Botenstoffe erkennen und so Signale über Trockenheit oder Stress durch Schädlingsbefall senden könnten. Nano-Coatings könnten Saatgut umhüllen und so die bisherige Beize durch Pestizide ersetzen. Besonders bedenklich sind aus Sicht der Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) zwei Anwendungen: Nanokapseln als Genfähren für Crispr/Cas sowie Pestizide, die aus gentechnisch verändertem Erbgut bestehen.

Gen-Scheren wie Crispr/Cas müssen, damit sie auf das Erbgut einwirken können, erst einmal in eine Zelle geschleust werden. Dies passiert bisher wie bei der alten Gentechnik durch Beschuss mit Metall-Partikeln (Gen-Kanone) oder durch Bakterien als Genfähren. Allerdings zeigten inzwischen mehrere Studien, dass beim Reparieren der mit Gen-Scheren zerschnittenen DNA-Stränge auch Erbgutschnipsel dieser Bakterien mit eingebaut werden: ein unerwünschter Nebeneffekt mit unbekannter Wirkung. „Mithilfe von Nano-Carriern, also kleinen Kapseln, kann genetisches Material in die Pflanze eingeschleust werden“, erklärt die Universität Wien. Das könnte aus Sicht von Hofmann und seinen Kollegen die Zulassung neuer gentechnischer Verfahren erleichtern, da dann kein fremdes Bakterien-Erbgut mehr in die Pflanze eingebracht würde. Dennoch „wird das Erbgut durch einen nicht natürlichen Mechanismus verändert – laut dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes und laut Gentechnikgesetz handelt es sich also doch um GVO“, hält die SAG dem entgegen. Noch allerdings stecke diese Art der gentechnischen Veränderung von Pflanzen mithilfe der Nanotechnologie erst im Laborstadium.

„Deutlich weiter fortgeschritten sind die Nanotech-Experimente mit den sogenannten RNA-Sprays“, warnt die SAG. RNA steht für Ribonukleinsäure, ein DNA-ähnliches Molekül mit verschiedenen Funktionen. So kann die RNA genetische Information übertragen und dafür sorgen, dass aufgrund dieser Information Proteine gebildet werden. Andere RNA-Moleküle regulieren die Aktivität von Genen und können diese an- oder abschalten. Bei RNA-Sprays werden Pestizide versprüht, die doppelsträngige Ribonukleinsäure (dsRNA) als Wirkstoff enthalten. Die RNA wird von den Schädlingen beim Fressen und Saugen aufgenommen, legt in deren Organismus lebenswichtige Gene still und tötet sie dadurch.

Zwar lassen sich auch Pflanzen so gentechnisch verändern, dass sie selbst diese dsRNA herstellen, etwa der von Monsanto und Dow entwickelte Gentech-Mais Smart Stax Pro. Doch müssen solche Pflanzen als GVO zugelassen werden. Von Präparaten, welche direkt auf die Pflanze gesprüht werden könnten, erhoffen sich die Hersteller mehr Akzeptanz, schreibt die SAG und erklärt: „Doch einmal ausgesprüht, verlieren diese Präparate sehr schnell ihre Wirkung. Um ihre Lebensdauer zu erhöhen, arbeiten die Forscher daran, die dsRNA in Nanopartikeln einzupacken.“ Die ersten Zulassungsanträge für dsRNA-Sprays seien schon auf dem Weg – etwa für einen Spray gegen den Kartoffelkäfer in den USA. In der Übersichtsarbeit von Hofmann sei von einer „geringen Wahrscheinlichkeit schädlicher Auswirkungen bei Nicht-Zielarten und Menschen“ die Rede. „Doch bezüglich solcher Nebenwirkungen sind kaum Daten vorhanden“, fügt die SAG hinzu. [lf]

06.08.2020 |

Unerwünschte Crispr-Effekte bei einem Kalb

Kuh mit Horn, ohne Gentechnik Kuh: am besten ohne Gentechnik, aber mit Horn (Foto: Frank Lindecke / flickr, Muh..., bit.ly/2aM1sTy, creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0)-+-

Wissenschaftler der Universität von Kalifornien haben das Erbgut eines Kalbes mit der Gen-Schere Crispr/Cas so verändert, dass es künftig mehr männliche Nachkommen zeugen soll. Doch der Eingriff in die DNA hinterließ unerwünschte Spuren.

Bullen setzen mehr Fleisch an als Kühe, verwerten das Futter besser und bringen deshalb Rindermästern mehr Geld. Noch mehr Geld würde ein Bulle bringen, der nur männliche Nachkommen zeugen würde. Seit fünf Jahren versuchen Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Davis, einen solchen Bullen zu erschaffen. Bei Säugetieren bestimmen die Chromosomen als Träger des Erbguts das Geschlecht. Embryozellen mit einem X- und einem Y-Chromosom wachsen zu einem Männchen heran. Zellen mit zwei X-Chromosomen zu einem Weibchen. Denn nur auf dem Y-Chromosom befindet sich ein Gen namens SRY, das dafür sorgt, dass der Embryo männliche Geschlechtsmerkmale entwickelt. Die kalifornischen Gentechniker versuchten nun mit Hilfe von Crispr/Cas in Embryozellen eine Kopie von SRY auf dem X-Chromosom einzubauen. Das müsste, so die Idee dahinter, dazu führen, dass auch ein eigentlich weibliches Kalb mit zwei X-Chromosomen männliche Merkmale entwickelt. Weil sich das nicht wie geplant umsetzen ließ, installierten sie das SRY-Gen schließlich auf einem anderen Chromosom (Nr. 17), das bei männlichen und weiblichen Tieren vorkommt.

Das US-Magazin Wired schildert ausführlich die Schwierigkeiten, mit denen die Forscher zu kämpfen hatten, bevor schließlich das Crispr-Kalb Cosmo auf die Welt kam. Die Erbgut-Untersuchung ergab, dass es mit seinem Y-Chromosom sowieso ein Bulle geworden wäre. Auch das Chromosom 17 enthielt, wie geplant, das SRY-Gen. Doch nicht nur das: Laut Wired fanden sich in 90 Prozent der untersuchten Zellen gleich sieben Kopien von SRY statt einer. Zwei der Kopien waren verkehrt herum eingebaut worden. Auch fanden die Wissenschaftler Erbgut des Bakteriums, mit dessen Hilfe sie die Gen-Schere ins Embryo geschleust hatten. Wired zitiert dazu einen australischen Gentechniker, der mit Crispr bei Mäusen arbeitet. Mehrere Kopien und unerwünschtes Bakterienerbgut seien sehr typisch, sagte er dem Magazin: „Wir haben das bei Mäusen schon oft gesehen“. Die Wissenschaftler seien gut darin, die Genbearbeitung bei Tieren effizient zu machen, „aber wir sind noch nicht gut darin, sie sicher zu machen“, zitiert Wired den Gentechniker. Die kalifornischen Wissenschaftler betonten, dass das Kalb lebensfähig sei, und wollen nun abwarten, wie es sich entwickelt.

Die US-Lebensmittelbehörde FDA hatte Anfang des Jahres mitgeteilt, sie werde genom-editierte Tiere und deren Produkte vor der Vermarktung einer ausführlichen Risikobewertung unterziehen. Die Behörde hatte im Erbgut von Bullen, die mit Hilfe der Gen-Schere TALEN künftig Hornlosigkeit vererben sollten, Genmaterial von gentechnisch veränderten Bakterien gefunden. Auch diese waren als Hilfsmittel verwendet worden, um die Gen-Schere in die Zelle zu schleusen. Die US-Firma Recombinetics hatte bereits 2014 beim Europäischen Patentamt ein Patent auf diese hornlosen Rinder beantragt. Diesen Antrag hat das Unternehmen jetzt vorerst auf Eis gelegt, wie das Umweltinstitut München mitteilte. [lf]

Korrigiert am 13.08.2020: Die Kopie des SRY-Gen wurde nicht auf dem X-Chromosom sondern auf Chromosom 17 eingebaut.

03.08.2020 |

Wird Großbritannien zum Einfallstor für die neue Gentechnik?

London Großbritannien England Westminster Westminster, der Sitz des britischen Parlaments (Foto: David Hunt, bit.ly/1rl8YJz, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de über Wikimedia Commons)

Die britische Politik war immer schon besonders gentechnikfreundlich. Nun wollen britische Politiker den Brexit dazu nutzen, neue gentechnische Verfahren zu deregulieren. Doch der Widerstand der Zivilgesellschaft war so groß, dass die entsprechende Gesetzesänderung erst einmal zurückgezogen wurde.

Das britische Parlament diskutiert seit zwei Jahren ein neues, umfassendes Landwirtschaftsgesetz. Im Mai brachte eine parteiübergreifende Gruppe von Parlamentariern und Mitgliedern des Oberhauses einen Zusatz zu dem Gesetz ein, das derzeit im britischen Oberhaus diskutiert wird. Dieser Zusatz sollte den Umweltminister ermächtigen, die Definition von gentechnisch veränderten Organismen zu ändern. Dadurch könnte die Regierung das Gentechnikrecht am Parlament vorbei deregulieren und zahlreiche neue gentechnische Verfahren und deren Erzeugnisse ohne Risikoüberprüfung zulassen.

Die gentechnikkritischen Organisationen Beyond GM, GM Freeze und GM Watch alarmierten die Öffentlichkeit und riefen zu Protestmails auf. Sie kritisierten, dass mit der Änderung unsichere Organismen „in die Umwelt freigesetzt und in unsere Lebensmittel aufgenommen werden können, ohne dass Risikobewertungen, Monitoring, Rückverfolgbarkeit oder Verbraucheretikettierung gesichert seien.“ Zudem würde die Ermächtigung für den Umweltminister „Macht vom Parlament auf die Regierung verlagern und die demokratische Rechenschaftspflicht in einer heiklen und heiß diskutierten Frage verringern.“ Die drei Organisationen erinnerten daran, dass gerade die konservative Wählerschaft sich in Umfragen gegen Gentechnik in der Landwirtschaft ausspreche. Zudem könnte eine Deregulierung die Ausfuhr britischer Agrarerzeugnisse und Lebensmittel in die EU erschweren.

Die Kampagne war so erfolgreich, dass der eingebrachte Änderungsantrag nach einer zweistündigen Debatte im zuständigen Ausschuss des Oberhauses zurückgezogen wurde. In einer Analyse schreibt Beyond GMO, dass sowohl das Oberhaus als auch die Regierung weiterhin für eine Deregulierung seien. Verfangen habe vor allem das Argument, dass das Landwirtschaftsgesetz der falsche Platz und der Änderungsantrag das falsche Vorgehen für eine Deregulierung sei. Der Antrag sei nur zurückgezogen worden, weil parallel dazu die Regierung „erneut betont hatte, die breite Anwendung des Genome Editing in der britischen Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie voranzutreiben, zu fördern und zu erleichtern“, schreibt Beyond GMO. Offensichtlich sei auch, dass die Regierung dabei keine übertriebene Eile habe, sondern die Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen wolle. Deshalb habe Lord Gardiner, parlamentarischer Staatssekretär des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums, auch angekündigt, dass es im Herbst eine öffentliche Konsultation geben werde, ohne aber Einzelheiten über Form oder Umfang zu nennen. Beyond GMO befürchtet, dass eine solche Konsultation im üblichen Rahmen lediglich zum Schlagabtausch bekannter Standpunkte führen würde ohne tiefer zu gehen. Als Beispiel dafür, dass auch eine andere Art des Austausches möglich sei, verwies die Organisation auf ihr eigenes Format ‚A Bigger Conversation’, in dem seit drei Jahren Befürworter und Gegner gentechnischer Verfahren in der Landwirtschaft miteinander diskutieren. Notwendig sei der Austausch, weil das Thema Deregulierung weiter auf der Agenda stehe und in den nächsten Jahren verstärkt debattiert werde – wenn nicht im Rahmen des Landwirtschaftsgesetzes, dann eben „im Zusammenhang mit den Strategien Großbritanniens in den Bereichen Handel, Bioökonomie und Industrie“. [lf]

30.07.2020 |

ILSI: Die versteckte Lobby der Lebensmittel- und Gentechnikkonzerne

Lobby Lobbyismus Gentechnik Lobbyismus (Foto: Gerd Altmann / AllSilhouettes.com / pixelio)

Das International Life Sciences Institute (ILSI) präsentiert sich gerne als gemeinnützige Organisation, die sich für die öffentliche Gesundheit engagiert. In Wirklichkeit ist sie eine der effektivsten Lobbyorganisationen der Ernährungsindustrie und der Gentechnikkonzerne. Das belegen einmal mehr zwei kürzlich erschienene Arbeiten.

Politikwissenschaftler aus Cambridge und Mailand hatten Akten ausgewertet, die von der Organisation U.S. Right to Know bereitgestellt worden waren. Diese hatte 2015 bis 2018 fünf Anfragen nach dem Freedom of Information Act gestellt und 15.000 Seiten Akten erhalten, die den Austausch von ILSI mit vier Universitäten dokumentierten: Texas A&M, University of Illinois, University of Colorado and North Carolina State University.
Die Wissenschaftler entdeckten in den ausgewerteten E-Mails ein Aktivitätsmuster. ILSI versuche „die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern und Akademikern auszunutzen, um die Positionen der Industrie zu stärken und von der Industrie erarbeitete Inhalte in Sitzungen, Zeitschriften und anderen Aktivitäten unterzubringen“. Beispielhaft beschreibt die Studie, wie ein Professor aus Illinois und ein hochrangiger Monsanto-Manager sich darüber verständigten, dass die Industriemitarbeiter zwar Inhalte für Studien liefern und diese gegenlesen können, aber nicht als Co-Autoren aufgeführt werden sollten. Denn das würde die Glaubwürdigkeit der Publikationen gefährden. Allein 2012 spendete Monsanto laut der Studie 500.000 US-Dollar an ILSI. Ein Jahr später standen auch Bayer, BASF und Syngenta mit jeweils über 100.000 US-Dollar auf der Unterstützerliste.

Die Wissenschaftler kamen auch zu dem Ergebnis, ILSI habe aktiv versucht, unerwünschte Positionen an den Rand zu drängen. Sie schlossen daraus, dass diese „unzulässige Einflussnahme der Industrie durch Dritte wie ILSI“ ein verbessertes Management von Interessenkonflikten durch die Forscher erfordere. Sie verlangten, ILSI als privatwirtschaftliche Einrichtung und nicht als unabhängige, wissenschaftliche Non-Profit-Organisation einzuordnen.
Diese Forderung erheben europäische Lobby-Beobachter wie Corporate Europe Observatory (CEO) seit Jahren. CEO hatte bereits 2011 veröffentlicht, dass fünf der von der EU-Lebensmittelbehörde EFSA berufenen Gentechnik-Experten enge Verbindungen zu ILSI hatten. Noch stärker war damals der Einfluss von ILSI in dem für Pestizidbewertung zuständigen EFSA-Gremium.

Die US-Organisation Corporate Accountability hat für einen Bericht zusammengetragen, wie ILSI die amtlichen Ernährungsempfehlungen in den USA (Dietary Guidelines for Americans) beeinflusst. Diese Empfehlungen werden alle fünf Jahre von einem vom US-Kongress eingesetztes Experten-Gremium überarbeitet. Bereits seit dem Jahr 2000 habe die Mehrheit dieser Experten enge Verbindungen zu ILSI, heißt es in dem Bericht. Aktuell hätten 15 der 20 Gremiumsmitglieder direkte Verbindungen zur Industrie oder seien von Gruppen nominiert worden, die von der Industrie unterstützt werden. Der Bericht stellt diese Mitglieder vor und beschreibt, welche Rolle sie bei der laufenden Überarbeitung der Empfehlungen für die Jahre 2020-2025 spielen. Auch die Rolle, die ILSI bei der Erarbeitung von Ernährungsempfehlungen in Südamerika und Indien spielt, wird beleuchtet.

ILSI wurde 1978 von einem früheren Vizepräsidenten von Coca-Cola gegründet. Mehrfach leiteten hochrangige Mitarbeiter des Konzerns die Organisation. Die Gelder kamen sowohl von Lebensmittel- als auch von Gentechnikkonzernen, deren Interessen das ILSI ebenfalls offensiv vertritt. Anfang des Jahres beendete Nestlé stillschweigend seine Mitgliedschaft bei ILSI. Auch Süßigkeitenhersteller Mars hat die Organisation verlassen. [lf]

27.07.2020 |

Schutz vor neuer Gentechnik: Verbände kritisieren untätige Ministerin

EUGH Sitzungssaal des EuGH (Foto: Gerichtshof der Europäischen Union)

Vor zwei Jahren hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden: Auch neue gentechnische Verfahren sind Gentechnik. Die Stellungnahmen zum Jubiläum zeigen, dass die politische Auseinandersetzung in die heiße Phase geht. Denn spätestens im nächsten Frühjahr muss die Kommission Farbe bekennen, welche Konsequenzen sie aus dem Urteil zieht.

Aus Sicht der gentechnikkritischen zivilgesellschaftlichen Organisationen ist die EuGH-Entscheidung nach wie vor ein Meilenstein. „Denn nur so gelten auch für mit neuen gentechnischen Verfahren hergestellte Organismen Vorgaben zur Risikoprüfung, Kennzeichnung, Zulassung und Transparenz“, erläuterte Daniela Wannemacher, Gentechnik-Expertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Das Gericht habe klar gemacht, „dass Organismen, die mit der Genschere CRIPR/Cas verändert wurden, eine potenzielle Gefahr für Umwelt und Verbraucher*innen darstellen, solange diese nicht risikogeprüft und zugelassen werden“, ergänzte die Aurelia-Stiftung.

Für die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) verwies deren Gentechnik-Expertin Annemarie Volling darauf, dass in Europa bis auf einige Regionen in Spanien keine Gentechnik-Pflanzen angebaut würden. „Das ist ein großer wirtschaftlicher Vorteil für europäische Bäuerinnen und Bauern, weil sie das anbauen und vermarkten können, was Verbraucher*innen mehrheitlich wollen - und was der europäische, asiatische und zunehmend auch der US-Markt verlangt: gentechnikfreie Ware!“, argumentierte Volling.
Auch der Verband Lebensmittel Ohne Gentechnik (VLOG) betonte die wirtschaftliche Bedeutung des Ohne-Gentechnik-Sektors, sieht ihn aber in Gefahr: „Zwei Jahre nach dem EuGH-Richterspruch brauchen wir vor allem endlich zuverlässige Nachweisverfahren für neue Gentechnik-Verfahren und deren konsequente Anwendung“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting.
Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) warf Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vor, die Umsetzung des Urteils weiter auf die lange Bank zu schieben. „Durch ihr Nichtstun gefährdet Julia Klöckner Wirtschaft und Bürger. Genmanipulierte Pflanzen könnten Europas Landwirtinnen, Lebensmittelhersteller oder Kundinnen einfach untergejubelt werden“, sagte Löwenstein.
Dass diese Gefahr real ist, machte Pia Voelker vom Gen-ethischen Netzwerk deutlich. In den USA werde der genomeditierte herbizidresistente Raps Falco des US-Unternehmens Cibus „seit 2015 dereguliert angebaut und könnte unbemerkt den Weg in europäische Versorgungsketten finden“, sagte Voelker.

23 Verbände der Agrar- und Lebensmittelindustrie hingegen forderten in einer gemeinsamen Erklärung die „Rechtsgrundlage für die Anwendung neuer Züchtungstechniken“ anzupassen. Sie begründeten die damit beabsichtigte Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren vor allem mit deren Potential, „Ernteausfälle infolge des Klimawandels zu minimieren, indem sie Nutzpflanzen schneller widerstandsfähig gegen Wetterextreme und Schädlinge machen“. Außerdem müssten „die Bestimmungen zu agrarischen Rohstoffen verschiedener Weltregionen miteinander kompatibel sein, damit die internationalen Handelsströme weiterhin funktionieren und die Versorgungsmärkte sowie Arbeitsplätze nicht gefährdet werden.“
Bei der Umsetzung ihrer Pläne können Agrar- und Lebensmittelindustrie auf Ministerin Klöckner zählen. Diese erklärte in einem Beitrag für den Tagesspiegel, sie wolle „mehr Gentechnik wagen“ und begründete dies damit, dass Züchtungsprozesse massiv beschleunigt werden könnten.
Seit Jahren werde behauptet, mit Hilfe von neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas ließen sich Pflanzen entwickeln, die mit Trockenheit zurechtkommen oder mit neuen Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge ausgestattet seien, entgegnete Eva Gelinsky von der IG Saatgut. „Ob trockentolerante Crispr-Pflanzen jemals Marktreife erlangen und sich auch im Anbau bewähren werden, ist fraglich“, sagte Gelinsky. „Denn die gewünschten Eigenschaften beruhen in vielen Fällen nicht auf einzelnen DNA-Abschnitten, sondern gehen aus einem komplexen Zusammenspiel vieler Gene, der Umwelt der Pflanzen und unterschiedlicher Steuerungsmechanismen hervor.“ Bisher seien konventionelle Züchter erfolgreicher darin, Pflanzen mit derart komplexen Eigenschaften zu erzeugen. [lf]

Gehe zu Seite: ... 6 7 8 9 10 11 12 13 14 ...

*** Unterstützen Sie unsere Arbeit ***

Alle Informationen auf dieser Seite sind für Sie kostenlos, kosten aber trotzdem etwas. Unterstützen Sie den Infodienst - damit es auch weiterhin kritische Informationen zum Thema Gentechnik für alle gibt!
 Spenden-Infos hier

Newsletter bestellen

Schule und Gentechnik

Unterrichtsportal zum Thema Agro-Gentechnik: Einführung, Arbeitsblätter, Videos und mehr...

Eine Lehrerin hält ein Schild mit der Aufschrift Lehrer. Hier gibt es Informationen und Material zur Gentechnik für den Unterricht.
Ein Schüler hält ein Schild mit der Aufschrift Schüler. Hier gibt es Informationen, ein Quiz, Videos und mehr zum Thema Gentechnik für Schülerinnen und Schüler.

Infodienst-Material

Postkarten zum Thema Gentechnik. Ein Mädchen nascht von einer Torte und sagt Gutes Essen braucht keine Gentechnik.
Ein Landwirt hält Maiskolben im Arm und sagt Gen-Mais schmeckt mir nicht.

Hier bekommen Sie kostenloses Infomaterial zum Thema: Flyer, Postkarten, Newsletter, Newsticker...
 Bestellung

Nachrichten